Das Droste-Projekt
Stöbern Sie in den Briefen der Dichterin. Lesen Sie, wie sie und ihre Zeitgenossen - Freundinnen und Freunde, Familie und Bekannte - dachten. Lernen Sie die Schreiborte kennen, erfahren Sie in Audio-Diashows mehr über die Schriftstellerin und ihr Leben. Tauchen Sie ein in die Welt der Annette von Droste ...
Welch große Freude hast du mir gemacht, Du guter lieber Onkel! Was für Biester! Kreaturen darunter, die mir mein Lebtage noch nicht vor Augen gekommen sind! Und alle so wohl erhalten! Ich habe ein paar Tage nichts getan, als begucken; dann kriegte ich die Angst, dass sie mir staubig werden möchten und habe sie in meinen neuen Glasschrank gelegt und meinen Tisch daran gerückt, damit ich doch zwischendurch immer am Besehen bleiben kann.
Und wo hast du die kleine Pharaonsmuschel hergekriegt? Das ist ein äußerst rares Stück, ich habe sie ein paarmal in ganz großen Sammlungen, aber immer zuletzt, als das Beste von der ganzen Geschichte, gesehen. Die beiden Muscheln mit den langen Beinen find ich auch sehr schön, und den prächtigen braunen Muschelriesen habe ich noch nie gesehen; auch von den kleinen waren mir ein paar noch unbekannt. Kurz, es ist alles wunderschön!
Könnte ich dir nur wieder eine Freude machen! Vorerst schicke ich dir meine Chodowieckis; es sind nicht sehr viele, ich will aber sehen, dass ich noch was anwerbe. Ich weiß eine ganze Masse; sie sind aber in Händen, die schwer loslassen; alle die in Blei und Glas gefaßten Bildchen, womit die Tante Schmiesing von Freckenhorst seltsamen Andenkens ihr Stübchen von oben bis unten behängt hatte, jetzt in Händen der Frau W[intgen], einer Holländerin, die sehr gut weiß, wieviel Groschen einen Taler machen und leider auch weiß, dass die Chodowieckis jetzt gesucht werden, wie sie selbst gegen mich geäußert. So fürchte ich, dass dort nicht viel zu machen ist, will aber doch, wenn ich sie diesen Winter in Münster sehe, mein Heil versuchen, ob sie sie mir gegen saubere Stahlstiche vertauschen will, deren ich eine gute Menge habe; auch noch andere weiß ich, die du wahrscheinlich leicht bekommen könntest.
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Warum lassen Sie mich so ganz ohne Nachricht? Sollte mein Brief an Ihre liebe Frau vom Ende Februar oder Anfange März – ich notiere leider dergleichen nie – der doch so vieles der Antwort Benötigte enthielt, verloren gegangen sein?
Ihr Schweigen beunruhigt mich ungemein; es ist mir wahrhaftig, als wären Sie tot oder doch nicht mehr in Augsburg oder mindestens ganz aus allen Geschäften mit Cotta geschieden. Ihre Chiffre ist seit lange aus den Beilagen zur Allgemeinen verschwunden, die Ihres Vaters ebenfalls, die Erzählung Ihrer Frau läßt sich auch vergebens im “Morgenblatt” erwarten, sowie eine Annonce oder Probegedichte, die das Fortrücken meiner eignen Angelegenheit zeigten: Alles gleich tot und stumm, während die Ostermesse vor der Hand ist! Sollten Sie in Differenzen mit Cotta geraten sein, welche die Zurücknahme meines Manuskripts oder gar das Aufgeben Ihrer Stellung oder beides zur Folge gehabt hätten? Jedenfalls muss ich doch dringend wünschen, davon benachrichtigt zu werden, und will Gott tausendmal danken, wenn die Unannehmlichkeit mein Manuskript allein betroffen hat. Schreiben Sie also nur frisch von der Leber weg; schlimmer, wie ich es mir denke, stehts doch schwerlich, und leicht besser.
Noch eins veranlaßt mich, auf schleunige Antwort zu dringen, Ihr lieber uns angekündigter Besuch, über den einige Verabredungen nötig geworden sind, um nicht mit einem andern Besuche zu karambolieren, der uns die ganze Freude verderben würde. Das Fräulein Minna v. Ochs aus Kassel hat nämlich in den nächsten Monaten eine Rheinreise vor, und ihre Nichte aus Münster, die Rätin R[üdiger], die sie begleitet, hat ihr zugeredet, dieselbe bis Meersburg auszudehnen, wo sie einige – ich denke etwa acht – Tage bleiben und dann die Rückreise antreten werden. Letztere schreibt mir hierüber, der Plan stehe fest, den Zeitpunkt aber möge ich bestimmen, wie er Laßbergen am bequemsten und mir am passendsten sei, um mich einer Rigi-Tour anzuschließen, bei der sie ganz sicher auf meine Gesellschaft rechneten; am Liebsten würden sie kurz vor unserer Rückreise eintreffen, um diese gemeinschaftlich mit uns zu machen et cet.”
Ich brauche Ihnen nicht auseinander zu setzen, lieber Levin, wie durchaus fatal und alles verderbend das Zusammentreffen beider Besuche sein würde; mich wenigstens würde es höllenmäßiger Laune machen und keins der andern guter. Mit einem Worte: es geht gar nicht. Die beiden Damen ahnden nichts von der Lage der Dinge, und ein Wink von mir würde allerdings hinreichen, den Plan in seine früheren Schranken zurückzuführen, wozu ich mich aber um so weniger entschließen kann, da beide sich eine große Freude dabei denken. Können Sie mir nun, genau und unabänderlich, feststellen, wann und auf wie lange wir Sie hier erwarten dürfen, so bestelle ich meine Damen vor oder nachher. Steht dies nicht in Ihrer Macht, so muss – Laßberg wird alt und schwach, ein lieber Besuch ist ihm sehr lieb, aber alles, was an Getreibe grenzt, macht ihn durchaus konfus und unglücklich – jener Wink gegeben werden, was am Ende auch nicht so viel ausmacht, da den beiden doch immer eine schöne Rheinreise, wahrscheinlich dann vermehrt durch eine Mosel- oder Neckarfahrt oder einen Ausflug nach Brüssel, bleibt. Nur Antwort muss ich sogleich haben, denn ich bin selbst um schleunige Antwort angegangen.
Unsre Rückreise wird wohl im Juni stattfinden – ist wenigstens vorläufig so festgestellt – sich aber jedenfalls nach Zeitpunkt und Dauer Ihres Aufenthalts modifizieren. Die Damen sprechen von April oder Mai, weil sie sich dann die Zeit unsrer Rückreise denken; das scheint aber der einzige Grund und ihnen sonst jeder Monat gleich zu sein. Antworten Sie mir doch sogleich, liebster Levin, und zwar so, dass ich mit Sicherheit danach handeln kann; doch dies hätte ich nicht zweimal sagen dürfen, da Ihnen alle hierbei zu berücksichtigenden Umstände und Stimmungen ja eben so bekannt sind als mir. …
Ich habe schon ein halbes Dutzend Gedichte liegen fürs “Morgenblatt”; vide den Brief an Frau Luise, der überhaupt bei Ihrer Antwort zur Hand genommen werden muss. Vergessen Sie nur nicht übers Letzte das Erste, nämlich mir wegen des Manuskripts zu antworten, und sein Sie vor allem, ich bitte aufs Herzlichste darum, ganz offen gegen mich hinsichtlich Ihrer Stellung zu Cotta.
Meersburg, 24. März 1844
Wir werden jetzt, da wir allein reisen, vor der Mitte nächsten Monats nicht fortgehn. Gott gebe, dass wir jetzt nur nicht durchs Paderbörnische müssen, zu einer Rundtour bei allen Verwandten! Das würde bis zum Herbst hinhalten und ist ein fatales Hängen zwischen Himmel und Erde – überall in den allerengsten Beschlag genommen und doch nirgends heimisch und bequem, ein Reisesack die stehende Equipage und keine Minute für sich zum Arbeiten oder Ruhen …
Lieber Levin, ich besuche jetzt unsre alten Plätze am See sehr selten oder vielmehr gar nicht. Die alten Erinnerungen sind notwendig durch neue verdrängt, und da prädominieren die Figelei und der öde Stein; solche Plätze sind eben nur, was man selbst hineinlegt. Ich wollte, ich wäre in diesem Augenblicke gesund und könnte auf dem öden Stein stehen, am liebsten mit Euch. Es stürmt furchtbar, der See wirft haushohe Spritzwellen und ist von einem Farbenspiel, wie ich ihn nie gesehn, im Vordergrund tief smaragdgrün, dann eine dunkelviolette Bahn und am Horizont wie junges Buchenlaub, und alle Farben von der größten Reinheit und Bestimmtheit. Das ist nur so bei starkem Sturme mit Sonnenschein dabei und war im vorigen Herbste öfters, aber seitdem nicht wieder; Ihr habt es recht übel getroffen, keinen solchen Tag hier erlebt zu haben; dann sieht man erst, was die Landschaft sein kann.
Aber Levin ist keineswegs mein guter Junge, sondern ein kleines Pferd; was braucht er mir die schlechte Rezension jenes Schnorr oder Schorr – ich kann’s nicht recht lesen – unter die Nase zu reiben, mir, die ich nicht mal gute mit Anstand verschnupfe? Und wenn er sie nun mal zu einem Versuche heilsamer Besserung verwenden wollte, warum hat er dies nicht schon hier getan, wo er nur die gute Seite, die Aufnahme des „Grafen von Thal“, herauskehrte? Da hätte ich doch noch gegen ihn losprusten können, statt dass ich es jetzt gegen die vier Wände habe tun müssen. Ist das nicht perfide, mir die Sache anfangs als eine Ehre vorzustellen und mir hintennach, gleichsam im Postskript, zu melden, dass es eigentlich eine Blamage ist? Babah!!!
Ich wollte übrigens, ich käm erst wieder recht ans Schreiben; ich habe seit einigen Tagen enorme Lust dazu, aber durchaus keine Zeit. So lange dieser nervöse Husten anhält, darf ich nicht, weil es ihn sehr verschlimmert, und dann gehen die Vorqualen der Abreise schon an, das Packen meiner verschiedenen Kisten und die Abschiedsbesuche nach Berg, Herschberg und Wartensee, – Gaugreben, Salms und Pearsalls – nach jedem der Orte für mehrere Tage, auch noch nach Konstanz und Bischofszell. Mir wird schon im voraus schwarz vor den Augen; es ist doch traurig, dass einem überall die letzte Zeit, die man grade noch recht voll und friedlich genießen möchte, so verdorben wird. …
NB. Wenn der Druck meiner Gedichte vielleicht eher vollendet sein sollte, als wir es jetzt denken, und man Ihnen die Freiexemplare sendet, so schicken Sie dieselben nicht, bevor Sie mir geschrieben. Die meisten sollen ja doch versendet werden, und es wäre unnützes Porto, sie erst nach Rüschhaus gehn zu lassen; es wäre mir also viel lieber, wenn Sie, Levin, so gütig wären, sie direkt zu befördern; die zu verschenkenden unfrankiert, die für die kritischen Büros müssen freilich wohl frankiert werden. Wenn Sie mir ungefähr angeben könnten, was es machen wird, so schickte ich Ihnen das Nötige gern gleich; sonst müßten Sie freilich so freundlich sein, diese Auslage für mich zu machen und sie nachher vom Honorar abzuziehn. Das Honorar wünschte ich übrigens an meine Schwester nach Meersburg geschickt.
Für die Erzählung und früheren Gedichte im „Morgenblatte“ habe ich übrigens, wie ich meine, das Honorar erhalten; Sie müssen es ja wissen, Levin, es muss durch Ihre Hände gegangen sein; in die meinigen ist es zwar nicht gekommen, weil ich schon fort von Meersburg war und, wie mich dünkt, einige Auslagen damit habe decken lassen. Sollte es aber dennoch wirklich nicht eingekommen sein, so überlasse ich Ihrem eigenen Ermessen, ob ich es nachfordern kann oder nicht; ich fürchte dann, Cotta hat es seit zwei Jahren als geschenkt angesehn und mir deshalb als Entschädigung die Nibelungen geschickt; oder meinen Sie nicht?
Meersburg, 20. Juni 1844
Das Honorar für die zweite Gedichtausgabe soll nach Meersburg gehen, um damit den Kauf des Fürstenhäuschens zu finanzieren.
Ich werde in Zukunft in die Briefe an Dich immer ein loses Blatt einlegen, um darauf zu schreiben, was nicht jedermann lesen soll. Denn ich weiß wohl, dass Mama sie der ganzen Welt vorlesen wird, nicht allein die an sie, sondern auch die an Dich, und dass es sie verdrießen würde, wenn Du sie ihr verweigertest. Ich sehe ja, wie es mit Deinen Briefen geht, und Du hast ganz recht, dass Du so vorsichtig schreibst; aber an mich hättest Du immer gleich ein Blatt einlegen können; und jetzt kannst Du mir schreiben was Du willst; ich zeige Deine Briefe niemandem und erzähle nur etwas daraus. …
NB. verbrenne diesen Brief doch oder lege ihn gut fort; es steht so vieles darin, was nicht für Mama paßt. Sprich lieber, wenn sie da ist, gar nicht oder nur ganz oberflächlich davon, sonst will sie ihn sehn, und das geht doch nicht. Am besten ist’s Du verbrennst ihn.
Rüschhaus, 23. September 1840
Briefe gelten im 19. Jahrhundert nicht als Privatangelegenheit - dass daraus vorgelesen wird, auch in größerer Runde, ist durchaus üblich.





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