Das Droste-Projekt

Stöbern Sie in den Briefen der Dichterin. Lesen Sie, wie sie und ihre Zeitgenossen - Freundinnen und Freunde, Familie und Bekannte - dachten. Lernen Sie die Schreiborte kennen, erfahren Sie in Audio-Diashows mehr über die Schriftstellerin und ihr Leben. Tauchen Sie ein in die Welt der Annette von Droste ...

aus: 1828, Briefe an Wilhelmine von Thielmann, Rüschhaus

Ich habe dir unser Rüschhaus schon öfters beschrieben. Du weißt, dass der Raum beschränkt, unsre ganze Lebensweise höchst einfach ist. Kennte ich mein Minchen nicht so genau, ich dürfte gar nicht sie einzuladen wagen. Aber nun weiß ich, dass ich es darf, und meine noch wohl gar, Du würdest Geschmack an unsrer Art zu sein finden.

Meine Mutter und Schwester sind den ganzen Sommer hindurch abwesend gewesen, zu Bökendorf nämlich, und ich erwarte sie morgen zurück. Ich dachte in dieser Zeit recht viel zu arbeiten, vor allem zu schreiben, aber, wie man zu sagen pflegt, Gott und gute Leute haben mir drüber weggeholfen, d.h. Gott hat mir Augenschmerzen geschickt, und recht gute liebe Leute, nämlich die Schwester und Nièce der Äbtissin Decken haben mir die Zeit dazu genommen, durch ihren mehrmonatlichen, mir übrigens sehr erfreulichen, Aufenthalt bei mir. …

Den 12ten. Ich habe lange pausiert, wie Du siehst, mein bestes Minchen, Du darfst aber die Schuld nur auf meine Augen schieben, und nicht auf mich. Meine Mutter und Jenny sind derweil zurückgekehrt, und alles geht wieder auf dem alten Fuß. Jetzt will ich auch wieder arbeiten, sobald ich darf nämlich. Du weißt, dass ich ein Gedicht unter der Feder habe, welches auf dem Sankt Bernhard spielt, und Deine liebe Julie war schon in Godesberg so gütig, mir einige Notizen über jene Gegend und das Kloster mitzuteilen. Da ich aber damals nicht die Zeit fand, sie niederzuschreiben, und die Unruhe und Zerstreuung der Reise nicht nicht alles so fest hat halten lassen, als es sonst wohl meinem vortrefflichen Gedächtnisse eigen ist, so wird Deine liebe Tochter wohl so gütig sein, mir einige Fragen über die Gegenstände, so wie sie grade unmittelbar in das Gedicht eingreifen, zu beantworten.

E i n Augenpaar noch offen steht.
Nachlässig, in verklommten Händen,
Der Mönch des Glockenstranges Enden,
Sich auf und nieder windend, dreht.
Ermüdung kämpft in seinen Zügen,
Die Nacht ist streng, der Dienst ist schwer.
Wie die Gedanken abwärts fliegen,
Er wirft den düstern Blick umher,
Zumeist sein Auge ist gericht’t
Doch immer auf den Estrichgrund,
Wo ew’ger Lampe schlummernd Licht
Geträumet hat ein mattes Rund.
In dieser toten Einsamkeit
Der Bruder sich des Schimmers freut.
Er weiß es selbst nicht, wie ihm ist,
So öd, so öd zu dieser Frist.
Das Dunkel, das im Bethaus waltet –
Der leeren Bänke Reihn – ein Bild,
Das scheinbar aus der Nische quillt –
Und von der Decke hochgestaltet
Manch grauer Heil’ger zürnend schaut–
Zudem – das Eis an Wänden hängt,
Vom Glockenstuhl ein Luftzug drängt,
Wie endlos Bommeln überm Haupt
Schier die Geduld dem Bruder raubt.
Ob denn die Stunde nimmer endet?

aus: Das Hospiz auf dem
Großen St. Bernhard

Der zweite Gesang des Gedichts nämlich spielt im Kloster selbst und beginnt damit, dass ein Mönch in der Nacht im Turm in der Kirche steht und läutet. Das Gewand der Mönche ist mir bekannt, sie sind Bernhardiner, und die Tracht des Ordens überall gleich. Aber über das Innere der Kirche und Sakristei wären mir einige Bemerkungen sehr lieb, ja sogar unumgänglich notwendig. Ob sie groß, wie ihre Form, einige besondere Particuliaretés, z.B. wenn sich irgend auffallende Gemälde darin befinden, oder ein besonderes Heiligenbild usw. Denn da ich nachher diesen Mönch mit seiner kleinen Laterne durch die Kirche ins Kloster zurückkehren lasse und die Beschreibung dieses nächtlichen Ganges einen nicht unbedeutenden Punkt der Erzählung ausmacht, so kann ich nicht umhin, mich so genau wie möglich über die Lokalität zu unterrichten.

Ich bin nicht so unbescheiden, eine förmliche Beschreibung dieser Gegenstände zu verlangen, nur einige Andeutungen, damit ich nicht z.B, von den hohen Gewölben der Kirche rede, wenn die Mönche vielleicht nur eine kleine Betkapelle besitzen, oder von den Bildern, auf welche der Schein der Laterne fällt, wenn überall nichts als glatte Mauern zu finden sind. Auch wünschte ich zu wissen, ob der Weg von der Kirche ins Kloster über einen freien Hofraum oder bloß durch Gewölbe oder Gänge führt.

Nachher ziehn die Mönche aus, um einen Verunglückten zu suchen - könnte ich nicht erfahren, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten kleiden? Sie führen ohne Zweifel Alpstöcke bei sich, aber auch sonst eine besondere Art von Fuß- oder Kopfbedeckung, zum Schutz gegen die Kälte? und Werkzeuge oder sonstige Hülsmittel, die für ihren Zweck passen? was z.B. wird wohl angewandt, um die Verunglückten fortzuschaffen? Tragbahren? oder wollene Decken? große Leintücher? Auch weiß ich nicht, ob es irgendein Mittel gibt, was in solchen Fällen gleich auf der Stelle angewandt wird, oder ob man die Erfrornen erst ins Hospital bringt, eh etwas geschen kann.

Wenn die Mönche ausziehn, so hätte ich gerne eine Idee von dem Wege, der aus dem Kloster ins Freie führt; vom St. Bernhardsberge selbst habe ich eine recht genaue Beschreibung, doch weiß ich nicht, ob die Oberfläche deselben auf malerische Weise von hervorragenden Felszacken unterbrochen wird, oder ob sie eine einförmige, Wüsten ähnliche Schneemasse darbietet. Ist das Schneehuhn dort heimisch?

Das sind viele Fragen, mein liebes Minchen, und ich fürchte, mich sehr unbescheiden auszunehmen, aber, wie gesagt, ich wünsche nur einen oberflächlichen Bescheid, auf manche dieser Frage ist ein einfaches ja oder nein hinreichend, und ich muss mich zu dieser Bitte an die liebe Julie entschließen oder das ganze Gedicht liegen lassen, da ich alle diese genannten Gegenstände, nach dem Plan des Gedichts, nicht unberührt lassen kann. Ich bin zufrieden, wenn Julie mir ganz kurz bemerkt, z.B. die Kirche ist groß und länglich, der Hochaltar mit gedrehten Säulen und Verguldung, an einem Nebenaltar ein altes schwärzliches Mariebild mit dem Kinde et cet. Du siehst wohl, liebes Herz, wie ich es meine, nicht viel, aber die Hauptpunkte, doch werde ich jede genauere Angabe mit dem größten Danke annehmen.

Rüschhaus, 2. November 1828

aus: 1834, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Meine Briefe sind jetzt nur lauter Zeddel, liebste Sophie, man kömmt gar nicht zu sich vor Packen, Besuchen machen und annehmen, das ist aber vielleicht gut für uns alle. Ich hatte in meinem letzten Briefe ganz den (wahrscheinlichen) Tag der Heirat zu sagen vergessen - vor dem 18. wird es nicht sein, weiter ist noch nichts gewiss, wenn die nötigen Scheine für Laßberg bis dahin ankommen, wird es wohl auf den Tag bleiben. Aber der Weg ist weit und die Papiere (Totenschein seiner Frau, seiner Eltern - scheint, dass die Proklamation richtig und keine Einsprüche geschehn) müssen von verschiedenen Orten kommen, Laßberg meint aber, bis zum 18. solle alles richtig sein.

Kommt doch sobald als möglich, wir alle freuen uns so darauf, und Werner ist beriffener wie alle, er war gestern hier uns sagte, er habe auch nach Bökendorf geschrieben, weil Jenny anfangs mal gegen ihn geäußert, sie sei noch nicht ganz mit sich darüber im Reinen, ob die Gegenwart mehrerer an diesem Tage und die dadurch vergößerte Feierlichkeit gut auf Mamas Stimmung wirken werden, da ist er gleich bange gewesen, dass ich in meinem Briefe ein Wort könnte fallen lassen, was nicht gut und recht wäre, und hat gegenarbeiten wollen.

Ich sagte ihm, “er sei die kluge Else” - wie ich geschrieben, seien wir alle und Jenny ebenfalls längst darüber im Reinen gewesen, dass für uns insgesamt - und für Mama vor allem - nichts besser sein könnte, als die Gegenwart ihrer Nächsten, die doch an sich das Tröstlichste sind, und zugleich, ohne zu genieren, doch zu kleinen Geschäften und Zerstreuungen genötigt; er war ganz verblüfft und konnte sich durchaus nicht mehr besinnen, was er geschrieben, zuerst wollte er heute einen Brief nachschicken, ich habe ihm aber gesagt, es sei schon gut, ich schreibe an Dich et cet. Du glaubst nicht, wie konfus das arme gute Blut ist - so … betrübt, und so beriffen …

Rüschhaus, 9. Oktober 1834

Hintergrund: Mit einer Verbindung zwischen ihrer Tochter Jenny und dem verwitweten Joseph von Laßberg war Therese von Droste anfangs nicht einverstanden. Knapp drei Jahre hatte Joseph hartnäckig um Jenny geworben, als die 39jährige am 18. Oktober 1834 dem 64jährigen ihr Ja-Wort gibt.
aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Sollte ich Ihnen wirklich eigenmündig Veranlassung gegeben haben zu glauben, ich könne den Leonidas in der Ursprache lesen? Oder trägt die große geistige Elle die Schuld, an der, wie der Fuchs beim Messen den Schwanz, so Sie den glänzenden Schweif Ihr[er] eignen Vielwissenschaft zugeben? Sed non cuivis contingit adire Corinthum! Ich kann elendiglich wenig Griechisch, in meinen besten Glanz- und Übungsjahren kaum über die Fibelschützerei hinaus und jetzt wieder schmählich dahin zurückgesunken. Kurz, ohne den großen Trost der lateinischen Erläuterungen würde ich kaum begriffen haben, wo die Glocken hängen und bin auch jetzt noch bei manchen nicht ganz sicher darüber. Von einem eigentlichem Urheile kann also nicht die Rede sein, doch haben mir manche der Gedichte des Tarentiners einen etwas vagen Begriff von Schönheit gegeben und zugleich die Erinnerung erweckt, als habe ich viele derselben vor langen Jahren in einer sehr guten Übersetzung gelesen. Das Buch hieß “Tempe”, eine sehr schöne Auswahl von Weihgedichten, Distichen, lauter kleines Volk, alle aus dem Griechischen; zwei dicke Oktavbände; Verfasser quasi anonym, d.h. mit zwei Buchstaben bezeichnet. …

Damit Sie nun nicht wieder in solche extravagante Ideen von meiner Gelehrsamkeit verfallen, will ich Ihnen meine Sprachkenntnisse (leider zumeist Unkenntnisse) darlegen: Latein können Sie mir immer schicken, Französisch natürlich auch, das ist ja jetzt so unerläßlich, wie früherhin schlichtweg Lesen und Schreiben. Holländisch werden Sie mir nicht schicken, sonst das verstehe ich auch. Italienisch und Englisch? Schlecht! schlecht! doch letzteres etwas besser. Ich habe in beiden Sprachen keinen Unterricht erhalten, sondern mir nur selbst so ein wenig zurecht geholfen und bin jetzt seit länger als zwanzig Jahren ganz außer Übung und ohne Diktionar. Doch schlage ich mich durch eine leichte italienische Prosa noch allenfalls durch, wie ich vor kurzem an den “Verlobten” des Manzoni erprobt habe; Poesie aber, besonders mit veralteten Ausdrücken und ungewöhnlichen Konstruktionen, ist für mich jetzt fast gänzlich ohne Genuß. Mit dem Englischen steht es etwas besser, und ich nehme es noch allenfalls mit einem Poeten auf, doch werden mir immer hier und dort Worte fehlen, und ich kann dann nur mit betrübtem Seufzen nach der Stelle sehn, wo ehemals eine Diktionar gestanden.

Sehn Sie, liebster Freund, so mangelhaft sieht es bei mir aus, und ich mag meine Halbkenntnisse nur ganz geheimhalten und im stillen doch hier und da ein kleines Profitchen daraus ziehn. …

Ich schicke Ihnen vier Exemplare meiner früheren Ausgabe, verlangen Sie noch mehrere, so lassen Sie es mich nur wissen. Mein Bruder treibt sehr auf meine Herüberkunft, über 14 Tage, höchstens drei Wochen, werde ich nicht mehr zögern dürfen … Es erleichtert mir den Abschied von meiner geliebten Einsamkeit ungemein, dass ich von Hülshoff aus viel leichter zu Euch kommen kann. Das Gedicht, was ich das Ihrige nennen möchte, da es ja einzig für Sie geschrieben wird, hoffe ich Ihnen noch vor Ihrem Ausfluge schicken zu können. Es bedarf dazu nur einer einzigen völlig freien Stunde, unbehindert von Beklemmung oder Kopfweh, und die sind freilich jetzt seltne Vögel und niemand weiß, wann sie kommen. Adieu, mein liebstes Professorchen, adieu, ich werde gedrängt zu schließen. Mit alter Treue,
Eure Nette.

Rüschhaus, etwa 20. August 1846

Mehr zum Adressaten: Christoph B. Schlüter
aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Ich bin auf dem Punkte, nach Hülshoff auszuwandern. Mein guter Bruder will es so und hat recht daran; denn so verführerisch, ich möchte sagen betäubend lieblich mein Klausnerleben auch ist, so ist es doch allerdings nicht geeignet, jemanden, der sehr an den Nerven und noch mehr an Apprehensionen leidet, wieder zurechtzuhelfen. Also in Gottes Namen!

Ich schicke den “Helmut” mit vielem Dank zurück; er hat mir viel genutzt; so geschwind er sich von der Sache abmacht; denn mein Wissen war hier wieder gar arges Stückwerk, ohne Ordnung und System, rein Aufgeschnapptes! und es hat mich sehr gefreut, endlich einmal etwas, wenn auch Kurzes, doch Gründliches darüber zu lesen. Die beiden Lateiner nehme ich mit, ich stecke mitten darin in beiden und sage jetzt kein Wort darüber, nur so viel: Beide haben ihren Wert, aber einer derselben macht mich halb närrisch vor Vergnügen. Was für ein liebes liebes Tierchen von einem Buche! Aber welches, sage ich nicht. Sollten Sie es nicht erraten? Ich kann mir nicht denken, dass wir nicht denselben Geschmack hätten.

Liebster Freund, Sie sehen, wie unmöglich es mir ist, ein Paket an Sie ohne einige Worte herzlichen Grußes abgehn zu lassen, mag meine Zeit auch noch so beschränkt und das Schreiben, wie hier, durchaus unnötig sein. Ich schreibe Ihnen, als würden Sie diese Zeilen in einer Stunde lesen, und weiß doch, dass Sie in ihrem verlassenen Zimmer noch 8 — 10 Tage Quarantäne halten und wahrscheinlich mit dem zweiten die Lateiner enthaltenden Pakete zugleich in den Hafen Ihrer Hände einlaufen werden; aber ich wünschte die Bücher vor meiner Abfahrt abzusenden, da in Hülshoff nur wöchentlich einmal (samstags) regelmäßige Gelegenheit und der Bote dann oft schwer bepackt oder doch mit Kommissionen überladen ist; und, wie gesagt, ein Paket an Sie ohne ein beschriebenes Blättchen darin kömmt mir wie ein halber Verrat und eine ganze Unmöglichkeit vor. Adieu, liebster bester Freund, meine Rosse stampfen und schnauben.

Ich befürchte einiges Heimweh nach Rüschhaus, es bleibt hier gar vieles zurück, viel Erinnerungen, viel Träume, mein ganzes liebes Zusammenleben mit mir selbst unter blauem Himmel und Waldesgrün; und dann, was wird aus Thereschens und meinem schönen Zweisiedler-Projekt? und aus dem zweiten Besuche meines Professorchens, auf den ich mich so gefreut? Sie zweifeln wohl nicht, dass, wenn es bei mir gestanden hätte, noch vierzehn Tage zuzusetzen, ich gewiss alle Stricke dazu würde angespannt haben; aber ich habe meinen guten Bruder schon so oft mit Ausflüchten heimgeschickt, dass ich selbst fühlen muss, es gehe nicht mehr ohne wirklich ernstliche Verletzung seiner Liebe und Geduld. Mein Trost ist fortan die fast wöchentliche Fahrgelegenheit nach Münster, wo ich mich denn doch mitunter werde einschmuggeln können.

Rüschhaus, 28. August 1846

Mehr zum Adressaten: Christoph B. Schlüter
Hintergrund: Mit dem Helmut meint die Droste einen Band über Naturgeschichte von Johann Heinrich Hellmuth, den Schlüter ihr geliehen hat. Annette nutzt die Informationen aus dem Buch, um ihre Muschelsammlung zu ordnen.
Apprehension: Reizbarkeit
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