Kategorie: Briefe an Christoph B. Schlüter
Die vielfachen, ich möchte fast sagen ungestümen Bitten Malchen Hassenpflugs haben mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes, wie ich ihn noch in frühester Jugend gekannt, und die Sitten und Eigentümlichkeiten seiner Bewohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu wählen. Ich gestehe, dass ich mich aus freien Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für erst ist es immer schwer, Leuten vom Fach zu genügen, und in dieser Sache ist jeder Münsterländer Mann vom Fach. Ich erinnere mich, dass einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und einen Diplomaten in sich schloß; jeder war entzückt über alles, mit Ausnahme der Stellen, die jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer in den Schlachtszenen, der Forstmann in den Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophischen Tiraden und der Hofmann in dem Auftreten und Benehmen der gekrönten Häupter; wie soll es mir nun gehn, der jeder Gassenbube im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann?
Mein Trost ist, dass ich selbst hier aufgewachsen bin und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin wie keines andern. Schlimmer ist es, dass die Leute hierzulande es noch gar nicht gewohnt sind, sich abkonterfeien zu lassen und den gelindesten Schatten als persönliche Beleidigung aufnehmen werden. In Paris und London ist es ein anderes, da haben sich die Leute einen breiten Buckel zugelegt, und die Schriftsteller sind so frech, dass eine Tracht Prügel ihnen mitunter wahrhaft heilsam wäre. …
Ich weiß am besten, dass ich meinen Landsleuten weit weniger Unrecht tun, als viel eher durch zu große Vorliebe und Idealisieren mancher an sich unbedeutenden Eigenschaft mich lächerlich machen werde, und dennoch fürchte ich gänzlich in Verruf zu kommen, denn alles kann ich ihnen und meiner eigenen Liebe nicht aufopfern, nicht Wahrheit, Natur und die zu Vollendung eines Gemäldes so nötigen kleinen Schatten.
Wenn Sie, teurer Freund, die Ausführung meines Vorhabens für gänzlich untunlich halten, so sagen Sie es mir jetzt, wo es noch Zeit ist, ich bitte Sie darum. Über die Form bin ich noch unschlüssig und möchte Ihre Meinung hören. Was meinen Sie? Soll ich jene des Bracebridgehall von Washington Irving wählen? Eine Reihenfolge von kleinen Begebenheiten und eignen Meditationen, die durch einen losen, leichten Faden, etwa einen Sommeraufenthalt auf dem Lande verbunden sind? Diese Form ist sehr ansprechend und gibt dem Schreibenden große Freiheit, bald erzählend, bald rein beobachtend und denkend aufzutreten … Oder soll ich eine Reihe kleiner in sich geschlossener Erzählungen schreiben, die keinen andern Zusammenhang haben, als dass sie alle in Westfalen spielen und darauf berechnet sind, Sitten, Charakter, Volksglauben und jetzt verlorengegangene Zustände desselben zu schildern? Dies ist schwieriger, bedarf weit reicherer Erfindung und schließt alle Medidationen und Selbstbeobachtungen fast gänzlich aus. Dagegen ist es weniger verbraucht, läßt höchst poetische und seltsame Stoffe zu, die jener andern Form des täglichen Lebens unzugänglich sind und hat den großen Vorteil, in keinem Falle zu beleidigen, da lauter bestimmte Individuen auftreten, noch obendrein zumeist aus dem Bauernstande, als dem mir am genauesten bekannten und auch noch eigentümlichsten; was sagen Sie dazu?
Geben Sie Ihr Votum ab! Ich will nicht sagen, dass es den totalen Ausschlag gibt, aber es wird gewiss berücksichtigt werden. …
Leider mit ich mit Malchen in allem, was Kunst und Poesie betrifft, [nicht einer] Meinung, da sie einer gewissen romantischen Schule auf sehr geistvolle, aber etwas einseitige Weise zugetan ist; … sie wird mich aber nie in ihre Manier hineinziehn, die ich nicht nur wenig liebe, sondern auch gänzlich ohne Talent dafür bin, was sie verstockterweise nicht einsehn will. Sie wissen selbst, lieber Freund, dass ich nur im Naturgetreuen, durch die Poesie veredelt, etwas leisten kann. Malchen hingegen ist ganz Traum und Romantik, und ihr spuken unaufhörlich die Götter der Alten, die Helden Calderons und die krausen Märchenbilder Arnims und Brentanos im Kopfe. So haben wohl nur die vielen Vor- und Gespenstergeschichten, der mannigfache Volksaberglaube et cet. unsers Vaterlandes sie dahin gebracht, bei meiner Halsstarrigkeit, faute de mieux, diesen Stoff in Vorschlag zu bringen, und ist dies Buch fertig, d. h. wenn Sie mir dazu raten, so wird es ihr schwerlich genügen.
In meinen Gedichten glaubt sie gutes Talent auf höchst traurigem Wege zu sehn, namentlich die “Schlacht am Loener Bruch” ist ihr durchaus fatal, sie nennt es “eine ganz verfehlte Arbeit auf höchst widerhaarigem Terrain”. Sie werden leicht hieraus folgern, dass ihr des “Arztes Vermächtnis” am meisten zusagt. Da sie mich aufrichtig liebt und Großes mit mir im Sinne hat, so quält sie mich unermüdet und mit Bitten, die einen Stein erweichen sollten, von meinen Irrwegen abzulassen. Das ist eine harte Nuß!
Hülshoff, 13. Dezember 1838
Mit der äußeren Ausstattung des St. Bernhard bin ich sehr zufrieden, sie ist in der Tat sehr anständig, einen einzigen Druckfehler habe ich gefunden, der aber den Sinn nicht entstellt und mir somit keinen Kummer macht. Er kömmt vor bei der Szene im Grabgewölbe: “So liegen Sie, und keine Träne Rann auf die bleiche Wange noch”, statt dessen steht “Kam auf die bleiche Wange noch”. Dies macht einigermaßen den Eindruck, als erwarte man, dass die Leichen weinen sollten, dahingegen das rann das Hinabträufeln fremder Tränen deutlicher bezeichnet; doch das macht wenig und ist ohne Zweifel meine undeutliche Schrift schuld daran.
Was mich mehr betrübt, ist, dass ich jetzt überzeugt bin, zuviel gestrichen zu haben, geschrieben sieht alles so lang und breit aus, und die Schwierigkeit und Langsamkeit des Entzifferns dehnt es noch mehr; gedruckt steigen sich die Gedanken und Bilder wie einander auf die Schultern, und ich fühle, dass ich manchen Situationen nicht die zeit gegönnt habe, in lebhafte Anschauung überzugehn, brevis esse volo, obscura fio; doch es muss schon so bleiben bis zu einer etwaigen zweiten Auflage. …
Wegen der geistlichen Lieder ist mir ein kleiner Skrupel gekommen, d.h. wegen einer Stelle. Wenn ich mich nicht irre, ist das Lied vom Feste des süßen Namen Jesu mit unter den zum Druck bezeichneten, und jetzt fällt mir hintennach ein, dass in der letzten Strophe ein Ausdruck immer größten Skandal gegeben hat, und zwar unter meinen nächsten Angehörigen, die ich am wenigstens kränken möchte. Es heißt dort, “und ich soll, o lieber Jesu mein, die Gesunkne, treulos aller Pflicht, dennoch deines Namens Erbin sein” et cet. Den Ausdruck Gesunkne wollten nun alle unpassend und doppelsinnig finden, und nach dem Sinne, den ich beim Schreiben allerdings nicht geahndet habe, sie aber als sehr naheliegend erklärten, kann es ihnen freilich keineswegs angenehm sein, ihn der beliebigen Auslegung eines ganzen Publikums anheimzustellen; ist der Druck also noch nicht soweit vorgerückt, so verändern Sie, ich bitte dringend, die Zeile dahin: “ich, die Arme, treulos aller Pflicht” oder, wenn Ihnen das nicht gefällt, auf andere beliebige Weise. Ich hasse nichts mehr als Verdruß im Hause. Ist es aber schon gedruckt, nun! in Gottes Namen!
Daß “Die Sterne” nicht aufgenommen sind, danke Ihnen der Henker; ich habe ja noch in der letzten Stunde unseres Beisammenseins erklärt, dass ich das Lumpending nicht gedruckt haben wollte, aber Sie machen mit mir, was Ihnen beliebt, Sie kecker, übermütiger Patron! Hätte ich Sie nicht so lieb, so wollte ich Ihnen jetzt tüchtig die Haare scheren, die meinigen standen mir zu Berge bei dem Gedanken, wie wenig daran fehlte, dass mich dieses verhaßte Geisteskind, dessen ich mich gänzlich glaubte abgetan zu haben, auf eine so schmähliche Weise wieder an sein Dasein erinnert hatte.
Daß “Die Gräfin” ebenfalls ausgemerzt ist, steht mir ganz wohl an. Sie werden sich erinnern, dass ich immer behauptet habe, sie stehe dem durchgängig ernsten und einfachen Sinne der ganze Sammlung zu fern, und wahrlich ist dieses der Grund, der auch Sie jetzt bestimmt hat.
Abbenburg, 19. Juli 1838
Ich schicke Ihnen ein Stück Briefes, den ich von der Schopenhauer erhalten, mit der Bitte, mir doch sogleich Ihre Ansicht darüber zukommen zu lassen. Ich meinerseits glaube weder von Herrn Hüffer loskommen zu können und noch weniger, dass er für sein höfliches und freiwilliges Anerbieten eine solche Hintansetzung verdient; doch überlasse ich Alles Ihrem besseren Urteil. Hüten Sie sich aber, Sie arglosester und somit unvorsichtigster aller Menschen, diese Zeilen Herrn Hüffer etwa mitzuteilen, die Ausdrücke obskure und geringe Buchhandlung würden ihm schwerlich gefallen, zudem braucht er, falls Sie der Meinung sind, ihm das Manuskript zu lassen, gar nicht zu wissen, dass ich einen Augenblick darüber schwankend sein könnte; so etwas läßt immer einen kleinen Stachel zurück.
Die Gründe der Schopenhauer sind allerdings triftig genug und bestätigen meine frühere Ansicht, aber der Jenenser kann und wird ja auch wohl mal etwas Späteres übernehmen, wodurch das Versäumte nachgeholt werden kann. Doch, wie gesagt, Sie sollen entscheiden, obgleich ich glaube, es ist zu spät. Mein Bruder nimmt morgen diese Zeilen mit, und übermorgen früh wird er Ihre Antwort holen lassen. Sie werden aus dem Datum der Beilage sehn, dass die gute Schopenhauer schon allzulange auf Antwort wartet.
Mit dem Braunschweig geht es lustig voran, oder ging es vielmehr bis jetzt, wo ich erfahren habe, dass mehrere ältere Werke eine genaue Beschreibung dieser Schlacht nebst beigefügtem Schlachtplan enthalten, somit meiner Phantasie keineswegs das große Feld zu Gebote steht, was ich ihr bereits geöffnet hatte; ich muss also warten, bis ich mir Einsicht in diese Schriften verschafft. … Weit schlimmer als diese Zögerung ist es, dass mein Bruder meint, die Zeitumstände erlaubten nicht, grade jetzt mit einem Gedichte aufzutreten, was die Religionsspaltungen zum Gegenstande habe und so offenbar eine katholische Hand verrate; es sehe aus wie absichtliche Aufregung der Gemüter, werde vielleicht auch hier und dort diesen Eindruck machen, und könne sowohl für mich als Herrn Hüffer von unangenehmen Folgen sein, selbst wenn die Zensur es jetzt passieren lasse, da die Sachen leider so ständen, dass der folgende Augenblick immer schlimmer zu werden drohe als der gegenwärtige. Was sagen Sie dazu? Ohne den Braunschweig gäbe es auch wohl ein leidliches Bändchen.
Der zweite Gesang ist übrigens, meine ich, auch schon gut, obgleich vielleicht weniger nach Ihrem Geschmack, da das darin vorherrschende Kriegs- und Lagerleben nicht so viele Naturschilderungen zuläßt; es ist ohngefähr das Verhältnis wie zwischen den beiden Gesängen des St. Bernhard, nur dass dort überhaupt die Naturszenen weit mehr vorherrschen. …
PS: Was die Schopenhauer vom Honorar schreibt, geht nicht von mir aus, es ist mir nicht eingefallen, eins zu verlangen, aber sie hat es wohl vorausgesetzt, da die Schriften ihrer Mutter, wenigstens früherhin, so stark honoriert wurden.
1. Januar 1838
Wegen meines St. Bernhards wird J[unkmann] mit Ihnen geredet haben, ich wünsche noch immer das Gedicht anderswo herauszugeben, denn ich möchte, dass sei Renommee, gut oder schlimm, bereits gemacht wäre, eh es in den Kreis meiner Bekannten käme, da ich nicht darauf rechne, dass es hier sehr gefallen wird; für auswärts mache ich mir bessere Erwartungen und möchte meiner lieben Mutter, die im Grunde jedes öffentliche Auftreten scheut wie den Tod und nur zu empfindlich ist für die Stimme des Publikums, gern zuerst die möglichst angenehmsten Eindrücke gönnen; dann schmerzen nachher einzelne Stimmen weniger; für mich selbst wäre es mir nur schon gleich, womit ich es zuerst aufnehmen müßte.
Wegen der geistlichen Lieder kann ich Ihnen durchaus noch keinen Bescheid geben, da meine Mutter, die sie seit Jahren nicht in Händen und fast vergessen hat, darüber bestimmen muss. Sie will dieselben zu diesem Zweck durchlesen …
Rüschhaus, 23. März 1837
… Reflexionen können Sie selber machen, die brauche ich nicht aus der Schweiz zu schicken; aber, liebster Freund, ich weiß Ihnen eben nichts Besseres zu geben; die Politik bekümmert uns beide gleich wenig, sonst könnte ich Ihnen sagen, dass die freien Schweizer, die keinen Rang anerkennen wollen, die ärgsten Sklaven des Geldes sind, dass reiche Bauern in den Dörfern uneingeschränktere Herren und schlimmere Tyrannen darstellen, als je der Unterschied des Ranges dergleichen hervorgebracht hat; anderwärts mögen Konnexionen manches bewirken, hier tun sie alles, Geld und Nepotismus sind die einzigen Hebel; wer beides nicht aufzuweisen hat, mag die Hände in den Schoß legen, er ist verdammt, sein Lebelang ein Quäler zu bleiben. Jetzt eben stehn alle Kantone in sich selbst und eins gegen das andere, wie Katzen und Hunde; in je mehreren und gemeineren Händen die tausend Fäden liegen, an denen das Staatsgewebe hin und her gezerrt wird, je elender und interessierter geht es zu; man kann nicht ohne Ekel darauf merken. Doch wir erfahren nicht mehr von der Sache, als man uns gegen unsern Willen in die Ohren hängt. Mein Schwager ist kein geborner Schweizer, sondern ein Schwarzwälder und hat somit als Ausländer mir allem nichts zu schaffen. Punktum!
Daß wir von einem Erdbeben profitiert haben, werden Sie aus den Zeitungen lesen, aber das haben Sie nicht geträumt in jener Nacht, dass ich, Ihre sehr liebe Freundin, Ihr eigentliches Herzblatt, gemeint habe, ein Mörder liege unter meiner Bettstatt und bemühe sich jetzt grade drunter wegzurutschen, um mir in der nächsten Minute das Schermesser durch den Hals zu ziehn. Doch, ernstlich, etwas Ähnliches dachte ich und in derselben Stunde viele mit mir; denn die Erschütterung war sehr heftig, überall klirrten die Fenster, und an manchen Orten fielen Gläser und Flaschen um; auch seltsames Geräusch und Geknall wie von fernen Kanonenschüssen hörte man; da war ich aber noch halb im Schlafe und meinte, es falle von der Kelter im Nebenhause einer der schweren Steine, womit man sie beladet, oder ein Traubenwächter schieße in den benachbarten Weinbergen; dergleichen war ich über Nacht schon gewohnt. Ja, reisen ist doch zu etwas gut. Wo hätte ich zu Rüschhaus ein Erdbeben hernehmen sollen? …
Mein “St. Bernhard” und sein Kompagnon werden sich noch in diesem Jahre den Kritikern stellen. Es ist gut, dass andre Leute für mich handeln, ich selbst weiß doch allzu wenig mir zu helfen. Bald bin ich schüchtern, bald zuversichtlich, und beides ohne Grund; Ehrgeiz habe ich wenig, Trägheit im Übermaß. … In Bonn bei der Frau Mertens hoffte ich die einzige zugleich leserliche und richtige Abschrift der Gedichte zu finden. Sie werden sich erinnern, dass ich dieselbe schon vor länger als einem Jahre dorthin schickte: es war die zum Druck bestimmte und sollte nur vorher durchgesehn werden, von dem Professor D’Alton, der Frau Schopenhauer und der Mertens selbst; denn man wird stumpf durch zu öfteres Überlesen. Das erste Schreiben der Mertens darüber war entzückter, als ich es mit meinen Verdiensten reimen konnte, und seitdem auch keine Silbe weiter. Ich habe mich schon bei Ihnen deshalb beklagt.
Was fand ich in Bonn? Nichts!





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