Annette von Droste-Hülshoff in Briefen

Stöbern Sie in den Briefen der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, erfahren Sie mehr über ihr Leben, ihren Alltag, ihre Arbeit und ihr Privatleben. Lernen Sie ihre Wohnorte kennen, verfolgen Sie ihre Korrespondenz mit Zeitgenossen, gehen Sie mit ihr auf Reisen.

aus: 1844, Briefe an Sophie von Haxthausen, Meersburg

Nun muss ich dir doch auch von meinem kleinen Ankaufe schreiben, meinem Häuschen und Weinberg, wie ich dazu gekommen bin, und wie es beschaffen ist. Es ist ein großes Gartenhaus, liegt grade Jennys Garten und Häuschen gegenüber, aber höher, und ist wenigstens noch einmal so groß; es heißt das Fürstenhäuschen, weil einer der letzten Bischöfe es gebaut hat, um dort im Sommer die Nachmittage zuzubringen, sowohl der herrlichen Aussicht wegen, als auch weil er kränklich war und die Luft dort so rein ist. Es enthält fünf Piecen, zwar klein, aber doch brauchbar; zuerst unten das größte Zimmer mit einem Kachelofen, daneben die kleine Küche, wo der Herd mit dem Ofen verbunden ist, so dass beide mit einem Feuer können geheizt werden. Aus der Küche führt eine Wendeltreppe in den oberen Stock vermittelst einer Falltür; wenn man abends die Falltür zumacht, so ist die Entree auch ein kleines Zimmerchen, wo eine Kammerjungfer schlafen und ein Schrank sehen könnte; dann kömmt ein recht nettes, heizbares Wohnzimmer und dahinter ein Schlafzimmerchen; oben ist etwas Bodenraum und unter dem ganzen Hause her ein großer Keller; das Gebäude ist im besten Zustande, sehr fest und massiv aus gehauenen Steinen ausgeführt, das Dach noch im vorigen Jahre durchaus repariert, nur die Fenster sind alle fort, bloß Läden da, die gottlob immer fest geschlossen gewesen sind, so dass die Zimmer nichts gelitten haben. Hierzu gehört ein Jauchert (etwas mehr wie ein Morgen) Rebland, sehr gut im Stande gehalten und mit lauter guten Sorten bepflanzt, Muskateller, Traminer, Gutedel et cet. et cet., die in guten Jahren etwa zwanzig Ohm Wein bringen sollen. Die Hälfte davon hat eine sehr gute Lage nach Süden, die andere weniger. Es gehört auch ein Bleichplätzchen dazu; ein Brunnen ist nicht da, aber grade daneben eine Quelle, die Sommer und Winter fließt.

Diese niedliche Miniaturbesitzung, die ihre Herren weit weg in Freiburg hatte, war jedermanns Augenmerk, und als sie zum Verkauf kam, strömten alle Honoratioren zu. Ich ging auch hin, warum weiß ich kaum; ich dachte wohl, es wäre hübsch, wenn ich es kaufen könnte, um es einstens, da es doch an Jennys Garten stößt, ihren Kindern zu hinterlassen; aber es fiel mir nicht ein, dass ich es könnte. So wie ich hereinkam, fragte mich einer der Honoratioren: “Wollen Sie mitbieten?” Ich sagte “Vielleicht, je nachdem es fällt”, worauf gleich mehrere der Herren fortgingen, auch mehrere der Bauern, und die andern blieben ruhig sitzen und boten nicht, außer einem Bauer, der auch bald stillschwieg, als ich ganz piano anfing gegen ihn zu bieten, und so wurde mir schon nach ein paar Minuten die ganze Geschichte für 400 Tlr. zugeschlagen. Was sagst du dazu?

Alle sagen, ich hätte lächerlich wohlfeil gekauft. Die Reben allein kosteten hier in schlechter Lage ebensoviel und in guter wenigstens das Doppelte, und das Haus hätte ich ganz umsonst. … Das Geld dazu bekomme ich jedenfalls für die erste Ausgabe meiner Gedichte; gibt’s mir Cotta nicht, so haben mir schon andere höher geboten; ich habe recht Freude an dem Kauf! Jenny wird es mir verwalten und gewiss schon sorgen, dass es nicht schlechter wird.

Meersburg, 11. Januar 1844

aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Sie sehn, Lies, wie schlecht es mit meinem Schreiben geht, 2-3 Zeilen im Tage, aber heute muss etwas gewagt und geleistet werden, denn unser Heinrich, von München abgehend und über Meersburg reisend, um Mama auf ihrer Heimreise zu begleiten, ist schon vor drei Tagen angekommen, und wieder nach drei Tagen (am 10.) steht mir die harte Stunde der Trennung bevor. Von meiner Mitreise kann keine Rede sein; habe ich wirklich noch Jahre zu leben, so müssen wenigstens die nächsten und gefährlichsten in diesem Klima durchvegetiert werden. So sagen wenigstens die Ärzte und andere auch, selbst Mama.

Es ist sehr hart, von einer 74jährigen Mutter zu scheiden, vor allem, wenn man selbst krank ist. Das Wiedersehn ist eine Durchfahrt zwischen Scylla und Charybdis. Mein einziger Trost ist die ziemlich offenliegende Notwendigkeit, Jennyn eine recht nahstehende Gesellschafterin zu lassen. Sie leidet, obwohl 1 1/2 Jahr älter als ich, doch an denselben Erschütterungen einer körperlichen Veränderung, wird, wie ich, noch Jahre lang mehr oder minder damit zu kämpfen haben, und grade bei ihr macht die Seelenstimmung alles aus; ein lieber Besuch, ein freies Ausströmen ihrer Gefühle macht sie auf der Stelle gesund, das Gegenteil mehr oder minder rückfällig in ihre leidenden Zustände. Jetzt ist sie gottlob ganz wohl; Laßberg auch, nur hinfällig und überaus gütig gegen mich.

Lieb Lies, wie unterhalten wir aber fortan unsre Verbindung, da ich nicht schreiben kann? Als erste Maßregel werde ich mein liebes Mütterchen bitten, jede Nachricht von hier Nannyn oder Luischen zukommen zu lassen; eine direkte Korrespondenz würde mir noch passender scheinen, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Sie auf diese Weise unendlich weniger erfahren würden. Denn Mama wird selbst zu den guten Kindern gehn, und dann erzählt sie recht gern und umständlich, während sie selbst sehr ungern, und, weil es ihr so schwer wird, nur kurz schreibt.

Dass ich gern mitunter einen Brief von Ihnen, mein altes, mir immer gleich teures Herz, sähe, brauche ich nicht zu sagen, aber ein Brief, auf den man vielleicht erst nach einem halben Jahre Antwort erwarten kann, ist ein Opfer. Wollen Sie es mir zuweilen bringen, um unsrer Liebe willen, die doch wohl stärker ist als Krankheit und Tod? Und in die Briefe, die fortan wieder von hier an Mama abgehen, einige versiegelte Zeilen an Sie einlegen, dies werde ich doch hoffentlich immer können, und unsre lieben Münsterkinder besorgen sie Ihnen dann, wären es nur die paar Worte: “Ich lebe noch, und habe Sie sehr lieb”.

Meersburg, 7. August 1847

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Hintergrund: Neffe Heinrich, der älteste Sohn von Annettes Bruder, studiert in München. Er holt seine Großmutter, Annettes Mutter Therese, im Sommer in Meersburg ab, die beiden verlassen den Bodensee am 10. August 1847 Richtung Westfalen.
aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Von Schlüterchen habe ich vorgestern einen sehr herzlich gemeinten, aber grausam hölzernen scherzhaften Brief in Versen bekommen. Es ist komisch-rührend, auf diesem Meere von Güte und wahrer Kindlichkeit den Philisterzopf so stattlich herumsegeln zu sehn! Die lieben Leutchen denken, ich sei sterbenskrank, weil ich, meiner noch immer hartnäckigen Geschwulst im Ohre wegen, nicht ausgehen kann, und wollen mich nun mit auserlesenen attischen Scherzen erheitern. Ich habe noch nicht darauf geantwortet, will aber nächstens daran und frisiere schon an einer geistigen Schwanzperücke.

Rüschhaus, 2. April 1846

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aus: 1843, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Sehr ernst und eigen gestimmt bin ich auch; denn ich habe gestern und heute bis Mittag Papiere durchgesehn und verbrannt, und damit manches Stück Vergangenheit hinter mir geworfen, was, freilich schon seit Jahren mit Gras bewachsen, doch unter dem Lesen wieder so frisch aus dem Grabe stieg, dass ich wollte, ich hätte lieber blind zu gebrannt, dann wäre es wenig gewesen - jetzt ist’s mir wie ein halber Mord. Man liest alte Briefe so selten und für seine Ruhe wohl daran, es gibt nichts Scmerzlicheres. Die Toten bekommen wieder Seele und Leib, wir müssen sie zum zweiten Male begraben, und die Lebenden älter und kälter Gewordenen sehen uns frisch und jugendarm an, berühren so hundert kleine längst vergessene Stichworte, bei denen uns doch einmal das Herz gewaltig geklopft hat, dass wir über sie und uns weinen möchten, dass wir miteinander so ledern geworden!

Was ist aus meinen Jugendfreundinnen geworden? Die eine Hälfte ist ganz in Haus, Wirtschaft, Mann und Kindern aufgegangen, die Andere jetzt gräuliche alte Jungfern, an denen weder die Götter noch Menschen Freude haben können, und in denen nicht mehr Poesie ist wie in einer getrockneten Pflaume.

Es ist doch gut, wenn man die Leute nicht so früh kennenlernt! Das Verblühen des sowohl körperlich wie geistigen Jugenddufts ist gar zu schmerzlich mit zu erleben, und am Ende wüßte man doch mit den jungen Dingern nichts anzufangen, wenn sie wieder so neben einem ständen, und wäre weit entfernt, sich mit ihnen zu liieren; Euch drei, die ich noch habe - Sie, mein Bestes und Liebstes, Adele und Male Hassenpflug - habe ich gottlob in einer Reife kennengelernt, die lange Jahre vorhalten kann. Hoffentlich für immer, obwohl Sie eigentlich hierbei sehr zu kurz kommen können. Denn Sie sind gar jung gegen mich, und es kömmt vielleicht uns beiden eine Zeit, wo Sie selbst noch im Besitz aller Fähigkeiten, mich als eine arme bröcklichte Ruine nur mit Mitleid und Nachsicht ansehen und dabei mehr leiden werden als ich selbst. Mir ist’s mit manchem so gegangen; denn ich habe mich früher immer gerne zu älteren gehalten. Mein armer alter Sprickmann …!

Doch genug hiervon! Laßt die Zeit kommen wie den Tod! Der obendrein vielleicht früher kömmt und die ganze Jeremiade überflüssig macht; aber mir war nunmal so zumute, und gegen wen soll ich mein Herz entladen, wenn nicht gegen Sie, mein anderes Ich, oder vielmehr meine abhanden gekommene Hälfte, da Sie gerade alles haben, was mir fehlt, und was mir so wohl tut, als eine Art von Eigentum in Ihnen an mich zu schließen.
Rüschhaus, 4. September 1843

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