1830 7.Juli

Wenn Du mich für einen schändlichen Windbeutel und Faulenzer hältst, meine alte Sophie, so tust Du mir aber dieses Mal denn doch Unrecht, obgleich ich durch meine frühren Schreibsünden allen möglichen Argwohn verdient habe und also über nichts klagen darf. Aber dieses Mal müssen doch die Wäscherin und Bönninghausen die Schuld tragen — die Erstere hat den Schal erst gestern geschickt, und Doktor Büninghusen ist fortwährend verreist gewesen, und ich habe ihn erst vorgestern auf einige Minuten, durch die Bückersche, können arrettieren, und zur Durchlesung des dritten Briefs, den ich seitdem geschrieben, zwingen lassen.

Er war erst seit zwei Tagen zurück, hatte diese Zeit über gar nicht zu Bette gehn können, so waren die Patienten über ihn hergefallen, und schon stand er wieder mit einem Fuße im Wagen, um abermals auf zwei Wochen zu verreisen. Aus alter Freundschaft hat er aber doch besagtes Bein noch einmal aus dem verhängnissvollen Portier zurückgezogen und mir in größter Eil geschrieben „dein Pulver sowohl wie das von Ludowine wirkten 8 Wochen lang, das Deinige vielleicht um einige Tage kürzer“, das Krankheitsbild könne er jetzt unmöglich aufsuchen, sobald er zurück komme, wolle er es schicken. Da ihr nun gewiss noch nicht über vier Wochen eingenommen habt, so bleibt Euch noch immer Zeit, aus den letzten vierzehn Tagen das neue Krankheitsbild zusammenzusetzen, wenn ich das alte nun ohne Aufschub schicke, sobald ich es habe.

Ich hatte auch grade nach einigen Speisen fragen lassen und bekam zur Antwort, Gesseln sind verboten, sowie rohe Milch — hingegen sind erlaubt Stengelrüben und Spinat sowie alle gekochte Milch und auch Stipmilch, Buttermilch, dicke Milch, Käse ohne Gewürz, weil durch das Kochen sowohl wie durch die Säurung alle medezinische Kraft aus der Milch hinaus geht.

Der Zulauf zu Böninghausen wächst gewaltig an, er sieht schon ganz heruntergekommen davon aus, wie ich höre — der arme Schelm! Von Untersagen hört man übrigens jetzt nichts mehr, man muss es nicht können, sonst wär es gewiss geschehn, denn die Apotheken sollen, seit er seine Kuren macht, nur etwas weniges über ein Drittel von dem absetzen, was sie früher an Waren los wurden — und die Ärzte haben eine Menge ihrer einträglichsten Patienten verloren, da Böninghusen, wie sie spöttisch sagen, ein Doktor für die vornehmen Leute und sonderlich
für Damen ist, die sich zugleich gern über Literatur und schöne Kunst unterhalten, et cet.

Rüschhaus, 7. Juli 1830

Hintergrund: Die Droste übermittelt hier Dosierungs- und Ernährungsempfehlungen ihres inzwischen sehr gefragten - Homöopathen Bönninghausen an ihre Stieftanten Ludowine und Sophie von Haxthausen.
Die Bückersche ist eine Verwandte von Annettes Amme Katharina Plettendorf und arbeitet im Rüschhaus. Sie ist u.a. für die Botengänge nach Münster zuständig.

1 Anmerkung

  • # Clemens Maria von Bönninghausen:
    Clemens Maria von Bönninghausen

    Merkwürdig ging es mir auf meiner letzten Reise im Herzogtum Westfalen, wo ich täglich nur kurze Strecken (von 2-3 Meilen) abmachen konnte. Meine Anwesenheit in jedem Orte verbreitete sich jedesmal schnell wie ein Lauffeuer, und wenn ich morgens aufstand, waren meist Patienten aus dem Orte meines gestrigen Nachtquartiers da, bei mir Hülfe zu suchen. Dies alles ist Folge vieler Heilungen … des (am argen Keuchhusten und skrofulöser Augenentzündung leidenden) Kindes eines angesehenen Beamten in Arnsberg, dessen zwei Schwager die beiden ersten Ärzte daselbst sind und das Kind aufgegeben hatten. Der eine davon, den ich kürzlich daselbst sprach, ist bekehrt, aber es fehlt ihm noch an Muße, die Sache zu studieren.
    An seinen Lehrer Samuel Hahnemann, Juli 1832