Kategorie: Briefe an Jenny von Laßberg
Ich hoffe, Cotta hat keinen Schaden an mir; wenigstens sind einige Stimmen von Gewicht für mich aufgetreten, in der “Allgemeinen” Zedlitz (Du kennst von ihm die “Nächtliche Parade”), und jetzt schreibt mir Schücking, dass nächstens eine von Kühne (wohnt in Weimar) eingerückt werden würde. Dieser ist jetzt der berühmteste unter den Rezensenten und sehr streng, deshalb würde ich nichts besonders Gutes erwarten, aber Schücking kündigt es mir doch so vergnügt an! Man muss sehn, was es gibt!
In unserm “Merkur” bin ich nun gar über alle Berge herausgestrichen worden und dachte sicher, es hätte ein Freund getan; jetzt weiß ich aber, wer es ist, ein schlesischer Literat, Kynast, der sich seit einigen Wochen in Münster aufhält. So habe ich wenigstens, was mir zuteil wird, von keiner Seite persönlicher Vorliebe zu danken. In Berlin scheinen die Gedichte sehr gut fortzukommen; Onkel Fritz sagt, August habe geschrieben, sie machten dort Furore. Du weißt aber, wie August die Taschen immer voll Mandeln und Rosinen hat, und ihm wird auch jeder das Beste darüber sagen; doch scheint’s jedenfalls gut zu stehn, wenn man auch zwei Drittel subtrahiert.
Wie es hier steht, weiß ich nicht recht. Die Preußen sind allerdings auf meiner Seite, aber das sind arme Teufel, die sich ein Exemplar durch die ganze Stadt umleihen, und somit wenig profitabel für Cotta, und der Adel nimmt, wie ich glaube, noch immer blutwenig Notiz von mir und liest überhaupt niemals Gedichte.
Doch sind die in allen Buchhandlungen hier noch vorhanden gewesenen Exemplare bereits vergriffen, aber die Herren haben wahrscheinlich auch miserabel wenig kommen lassen, z.B. Deiters, wie ich weiß, nur acht Exemplare. Indessen wird wenigstens Coppenrath wohl einen größeren Vorrat gehabt haben, da dieser das Buch als bei ihm in Niederlage angekündigt hatte. Man muss abwarten, wie früh oder spät eine zweite Auflage nötig wird; dies ist der einzige Probierstein, der nicht täuschen kann.
Rüschhaus, 20. Dezember 1844
Unsere Reise ist sehr gut und schnell vonstatten gegangen, obwohl sie etwas fatal anfing. Von Mamas Medizingläschen hatte sich nämlich der Pfropfen losgerüttelt, und wir merkten erst an dem Gestank von Assa foetida, dass es zum Teil in Mamas Körbchen und noch mehr in Settchens Mantel ausgelaufen war.
Das Fläschelchen wurde zum Wagen hinausgeworfen, das Körbchen war weit von unseren Nasen untergebracht, dennoch wurde Settchen nach einiger Zeit ganz übel, und sie musste sich mehrere Stunden lang von Zeit zu Zeit zum Wagen hinaus übergeben, bis sie den Mantel abnahm, unter ihr Sitzpolster legte und sich in meinem roten Pelzmantel auf den Bock setzte, wo ihr dann bald besser wurde, und es ist dies das einzige uns auf der Reise zugestoßene Unangenehme, wenn ich den beständigen Regen nicht rechne, vor dem uns jedoch der gut schließende Wagen hinlänglich schützte und auch Settchen in meinem dicken Pelze und unterm Schirm nicht sehr gelitten hat. Ihr Zahnweh war in Meersburg zurückgeblieben und ist auch nicht wiedergekommen. Sie meint, es habe sich vor dem Regen, der ihr mitunter ins Gesicht schlug, “verschrocken”.
Den ersten Tag passierte uns nichts Erzählenswertes; wir hielten nur an, um Pferde zu wechseln und hielten Mittag im Wagen von Eurem Proviant. Es war schon sehr finster, als wir in Schramberg kamen. Der Regen hatte aufgehört, aber dicke Wolken ließen den Mond nur wenig durchkommen, so dass die Berge und Felsen sich riesenhaft vergrößerten und das Städtchen mit seinen rotglühenden Schmelzöfen und den vielen weißleuchtenden Lampenglocken in den lange Fabriksälen sich wirklich feenhaft ausnahm. Dort riet uns der Postmeister dringend ab, im Finstern über Wolfach zu gehen, da der erste Teil des Weges über schmale Klippenwände führe und erst vor einigen Tagen dort ein großes Unglück geschehn und ein Wagen mit Menschen und Pferden nachts in nden Tobel gestürzt sei. Das war uns doch zuviel und verlangten wir es auch gar nicht, sondern fuhren nach Hornberg und machten dort, da der Regen wieder in Strömen goß, unser erstes Nachtquartier.
Am andern Morgen kamen wir etwa eine halbe Stunde vor Abgang der Eisenbahn in Offenburg an. Die Eisenbahn machte uns dieses Mal gar keinen ängstlichen oder seltsamen Eindruck mehr, aber einen höchst langweiligen, ganz als wenn man auf schlechten Wegen langsam voranzuckelt, überall aufgehalten wird und gar nicht vorankömmt. Auf dieser Bahn müssen nämlich die Schienen nicht gut gelegt sein; sie stößt bedeutend, und das ewige Anhalten bei den Stationen erhöht noch den Eindruck von schlechten Wegen und Langsamkeit, obwohl es pfeilschnell geht und wir nur etwa fünf Stunden bis Mannheim brauchten.
Ohngefähr die letzte Hälfte des Weges über hatten wir einer Berliner Baron in unserm Wagen, der von Trier und Johanna Droste anfing, die Sache “entsetzlich” fand, “man habe ihr ein Stückchen vom heiligen Rocke eingegeben” et cet. Man sah deutlich, dass er den Erzbischof für stark beteiligt bei der Sache hielt. Desto verlegener wurde er, als wir ihm den wahren Hergang der Sache erzählten und er merkte, wie bekannt uns die Familie sei, er überschlug sich fast vor Zorn über die öffentlichen Blätter, die es wagten, eine Sache so zu entstellen, und tat uns nachher alle mögliche Höflichkeit an, lief z.B. wie ein Kurier voraus an den Rhein, um uns Billetter zu lösen (obwohl er selbst in Mannheim blieb), da der Eisenzug ungewöhnlich spät ankam, eines andern Wagenzugs halber, der sich uns anschließen sollte und uns lange warten ließ. Am Rhein angekommen, fand sich, dass das Schiff, mit dem wir fahren sollten und was für diesen Abend das letzte war, Schaden genommen hatte und nicht fahren konnte, so mussten wir denn notgedrungen in Mannheim bleiben.
Abends im Bette revidierte Mama unsre Kassen und fand, dass ihr das Geld ausgehn würde, wenn sie über Trier ging, auch fürchtete sie sich überhaupt vor der Reise, vor der wahrscheinlichen Schwierigkeit, Quartier zu bekommen und was sonst noch alles für Elender wenig gereisten Frauenzimmern bei solchem Volksandrange leicht zustoßen können, und so gab sie dann diesen Plan auf, und wir fuhren am dritten Tag den Rhein hinauf bis Düsseldorf, wo wir abends um halb elf ankamen.
Ich bekam schon sehr bald mein Kopfweh, bin vom Anfang bis zum Ende des Weges im Wagen geblieben und habe nichts gesehn als die schöne Aussicht, das schöne Gesicht einer englischen Herzogin, die grade neben mir auch in ihrem prachtvollen Wagen saß, ihren Mann zur Seite, ein Buch in der Hand, aber geschwind das Fenster aufzog, als ich einmal hinsah, und seitdem wie angenagelt im Fond zurückgelehnt saß und nur einen Zipfel ihres Buchs sichtbar werden ließ, in dem zuweilen ein Blatt umgeschlagen wurde, und dann die Matrosen, und unter ihnen einen, der sehr schön jodelte.
Unter unserm Wagen krabbelte es beständig; besonders seit es dunkelte sind wohl zwanzig Menschen darunter gekrochen. Wenn ich heraussah und schalt, hieß es “sie besähen sich die Ritterlanzen”, und es wurde dann für eine Weile ruhig, am andern Morgen fand sich jedoch, dass sie den Radschuh mitsamt der Kette gestohlen hatten. Es war nur ein Glück, dass wir keine Berge mehr passieren mussten.
Vom Dampfboot aus haben Mama und Settchen dir geschrieben, und Du hast den Brief wohl längst. Von Düsseldorf aus (wo man uns im “Gasthofe zum Weinberge” für zwei Zimmer und zwei Portionen Tee mehrere Taler abnahm) fuhren wir zu Lande immer voran ohne auszusteigen, über Dorsten, wo wir erfuhren, dass Drüdel Rensing doch schon den dritten Mann habe, aber nur Kinder vom ersten und unter ihnen ein Sohn, der ihr fortwährend großen Kummer gemacht und endlich vor zwei Jahren nach Amerika durchgegangen sei, nachdem er Wechsel für elftausend Taler eingezogen habe. Auch ein Bruder der Drüdel sei schon früher auf gleiche Weise durchgegangen, und jetzt schrieben beide Taugenichtse von Amerika aus und schienen dort vortrefflich zu florieren. Luise Rensing (Baumann) aber sei sehr glücklich und habe schon mehrere Töchter sehr gut verheuratet. All dies erzählte uns der Postillon, der in Drüdels Hause gedient hatte.
Dann ging’s über Haltern nach Dülmen, wo wir Settchen zu Gefallen, die ihre liebe Madam Werneking (Brudersfrau des freundlichen Nichtchens, was uns der gute Professor mal mit nach Hülshoff brachte), bei der sie fünf Jahre im Laden gestanden hatte, so gern sehn wollte, anhielten und Kaffee tranken. … Wir kamen etwas spät fort und im schönsten Mondschein durch Münster, wo uns vor dem Tore ein lustwandelndes Paar nach dem andern begegnete, obwohl es schändlich kalt war.
Bei Rüschhaus angekommen, fanden wir niemanden als Mariechen, die uns die Pforte mit den Worten öffnete: “Um Gottes willen, gnädige Frau, wie berumpeln Sie mich!”
Rüschhaus, 30. September 1844
Mit Werner habe ich wegen der Zinsen gesprochen, und er will dir das Geld schicken, sobald er nur irgend kann, es liegt ihm selbst schwer auf dem Herzen, und du kannst nur sicher auf den ersten Holzverkauf oder dergleichen rechnen. Ich will ihn dann auch sicher noch daran erinnern. …
Was die Familienpräbende anbelangt, die Mama stiften wollte, so hat sie diesen Plan völlig aufgegeben, da sie sich nicht entschließen kann, künftigen Nachkommen, die sie nicht kennt, zuliebe einen von denen auszuschließen, die sie kennt und besorgt dafür ist, sie hat von selbst mit mir darüber gesprochen, und so wird wohl alles werden, wie ich Dir im vorletzten Brief schrieb, obwohl sie nicht Lust hat, etwas Schriftliches darüber zu machen, sondern es uns nur als ihren Willen auflegt. Gott gebe, dass die Sache noch lange lange nicht zur Sprache kömmt, was wir auch wohl hoffen dürfen, da sie gottlob eine so starke Konstitution hat, und das Schwächliche in ihren Geschwistern von den Wendten kommt. Sie ist so gut, und ihre Liebe zu uns allen kömmt jetzt oft so rührend hervor, mich dünkt oft, ich könnte es nicht überleben, sie zu verlieren.
Rüschhaus, 17. Februar 1843
Von Schücking habe ich kürzlich Nachricht, die Wirtschaft in Mondsee ist ein Greuel vor Gott, und das erste, was ihnen bei ihrer Ankunft entgegengebracht worden, ist ein neues Kind der Maitresse gewesen, worüber ein Jubel gewesen, als wäre ein Erbprinz geboren, die Prinzessin Marie, die gleich nach der Mutter Tode mit ihrem Onkel Adolph (Vaters Bruder) nach Paris gereist ist, will der Vater jetzt auch nach Mondsee in diese Wirtschaft haben, und hat deshalb geschrieben, sie hat in der Antwort flehentlich gebeten sie damit zu verschoben, worauf der Fürst ganz wütend geantwortet, “wenn sie nicht von selbst käme, würde er sie holen lassen, und zwar durch die Maitresse”, zugleich hat er ihr Vorwürfe gemacht, dass sie dieser keinen Neujahrsbrief geschrieben. Schückings einziger Trost ist die Gouvernante der kleinsten Prinzess, eine ältliche Person, die noch nicht lange dort! ist, und dies Wesen eben so verabscheut wie er. Das ist alles schrecklich! Dennoch habe ich Schücking (gegen Laßbergs Ansicht) geraten, keine Katastrophe herbeizuführen, bis er wenigstens einige Hoffnung zu einem andern Stück Brot hat, sich aber aus allen Kräften darum zu bemühen. Ich will auch mein Möglichstes tun, und gleich morgen an Male Hassenpflug schreiben, ob Grimms (die ihn ja kennen und sehr lobten) ihm nicht ein Ämtchen bei der Bibliothek verschaffen können; auch an August will ich schreiben, auf die Gefahr hin, dass ihn der Brief nicht mehr trifft, und Tony will mit der Esterhazy (Marie Plettenberg) sprechen, ob sie ihn irgendwo in Österreich als Hofmeister rekommandieren kann, oder vielleicht selbst nehmen.
Das sind alles weitläufige Aussichten! Aber man muss sein Bestes tun und hoffen, dass Gott den armen Schelm nicht verlassen wird. Ich fürchte nur, dass die Sache mal unerwartet bricht, da ich sicher glaube, dass der Fürst Schücking im Grunde nicht ausstehn kann, da dieser sich in steifster Entfernung hält und z. B. ausgeschlagen hat, sich abends zum Tee bei der Maitresse einzufinden, hoffentlich hält’s aber noch so lange hin, bis sich irgend eine Aussicht für Schücking aufgetan hat, denn das frühere Hungern, sich halb tot Quälen, und doch in Schulden geraten ist doch auch eine schreckliche Perspektive, und hätte es noch ein Jahr gedauert, so hätte er sterben, oder wie ein Schelm aus Münster laufen müssen.
Mit meinen Gedichten bin ich bald im Reinen, und glaube selbst, dass es mir gut damit gehn wird. Sternberg strich neulich (im “Morgenblatt”) einen andern neuen Dichter gewaltig heraus, und schrieb am Ende, “kurz, seine Gedichte verdienen, denen der Frau Annette v Droste und Lenau’s würdig an die Seite gesetzt zu werden.” Das ist ehrenvoll genug für mich, denn Lenau ist doch sehr berühmt, [am rechten Rand] und manche stellen ihn noch über Freiligrath.
[am oberen Rand der ersten Seite] Du musst meinen Brief nur nach allen Enden umwenden, sonst übersiehst Du etwas, denn ich habe alles vollgekleckst oben und unten – ich meine besonders das andre Blatt.
[am linken Rand der zweiten Seite] Cotta hat sich gegen Schücking gar nicht abgeneigt gezeigt, meine Gedichte zu verlegen, und nur vorher das Manuskript zur Einsicht verlangt, was ich ihm schicken werde, sobald es fertig ist.
Rüschhaus, 17. Februar 1843
Liebe Jenny, es ist hier ein Wetter, so schön, warm und ungesund wie möglich, Schneeglöckchen und gelber Helleborus blühen schon seit drei Wochen, Nußkätzchen sind verblüht, Erlenkätzchen in vollem Flor, und die sämtliche Menschheit hustet sich durch die ganze Konjugation – ich huste, sie hustet, er hustet, wir husten, sie husten, aber ich hoffe du hustest und ihr hustet nicht. Ich habe greulich daran müssen diesen Winter, was den besagten Husten anbelangt, und laboriere noch daran, bin aber nicht, wie sonst, von Herzen krank dabei gewesen, folglich auch nicht von Kräften gekommen, und somit ganz zufrieden. Mama macht eine Ausnahme im Hause und hustet nicht, ist überhaupt sehr wohl, bis auf das Herzklopfen, was noch immer nicht weichen will, sich jedoch dahin gemildert hat, dass sie es entweder in den gewöhnlichen Zwischenräumen (immer den zehnten Tag) und dann nur sehr gering, oder nach einem langen Termin (14 Tage oder 3 Wochen) und dann ungefähr so stark wie früher bekömmt; ich hoffe sicher, es ist am Ausschleißen, nur Bücken kann sie nicht vertragen, so wenig wie ich jetzt, es ist deshalb was Miserables mit unsern Korrespondenzen, und Du kannst mir nur die Hand küssen, dass ich Dir einen so langen Brief schreibe, wie ich wenigstens Willens bin …
August ist gegenwärtig in Berlin, reist aber noch in diesem Monate auf königliche Kosten nach Persien ab; in welchen Geschäften, weiß er selbst nicht recht, erhält seine Instruktionen versiegelt, zur späteren Eröffnung (ich weiß nicht, ob die ganze Sendung nicht ein politisches Geheimnis ist, sprich also lieber nicht davon) …
… wenn Mama kömmt, wozu sie zwar noch nicht fest entschlossen, aber auch gar nicht abgeneigt ist, komme ich mit, und Du weißt wie ich mich darauf freue, ohne dass ich es weitläufig zu sagen brauch …
[am unteren Rand der ersten Seite] August reist jetzt wahrscheinlich nicht nach Persien, sondern nur nach Rußland. Er reist den ersten März ab.
Rüschhaus, 17. Februar 1843





Gästebuch:
Das Testament: