Kategorie: Briefe an Elise Rüdiger



aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Mein lieb lieb Lies! Ich wage es, einen Brief an Sie anzufangen — jeden Tag einige Zeilen, da muss es doch endlich etwas geben. Mein Gott! wie ist doch in Münster die Trennung der Gesellschaften so groß! Dass auch nicht einer Ihrer Bekannten erfahren hat, wie elend krank ich gleich nach meiner Mutter Abreise geworden bin, und dass nur die äußerste Not, die allerseitige Überzeugung, dass ich in diesem Zustande keinem westfälischen Winter entgegengehn dürfe, meine nachträgliche Reise wie alles Notwendige auch möglich gemacht hat — denn Sie müssen wissen, dass ich Hülshoff in einem Zustande verlassen habe, wo ich keine halbe Stunde außer dem Bette sein konnte, ohne ohnmächtig zu werden. Doch ging die Reise leidlich; hier brach aber das Übel erst recht los, ich bin mehrere Monate völlig bettlägerig gewesen und noch immer sehr schwach. Dies ist mein erster Versuch zum Schreiben, doch ich habe bis zu Ihrem anberaumten Geduldstermin noch viele Zeit vor mir, noch fast vier Wochen, so hoffe ich sogar etwas weitläufig werden zu können.

Ja, lieb Herz, alle meine schönen Träume von Rüschhauser Einsamkeit, Harfenruhe und Abendrot haben kaum ein paar Tage lang einen schwachen Anlauf zur Realität nehmen können, dann war es vorbei. Die Spannung der letzten Zeit hatte mich aufrecht erhalten, und nun fiel ich zusammen wie ein Taschenmesser. Miserabel! 6-7 Mal im Tage Erbrechen — ein erstickender Husten und Schleimandrang — immer Fieber — kein Schlaf. Der gute Kühnast, der wenige Minuten vor Mamas Abfahrt nach Rüschhaus gekommen und somit, da wir alle zu verwirrt und angegriffen waren, um unsre Worte zu wägen, hinter das Geheimnis des Inkognitos gekommen war, musste sich dennoch behandeln lassen, als sei von allemdem nichts passiert, ich ließ ihm nämlich in der nächsten Woche sagen, “er möge mir keine Bücher mehr schicken, da ich sogleich nach Hülshoff abfahren werde” — und er hat’s geglaubt, was mir sehr lieb war, denn ich hätte ihn sehr ungern beleidigt, und noch unlieber weh getan, und war doch viel zu elend, Besuche anzunehmen, am wenigsten von Herrn.

Werner, dem ich Nachricht von meinem Befinden geschickt und dem sein armes Bein nicht zu kommen erlaubte, schien, bedeutend ungläubiger (kein Prophet in seinem Vater-Lande respektive -Hause!), alles für Schulkrankheit zu halten (Hülshoff hier die zu schwänzende Schule), und riet Diät, Verlassen der Einsamkeit und vor allem Bewegung an. An letzterer habe ich mich dann auch in der ersten Zeit halb tot exerziert, bis ich umfiel, und endlich das Bett völlig hüten musste. Ach, lieb Lies, da war Rüschhaus gar kein liebes heimliches Winkelchen mehr! Ich sah den ganzen Tag nur die niedrigen Balken meines Schlafzimmers, und außer dreimal im Tage sah keine Seele nach mir, da die Ernte im Gange war und auch die Köchin viel daran half — sonderlich nachmittags, wo sich das Gemüse-Aufwärmen und Saure-Milch-Aufsetzen in einer Viertelstunde abmachen ließ, war von eins bis sieben das Haus ringsum verschlossen, ich mutterseelen allein darin, fiebernd und würgend, bedurfte ich etwas Unvorhergesehenes, so musste ich aus dem Bette klettern und mir selber Rat schaffen, oder, wenn ich grade im Fieberschweiß lag, geduldig aushalten bis zur Erlösungsstunde.

Ich habe dies in meinem Eremitenleben sonst auch schon mitgemacht, aber nicht krank — dann freute ich mich dieser tiefen Einsamkeit, da mir Küche und Keller ja offen standen und ich im Notfalle an der steinernen Gartenbank meine Leute sehr leicht errufen konnte, aber jetzt kam ich mir oft vor wie ein armer Soldat, der sich auf dem Schlachtfelde verblutet. Freilich war das meine eigne Schuld, ich hätte ja nur Jennchen oder Anna zu Hause behalten können, aber die Leute sahen alle so eilfertig aus, rannten und schnauften so furchtbar, dass es mir gar nicht einfiel, jemand dem großen Werke zu entziehen. Lieber ging ich nach Hülshoff — nicht ohne Scheu vor Gottes neunfachem Segen dort.

Werner und Line empfingen mich an der Treppe jubelnd und spottend, dass die Langeweile mich endlich hergetrieben, wurden aber mäuschenstill, als ich so elend aus dem Wagen stieg, und nach einigen Minuten im Wohnzimmer ohnmächtig wurde. Man brachte mich gleich in meine Stube, und ich kann nichts anderes sagen, als dass ich bis zu meiner Abreise die sorgsamste zärtlichste Pflege dort genossen habe, doch ohne Erfolg für meine Gesundheit, da zu allem anderen noch die Cholerina kam, und endlich in eine vollständige Blutruhr überging. Sie können denken, wie mir nun erst völlig elend wurde. Werner riss sich fast die Haare aus dem Kopfe, dass ich keine Arznei nehmen wollte, und als die letzte schlimme Krankheitszugabe sich später verloren hatte und ich nun täglich etwa eine halbe Stunde aufsitzen konnte, kam meine Reise denn zur Sprache.

Ich sagte “nach Meersburg!” Werner meinte, “er wolle froh sein, wenn er mich nur bis Bonn hätte, dort sei auch schon Bergluft und sehr geschickte Ärzte”. Der arme Schelm war ganz betrübt, Reisen schien ihm eigentlich unmöglich, und Bleiben noch schlimmer. Er gab mir seinen Heinrich mit (der grade in den Münchner Ferien dort war) und fuhr selbst mit bis nach Münster, um zu sehn, wie mir das Fahren bekomme, aber das Rütteln tat mir wohl. In Münster legte ich mich gleich zu Bette und ließ Schlüters herüber bitten, nach deren Fortgehn ich dann zu Nanny und Luischen schicken wollte (es war fast finster, wie ich ankam), stattdessen kam Rosine Wintgen, die mich hatte vorüber fahren sehn, um mir aus Briefen ihrer Valencienner Schwestern endloses Lob der Meersburger mit auf den Weg zu geben, mir die Anzeige des “Rheinischen Jahrbuchs” zu bringen, und mich zu bitten, Maßregeln zur Unterdrückung meiner “Charakteristik” bei lebendigem Leib zu ergreifen - mir war dieser Gedanke ebenfalls höchst widrig an sich und gewiss allen den Meinigen ein gräulicher Skandal, so ärgerte ich mich tüchtig.

Schlüter kam allein mit seinem Vorleser, die Wintgen ging — und nun war es so spät, dass ich nicht mehr daran denken konnte, Nanny und Luischen noch herzubescheiden, so trug ich denn Schlütern auf, ihnen alles Liebe und Herzliche von mir zu sagen, und auch sonst alles — dass ich fort müsse, wie krank ich sei, wie gern ich sie noch gesehn hätte - und das alles möchten Sie Ihnen berichten, mit dem Zusatze, “dass Sie sich nicht wundern dürften, vielleicht ein halbes Jahr lang keinen Brief von mir zu erhalten, da jedes Bücken mir Erbrechen zuwege bringe, und das Übel jetzt viel zu dezidiert auftrete, als dass ich es noch ferner bravieren dürfte, so dass ich, bestenfalls, einer langen strengen Kur entgegen sehe”. Es scheint, Schlüterchen hat alles vergessen und mich wahrscheinlich gar nicht so krank gefunden, da er mich ja nicht sehn konnte, und ich zum Abschiede lebhafter sprach als mir gut war. Auch für Kühnast gab ich ihm einen Gruß und Dank für so manche Gefälligkeit mit — wird auch wohl nicht angekommen sein! Doch ich muss mich kürzer fassen.

Der Weg bis Bonn wurde mir recht schwer, hätte ich den Heinrich nicht bei mir gehabt, der mich fortwährend im Arme hielt, und überhaubt pflegte wie eine Wartfrau, ich wäre im ersten besten Dorfe liegengeblieben, er verließ mich mit der Überzeugung, dass ich in Bonn bleiben werde, was auch Pauline, deren Empfang rührend herzlich war, als ausgemacht annahm.

Ich blieb fast 14 Tage in Bonn.

Schückings ließen zu meiner großen Erleichterung nichts von sich hören, obgleich fast unmittelbar, nachdem ich angekommen, meine Ankunft und wahrscheinlich längerer Aufenthalt in der (ich glaube gar Kölner Zeitung) stand. Reden hört ich aber mitunter von ihnen, sie wird schön gefunden und in jedem Betracht bedeutender als er, beliebt scheinen beide nicht, sie gelten für kalt, aufgeblasen, und man zuckt sehr bedenklich die Achseln über ihren gewaltigen Aufwand. Als Autoren betrachtet scheint Cottas gegen sie ausgesprochene Ansicht auch am Rheine die allgemeine zu sein.

Mir wurde in Bonn besser, oder wenigstens bequemer, die inneren Krämpfe fingen an sich, nach Fieberart, auf gewisse Stunden zu beschränken, wo sie freilich um so ärger hantierten, ich gewann aber freie Zeit, wo ich sogar aufstehn und Besuche sehn konnte. Junkmann besuchte mich dreimal — Sie haben Recht, er ist der alte reine Charakter geblieben, aber ich fürchte, er geht bürgerlich zugrunde; er hat jeden Gedanken an ein Doktor-Examen und überhaupt eine feste bürgerliche Stellung aufgegeben und exaltiert sich in der Idee, als freier Literat die Hydra des Zeitgeistes zu bekämpfen — freier Literat! das ist die grade Straße zum Bettelstabe! wenigstens für ihn, dem Fruchtbarkeit und populäre Schreibart so gänzlich fehlen, gewiss!

Ich machte ihm die beweglichsten Vorstellungen, auch von Schlüters Seite, der mich eigens dazu beauftragt, “doch zuerst, und zwar gleich, ehe er alles vergessen, sein Examen zu machen, um jedenfalls einen Broterwerb im Hinterhalte zu haben”, er lachte aber so krampfhaft und wild, dass es mich ordentlich grauste, und rief: “Hoho! Brotstudium! Das sind mir die rechten Philister! Da erkenne ich das echte münsterische Pfahlbürgertum, wo ihr noch alle bis über die Ohren dadrin steckt! Ich bin aber seitdem mit vielen andern Leuten umgegangen und längst weit darüber weg. Im schlimmsten Falle kann ich ja alle Tage Kapuziner werden.” Dann zog er einen Fünf-Talerschein aus der Tasche und sagte: “Sehn Sie, das ist alles Geld, was ich noch habe, aber das macht mir nichts!” Und nun ging das krampfhafte Lachen und Herzählen seines künftigen glorreichen Wirkens, und wie er alles zu Boden donnern wolle, wieder an. Muss einem da nicht bange bei werden? Ich fürchte, wir erleben noch traurige Dinge an ihm! Es ist nicht möglich, das ein Körper dieser ewigen Aufgeregtheit, diesem furchtbaren Andränge von Ehrgeiz und Überspannung auf die Dauer widerstehn kann.

Ich bat ihn, zu Kinkel zu gehen, die bewusste Charakteristik im Manuskripte zu durchlesen und, falls sie nicht diskreter sei, als sich überhaupt von der Charakteristik einer noch lebenden Person erwarten lasse, Schücking in meinem Namen um Unterdrückung derselben zu bitten. Er teilte meine Ansicht von dem Widrigen dieser Schaustellung, ging aber keineswegs zu Kinkel und antwortete mir jedesmal ganz ruhig: “Ja! Sieh! Da habe ich nicht an gedacht!”, bis fast 14 Tage darüber verflossen, wo er mir dann eben so ruhig die Nachricht brachte, “er sei um ein Geringes zu spät gekommen, die Charakteristik komme eben aus der Presse”. An Entschuldigen dachte er nicht, war aber übrigens mitunter warm und herzlich wie immer, und nahm sehr bewegt Abschied von mir, als ich den scheinbar tollen Entschluss ausführte, ganz allein die weite Reise nach Meersburg zu unternehmen.

Ich fühlte mich sehr krank, glaubte nicht an Besserung und wollte bei den Meinigen sterben.

Meersburg, 4. - 16. Februar 1847

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Jetzt müssen Sie doch wohl wieder zu Hause sein. Ich bin richtig hier geblieben, im strengsten Inkognito, was auch höchst nötig war, denn ich bin schändlich krank geworden. Vorher hatte ich nicht Zeit dazu, aber jetzt habe ich ein ganzes Jahr voll Kummer, Sorge und Ärger nachzahlen müssen. Zudem war mein Homöopath verreist, ist erst vor einigen Tagen rückgekehrt, und ich habe mich solange allein durchgebissen - ganz heimlich, besonders vor den Hülshoffern, um den Klövekorns, Wörlitzens et cet. zu entgehn. Schade, dass der Bönninghausen eine Frau hat, er würde mich sonst gewiss nehmen, wenn nur ein Funken Dankbarkeit und Edelmut in ihm ist. Jetzt aber wird niemand nehmen und hat genommen als ich - nämlich vorgestern das erste Pülverchen, und die Beklemmungen haben danach schon so bedeutend nachgelassen, dass ich heute unternehme, Ihnen zu schreiben.

Aber was? Das mögen die Götter voraus wissen, aber ich nicht; hier ist der Welt Ende, und ich werde von dem, was weiter als 1000 Schritte von meinem Kanapee passiert, nicht mehr gewahr, wie die Heroen im Elisium von der Oberwelt. …

Von meiner lieben Mama habe ich vor einigen Tagen die ersten Zeilen erhalten; nur wenige, denn sie hatte gerade ihr Herzklopfen gehabt, aber mir doch ganz beruhigende, da sie glücklich übergekommen und, wie mir scheint, sehr kregel und mit allem in Meersburg aufgeschickt ist. Doch das ist sie ja immer! Jenny hat nicht nur das Glück, entschieden ihr Lieblingskind zu sein, sondern auch die kleinen Mädchen gehen ihr bei den Hülshoffer Enkeln weit, weit vor! Es ist natürlich, sie kann dort miterziehen und sich an der Entwicklung kleiner Talente freuen, die bei den Hülshoffern entweder nicht vorhanden oder wenigstens ganz außer ihrem Bereiche sind.

Laßbergs waren bei ihrer Ankunft nicht in Meersburg, sondern im Bade zu Überlingen. Wir wussten dies voraus. Jenny hatte es geschrieben, aber Mama mochte ihre Reise deshalb nicht aufschieben, da einmal alles gepackt und auf dem Sprunge war; so hat es in Überlingen (was auf dem Wege liegt) eine Überraschung gegeben, halb freudig, halb auch nicht, da die gute Jenny sehr betrübt über mein Ausbleiben gewesen ist. Sie hat mir so herzlich und wirklich bekümmert darüber geschrieben, dass ich ganz in Reue zerfließen würde, träte mein Befinden nicht zu siegreich dagegen auf, aber nun danke ich Gott, dass ich hier bin.

Mein Mütterchen hat bis Freiburg auch nicht die mindeste Ermüdung von der Reise gespürt, wodurch ihr der Kamm so gewachsen ist, dass sie den Hauderer an den Nagel gehängt und, um schneller überzukommen, sich der Schnellpost anvertraut hat; den Tag durchgefahren bis nachts 12 Uhr; dann bis drei in einer Passagierstube gesessen, die voll rauchender Herren gewesen ist; und endlich doch angeführt, denn in Stockach blieb die Post am hellen Tage liegen, und Mama nahm, um doch wenigstens ein verkümmertes Röschen von diesem Dornenstrauch zu brechen, Extrapost, und erreichte so wirklich ihren Zweck; aber sehr degoutiert und todmüde.

Laßbergen hat sie sehr wohl aussehend gefunden, Jenny aber an einem hartnäckigen Husten leidend, mit handgroßer spanischer Fliege auf der Brust, doch gottlob bereits auf der Besserung, doch noch elend aussehend. Sie ist mitgefahren nach Meersburg auf einige Stunden, solange der Postillon sich ausruhte, dann aber nach Überlingen zurück, und Mama hat zehn Tage lang das alte Schloss allein beherrscht; ich glaube zu ihrem großen Behagen, da ihr vorerst Ruhe das Nötigste und das Wiedersehn einiger geschätzen Bekannten sehr erwünscht war, und Laßbergs quecksilberne Natur hätte sie zu beidem so bald nicht kommen lassen.

Jetzt sind alle wieder beisammen, Jenny ordentlich unter Arztes Händen und daher auch wohler. Sie und Ihre liebe Reisegesellschaft wurden noch immer erwartet, obwohl mit sehr abnehmender Hoffnung. Ich hatte es mir wohl gedacht, dass Sie nicht hingehen würden, Sie hatten so keinen Appetit dazu. Nun! Da ich nicht dort bin, ist’s mir ziemlich einerlei, wiewohl ich Laßbergs doch die Freude gegönnt hätte.

Meines Bruders Fuß ist besser, aber erst nach einer harten Kur mit immer neu aufgelegten und wieder abgerissenen Fliegenpflastern über das ganze Bein, ein dreiwöchiger Lazaruszustand ohne Schlaf mit höchster Nervenüberreizung; aber, wie man behauptet, eine Radikalkur! Gott gebe es! Bis jetzt geht er noch am Stocke - freilich, ein gutes Avancement vom festen Bettliegen, aber doch noch lange keine Heilung!

Lieb Herz! Es lautet schändlich Ihnen gegenüber, aber ich werde wahrlich aufhören müssen zu schreiben aus Mangel an Stoff. Sie können sich die Tiefe meiner Verschollenheit gar nicht denken! Kein Brief (der von Mama der einzige), kein neues Buch, keine Zeitung, kein Besuch, auch keine mündliche Nachrichten, da ich die Bückersche nirgends hinschicke und, was Hülshoff anbelangt, so habe ich Werner noch zuletzt meiner Mutter leise sagen hören: “Man muss ihr mal ganz ihren Willen lassen - die allertiefste Einsamkeit - das ist eine fixe Idee - da lässt sich nichts dagegen machen, sie wird es schon bald müde werden und zu uns kommen!” Da hat er freilich nebenhergeschossen, meine Einsamkeit ist mir täglich lieber; aber Wort gehalten hat er, Hülshoff ist für mich wie gar nicht vorhanden, und leitete ich mir nicht durch Nebenquellen Nachrichten von seinem und der Seinigen Befinden zu, so könnten dort Mirakel geschehen, ohne dass ich es gewahr würde.

Vorgestern schickte ich Hermann mit Mamas Brief hin, schrieb auch einige unbefangene Zeilen dazu, und es hat mich sehr gerührt, wie er ihm durchs Fenster entgegengerufen hat: “Hermann, hieher! Will meine Schwester kommen? Wann soll ich sie abholen?” Es ist ein gutes Blut! Ach, ich werde nicht mehr so gar lange zögern dürfen! Ich werde in den greulichen Kinderlärm, in den jetzt endlosen Besuchstrain hinein müssen, wenn ich ihn nicht mehr kränken will, als ich vor meinem Gewissen verantworten kann! Aber jetzt mag ich noch nicht, ich muss erst ganz wiederhergestellt sein, d. h. bis auf den Punkt, über den ich wohl leider nie mehr hinauskomme.

Und es ist noch so schön hier! Wenn die rote Sonnenkugel in den Eichen steht, denken Sie daran? Ich liege jetzt jeden Nachmittag auf der Harfe (morgens steht die Sonne auf der Treppe), lese eine Menge älterer Bücher, Geschichtswerke, lateinische Klassiker, die sich seit zwanzig Jahren in dem unzugänglichen Schrank über dem Flügel braun und gelb geärgert haben; und es ist mir noch nie so klar geworden, wie die Menschen sich zu allen Zeiten so gleich gewesen sind, und namentlich die Verschiedenheit der Stände schon vor 1800 - 2000 Jahren ganz dieselben Ansichten und Gesinnungen mit sich geführt hat. Ich bin jetzt eben in dem vertrauten Briefwechsel Ciceros - welche Moquerie! welche durchtriebenen Intrigen! und welche ungemeine Höflichkeit und Feinheit des Takts! Und welches scharmante Entgegenkommen und gegenseitige heimliche Verachtung der Geld- und Geburtsaristokratie! Sie dürfen nur das Alleräußerlichste und Nichtsbedeutendste ändern - statt Toga “Frack” - statt Senat “Parlament” - statt Sklaven “Domestiken” setzen, und Sie haben (soweit es den herrschenden Ton anbetrifft) Memoiren aus jeder beliebigen überfeinerten, verderbten Zeit. Man muss sich erst hineinlesen und allerdings die Kenntnis einer Anzahl kleinerer Beziehungen (gesetzliche und gebräuchliche) zu eigen machen, aber sobald man vollkommen au fait ist, gibt es kaum eine anziehendere Lektüre.

Mag ich nicht mehr lesen, so zeichne ich, d. h. ordentlich, ausgearbeitet, obwohl freilich noch fehlerhaft genug, aber doch mitunter Skizzen, die mir selbst Spaß machen. So gehen die wenigen Stunden, wo ich etwas unternehmen kann, pfeilschnell hin, und in den übrigen muss mir natürlich Ruhe und Alleinsein doppelt lieb sein. Sähe ich dieser Lebensweise, die mich so zufrieden macht, wie es bei entschiedenem Übelbefinden irgend möglich ist, Dauer an, so würde ich mir durch Einschreiben in die Leihbibliothek noch eine große Ressource eröffnen, käme vielleicht, wenn die begonnene Besserung fortschreitet, bald wieder dahin, selbst etwas schreiben zu können, aber - wozu Luftschlösser bauen! Vielleicht ist mein nächster Brief schon von Hülshoff!

Bitte, lieb Lies, teilen Sie niemanden diesen Brief mit! Fürs erste ist es ja ein Geheimnis, dass ich hier bin, und dann auch um meines Bruders willen, der mir sein Haus so freundlich öffnet und es nicht um mich verdient, wie ich es noch in der Welt umherschreibe, wie ich lieber hier bin. …

Wissen Sie wohl, lieb Herz, dass ich bereits viel, viel zu lange geschrieben habe? und mir die Brust geht wie ein kochender Topf? Das Lies verführt mich immer zu Ausschweifungen. Ich will nur ein paar Worte schreiben, aber es wird immer ein langer Brief. Wären Sie hier, da hätte ich es wohlfeiler! NB. was meinen Sie, wenn ich mich im Frühjahr wieder hieher machte, und Sie kämen dann zweisiedeln? Es ist ein köstlicher Gedanke und, wie mich dünkt, ganz ausführbar, wenn Sie es nur jetzt schon darauf anlegen. Antworten Sie mir doch hierauf, dann baue ich auch schon den Winter durch vor. Adieu! 1000 Küsse für Sie, und einen schönen Gruß für Rüdiger! Ihre treue Nette

Rüschhaus, 30. Juli 1846

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Junkmann hat nicht für gut gefunden, Notiz von meinem Geschenke und Briefe zu nehmen, oder vielmehr zu geben; artig ist das nicht, aber mir recht lieb; J[unkmann] ist ein so seltsamer Mensch, dass man aus seinen Briefen eigentlich auf gar nichts schließen kann; oft meint man, sie ganz klar zu verstehn, und er behauptet hintennach grade das Gegenteil gemeint zu haben. Wie? weiß Gott und er allein. Ironisch? das will nicht immer passen. Ich denke hieroglyphisch. So will ich ihn nicht voreilig richten, aber bis ich ihn selbst gesehn und mich vielleicht eines Erfreulicheren überzeugt habe, bleiben er und sein Briefwechsel mir unheimlich.

Schücking hat mir dagegen einen wirklich herzlichen Brief geschrieben; er konnte mir Geld und einen sehr artigen Brief von DuMont schicken, da hat seine natürliche Gutmütigkeit und Lust andern Freude zu machen ihn liebenswürdig gestimmt. Er hat jetzt ein Töchterchen, “Gerhardine”, das aber sehr viel schreit und, wie ich fürchte, in der elterlichen Liebe dem kleinen “Herrn der Schöpfung” sehr wird nachstehn müssen. Dem Lotharchen wird als mütterliches Erbteil ein ganz enormes musikalisches Talent zugeschrieben; gehen und sprechen kann er noch nicht, aber “trotz seiner 14 Monatchen eine Polka ganz taktfest singen”. Der gute Levin weiß nicht, dass seine Luise trotz ihrer magnifiken Stimme fast ebensowenig Gehör hat als er selbst!

Er fordert mich ganz naiv auf, eine Rezension seiner Gedichte von Dingelstedt (ich meine im “Morgenbl[att]” der “Allgemeinen”) zu lesen. Das Klübchen tut gar nicht heimlich damit, dass es sich untereinander rezensiert! Diese habe ich nicht gelesen, aber eine im “Frankfurter Konversations-Blatt” von Riehl, Nr. 17 - 18, die er mir schwerlich würde empfohlen haben. Sie ist von einer perfiden Freundlichkeit, so wohlwollend und so herabsetzend! Gleich der Eingang: “Es gibt Schriftsteller, die man nicht scharf rezensieren kann, die durch das Harmlose ihres Auftretens und Schaffens, durch ein mildes freundliches Wesen et cet”. So geht es voran; das Resumé des Ganzen: “Er sei ein gemütliches, weibliches Talent, nur dann unangenehm, wenn er über seine Sphäre hinaus wolle, freiligrathisiere et cet., werde schwerlich Epoche in der Literatur machen, aber in manchem sinnigen Gemüte, und er sei, mit einem Worte (als Schluß), ein Dichter, dessen Gedichte man sinn- und gemütvollen Frauen nicht genug empfehlen könne!” Ich fürchte hiervon eine sehr schädliche Wirkung. Statt sich auf das ihm bezeichnete Feld (für ihn wirklich die einzige kränzetragende Arena) zu beschränken, wird er nun doppelt donnern und blitzen, das Kraftgenie forcieren wollen, und dann ruiniert er seinen ganzen, ohnedies schwankenden Ruf, was doch in seiner Lage ein reelles Unglück wäre. Ich möchte ihn gern warnen, aber es wird nichts helfen, und meine Mitwissenschaft um diesen angehängten Flecken ihn nur beschämen und erbittern.

Rüschhaus, 2. April 1846

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Von Schlüterchen habe ich vorgestern einen sehr herzlich gemeinten, aber grausam hölzernen scherzhaften Brief in Versen bekommen. Es ist komisch-rührend, auf diesem Meere von Güte und wahrer Kindlichkeit den Philisterzopf so stattlich herumsegeln zu sehn! Die lieben Leutchen denken, ich sei sterbenskrank, weil ich, meiner noch immer hartnäckigen Geschwulst im Ohre wegen, nicht ausgehen kann, und wollen mich nun mit auserlesenen attischen Scherzen erheitern. Ich habe noch nicht darauf geantwortet, will aber nächstens daran und frisiere schon an einer geistigen Schwanzperücke.

Rüschhaus, 2. April 1846

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Schückingen muss ich auch jetzt schreiben, ich bin ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig. Der letzte hat mich auch nicht eben gefreut, so freundlich er war, fürs erste schickt er mir seine Gedichte, worin er als entschiedener Demagog auftritt. Völkerfreiheit! Preßfreiheit! Alle die bis zum Ekel gehörten Themas der neueren Schreier.

Vorn eine Abteilung “Liebesgedichte”, eingeleitet durch eins an seine Luise, worin er ihr als der echten königlichen Isolde, vor deren Schein alles verbleicht, diesen Abschnitt gleichsam widmet, und dann pele, mele, was er je an Damen geschrieben. Jedes Gedicht bringt ein paar Groschen mehr. Ich suchte aus Neugierde nach einem an die Bornstedt, konnte es aber nicht erraten. Dagegen sind einige mir bekannte ausgelassen.

Ich habe meiner Mutter die Gedichte nicht zu lesen gegeben, sie würden sie zu sehr gegen ihn einnehmen. Den Brief aber las ich ihr vor, und es kam eine Stelle darin vor, die sie furchtbar stieß und par contrecoup auch mich. Nachdem Sch[ücking] mir nämlich die bevorstehende zweite Niederkunft seiner Luise und seinen dadurch erweiterten Hausstand annonciert, sucht er mich zu bereden, mein Vermögen zum mit ihm gemeinschaftlichem Ankaufe eines kleinen Gutes am Rhein zu verwenden und dort mit ihnen zu leben. Mama wurde ganz blaß und sagte sehr scharf: “Glaub nur, das ist ihm ganz und gar kein Spaß!” Und bald nachher: “Wenn er es nicht ausgedacht hat, dann hat’s Luise ausgedacht, und er ist doch darauf eingegangen. Was wollten sie mit einem Gute anfangen, das sie nachher wieder verkaufen müßten? Aber Du bist ja sein Mütterchen und Patin zu seinem Kinde!”

Großer Gott! wär’s möglich, dass dieser Mensch, dem ich viel Gutes getan habe, schon auf meinen Tod spekulierte, weil er denkt, ich mache es nicht lange mehr! Darüber könnte ich doch noch weinen!

Rüschhaus, 30. Januar 1846