Kategorie: Briefe an Dorothea von Wolff-Metternich
Ich habe jetzt sehr wenig Zeit, denn der Onkel Max hat mir ein selbstverfasstes Werk über den Generalbass geschenkt. (Eine Abschrift, denn es ist nicht im Druck.) Was folgt daraus? Dass ich aus Dankbarkeit das ganze Werk von Anfang bis zu Ende durchstudiere und auswendig lerne! Ich kann nicht sagen, daß ich es ungern tät, oder dass es mir schwer würde, da ich schon manche andere Werke über den Generalbass kenne, aber ich muss fast meine ganze Zeit daran setzen.
Außerdem wird jetzt fleißig hier im Hause gearbeitet, Jenny spielt und singt mit großem Eifer, da sie glaubt, in ihrer Abwesenheit Manches verlernt zu haben. Tony und Elise malen den ganzen Tag auf Sammet, Tony weiße und gelbe Narzissen und Elise ein Rosenbouquett, wir sehen uns fast den ganzen Tag nicht, so sehr sind wir sämtlich beschäftigt.
Sag mir liebste Tante, wie hat dir neulich meine zweite Auflage, das andere Nettchen Droste gefallen? Habe ich übertrieben? Deinem Sohn Clemens kannst Du nur sagen, dass er nicht daran zu denken braucht, sein mir gegebenes Stammblatt je mit Augen zu sehn zu bekommen, da er nicht mal so artig gewesen ist, auf ein paar Stunden von Münster herüber zu kommen und Abschied zu nehmen. Du kannst ihm den Mund nur recht wässrig machen und sagen, dass ich bereits das herrlichste Pensee von Federn darauf genäht gehabt hatt — des sentimentalen Abschieds, der durch seine Faulheit an ihm vorüber ins Meer der Ewigkeit gerollt ist, gar nicht zu gedenken.
Von einem gewissen Onkel Philipp habe ich noch kein Wort geschrieben, das tue ich aber, um böse Leute nicht auf argwöhnische Gedanken zu bringen, denn ich muss gestehen, dass er mein Herz totaliter in der Tasche hat. Grüß ihn doch 1000 mal. Papa hat jetzt wieder neue Variationen gemacht, auf das Thema “Wenn die Hähne krähen”, die nach meinem Gefühl schöner sind als alle Vorhergehenden.
Hülshoff, 22. September 1821
… wir leben übrigens so still und angenehm für uns hin wie immer, Jenny malt recht viel und macht die übrige Zeit feine Handarbeiten, Ludowine ist uns ein sehr liebes und angenehmes Mitglied, sie ist, wenigstens hier, sehr nachgebend, und immer guter Laune, das letzte ist mir ungeheuer viel wert, denn ich bin wohl zuweilen traurig, aber wenigstens in zehn Jahren nicht mehr übler Laune gewesen (als Kind habe ich mich mehr damit abgegeben) und es gibt wohl keine fatalere Lage, als in der ein Gutlaunigter steckt, wenn er mit einem Übellaunigten in einem Zimmer ist, und weder hinaus gehn kann noch aus Furcht, den andern zu ärgern, wie sonst sprechen und lachen darf.
Ich selbst habe diesen Winter nur sehr wenig tun dürfen und habe deshalb auch bisweilen an der Langeweile laboriert, besonders, da wir es in diesem Winter mit der Lesebibliothek so unglücklich getroffen haben. Ich hätte zwar auf keinen Fall in meiner jetzigen Lage selbst lesen dürfen, aber in den verflossenen Wintern las Mama doch jeden Abend ein paar Stunden vor, aber grade diesen Winter, wo mir dieses Gold wert gewesen wäre, da ich den ganzen Tag nichts tun, nicht einmal denken durfte und die übrigen viel zu beschäftigt waren, um sich mit mir abzugeben, grade diesen Winter hatte Mama bald etwas zu tun, bald Kopfweh, bald waren Fremde hier, kurzum, es ist gewiss keine zehnmal vorgelesen worden, obschon wir den ganzen Winter hindurch eingeschrieben waren, und zudem haben wir immer so dummes Zeug geschickt erhalten, dass wir meistenteils mitten im Buche aufgehört haben.
Dies ist nun freilich eigentlich unsre Schuld, da wir die Bücher selbst aufschreiben, die wir verlangen, aber wir haben uns schon so lange in den münstrischen Leihbibliotheken herum getrieben, und sie schaffen sich so wenig Neues an, dass wir das Beste schon herausgelesen haben, und es nun mit dem ganz Unbekannten versuchen müssen.
Hülshoff, 27. März 1819





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