Kategorie: Briefe an Anna von Haxthausen
- O Gott, ich kann nicht bergen
Wie angst mir vor den Schergen
Die du vielleicht gesandt
In Krankheit oder Grämen
Die Sinne mir zu nehmen
Zu töten den Verstand.Es ist mir oft zu Sinnen
Als wolle schon beginnen
Dein schweres Strafgericht
Als dämmre eine Wolke
Doch unbewusst dem Volke
Um meines Geistes Licht.Aus: “Am Gründonnerstage”
Teil des Gedichtzyklus “Das Geistliche Jahr”
Ich schreibe jetzt zuweilen an der Ledwina, die gut werden wird, aber so düster, dass mich zuweilen das Abschreiben daran jedesmal sehr angreift; starkes Arbeiten ist mir überhaupt sonst sehr erleichternd. Nach der Stimmung der geistlichen Lieder darfst Du meine jetzige nicht beurteilen, die gottlob viel anders und heller ist; vorzüglich ist das Lied am Gründonnerstage zu einer Zeit, wo sehr heftige Kopfschmerzen mir zuweilen eine solche Dumpfheit zuzogen, dass ich keine Geisteskräfte der Zerrüttung nahe glaubte, unter den schrecklichen Gefühlen geschrieben; jetzt bin ich überzeugt, dass ich nichts dergleichen zu befürchten habe.
Hülshoff, Herbst 1821
Ich habe lange gewankt, ob ich Deinen harten Brief beantworten sollte, liebe Anna, denn ich war entschlossen, Alles über mich ergehen zu lassen; was soll ich den anderen auch sagen, sie wissen ja eigentlich nichts, und zudem muss ich büßen für manches, was Du auch nicht weißt, und dazu ist ihre Übereilung recht gut, denn es ist schrecklich, sich so stillschweigend von allen Seiten verdammen zu lassen; aber Du kömmst mir zu tief ins Leben, denn Du weißt viel mehr wie die anderen, und doch tust Du ebenso unwissend hart und ebenso verwunderte Fragen, da Du doch die Antworten weißt.
Hör, Anna, ich will Dir allerhand sagen, nicht, als ob ich nicht alles tausendmal verdient hätte, sondern weil du mich frägst und zuviel weißt, um jetzt nicht noch mehr zu wissen, und ich traue Dir, dass du es keinem deiner Geschwister zeigst. Recht kann ich es dir auch nicht erklären, das könnte ich St[raube] ganz allein, aber den werde ich wohl nicht wiedersehen. Ach Gott, ich ginge gern darum zu Fuß nach Göttingen, wenn es anging. Anna, Du weißt, wie lieb ich St. immer gehabt habe, die anderen wissen es auch, ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht. Schon in Hülshoff habe ich oft gesagt, er wäre mir lieb wie ein Bruder, und im Grunde war er mir lieber wie meine beiden Brüder, aber ich hielt es ehrlich für Freundschaft. Wenn ich mir oft große Reichtümer träumte, was fast alle Tage geschah, so war mein Hauptgedanke, St. immer um mich zu haben, und nun meint er wohl, ich hätte ihn nie lieb gehabt. O Gott! er hat recht, es zu glauben, ich kann ihm den abscheulichen Gedanken nicht nehmen, das ist mein ärgstes Leiden.
Anna, ich bin ganz herunter, ich habe keine auch nur mäßig gute Minute. Daß Deine Geschwister mich verlassen, danach frage ich - unter uns gesagt - jetzt nichts, obschon es mir sonst gewiss sehr betrübt gewesen wäre, ich denke immer nur an St.. Um Gottes Willen, schreib mir doch, was macht er? Ihr wißt nicht, wie unbarmherzig Ihr seid, dass Ihr mir nichts sagt. …
Ich spreche ungern gegen Arns[waldt], denn ich muss ihn jetzt mehr schätzen wie je, aber je länger ich mich bedenke, je mehr finde ich, dass er es mit St. innig gut gemeint, aber mit mir von Anfang an umso schlimmer. Ich hatte Arns[waldt] sehr lieb, auf eine andere Art wie St[raube]. Str[au]bens Liebe verstand ich lange nicht, und dann rührte sie mich unbeschreiblich, und ich hatte ihn wieder so lieb, dass ich ihn hätte aufessen mögen. Aber wenn Arns[waldt] mich nur berührte, so fuhr ich zusammen. Ich glaube, ich war in Arns[waldt] verliebt, und in Str. wenigstens nicht recht, aber das erste ist vergangen, noch eh’ er abreiste, da er sich ein paarmal, wohl um mich zu prüfen, etwas sehr unfein ausdrückte. Ich sagte es ihm auch noch den letzten Morgen, eh’ er abreiste, dass ich ihn zu lieben geglaubt, aber seine Äußerungen es plötzlich gestört hätten. … Hätte das Arns[waldt] nicht an Str. sagen müssen? Aber ich begreife es wohl, es ist ihm nur ein neues Zeichen meines Leichtsinns gewesen, und bei St. hat er nicht allerhand, wie er meint, verkehrte Zweifel erregen wollen. Ich aber war durch dieses Gefühl und Bekenntnis sehr erleichtert und wartete nunmehr mit Angst und Sehnsucht auf den September, denn ich hatte die dunkle Idee, St. alles zu sagen, wenigstens was mich allein betraf; denn den Gedanken mit dem Briefe über St. Stimmung hatte ich rein aufgegeben. Ich sagte es auch Arns[waldt], vor dem Weggehen, dass er mir nicht schreiben, und mich doch auch lieber nicht zu Hülshoff besuchen möchte, wie er zu wollen vorgab. Er bestand auf beides, und ich nahm das erste auf allen Fall an, wegen des letzten behielt ich mir einen besonderen Brief vor.
Ich schreibe das alles so hin, als ob es mich keinen Schmerz kostete, und doch löst es sich mir aus der Brust, wie Stücke vom Herzen, aber Du sollst im Klaren sein, wie es für einen Dritten möglich ist. Arnswaldt muss mich von Anfang an gehaßt haben, denn er hat mich behandelt wie eine Hülse, die man nur auf alle Art drücken und brechen kann, um zum Kern zu gelangen. Er hat mir eine unabsichtlich durchscheinende Neigung auf alle Weise bewiesen. Du hast es ja oft genug gesehn. Ein wahrscheinlich sehr herbeigeführtes Mißverständnis ließ mich glauben, dass Arns[waldt] mir seine Neigung gestanden, und ich stand keinen Augenblick an, auch meine Gesinnungen offen zu gestehen. Das glaubte ich irrig zu dürfen, da ich stets entschlossen war, ihm meine Hand zu verweigern, wenn er sie fordern sollte. Ich entdeckte ihm deshalb mein Verhältnis zu St. Nun entfaltete er das Mißverständnis, und ich fühlte mich beschämt, aber nicht erniedrigt, da er sich hierbei mit der äußersten Feinheit und Freimütigkeit benahm und mich aufs wärmste seine Freundin nannte. Nun fragte er noch wegen St. Ich konnte ihm nicht alles sagen und wollte doch nicht lügen, so verwirrte ich mich, und er ängstigte mich dermaßen durch seine Fragen, dass ich doppelsinnige Antworten gab, und sonach endlich das Ganze äußerst verstellt und verändert dastand. Ich habe überhaupt auch oft viel mehr zu ihm gesagt, wie ich sollte, aber dieser stille, tiefe Mensch hatte für die Zeit eine unbegreifliche Gewalt über mich und zudem ließ mich sein Betragen glauben, dass er mich im Grunde doch liebte, aber gegen seinen Willen. Mit mir stand es ebenso, und dies verkehrte Verhältnis gab mir eine Verwirrung und Schmerz, die wohl keiner ahndete außer Du. Du wußtest es zum Teil, ich habe indes noch oft von Str. mit aller Liebe, die ich für ihn fühlte, geredet und mich aufs härteste angeklagt, aber Arns[waldt] ging immer leicht darüber hin, ich sollte mir Gewalt recht schuldig werden, Str, sollte gerettet werden, und ich zu Grunde. Oh wie muss der mich hassen! … Er hat eine sehr teuere Absicht, und deshalb vergebe ich ihm von Herzen, aber ich hoffe ihn nicht wiederzusehen - er mag auch wohl manches überhört haben, in seinem Eifer um die Hauptsache. …
Ich bin zuweilen etwas wild, wenn ich mal nicht an Str[aube] denke, sondern nur wie Ihr jetzt blindlings auf mich loshackt. Aber das kömmt selten, denn ich denke Tag und Nacht an Str. Ich habe ihn so lieb, dass ich keinen Namen dafür habe. Er steht mir so mild und traurig vor Augen, dass ich oft die ganze Nacht weine und ihm immer in Gedanken vielerlei erkläre, was ihm jetzt fürchterlich dunkel sein muss. Ach Gott, wenn ich ihm nur schreiben dürfte, dann wüßte ich noch wohl allerhand, was ich ihm allein sagen kann.
Wehrden, Dezember 1820
Ich wollte neulich eine Novelle schreiben und hatte den Plan schon ganz fertig. Meine Heldin trug schon zu Anfang der Geschichte den Tod und die Schwindsucht in sich und löschte so nach und nach aus. Dies ist eine gute Art, die Leute tot zu kriegen, ohne dass sie brauchen den Hals zu brechen oder an unglücklicher Liebe umkommen. Aber da bringt mir das Unglück aus der Lesebibliothek 4 Geschichten nach der Reihe in die Hand, wo in jeder die Heldin eine solche zarte, überspannte Zehrungsperson ist. Das ist zuviel; ich habe in meinem Leben nicht gerne das Dutzend voll gemacht, in keiner Hinsicht; also habe ich meinen lieben, schön durchgearbeiteten Plan aufgegeben, mit großem Leid, und muss nun einen neuen machen, von dem ich noch nicht weiß, woher ich ihn kriegen soll. Denn die Unzahl an Novellen und kleinen Erzählungen, die seit etwa 20 Jahren herausgekommen sind, haben allen Stoff aufgefressen, und wenn sie ihn auch noch so schlecht bearbeitet haben, so kann ihn doch nun kein anderer Mensch mehr brauchen.
Hülshoff, 4. Februar 1819
… von Werner (dem Onkel nämlich) habt? Hier hören und sehen wir nichts von ihm, der junge Brenken, heißt es, würde bald zurückkommen, ich glaube sogar, er hat geschrieben, aber Onkel Werner meldet nichts davon, ob er gleich, wie mir erst in diesem Augenblick einfällt, nach Bökendorf geschrieben hat, wir haben schon gedacht, er würde den jungen B[renken] allein zurückkehren lassen, und, Gott weiß wie lange noch in Wien bleiben, das wäre doch ein rechter Strich durch unsre Rechnung, wir hatten uns so auf seine Ankunft gefreut, denn man muss froh sein, wenn man ihn hat, weil man nie weiß, ob man ihn so bald wieder zu sehen bekömmt, oder ob er sich nicht gar in ein Schiff setzt und nach Konstantinopel fährt. Ich muss schließen, es ist schon ganz finster …
Hülshoff, Winter 1815
Übrigens bin ich innerlich - (o Anna, ich bitte, verstehe mich diesmal recht) sehr gefasst; man hält meine Zurückgezogenheit wahrscheinlich für Stolz unter meinen Bekannten, denn sie sind fast sämtlich schüchtern und demütig gegen mich geworden, aber mir desto ergebener. Ach Gott, wenn sie einmal in mein gepresstes Herz sehen könnten, sie würden mich nicht mehr lieben.
Liebe Anna, ich will Dir eine böse Richtung meines Charakters nicht verderben - sieh, so wie ich strenger gegen mich werde, werde ich es auch gegen andere - ich komme mir unwillkürlich und unabänderlich vor, wie ein strenger, unglücklicher Richter, der die härteste, nagenste Strafe seiner eigenen Fehler in der unerbittlichen Bestrafung ähnlicher an anderen finden muss; ich fahre großen erwachsenen Leuten mit der ungeheursten Kühnheit über den Kopf, sobald sie eine verderbliche Seite des Charakters zeigen - dass sie sich noch jedesmal danach geändert haben, ist gut, aber ungeheuer drückend, dass sie seitdem eine besondere Verehrung für mich zu haben scheinen - ich wollte, sie merkten es, dass man nur aus Erfahrung so gut über eine Sache sprechen kann.
Ich habe diesen Winter ein ganzes Buch geistlicher Lieder geschrieben, von denen die der Mutter geschickten nur eine kleine veränderte Auswahl sind. Du hast recht, sie sind für mich selber gemacht, und du wirst nicht denken, für wen noch mehr? - für meine Mutter. Sie sind zu einer Zeit geschrieben, wo ich durch die mir überall bewiesene Liebe und Hochachtung noch unendlich niedergedrückter war, wie jetzt, wo ich mich ermutigt habe, auch diese gewiss schwere Prüfung mit Kraft zu tragen.
Der Zustand meines ganzen Gemütes, mein zerrissenes schuldbeladenes Bewußtsein liegt offen darin dargelegt, doch ohne ihre Gründe - und ich wollte geradezu versuchen, wie viel ein mütterliches Herz verzeihen kann, oder vielmehr, mir meine Strafe holen; ich hatte es mit einer Vorrede versehen, die auf all dies vorbereitete. Mama las dieselbe sehr aufmerksam und bewegt durch, legte dann das Buch in ihren Schrank, ohne es weiter anzurühren, wo ich es acht Tage liegen ließ und dann wieder fortnahm - sie hat auch nie wieder danach gefragt, und so ist es wieder mein geheimes Eigentum. - Daß ich es meiner Mutter gab, war unrecht; ich habe kein Recht, die Meinigen zu betrüben, um mir einen Druck zu ersparen.
Denke du nun auch nicht schlechter von mir, weil dieser Brief zuweilen etwas bitter ist, denke nur, dass ich meine augenblicklichen Empfindungen auch ganz ohne die mindeste Linderung und Beschönigung niedergeschrieben habe, wie es vielleicht in dem Grade noch nie jemand getan hat - ich will es dir gestehen, wahrhaftig, liebe Anna, mit dem gerührtesten Herzen, dass ich in allen meinen Leiden mir schon zuweilen mit Gottes Gnade Augenblicke des Friedens gewonnen habe, wie ich sie in Jahren nicht mehr kannte.
Hülshoff, etwa März 1821





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