1821 2.Dezember

Unser lieber Werner, der Ihnen, liebste Großmutter, diesen Brief überbringt, wird Ihnen sagen, wie sehr wohl wir uns gottlob jetzt hier alle befinden; ich kann sagen, dass mir jetzt gottlob körperlich nichts fehlt, und ich habe die Aussicht, noch wohl gar eine recht feste Gesundheit zu bekommen, was ich nie mehr gehofft. Auch Ferdinand hat jetzt schon lange über nichts mehr geklagt; und unsre lieben Eltern, die ich zuerst hätte nennen sollen, wie auch Jenny und überhaupt alles hier im Hause genießt der besten Gesundheit, so dass ich glaube, dass dieses schlechte Wetterjahr vielleicht desto besser für die Gesundheit gewesen ist, selbst der alte Gärtner Franz, von dem wir im vorigen Winter glaubten, er werde den Frühling nicht erleben, hat sich so herausgemacht, daß er wieder die beste Hoffnung hat (oder haben könnte, denn er selbst wünscht es nicht), hundert Jahr alt zu werden, er ist bereits im zweiundneunzigsten, wie uns eine Nichte von ihm neulich ausgerechnet hat …

Von meiner lieben Thielemann habe ich lange keinen Brief erhalten, da ich ihr in meinem letzten Schreiben Hoffnung gemacht habe, sie noch diesen Herbst zu besuchen, und sie mich vielleicht noch immer erwartet. Auf künftiges Frühjahr habe ich die sichere Aussicht, diese liebe Freundin zu sehn, da der gute Onkel Fritz mir versprochen, mich alsdann auf einige Wochen zu ihr nach Koblenz zu bringen. Ich freue mich außerordentlich darauf, obgleich ich wohl wenig oder Nichts von dem, was man gewöhnlich Vergnügen nennt, dort zu erwarten habe.

Die Thielemann soll, wie ich von andern höre, jetzt weit gefasster sein, Gott erhalte sie dabei und bessere es noch täglich, ein solcher Zustand der Dürre und Trostlosigkeit ist etwas sehr schreckliches und es lässt sich so wenig dagegen machen, da er gewöhnlich von Nervenschwäche herrührt, und selbst das Nachdenken über tröstliche Wahrheiten der Religion ist nicht gar zu viel anzuraten, weil es, besonders in einem solchen gereizten Zustande, gar zu sehr rührt.

Ich muss gestehn, dass ich glaube, dass nur in Augenblicken der höchsten Spannung, wo nichts anderes mehr wirken will, man diese Frau durch ernste und erhebende Tröstungen muss zu beruhigen suchen, übrigens aber unschuldige und erheiternde Zerstreuungen, bei denen Kopf und Phantasie nichts zu tun haben, anwenden muss, z. b. Spazierenfahren oder -gehn bei schönem Wetter, wo man sie dann auf die schöne Gegend aufmerksam machen, und selbst Freude daran zeigen muss.

Erzählungen, was alle gute Bekannten und Freunde jetzt machen, und dergleichen eigentlich gleichgültige und doch sehr erheiternde Dinge; wäre die Thielemann eine Frau von weniger Religion, wie sie ist, oder würde sie von Skrupeln beängstiget, so würde die Sache andre Mittel erfordern. Letzteres glaubte ich anfangs und deutete einmal, in der Absicht, sie zu beruhigen, darauf hin, sie verstand mich sehr wohl und antwortete „obgleich sie eine große Sünderin sei, die Gott täglich beleidige, und gewiss mehr verdient habe als diese Züchtigung, so möge ich doch nicht glauben, dass sie sich mit Skrupeln quäle und ihren jetzigen Zustand als eine Strafe betrachte, denn sie wisse sich außer den täglichen, freilich leider immer wiederhohlten Fehlern keines einzelnen Vergehns schuldig, wovon sie diese Leiden als Folge ansähe. Vielmehr halte sie sie für eine Prüfung, aber es fehle ihr leider an Geduld et cet. Überhaupt ist sie eine der frömmsten religiösesten Frauen, die ich kenne, und wird sich jetzt wohl nur gar zu sehr mit ergreifenden Lesen rührender religiöser Schriften anspannen. Dass Sie, liebste Großmutter, sie jetzt so oft in Ihr Gebet einschließen, hat mich sehr getröstet – von Gott muss doch alle Hilfe kommen wenn man es auch noch so klug einzurichten meint.

Hülshoff, 2. Dezember 1821

Hintergrund: Der jüngere, stets schwächliche Bruder Ferdinand (Fente) ist an einer Lungentuberkulose erkankt. Er wird am 15. Juni 1829 sterben.
Die ältere Freundin in Koblenz, Generalin Thielmann, leidet an Demenz.