Kategorie: Briefe an Anton M. Sprickmann



aus: 1819, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

Nun bitte ich Sie noch einmal recht von Herzen, lieber Sprickmann, schreiben Sie mir doch recht deutlich und aufrichtig über das kleine Werk, nicht allein über offenbare Fehler, sondern was Ihnen nur immer unbehaglich daran auffällt und noch verbesserungswert scheint. Ich habe zwar schon soviel darüber reden hören, und jeder klug sein Wollende sitzt zu Gericht (denn meine Mutter, die das erste Exemplar bekommen hat, wie Sie aus der Zueignung sehen, liest es zuweilen zu meinem großen Leide Bekannten vor, und sehr oft Menschen, von denen ich voraus weiß, dass sie recht viel Ungeschicktes darüber sagen werden) und hat ein neues Lob und einen neuen Tadel dafür, und ich weiß oft nicht, worüber ich mich am meisten ärgere. Was das Lob anbelangt, so habe ich schon recht an mich halten müssen, um manche unbedeutende und eben passable Stelle nicht auszustreichen, die mir durch unpassendes Lob ganz und gar zuwider geworden sind.

So kam z.B. ein gewisser Herr, dem mein Gedicht auch nicht durch mich zur Beurteilung vorgelegt worden war, immer darauf zurück, die schönste Stelle im ganzen Gedicht sei (2. Gesang 3. Strophe 3. Zeile): “Es rauscht der Speer, es stampfte wild das Roß”, und erst durch sein vieles Reden wurde mir offenbar, wie dieser Ausdruck so gewöhnlich und oft gebraucht und beinahe die schlechteste Stelle im ganzen Buche ist. Dieser Herr hörte auch gar nicht davon auf, sondern sagte während des Tages mehrmal, wie in Entzückung verloren: “Es rauscht der Speer, et cet. et etc.”, wozu er auch wohl leise mit dem Fuße stampfte. Ich musste endlich aus dem Zimmer gehn. Wie ich vor einer Woche in Münster bin, begegnet mir der Unglücksvogel auf der Straße, hält mich sogleich an und sagt sehr freundlich: “Nun Fräulein Nettchen, wie geht’s? Was macht die Muse? Gibt sie Ihnen noch bisweile so hübsche Sächelchen in die Gedanken wie das Gedichtchen von neulich? Ja, das muss ich Ihnen sagen, das ist’n niedlich Ding: was für ‘ne Kraft bisweilen: ‘Es rauscht der Speer, es stampfte wild das Ross’.” Ich machte mich so bald wie möglich los und lachte ganz unmäßig; ich hätte aber ebensogut weinen können.

Sehn Sie, mein Freund, und so geht’s mir oft. Von der andern Seite würde ich mir wenig daraus machen, mein Gedicht oft auf die albernste und verkehrteste Weise tadeln zu hören, wenn ich nicht dabei gezwungen wär, zu tun, als ob ich ihre Bemerkungen ganz richtig fände, ein freundliches Gesicht zu machen und ihnen vielleicht noch für ihre Aufrichtigkeit danken. Aber wenn ich oft Stellen, von denen ich überzeugt bin, dass sie zu den bessern gehören, als dunkel, unverständlich et cet. schelten höre, uind dagegen die schlechtesten und seichtesten, eben weil nur jeder gut und klug genug ist, um sie ganz zu verstehn und empfinden, loben höre, und soll alsdann noch die oben benannten freundlichen Grimassen dazu schneiden - das ist zu arg, und mit Stillschweigen oder einer Verbeugung kann ich es nicht abmachen; dann bin ich hochmütig.

Nur zwei- oder dreimal bin ich zu meiner Freude mit einem bloßen “recht schön”! abgefertigt worden, sonst ist es jedesmal, wenn ich das Gedicht in die Stube schicke (denn ich hebe es selbst auf, obschon es meiner Mutter gehört, und bin also gezwungen, mein liebes Kind jedesmal selbst in die Hände meiner Feinde zu liefern) so gut, als ob ich auf ein Dutzend Kritiken pränumerierte, denn fast niemand kann der Versuchung widerstehn, sich durch irgendeine Verbesserung als einen denkenden, feinen Kopf zu charakterisieren.

Hülshoff, 8. Februar 1819

aus: 1819, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

O mein Sprickmann, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, um Ihnen nicht lächerlich zu erscheinen, denn lächerlich ist das, was ich Ihnen sagen will, wirklich, darüber kann ich mich selber nicht täuschen. Ich muss mich einer dummen und seltsamen Schwäche vor Ihnen anklagen, die mir wirklich manche Stunde verbittert; aber lachen Sie nicht, ich bitte Sie noch einmal, mein Plagedämon hat einen romantischen und geckenhaften Namen, er heißt “Sehnsucht in die Ferne”; nein, nein, Sprickmann, es ist wahrhaftig kein Spaß. Sie wissen, dass ich eigentlich keine Törin bin; ich habe mein wunderliches, verrücktes Unglück nicht aus Büchern und Romanen geholt, wie ein jeder glauben würde. Aber niemand weiß es, Sie wissen es ganz allein, und es ist durch keine äußern Umstände in mich hineingebracht, es hat immer in mir gelegen.

Wie ich noch ganz, ganz klein war, ich war gewiss erst 4 oder 5 Jahr, denn ich hatte einen Traum, worin ich 7 Jahr zu sein meinte und mir wie eine große Person vorkam, da kam es mir vor, als ging ich mit meinen Eltern, Geschwistern und zwei Bekannten spazieren, in einem Garten, der garnicht schön war, sondern nur ein Gemüsegarten mit einer graden Allee mitten durch, in der wir immer hinauf gingen. Nachher wurde es ein Wald, aber die Allee mitten durch blieb, und wir gingen immer voran. Das war der ganze Traum, und doch war ich den ganzen folgenden Tag hindurch traurig und weinte, dass ich nicht in der Allee war und auch nie hinein kommen konnte. Ebenso erinnere ich mich, dass, wie meine Mutter uns eines Tages viel von ihrem Geburtsorte und den Bergen und den damals noch unbekannten Großeltern erzählte, ich eine solche Sehnucht darnach fühlte, dass, wie sie einige Tage nachher zufällig bei Tische ihre Eltern nannte, ich in ein heftiges Schluchzen ausbrach, so dass ich musste fortgebracht werden; dies war auch vor meinem siebenten Jahr, denn als ich sieben Jahr alt war, lernte ich meine Großeltern kennen.

Ich schreibe Ihnen diese unbedeutenden Dinge nur, um Sie zu überzeugen, dass dieser unglückselige Hang zu allen Orten, wo ich nicht bin, und allen Dingen, die ich nicht habe, durchaus in mir selbst liegt und durch keine äußeren Dinge hereingebracht ist; auf die Weise werde ich Ihnen nicht ganz so lächerlich scheinen, mein lieber, nachsichtsvoller Freund. Ich denke, die Narrheit, die uns der liebe Gott auferlegt hat, ist doch immer nicht so schlimm, wie eine, die wir uns selbst zugezogen haben.

Seit einigen Jahren hat dieser Zustand aber so zugenommen, dass ich es wirklich für eine große Plage rechnen kann. Ein einziges Wort ist hinreichend, mich den ganzen Tag zu verstimmen, und leider hat meine Phantasie so viel Steckenpferde, dass eigentlich kein Tag hingeht, ohne dass eines von ihnen auf eine schmerzlich-süße Weise aufgeregt würde. Ach mein lieber, lieber Vater, das Herz wird mir so leicht, wie ich an Sie schreibe und denke; haben Sie Geduld und lassen Sie mich mein törichtes Herz ganz vor Ihnen aufdecken, eher wird mir nicht wohl. Entfernte Länder, große, interessante Menschen, von denen ich habe reden hören, entfernte Kunstwerke und dergleichen mehr haben alle diese traurige Gewalt über mich. Ich bin keinen Augenblick mit meinen Gedanken zu Hause, wo es mir doch so sehr wohl geht; und selbst wenn Tage lang das Gespräch auf keinen von diesen Gegenständen fällt, seh’ ich sie in jedem Augenblick, wo ich nicht gezwungen bin, meine Aufmerksamkeit angestrengt auf etwas andres zu richten, vor mir vorüberziehn, und oft mit so lebhaften, an Wirklichkeit grenzenden Farben und Gestalten, dass mir für meinen armen Verstand bange wird.

Ein Zeitungsartikel, ein noch so schlecht geschriebenes Buch, was von diesen Dingen handelt, ist imstande, mir die Tränen in die Augen zu treiben; und weiß gar jemand etwas aus der Erfahrung zu erzählen, hat er diese Länder bereist, diese Kunstwerke gesehn, diese Menschen gekannt, an denen mein Verlangen hängt, und weiß er gar auf eine angenehme und begeisterte Art davon zu reden, o! mein Freund, dann ist meine Ruhe und mein Gleichgewicht immer auf längere Zeit zerstört, ich kann dann mehrere Wochen an gar nichts anderes denken, und wenn ich allein bin, besonders des Nachts, wo ich immer einige Stunden wach bin, so kann ich weinen wie ein Kind, und dabei glühen und rasen, wie es kaum für einen unglücklich Liebenden passen würde.

Meine Lieblingsgegenden sind Spanien, Italien, China, Amerika, Afrika, dahingegen die Schweiz und Otaheite, diese Paradiese, auf mich wenig Eindruck machen. Warum? das weiß ich nicht; ich habe doch davon viel gelesen und viel erzählen hören, aber sie wohnen nun mal nicht so lebendig in mir. Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich mich oft sogar nach Schauspielen sehne, die ich habe aufführen sehn, und oft nach eben denjenigen, wobei ich mich am meisten gelangweilt habe, nach Büchern, die ich früherin gelesen, und die mir oft gar nicht gefallen haben. So habe ich zum Beispiel in meinem ungefähr 14 Jahre einen schlechten Roman gelesen, den Titel weiß ich nicht mehr, aber es kam von einem Turme darin vor, worüber ein Strom stürzt, und vorn am Titelblatt war besagter abenteuerlicher Turm in Kupfer gestochen; das Buch hatte ich längst vergessen, aber seit längerer Zeit arbeitet es sich aus meinem Gedächtnisse hervor, und nicht die Geschichte, noch etwa die Zeit, in der ich es las, sondern wirklich und ernsthaft das schäbigte verzeichnete Kupfer, worauf nichts zu sehen ist, wie der Turm, wird mir zu einem wunderlichen Zauberbilde, und ich sehne mich oft recht lebhaft danach, es einmal wieder zu sehn; wenn das nicht Tollheit ist, so gibt’s doch keine, da ich zudem das Reisen gar nicht vertragen kann, da ich mich, wenn ich einmal eine Woche vom Hause bin, ebenso ungestüm dahin zurücksehne, und da auch wirklich dort alles meinen Wünschen zuvorkömmt.

Sagen Sie! was soll ich von mir selber denken? und was soll ich anfangen, um meinen Unsinn loszuwerden? Mein Sprickmann, ich fürchtete meine eigene Weichheit, wie ich anfing, Ihnen meine Schwäche zu zeigen, und stattdessen bin ich über dem Schreiben ganz mutig geworden; mich dünkt, heute wollte ich meinen Feind wohl bestehen, wenn er auch einen Anfall wagen sollte.

Hülshoff, 8. Februar 1819

aus: 1819, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

Was mein damals angefangenes Trauerspiel anbelangt, so habe ich es noch fortgesetzt bis zum dritten Akt, dann blieb es liegen, und jetzt wird es auch wohl ferner liegen bleiben. Es enthält zwar mitunter ganz gute Stellen, aber der Stoff ist übel gewählt, hätte ich es in damaliger Zeit fertig gemacht, wo ich dieses noch nicht einsah, sondern mir im Gegenteil diese Idee sehr lieb und begeisternd war, so war es wohl so übel nicht geworden, aber es ist ein entsetzlicher Gedanke einen Stoff zu bearbeiten, für den ich nicht die mindeste Liebe mehr habe, es ist mir leid, ich wollte, dass ich es damahls fertiggemacht hätte.

Außerdem habe ich in dieser Zeit nichts Bedeutendes aufzuweisen außer einer Anzahl Gedichte, wovon verschiedene geistliche Lieder, die ich für meine Großmutter geschrieben habe, vielleicht die besten sind, ein Gedicht was ich als Zueignung in ein Exemplar des Walthers schrieb, welches meine Mutter an ihre vier unverheirateten Schwestern nach Bökendorf schickte, lege ich bei, damit Sie alles haben, was auf dieses Werkchen Bezug hat, ich möchte mich jetzt auch wohl einmal in Prosa versuchen; und zwar, da ich mich nicht gleich anfangs übernehmen mag, in einer Novelle oder kleinen Geschichte, vorerst, aber, du lieber Gott, wo soll ich einen Stoff finden, der nicht schon (ich lege dies ungleiche Blatt bei, weil ich sehe, dass das andre Papier so durchschlägt) hundertfach bearbeitet und zerarbeitet wäre, “Denn ihr Name ist Legion”, ich hatte seit 1 1/2 bis 2 Jahren nicht viel von diesen Dingern gelesen, wusste also nicht recht, wie die Commercien standen, und hatte mir also schon einen recht hübschen Stoff fast ganz durchgearbeitet, so, das außer dem Niederschreiben nicht viel mehr fehlte, da der ganze Gedanke der Geschichte sich zum Traurigen neigte, und ich doch keine große Freundin von plötzlichen Todesfällen bin, so trat meine Heldin gleich anfangs mit einer innerlich schon ganz zerstörten, und auch äußerlich sehr zarten und schwächlichen Constitution auf, ich hatte die Idee mit Liebe und Wärme überdacht und ich glaube und hoffe, dass es nicht misslungen sein würde, da lassen wir uns in die Lesebibliothek einschreiben, und fordern, weil wir sie in vielen Jahren schon ganz durchgelesen haben, bloß die neusten Sachen, gleich zu Anfang 3 Novellen, wo in zweien die Heldin auf denselben Füßen stand wie die meinige, das frappierte mich, in den folgenden Wochen ebenso, kurz: Ich merke bald, dass ich, anstatt etwas Neues zu erfinden, an den Lieblingsstoff unserer Zeiten geraten bin, nur mit dem Unterschiede, dass meine Heldin weder magnetisierte noch magnetisiert wurde, weil ich zu wenig vom Magnetismus kenne, um darüber zu schreiben, da hingegen den Heldinnen der Lesebibliothek eben dazu oder deswegen ihre Zartheit und Schwächlichkeit erteilt war, denn diesem großen unbegreiflichen, wenigstens mir unbegreiflichen Gegenstande geht es wie dem Löwen in der Fabel, der sogar den Esel schlug, jedes junge Rind muss seine ersten Hörner daran ablaufen, es ist mir aber nun unmöglich, meine Novelle fertig zu machen, da sie schon so viele Schwestern hat, die ihr zwar in der Haupttendenz gänzlich unähnlich, in der Form aber desto ähnlicher sind.

Schelten Sie nicht, mein geliebter Freund, wenn ich wüsste, dass meine Unbeständigkeit Sie verdrösse, so wollte ich viel lieber meine Novelle niederschreiben, ich würde sie überhaupt nicht liegen lassen, wenn ich schon angefangen hätte zu schreiben, aber da das ganze Ding nur noch eine Idee ist, so dünkt mich, es ist besser, ich gehe weiter, und suche mir einen andern Stoff, wenn ich nur einen finden kann, der nicht so ganz und gar ausgedroschen ist.

Hülshoff, 8. Februar 1819

aus: 1818, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

… ich habe in diesem Jahre ein Gedicht in sechs Gesängen geschrieben, dem eine nicht zu wohl ausgesonnene Rittergeschichte zum Grunde liegt, das mir aber in der Ausführung ziemlich gelungen scheint. Dies wollt ich Ihnen nun schicken, sobald es fertig wär, konnte aber nicht so bald damit zu Stande kommen, weil ich im vorigen Jahre sehr an einem Kopfschmerz gelitten habe, der äußerst nachteilig auf die Augen wirkte; und habe ich mich hiebei, wie die Ärzte behaupten, sehr vor Rückfällen zu hüten. Ich habe auch wirklich nie einen halben Gesang ununterbrochen schreiben können, ohne einen kleinen Anfall zu spüren.

Obschon die Gesänge nicht sehr lang sind und ich im Ganzen auch nicht so sehr langsam arbeite, so hat dies kleine Werk doch so oft und lange Feiertag gehalten, dass mir beinahe das ganze Jahr darüber hingegangen ist; und je näher ich zum Ziel kam, je weniger konnte ich mich entschließen, Ihnen einen Brief ohne diese Einlage zu schicken. Das ist aber alles nur ein optisches Blendwerk, wodurch meine Trägheit niederträchtigerweise meine bessere Überzeugung um ihr gutes Gewissen gebracht hat, denn es musste mir nach den ersten Gesängen schon deutlich sein, dass das Ding in meiner damaligen Lage so schnell nicht ging, und so hätte auf jeden Fall meine Brieftaube müssen fliegen lassen und wäre dann nicht so tief in Schulden geraten, wie ich jetzt drin stecke. Ich kann doch am Ende nichts tun wie mich selber auslachen.

Dieser Brief ist eigentlich auch noch nicht der rechte, sondern nur ein Vorreiter des folgenden; denn obgleich das Gedicht jetzt fertig ist, so ist es doch noch nicht abgeschrieben, und das kann auch jetzt nicht mehr geschehn, da der arme Schelm von Rekrute, der diese Zeilen überbringt, uns erst vor ein paar Stunden die Nachricht gegeben hat, dass man ihm ein schönes Tornister geschenkt, wo er dergleichen Sachen hineinpacken kann, und dass er übermorgen seine betrübte Gesandtschaftsreise antritt. In zwei bis höchstens drittehalb Wochen denke ich aber wieder so vor meinem Schreibtische zu sitzen und auszuwählen zwischen dem vielen, vielen, was ich Ihnen so gerne sagen möchte, und wovon ich Ihnen doch nur den kleinsten Teil und noch dazu ganz unvollkommen schicken kann. In einem Monat wird also ohngefähr mein Paketchen bei Ihnen ankommen.

Ich muss Ihnen sagen, ich freue mich ganz kindisch auf Ihre Antwort, obschon es natürlich nicht ganz ohne Furcht abläuft; denn Sie sind zwar ein höchst milder, aber doch scharfsichtiger Richter. Aber ich bitte, achten Sie doch ja nicht auf meine Furcht, und verschweigen mir doch ja nichts von dem, was Ihnen daran missfällt; denn das wär wirklich in schriftstellerischer Hinsicht das größte Übel, das Sie so einem armen Lehrlinge, wie ich es bin, zufügen könnten.

Soeben merke ich erst, dass ich so tue, als wenn das Gedicht schon in Ihren Händen wär, da es doch erst in vier Wochen ankommen kann. Das kömmt davon, wenn man immer so vorweg schreibt, ohne das Geschriebene zu überlesen. Überhaupt rede ich von dem Briefwechsel zwischen Münster und Berlin, als wenn ich nur den Bedienten aus unserm Hause im Krummen Timpen in Ihre gegenüber liegende Wohnung schicken dürfte. Aber wirklich hält sich jetzt so eine Menge Angestellter und Militärpersonen aus Berlin in Münster auf, dass, wenn man nur unter diesem Schlag Menschen ein wenig bekannt ist, die Korrespondenz jeder Art nach Berlin äußerst leicht ist. …

Meine Mutter trägt mir auf, noch ein paar Worte wegen Überbringer dieses hinzuzufügen. Es ist ein Kötterssohn aus unsrer nächsten Nachbarschaft, zu dem mein Vater noch obendrein Pate ist. Wenn Sie ihn in Quartier bekämen, so würden Sie gewiss weniger Last davon haben, wie von jedem andern, und der arme Junge fühlte sich doch nicht mehr so mutterselig allein in dem großen Berlin. Oder wenn Sie etwa einmal einen Taglöhner brauchen, er ist sehr fleißig und sehr getreu, aber auch zugleich sehr blöde, wie Sie ihm gleich anmerken werden. … NB. Der junge Mensch ist seines Handwerks ein Maurer und Spinnradmacher.

Hülshoff, etwa 27. Oktober 1818

aus: 1814, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

An meinem Trauerspiele habe ich bis vor zwei Wochen noch immer fortgeschrieben und werde auch jetzt wieder dabei anfangen; es geht etwas langsam, aber doch hoffe ich, es gegen den Frühling fertig zu bekommen. Ich wollte, es stände sogleich auf dem Papiere, wie ich es denke, denn hell und glänzend steht es vor mir in seinem ganzen Leben, und oft fallen mir die Strophen in großer Menge bei; aber bis ich sie alle geordnet und aufgeschrieben habe, ist ein großer Teil meiner Begeisterung verraucht, und das Aufschreiben ist bei weitem das mühsamste bei der Sache.

Doch kömmt es mir vor, als ob sich meine Schreibart besserte, dies sagen mir auch alle, denen ich es auf Verlangen meiner Mutter vorlas; aber ich fürchte immer, dass diese Menschen gar wenig davon verstehen, denn es sind meistens Frauenzimmer, von denen ich im ganze nur wenig Proben eines reinen und soliden Geschmacks gesehn habe, und so fürcht’ ich, sie täuschen sich und mich. Ach, mein Freund, wie sehn’ ich mich dann oft nach Ihnen, Ihren lehhrreichen Gesprächen, unbefangenen Urteile und sanften Tadel; denn was soll mir das Lob von Menschen, welche nicht tadeln können?

Lieber teurer Sprickmann, ich sehe es täglich mehr ein, wie unendlich viel ich an Ihnen verloren habe und wie ich ohne Sie nur ein schwaches unselbständiges Wesen bin.

Hülshoff, 20. Dezember 1814