1820 11.März

Nun zur Beantwortung deines Briefes, liebe Mama, den eingeschlossenen Zeddel von der Amme habe ich nicht gelesen, und es freut mich, jetzt zu erfahren, dass nichts Wichtigeres darin gestanden hat, oder vielmehr nichts Geheimeres, denn sonst ist mir der Amme ihr Briefchen gewiss lieb und wert. Ich bekam den ganzen Brief von Tony eben wie ich in den Schlitten stieg, um nach Apenburg zu fahren, konnte aber nicht gut bis zu meiner Ankunft dort warten, und öffnete ihn deshalb unterwegs und ein Windstoß wirft mir in dem Augenblick, wie ich die Blätter aus dem Couvert ziehe, die kleine Einlage weit weg in den Schnee, ich ließ sogleich und späterhin suchen, und war, als sie sich gar nicht wieder fand, recht besorgt und verdrießlich wegen des Inhalts, denn so kleine Einlagen pflegen wohl mal das Beste oder Geheimste zu enthalten, und da es so in jedermanns Hand gegeben wurde, wäre mir die kleinste Neckerei oder desgleichen schon sehr unangenehm gewesen. Auch die Landschaft von Tony muss mit davon geflogen sein, denn es ging ihr wie den Fischen in der bekannten Anekdote, sie stand im Briefe, aber sonst nirgends.

Was den Schnee anbelangt, so haben alle auf deine Nachricht Münster zum deutschen Sibirien erklärt, und ich habe schon viel deshalb leiden müssen, wirklich hat der Schnee hierzulande nicht sonderlich tiefer gelegen wie in anderen Wintern, und nur sehr lange, an den schlimmeren Stellen bis an die Knie, an den besseren bis über die Enkel, und nur in Hohlwegen zum Versinken, das ist aber, glaub ich, immer, so oft starker Schnee fällt.

Bökendorf, 11. März 1820

Mehr zum Adressaten: Therese von Droste
Hintergrund: Enkel = Fußknöchel