Kategorie: Briefe an Christoph B. Schlüter
Ich bin in Hülshoff und recht krank, an allerlei, am plagendsten an meinem nervösen Kopfweh, das seit sechs Tagen völlig Überhand genommen hat. Ich kann Ihnen deshalb für dieses Mal nur die Hand drücken und weiter nichts. Alles andere, Brief und Gedichte, später gern und vollständig. Betet doch ein wenig für mich, Ihr meine Lieben! Der Schmerz nimmt mir so oft die Gedankenklarheit zum brünstigen Gebete, wenn ich es grade am nötigsten hätte.
Hülshoff, 5. September 1846
Ich bin auf dem Punkte, nach Hülshoff auszuwandern. Mein guter Bruder will es so und hat recht daran; denn so verführerisch, ich möchte sagen betäubend lieblich mein Klausnerleben auch ist, so ist es doch allerdings nicht geeignet, jemanden, der sehr an den Nerven und noch mehr an Apprehensionen leidet, wieder zurechtzuhelfen. Also in Gottes Namen!
Ich schicke den “Helmut” mit vielem Dank zurück; er hat mir viel genutzt; so geschwind er sich von der Sache abmacht; denn mein Wissen war hier wieder gar arges Stückwerk, ohne Ordnung und System, rein Aufgeschnapptes! und es hat mich sehr gefreut, endlich einmal etwas, wenn auch Kurzes, doch Gründliches darüber zu lesen. Die beiden Lateiner nehme ich mit, ich stecke mitten darin in beiden und sage jetzt kein Wort darüber, nur so viel: Beide haben ihren Wert, aber einer derselben macht mich halb närrisch vor Vergnügen. Was für ein liebes liebes Tierchen von einem Buche! Aber welches, sage ich nicht. Sollten Sie es nicht erraten? Ich kann mir nicht denken, dass wir nicht denselben Geschmack hätten.
Liebster Freund, Sie sehen, wie unmöglich es mir ist, ein Paket an Sie ohne einige Worte herzlichen Grußes abgehn zu lassen, mag meine Zeit auch noch so beschränkt und das Schreiben, wie hier, durchaus unnötig sein. Ich schreibe Ihnen, als würden Sie diese Zeilen in einer Stunde lesen, und weiß doch, dass Sie in ihrem verlassenen Zimmer noch 8 — 10 Tage Quarantäne halten und wahrscheinlich mit dem zweiten die Lateiner enthaltenden Pakete zugleich in den Hafen Ihrer Hände einlaufen werden; aber ich wünschte die Bücher vor meiner Abfahrt abzusenden, da in Hülshoff nur wöchentlich einmal (samstags) regelmäßige Gelegenheit und der Bote dann oft schwer bepackt oder doch mit Kommissionen überladen ist; und, wie gesagt, ein Paket an Sie ohne ein beschriebenes Blättchen darin kömmt mir wie ein halber Verrat und eine ganze Unmöglichkeit vor. Adieu, liebster bester Freund, meine Rosse stampfen und schnauben.
Ich befürchte einiges Heimweh nach Rüschhaus, es bleibt hier gar vieles zurück, viel Erinnerungen, viel Träume, mein ganzes liebes Zusammenleben mit mir selbst unter blauem Himmel und Waldesgrün; und dann, was wird aus Thereschens und meinem schönen Zweisiedler-Projekt? und aus dem zweiten Besuche meines Professorchens, auf den ich mich so gefreut? Sie zweifeln wohl nicht, dass, wenn es bei mir gestanden hätte, noch vierzehn Tage zuzusetzen, ich gewiss alle Stricke dazu würde angespannt haben; aber ich habe meinen guten Bruder schon so oft mit Ausflüchten heimgeschickt, dass ich selbst fühlen muss, es gehe nicht mehr ohne wirklich ernstliche Verletzung seiner Liebe und Geduld. Mein Trost ist fortan die fast wöchentliche Fahrgelegenheit nach Münster, wo ich mich denn doch mitunter werde einschmuggeln können.
Rüschhaus, 28. August 1846
Sollte ich Ihnen wirklich eigenmündig Veranlassung gegeben haben zu glauben, ich könne den Leonidas in der Ursprache lesen? Oder trägt die große geistige Elle die Schuld, an der, wie der Fuchs beim Messen den Schwanz, so Sie den glänzenden Schweif Ihr[er] eignen Vielwissenschaft zugeben? Sed non cuivis contingit adire Corinthum! Ich kann elendiglich wenig Griechisch, in meinen besten Glanz- und Übungsjahren kaum über die Fibelschützerei hinaus und jetzt wieder schmählich dahin zurückgesunken. Kurz, ohne den großen Trost der lateinischen Erläuterungen würde ich kaum begriffen haben, wo die Glocken hängen und bin auch jetzt noch bei manchen nicht ganz sicher darüber. Von einem eigentlichem Urheile kann also nicht die Rede sein, doch haben mir manche der Gedichte des Tarentiners einen etwas vagen Begriff von Schönheit gegeben und zugleich die Erinnerung erweckt, als habe ich viele derselben vor langen Jahren in einer sehr guten Übersetzung gelesen. Das Buch hieß “Tempe”, eine sehr schöne Auswahl von Weihgedichten, Distichen, lauter kleines Volk, alle aus dem Griechischen; zwei dicke Oktavbände; Verfasser quasi anonym, d.h. mit zwei Buchstaben bezeichnet. …
Damit Sie nun nicht wieder in solche extravagante Ideen von meiner Gelehrsamkeit verfallen, will ich Ihnen meine Sprachkenntnisse (leider zumeist Unkenntnisse) darlegen: Latein können Sie mir immer schicken, Französisch natürlich auch, das ist ja jetzt so unerläßlich, wie früherhin schlichtweg Lesen und Schreiben. Holländisch werden Sie mir nicht schicken, sonst das verstehe ich auch. Italienisch und Englisch? Schlecht! schlecht! doch letzteres etwas besser. Ich habe in beiden Sprachen keinen Unterricht erhalten, sondern mir nur selbst so ein wenig zurecht geholfen und bin jetzt seit länger als zwanzig Jahren ganz außer Übung und ohne Diktionar. Doch schlage ich mich durch eine leichte italienische Prosa noch allenfalls durch, wie ich vor kurzem an den “Verlobten” des Manzoni erprobt habe; Poesie aber, besonders mit veralteten Ausdrücken und ungewöhnlichen Konstruktionen, ist für mich jetzt fast gänzlich ohne Genuß. Mit dem Englischen steht es etwas besser, und ich nehme es noch allenfalls mit einem Poeten auf, doch werden mir immer hier und dort Worte fehlen, und ich kann dann nur mit betrübtem Seufzen nach der Stelle sehn, wo ehemals eine Diktionar gestanden.
Sehn Sie, liebster Freund, so mangelhaft sieht es bei mir aus, und ich mag meine Halbkenntnisse nur ganz geheimhalten und im stillen doch hier und da ein kleines Profitchen daraus ziehn. …
Ich schicke Ihnen vier Exemplare meiner früheren Ausgabe, verlangen Sie noch mehrere, so lassen Sie es mich nur wissen. Mein Bruder treibt sehr auf meine Herüberkunft, über 14 Tage, höchstens drei Wochen, werde ich nicht mehr zögern dürfen … Es erleichtert mir den Abschied von meiner geliebten Einsamkeit ungemein, dass ich von Hülshoff aus viel leichter zu Euch kommen kann. Das Gedicht, was ich das Ihrige nennen möchte, da es ja einzig für Sie geschrieben wird, hoffe ich Ihnen noch vor Ihrem Ausfluge schicken zu können. Es bedarf dazu nur einer einzigen völlig freien Stunde, unbehindert von Beklemmung oder Kopfweh, und die sind freilich jetzt seltne Vögel und niemand weiß, wann sie kommen. Adieu, mein liebstes Professorchen, adieu, ich werde gedrängt zu schließen. Mit alter Treue,
Eure Nette.
Rüschhaus, etwa 20. August 1846
Ich erhielt gestern einen mir peinlichen Brief von Gottfried Kinkel aus Bonn, er beabsichtigt den so oft fehlgeschlagenen Versuch eines “Rheinischen Jahrbuchs” wieder aufzunehmen, und bittet mich, Westfalen darin vertreten zu helfen, beruft sich auf unser beiderseitiges nahes Freundschaftsverhältnis zu Junkmann, übergeht gänzlich, dass ich seine protestantisch gewordene Frau (die Johanna Mockel) früher sehr genau gekannt habe, und zeigt eben hierdurch, für wie aufgebracht er mich (mit Recht) über diesen Schritt hält. Kurz, sein ganzer Brief ist der Art, dass er einerseits durch dringende Bitte, sehr bescheidene Anforderungen und kräftiges Fürwort mir das Abschlagen fast unmöglich macht, und anderseits den Verdacht katholischer Krassheit, die den Zorn über die Verfehmte auf ihren unschuldigen Mann, der doch rein als literarischer Unternehmer auftritt, ausdehnen könnte, durchscheinen läßt, so dass ich, eben im Interesse unserer religiösen Stellung, ihm ganz gewiss etwas schicken würde, hätte ich mir nicht selbst den Weg verbaut, dadurch dass ich, um mit dem Kölner Feuilleton auf eine unanstößige Art auseinanderzukommen, dem DuMont auf seine Bitte um fernere Beiträge (die nicht unbeantwortet bleiben konnte, da Geld beilag, dessen Empfang angezeigt werden musste) geantwortet, “dass eine größere Arbeit mich vorläufig schwerlich zu kleineren Gedichten oder Aufsätzen, wie das Feuilleton sie verlange, werde kommen lassen”.
Schicke ich nun dem Kinkel etwas, so liegt meine Abneigung gegen das Feuilleton völlig, und die gegen seinen Redakteur wenigstens halb am Tage. Schicke ich nichts, so bin ich, und mit mir die katholische Partei, ebenfalls bittern Folgerungen ausgesetzt, und komme mit meinem größeren Werke (was mich übrigens wirklich beschäftigt) schwerlich durch, da Kinkel leider durch Junkmann Kunde von manchem noch Unedierten erhalten hat? Wissen Sie mir Rat zu geben, liebster Freund?
Rüschhaus, etwa 14. Mai 1846
Sie wissen nicht, was ich in den letzten Tagen gelitten habe, und welche durchdringende Erquickung mir ihre treue vertrauensvolle Freundschaft gerade jetzt sein muss. Ich habe Schückings scheußliches Buch gelesen, ich habe es von wahrhaft wohlmeinender Hand erhalten, mit dem Zusatze, ich müsse es leider lesen, da ich in dem allgemeinen Verdachte stehe, ihm das Material zu seinen Giftmischereien geliefert zu haben. Sie haben es nicht gelesen, und hätten Sie es gelesen, so würden Ihnen doch hundert Anspielungen (die leider andernorts nur zu wohl verstanden werden) unverständlich bleiben und Sie nicht halb begreifen, wie mir zumute sein muss.
Schücking hat an mir gehandelt wie mein grausamster Todfeind und, was unglaublich scheint, ist sich dessen ohne Zweifel gar nicht bewußt.
Gottlob darf ich mir keine Indiskretionen vorwerfen, aber mein Adoptivsohn! jahrelanger Hausfreund! O Gott, wer kann sich vor einem Hausdiebe hüten! Er hat mich über manches, was mir Nahestehende betraf, befragt, über Intentionen, Handlungen, die einen Schatten auf sie zu werfen schienen, und meine warme Verteidigung benutzt, um kleine Umstände daraus zu stehlen, die den von nächster Hand Unterrichteten bezeichnen, und sie dann nicht nur mit alle den Flecken, von denen ich sie mit Recht zu reinigen suchte, sondern auch mit allen Zutaten einer des Juif errant würdigen Phantasie an den Pranger gestellt. Dies ist mein direktester Anteil an seiner Schuld, mein indirekterer, aber noch schädlicherer ist, dass ich ihn in mehrere Familien und bei so manchem einzelnen Freunde, den ich für sein Fortkommen zu Interessieren wünschte, eingeführt, mich für seinen Charakter verbürgt und ihm dadurch Gelegenheit gegeben habe, sich die pikantesten für einen Roman brauchbarsten Persönlichkeiten zu merken und zu diesem Zwecke anderwärts sie betreffende Partikularitäten aufzulesen, natürlich je krasser und unwahrscheinlicher, desto mehr Hoffnung auf literarischen Erfolg! Schlüter! ich bin wie zerschlagen.
O Gott, wieweit kann Schriftstellereitelkeit und die Sucht, Effekt in der Welt zu machen, führen! selbst einen sonst gutmütigen Menschen, denn das bleibt Sch[ücking], die Gerechtigkeit nötigt mich, dies selbst in diesem schweren Moment anzuerkennen. In seinem letzten Briefe konnte er mir Geld für einige Gedichte im Feuilleton schicken. Seine Zeilen strahlten von Freude hierüber, und das war kein Betrug. Er liebt mich, er liebt Sie, er liebt Westfalen überhaupt und hat bei seinem Buche an nichts gedacht, als dem Eugene Sue den Rang abzulaufen; aber er ist verloren, denn er hat die einzige Stütze fahren lassen, an der wir uns von unsern Fehlern und Schwächen aufrichten können.
Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, er schlägt vor der Kirche die Zunge aus, und hier findet keine Entschuldigung statt, höchstens eine: “Herr vergib ihm, er weiß nicht was er tut”. Lassen Sie uns für ihn beten. Christi Blut ist auch für ihn geflossen, und Gott hat tausend Wege, die Verirrten zu sich zurück zu führen, oft durch Not und Kummer, und die sehe ich, bei Sch[ückings] Lust am Glänze und der Unhaltbarkeit seines Talents in nicht zu weiter Ferne voraus. Ich bin sehr bewegt und mag für jetzt nicht weiter schreiben.
Dienstag, 14ten. Ich habe mit meinem Bruder gesprochen und bin jetzt viel ruhiger. Er hat eher als ich um Buch und Gerücht gewußt und mich nur nicht damit betrüben wollen, da er sich den Zusammenhang sehr leicht selbst heraus gefunden. Ob er sich anfangs geärgert hat, weiß ich nicht, jetzt ließ er sich nichts merken, meint: eben das überwiegend Krasse und Unwahre darin könne nur allgemeine Indignation erregen und keinem der Angegriffenen schaden, ebensowenig könne, wenn auch einzelne harmlose Umstände als von mir erzählt erkannt würden, ein vernünftiger Mensch diesen Glauben auf die übrigen entstellten und ehrenrührigen ausdehnen, eine Ungerechtigkeit könne leider nur zu lange standhalten, aber eine Albernheit zerfalle in sich selbst, und dieses sei eine Albernheit.
Ich kann die Sache nicht so leicht nehmen, bin aber doch viel ruhiger, nun es von dieser Seite ohne Verdruß abgegangen ist, denn Werner kränkelt seit Monaten, und ich fürchtete sehr den Einfluß des Ärgers. Übrigens warnte er mich vor auffallenden Schritten, selbst vor weitläufigen Erörterungen gegen Freunde. Stillschweigen und den Nebel verrauchen lassen sei das Beste, er, der Nebel, werde schon von selbst sinken, wogegen ein einziges, am unrechten Orte wiederholtes Wort mir eine giftige Feder auf den Hals hetzen könne, eine Lage, der ein Frauenzimmer sich nie aussetzen dürfe. Wo man nicht von dem Buche rede, solle ich auch nicht davon anfangen, wo ich aber darnach gefragt werde, mein Urheil als Christin und Westfälingerin frei und streng aussprechen und im übrigen jedes Verhältnis zu Schücking so schnell und vollständig als möglich, aber nicht gewaltsam auflösen.
Ich werde sonach unsre ohnedies fast entschlafene Korrespondenz völlig liegen lassen, keine Beiträge mehr ins Feuilleton schicken und bei unsrer Reise nach Meersburg ein Dampfboot wählen, was in Köln nicht anhält, so ist die Auflösung von selbst da, und die Verjährung folgt ihr auf der Ferse.
So muss ich Sie auch bitten, liebster Freund, den Inhalt dieses Briefes niemanden mitzuteilen. Selbst Ihre geprüfte, achtungswerte Freundin, die Räthin Lombard, kann ich hiervon nicht ausnehmen, obwohl ich sie sonst für verschwiegen wie das Grab halte, aber sie kömmt oft nach Bonn, und ich halte ihr Rechtlichkeitsgefühl für zu stark, um sie nicht der äußersten Versuchung auszusetzen, wenn es dort über mich herginge, und Bonn ist sehr nahe bei Köln, bei dem jetzigen Verschwinden alles Raumes fast wie derselbe Ort. Selbst Münster ist von Köln jetzt nicht entfernter als früher Telgte. Vergessen Sie das nicht, liebster Freund.
Was ich selbst nötigenfalls, d. h. wenn ich direkt mit Fragen angegriffen werde, über diesen Punkt sagen werde, ist mir selbst noch nicht recht klar, jedenfalls die Wahrheit, aber wahrscheinlich nicht weiter als die Frage gradezu verlangt. Ich habe eine 75jährige Mutter zu schonen und bin deshalb entschlossen, jedem Anlasse zu Klatschereien (und der liegt in jedem Hin- und Herreden) möglichst aus dem Wege zu gehn.
Nachmittags. Ich komme von einem Spaziergange, die Luft ist so blau, die Vögel so fröhlich, Gottes Segen quillt so reichlich aus den Schollen, wer sollte sich da nicht beruhigt und in seiner Hand wohlgeborgen fühlen! Nichts mehr von Odiosis! Ich würde Sie sehr um Verzeihung bitten, Sie damit belästigt zu haben, wäre dies nicht grade der eigentlichste Kern der Freundschaft, dass sie auch das Leid des Freundes nicht missen will, so wenig wie seine Freuden, oder wenn nicht der Kern, doch die ihm zunächst liegende, ihn umschlingende Faserhülle; der Kern heißt freilich anders, ein Glauben, ein Hoffen, ein gemeinsames Wirken.
Hülshoff, 14. April 1846





Gästebuch: