Kategorie: Briefe an Betty von Haxthausen
Ich bin vorgestern Abend glücklich, aber ermüdet hier angekommen, und habe meine lieben Eltern und Geschwister gottlob alle noch viel wohler aussehend gefunden, als ich sie verließ … die Mutter … ist ebenso rasch und rührig, ebenso gute Fußgängerin wie sonst. Auch der Papa sieht sehr gut aus, und die Jenny und der Ferdinand gar, sind beide auffallend stärker geworden. Ich habe überhaupt alle so zufrieden und glücklich wie möglich gefunden; Werner ganz und gar liebenswürdig, aus Freude über seine nahe Heirat; Papa ganz verklärt neben seinen Orchisbeeten, wo einige nagelneue Sorten aus der Schweiz blühen - unter uns gesagt, nichts weniger als schön; die am meisten ins Auge fallenden sind hellgelb und machen ungefähr so viel Parade wie eine Schlüsselblume, aber das ist ganz einerlei, es macht ihm die größte Freude.
Mama ebenfalls höchst aufgeräumt und angenehm beschäftigt in der neuen Einrichtung, und Jenny so zufrieden und gesund aussehend in ihren Ökonomie-Geschäften, dass ich am Ende glaube, dieses ist ihr wahres Talent. Wie man sich irren kann. Ich habe immer gedacht, sie würde weder Freude daran finden noch sich dazu schicken, weil sie viele andre Liebhabereien hat und eine fast zu große Güte besitzt.
Wenn ich dir nun noch sage, dass der Ferdinand jetzt auch von den letzten Spuren seiner früheren Schwächlichkeit befreit ist, und dass wir das Geld zu meines Bruders Einrichtung haben ohne Schaden aus dem Holze machen können, so siehst du, liebe Tante, dass dieses für den Augenblick alles mögliche ist. Will uns der Himmel noch sonst irgendein großes brillantes Glück bescheren, so haben wir gewiss nichts dagegen einzuwenden. Aber wenn es nur immer so bliebe!
Hülshoff, 25. April 1826
Ich habe mich unbeschreiblich schwer von Köln getrennt; solange der liebe Onkel noch bei mir war, kam es mir vor, als ob ich noch nicht recht fort wäre. Aber am andren Tage, als ich so mit einem münsterischen Fuhrmann immer weiter fortfuhr, da war mir so zumute, dass ich mir immer vorsagen musste: “Du kömmst ja zu deinen Eltern”, um nicht den ganzen Tag zu weinen. Am andern Tage ging es schon durch bekannte Örter, und des Nachmittags um fünf Uhr sah ich meine liebe Mutter wieder, in einem Dorfe eine Stunde weit von Hülshoff, bis wohin sie uns entgegen gefahren; eine halbe Stunde nachher, unterwege, Ferdinand, Caroline und Malchen, dann zu Hülshoff den lieben Papa und heute mittag Jenny, die von Wilkinghege herüber gekommen ist, mich zu sehn, ich habe mich doch nicht wenig gefreut. Ich musste so lange erzählen, dass ich schon fast nichts mehr weiß.
Am Abend fragte mich die Mutter viel und ernstlich darüber, ob ich mich auch gut betragen habe und Dir immer gehorsam gewesen sei; ich sagte, ich hoffe es, aber es war mir äußerst empfindlich, weil ich bedachte, wie oft ich Dir nur Kummer und Unannehmlichkeit gemacht habe. Ich bitte Dich deshalb aufs innigste um Verzeihung. Du kannst nicht denken, wie weh es mir jetzt tut. Ich bilde mir wohl ein, ich würde nun in der Lage ganz anders handeln, und doch kann ich es nicht mit Gewissheit sagen, denn wenn ich an die arme Mertens denke, wie krank und schwach ich sie zurückgelassen habe, und dass ich sie vielleicht nie wiedersehe, so möchte ich um alles in der Welt nicht getan haben, was sie gekränkt hätte; ich wollte, es hätte alles zusammen bestehn können, das ist alles, was ich sagen kann, und dass es mir empfindlich ist.
Liebe Tante, sei mir nur jetzt nicht böse, da ich fort bin, ich habe Dich doch gewiss von ganzer Seele lieb, wie Du es wohl nicht mal denkst, und, ich bitte, mach doch, dass mir der Onkel nicht mehr böse ist. Ich habe ihm so oft, auch in andern Dingen, widersprochen, was ich auch weit besser nicht getan hätte, er hat doch oft so viele Güte und Liebe für mich gehabt. Es ist mir so peinlich, dass meine Eltern so gewiss voraussetzen, dass ich mich immer gut gegen Euch müßte betragen haben, und dass ich mir doch selbst hierüber kein ganz gutes Zeugnis geben kann.
Hülshoff, 25. April 1826





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