1843 22.Oktober

Schilt nicht zu arg, liebstes Päulchen, über meine scheinbare Fahrlässigkeit, Du kannst nicht denken, was alles dazwischen gekommen ist, um mich zuerst gänzlich am Schreiben und dann am gehörig schnellen Einziehn der nötigen Nachrichten zu verhindern. Wir haben unsre ganze Reise unter Regengüssen abmachen müssen, was für mich eine tüchtige Erkältung und fast vierzehn Tage Bettliegen zur Folge gehabt hat. Sobald ich aber wieder auf den Strümpfen war, bin ich auf Kundschaft ausgegangen, konnte aber bei der ersten der drei für Dich passenden Wohnungen wegen Abwesenheit, bei der zweiten wegen Unentschlossenheit des Eigentümers anfangs zu keinem Resultate kommen, und bei der dritten (dem neuen Schlosse) sollte gar erst die Erlaubnis der Regierung von Karlsruhe eingeholt werden, wo, wie man mir sagte, dann nachher kein Rückschritt möglich sei, wenn die Bedingungen auch unerwünscht ausfielen.

Da sich das Schloß nun außerdem bei genauerer Überlegung wegen seiner allzu großen Räume als unbequem für eine kleine Haushaltung auswies, namentlich die Zimmer kaum zu heizen und der Weg bis zur Küche eine halbe Reise war, so habe ich diesen Plan ohne weiteres fallen lassen, habe aber nun zwei andre Quartiere im Auge, worüber ich Dir das Nähere mitteilen will.

Das eine heißt der Schussenriether Hof, ist ein großes schönes Gebäude, der Eigentümer ein gemeiner Winzer und bewohnt mit Frau und ein paar 8 – 9jähriger Kinder den untern Stock. Der Obere ist zu vermieten, enthält neun sehr hübsche Zimmer von angenehmer Größe, eine Küche und einen eignen Abtritt; der Gang, an dem die Zimmer liegen, ist breit und hell, die hinaufführende Treppe ebenfalls breit und schön, die Aussicht von einigen Zimmern auf den See und von den übrigen recht hübsch in die Weinberge und sonstige Umgebung, da das Haus in der Stadtmauer liegt, was auch noch den Vorteil hat, dass man von der Entree durch einen zweiten, freilich nicht schönen, aber doch brauchbaren Ausgang (durchs Kelterhaus) gleich ins Freie treten kann, ohne die Stadt zu berühren.

Der frühere Bewohner (Oberlehrer Flink) sagt mir, dass sich alle Gemächer sehr gut heizten, überall das Quartier sehr angenehm sei und er es nicht würde verlassen haben, wenn sich ihm nicht eine Wohnung im Seminar selbst geboten hätte; auch lobt er die Hausbewohner als Leute voll guten Willens. Soweit wäre alles gut, aber nun kömmt auch einiges Unbequeme: vorerst ist die Küche sehr dunkel, fast wie eine Art großen Alkovens, der kein Fenster ins Freie, sondern nur eins nach dem Gange hat. Diesem Übelstande will der Besitzer jedoch dadurch abhelfen, dass er dieses Fenster bedeutend vergrößern und an der andern Seite des Herdes eine zweite Tür mit Glasfenster machen lassen will, die in ein kleines Zimmer führt, dessen Fenster dem Glasfenster grade gegenüber ist; so, meint er und auch andre, würde die Küche zwar nicht sehr hell werden, aber doch hinlängliches Licht zum bequemen Gebrauch erhalten.

Ferner ist der Eingang durch den mit einem Tore geschlossenen Vorhof und den unteren Stock unangenehm, d. h. an sich sehr hübsch, aber unsauber und unordentlich gehalten: im Hofe liegen Holzstämme und ein mächtiger Misthaufen, und in der Vorhalle und Entree liegt und steht das Wirtschaftsgeräte der Hausbewohner, Kübel, Spaten et cet., umher. Herr Flink meint zwar, diese Leute, die gutmütig und sehr beflissen seien ihr großes Quartier zu vermieten, würden, sobald man es verlange, bereitwillig aufräumen, und nach ihrer besten Ansicht Ordnung und Reinlichkeit herstellen, von der ich aber freilich nicht weiß, ob sie Deiner Ansicht genügen würde, denn was solchen Leuten Sauberkeit scheint, kömmt uns oft ganz anders vor. Namentlich zweifle ich, dass der Düngerhaufen würde zu entfernen sein, da diese Leute doch notwendig durch das ganze Jahr Dünger für ihren Weinberg machen müssen, und ich selbst nicht einsehe, wohin anders sie ihn verlegen könnten.

Der Mietpreis für ein halbes Jahr würde (nachdem die Küche erhellt worden) 60 Gulden machen, nach unserm Gelde 34 Taler 30 Kreuzer. Herr Flink hat es viel billiger gehabt, weil er es für dauernde Zeit gemietet hatte. Könntest Du Dich entschließen, länger zu bleiben, etwa ein ganzes oder anderthalb Jahre, so würdest Du es auch billiger haben, doch scheint mir auch so der Preis nicht hoch.

Nun zu dem zweiten Quartiere. Dieses steht eigentlich nicht zu vermieten, aber der Besitzer (Spitalverwalter Wald schütz) will sich als guter Bekannter Laßbergs für dieses Mal dazu entschließen, wenn es Dir besser ansteht wie das andre. Diese Waldschützen sind keine hochgebildete, aber sehr anständige und brave Leute, ungefähr wie Ostlers; sie leben sehr eingezogen, haben ein einziges achtjähriges Töchterchen, dem sie ihre ganze Sorgfalt widmen und was mit keinen andern Kindern spielen darf außer mit Jennys Zwillingen, so ie diese auch keinen andern Spielkameraden haben dürfen als dieses artige Kind.

Dieses Quartier hat den Vorzug größerer Ruhe und außerordentlicher Reinlichkeit auch im untern Stock und Eingange, sonst ist es, obwohl recht anständig, doch nicht so groß und hübsch wie das andre, — es begreift den obern Stock, enthaltend fünf oder sechs Zimmer von verschiedener Größe, eine Küche, und einen Abtritt; die Aussicht geht nicht auf den See, aber sehr hübsch in die Umgegend. Es liegt ganz nahe am Tor und ist etwas weiter von unserer Wohnung wie das andre, was nur durch einen freien Platz (den Schloßplatz) von uns getrennt liegt. Hier stößt sich die Sache daran, dass diese äußerst reinlichen Leute glauben, die Zimmer seien nicht in gehörigem Zustande, sie meinen, die Fensterladen müßten neu angestrichen und die Öfen verschmiert werden; auch mit dem Fußboden des einen Zimmers, der etwas fleckig ist, sind sie verlegen und mögen doch keine Kosten anwenden, da sie nur eine geringe Einnahme haben und die Zimmer nie wieder zu vermieten gedenken. Auch behaupten sie, nur zwei der Zimmer heizten sich gut, die andern aber schwer. Die Hauptverlegenheit aber ist, dass sie das Quartier schon mehreren in der Stadt abgeschlagen haben, die sie jetzt zu beleidigen fürchten, weshalb sie auf den sonderbaren Einfall geraten sind, es Dir nicht zu vermieten, sondern umsonst zum Gebrauch anzubieten, wo du dann nach Belieben darin anstreichen und verbessern lassen könntest. Dieses wäre aber ein sehr unangenehmes Verhältnis, und Du würdest, um sie einigermaßen zu entschädigen, allerlei Verbesserungen machen, vielleicht gar eins der Zimmer neu tapezieren lassen müssen, was sowohl unnötig, als für Dich höchst lästig wäre.

Die Rüdiger, welche das Quartier mit mir besah, meint, für einen nicht dauernden Aufenthalt, und wo Du doch schwerlich Gesellschaften geben würdest, wäre alles hinlänglich gut im Stande. Ich zweifle auch nicht, dass Waldschützen sich am Ende doch zur Annahme einer Miete entschließen würden, nur kann ich jetzt nicht erfahren, wieviel sie machen würde; doch wird diese jedenfalls nicht unbillig sein.

Es kömmt nun darauf an, ob Du lieber bei geringen Leuten wohnst, um die Du Dich aber gar nicht zu genieren brauchst, oder bei Gebildeten und sehr akkuraten, mit denen Du aber viel mehr Rücksichten zu nehmen hättest.

Nun zu den Möbeln (denn beide Quartiere sind unmöbliert). Ich habe deshalb nach Konstanz geschrieben und nach langem Warten die Antwort erhalten, eigentliche Möbelvermieter gebe es dort nicht, doch würde sich ein Schreiner dort leicht entschließen, sobald Du ihm eine Liste des Verlangten schicktest, dieses herzustellen und Dir zu vermieten. Dieses schien mir zu weitläufig, da alles über den See muss hergeschafft werden, und zudem kein Mietpreis bemerkt war. Ich ging deshalb zu einem recht guten Schreiner hier im Orte, der schon manches Möbel fertig hat und das übrige mit seinen Gesellen bald herschaffen kann. Dieser verlangte zu wissen was du brauchtest; ich nannte vorläufig drei Bettstellen, zwei Dutzend Stühle, ein Kanapee, einige Tische, einen Schrank, eine oder zwei Kommoden. Hierfür verlangte er für ein halbes Jahr etwa elf Taler Miete; hiernach kannst Du nun berechnen, was diejenigen Stücke, die Du etwa noch zusetzen würdest, mehr machen; über 15 Taler kann das Ganze nicht wohl kommen. Für das Zerbrochene oder durch Flecken gradezu Verdorbene müßte jedoch einiger Ersatz geleistet werden. Betten, meint Jenny, brächtest Du am besten mit (in einer großen Tonne läßt sich vieles verpacken) und komme durch Spedition nicht hoch. Töpfergeräte ist hier sehr billig. Leider habe ich vergessen, mich in Konstanz nach einem guten Klaviere zu erkundigen, doch meint Jenny, dieses werde keine Schwierigkeit finden, deren seien überall zu vermieten, sowohl in Konstanz wie St. Gallen.

Wegen des Unterrichts für Betty habe ich mich so halb und halb erkundiget, doch nicht allzu umständlich, um mich nicht fest zu reden, falls es Dir nachher nicht gefiele. Klavierunterricht kann sie genug bekommen, es sind drei gute Lehrer da, von denen indessen nur einer mit genug Ausdruck spielt, dass sie hierin von ihm profitieren könnte, und grade diesen möchte ich nicht empfehlen; es ist der Professor Weber, ein verheuratheter Mann, aber verkehrtes Genie, trinkt zuweilen und hält seine Stunden durchaus nicht ordentlich inne. Der zweite, Organist Hamma, spielt sehr fertig, aber hart, wie alle Orgelspieler, und ist ein unverheuratheter junger Mann. Der dritte, Oberlehrer Jung, der den Musikunterricht im Seminar leitet, ist zwar selbst kein sehr ausgezeichneter Klavierspieler, aber vortrefflicher Lehrer, gründlicher Musiker und Generalbassist, dabei ein verheuratheter sehr ordentlicher Mann, und für diesen möchte ich unbedingt stimmen. Betty kann im Gesang, Generalbaß und auch noch im Klavierspiel bei ihm profitieren; derselbe Jung kann ihr auch noch Unterricht in der Naturgeschichte geben. Der Zeichenlehrer des Seminars, Herr Flink, gibt sich vorzüglich mit dem Unterricht in der Perspektive ab, und hierin soll er tüchtig sein; sie würde bei ihm nach vorgelegten Gegenständen zeichnen und Landschaften nach der Natur aufnehmen. Dieses seine Lehrmethode, er geht darauf aus, das Auge zu üben, was gewiss sehr nützlich ist, sonst zeichnet er etwas hart, wie alle, die viel Architecktur und Perspektive aufnehmen. Für den Unterricht im Latein würde, wie Jenny meint, wohl einer der drei Pfarrgeistlichen zu gewinnen sein. Ein Lehrer fürs Französische ist eigentlich nicht hier, aber die Frau Jung spricht französisch so geläufig wie Deutsch, würde sich gern mit Betty in dieser Sprache unterhalten und war auf meine halbe Anfrage auch nicht ungeneigt zum Unterrichte. Wünschest Du für Betty auch noch Unterricht in der Geographie und Geschichte, so will ich mich erkundigen, wer diesen im Seminar gibt, wie ich überhaupt nur auf deine Antwort warte, um mich offen nach dem Preise der Stunden zu befragen.

Wegen der Lebensmittel steht’s in diesem Jahre ungewöhnlich schlimm, es ist große Teuerung im Lande, doch glaube ich noch immer alles nicht teurer wie in Bonn. Ich will es Dir so ungefähr in preußischem Gelde herrechnen, allemall wieviel man für einen preußischen Taler bekömmt.

Rindfleisch etwas über 9 Pfund, Kalbfleisch, Schweinefleisch, Schaffleisch 10 Pfund, Brot (Weizenbrot, anderes gibt’s nicht) etwas über 17 Pfund, Butter nicht ganz 4 1/2 Pfund, eingeschmolzene Butter (wie man sie hier in Töpfen zum Kochen aufbewahrt) 3 1/2 Pfund, Schweineschmalz (ist schwer zu haben) nicht ganz 4 1/2 Pfund – Blumenkohl 21 Köpfe, Kartoffeln nicht ganz 3 Scheffel, grüner Kabs 42 Köpfe, weißer Kabs zum Sauerkraut (gräulich teuer) das Hundert etwas über 5 Taler, Kohlrabiwurzeln 84, große weiße Rüben 84, Äpfel und Birnen 1 3/4 Scheffel, Mehl zum Kochen das Scheffel 3 Taler 9 Silbergroschen, weiße Seife zum Waschen (braune kennt man nicht) 5 1/2 Pfund. Nun das Brennholz: Tannen die Klafter etwas über 5 Taler, Buchen 8 Taler. Steinkohlen hat man hier nicht, und der Torf ist in diesem Jahre durch die anhaltende Nässe gänzlich unbrauchbar geworden

Die Milch kostet die Maß einen „guten Groschen“, Wein wächst hier bei der Stadt sehr guter und ist deshalb wohlfeil: von den besten Jahrgängen, die vortrefflich sind, fast wie spanischer Wein, die Flasche 6 1/2 Sübergroschen, von den gewöhnlichen Jahren 3 gute Groschen. Talglichter (sehr gute) beinahe 5 Pfund für einen Taler, Brennöl, 8 3/4 Maß, Salatöl fast 4 Maß.

Ich habe Dir jetzt, liebstes Päulchen, so gut ich konnte, alles aufgeschrieben und hoffe, nichts Hauptsächliches vergessen zu habe. Die Geldrechnung geht hier nach Gulden und Kreuzern, 60 Kreuzer machen einen Gulden, und 105 Kreuzer (1 Gulden 45 Kreuzer) wird unser preußischer Taler hier angenommen. An Geldsorten musst Du suchen Fünffrankenstücke und preußische Talerstücke zu bekommen, oder auch Kronenthaler, kleine preußische Münze geht hier gar nicht und wird zurückgewiesen, selbst halbe Guldenstücke. Tresorscheine kannst Du hier sehr gut anbringen, zwar nicht im kleineren Verkauf, aber ein hiesiger Kaufmann setzt sie Dir mit Vergnügen nach preußischen Talerwert um, da sie ihm so bequem zum Verschicken ins Ausland sind, nur musst Du keine gar zu großen Scheine, z. B. von 500 Taler, mitbringen, da er kein so großes Geschäft hat, was solche Zahlungen an einem Orte erforderte; aber Fünftalerscheine, auch einige von fünfzig nimmt er recht gern sowie die von einzelnen Talern. Laß Dich nur ja nicht zu Gold verleiten, man fährt schlimm dabei, da hier der Kurs fast täglich wechselt, und zudem wird jedes Stück auf die Wage gelegt und fast alle zu leicht befunden oder wenigstens dafür ausgegeben. Wir hatten uns auf unsrer ersten Reise beim Bankier Cahn in Bonn (der doch ein solider Mann ist) vieles in Gold umsetzen lassen, haben aber fast kein Stück erhalten, was hier für vollwichtig galt. …

Jenny läßt sich tausendmal entschuldigen, dass sie Dir keine Möbel anbiete. Das Meersburger Schloß ist so viel größer wie Eppishausen, dass sie selbst überall an Möbeln zu kurz gekommen ist und ein Teil des Schlosses leer steht. Übrigens versteht sich’s von selbst, dass sie Euch als ihre Gäste hier erwarten, von wo aus Du dann die Einrichtung Deiner Zimmer und Deine Einkäufe nach Bequemlichkeit und Deinem Geschmacke machen kannst.

Alle lassen Dich aufs Herzlichste grüßen und sehen Deiner und des lieben langen Schlackses Ankunft mit Verlangen entgegen. … Laßberg wird Dir, sobald Du etwas über Deine Ankunft bestimmst, auch die beste Reiseroute, mit Angabe der besten Gasthöfe aufschreiben.

Meersburg, 22. Oktober 1843

Hintergrund: Auf der Reise nach Meersburg hat die Droste Zwischenstation in Bonn gemacht, wo vermutlich der Plan für einen Aufenthalt von Pauline von Droste-Hülshoff und deren Tochter Elisabeth im Winter 1843 in Meersburg vereinbart wurde. Pauline lässt dieses Vorhaben jedoch fallen.