Kategorie: Briefe an Karl von Haxthausen



aus: 1846, Briefe an Karl von Haxthausen, Rüschhaus

… ich gehe nicht mit nach Meersburg, so äußerst fatal es mir auch ist, Mama allein mit Marie reisen zu lassen, aber ich kann nicht, und Mama will es deshalb auch nicht. Ich bin krank, obwohl wenig leidend, weniger als sonst, aber es sind Umstände da, die durchaus beseitigt werden müssen. Ich kann z. B. gar nicht gehn, nicht zweimal unsern kleinen Garten entlang, ohne dass mir das Blut dermaßen zu Kopfe steigt, dass ich zu ersticken meine, und Fahren geht auch nicht viel besser, eine Stunde Weges (z. B. von hier bis Hülshoff) ist hinlänglich, dass ich mich dann gleich zu Bette legen muss und die ganze Nacht wie im Fieber liege.

Ich habe wohl schon lange gemerkt, dass ich nicht reisen konnte, mochte es aber nicht sagen, und Mama merkte es auch, und mochte es ebenfalls nicht sagen, damit ich nicht denken sollte, sie wünsche meine Begleitung nicht, bis wir neulich in Hülshoff den armen Werner so sehr leidend an seinem Knie fanden, und, leider, leider! mit sehr geringer Aussicht auf völlige Herstellung, dabei so niedergeschlagen und apprehensiv, und so ganz ohne Aufheiterung (da Line den ganzen Tag über ihre Geschäfte hat), dass die Sache dort von allen Seiten zur Sprache kam und ausgemacht wurde, dass ich statt nach Meersburg zu ihm nach Hülshoff gehn solle, um ihm, wo möglich, die Grillen etwas zu vertreiben, und zugleich selbst eine ordentliche homöopathische Kur zu unternehmen, da in Meersburg kein Homöopath ist. Ich sah wohl ein, dass die andern Recht hatten, und dass ich auch sonst wahrscheinlich auf der ersten Tagereise liegen bleiben würde. So ist es denn ausgemacht, obwohl mir sehr hart, dass ich Mama am 30ten allein muss abreisen lassen, indessen sehe ich deutlich, dass ihr damit ein Stein vom Herzen gefallen ist, und sie nicht gewußt hat wie sie mich heil überbringen sollte. Sitze ich übrigens (wie jetzt eben) auf meinem Kanapee, so tut mir auch kein Finger weh, und ich hoffe deshalb, Bönninghausen wird mich schon wieder zurecht flicken.

Rüschhaus, 26. Juni 1846

aus: 1845, Briefe an Karl von Haxthausen, Rüschhaus

Welch große Freude hast du mir gemacht, Du guter lieber Onkel! Was für Biester! Kreaturen darunter, die mir mein Lebtage noch nicht vor Augen gekommen sind! Und alle so wohl erhalten! Ich habe ein paar Tage nichts getan, als begucken; dann kriegte ich die Angst, dass sie mir staubig werden möchten und habe sie in meinen neuen Glasschrank gelegt und meinen Tisch daran gerückt, damit ich doch zwischendurch immer am Besehen bleiben kann.

Und wo hast du die kleine Pharaonsmuschel hergekriegt? Das ist ein äußerst rares Stück, ich habe sie ein paarmal in ganz großen Sammlungen, aber immer zuletzt, als das Beste von der ganzen Geschichte, gesehen. Die beiden Muscheln mit den langen Beinen find ich auch sehr schön, und den prächtigen braunen Muschelriesen habe ich noch nie gesehen; auch von den kleinen waren mir ein paar noch unbekannt. Kurz, es ist alles wunderschön!

Könnte ich dir nur wieder eine Freude machen! Vorerst schicke ich dir meine Chodowieckis; es sind nicht sehr viele, ich will aber sehen, dass ich noch was anwerbe. Ich weiß eine ganze Masse; sie sind aber in Händen, die schwer loslassen; alle die in Blei und Glas gefaßten Bildchen, womit die Tante Schmiesing von Freckenhorst seltsamen Andenkens ihr Stübchen von oben bis unten behängt hatte, jetzt in Händen der Frau W[intgen], einer Holländerin, die sehr gut weiß, wieviel Groschen einen Taler machen und leider auch weiß, dass die Chodowieckis jetzt gesucht werden, wie sie selbst gegen mich geäußert. So fürchte ich, dass dort nicht viel zu machen ist, will aber doch, wenn ich sie diesen Winter in Münster sehe, mein Heil versuchen, ob sie sie mir gegen saubere Stahlstiche vertauschen will, deren ich eine gute Menge habe; auch noch andere weiß ich, die du wahrscheinlich leicht bekommen könntest.
(more…)

aus: 1836, Briefe an Karl von Haxthausen, Eppishausen

Wir haben viel ausgestanden in diesem Jahr! Obgleich niemand schuld daran ist, denn Laßberg und Jenny haben zu unsrer Erheiterung getan, was sie konnten, und unter anderen Umständen würden wir uns vielleicht hier sehr wohl befunden haben. Aber vorerst hast Du kaum einen Begriff von der Öde eines hiesigen Winters, wenigstens wie wir ihn erlebt haben - fast sechs Monate lang Schnee, schon im Oktober lag er einigemal so tief, dass man nicht wußte, wie man die Weinlese bewerkstelligen solle. Von der Mitte November an blieb er liegen, ohne einen Tag Tauwetter bis hoch im März, und noch fast durch den ganzen April war es den einen Tag grün und den andern weiß. Das schlimmste aber war ein Nebel, aus dem man Brei hätte kochen können, der gar nicht fortging, und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich das unmittelbar vor uns liegende Dorf mehrere Monate lang nur gehört, aber nicht gesehn habe, den ganzen Tag klingelten Schlitten und bellten Hunde, die nebenher liefen, und Mama sagte ein ums andere Mal “Lappland!”

… du musst wissen, lieber Onkel, dass das befinden unsrer Jenny den ganzen Winter sehr bedenklich war; Mama sowohl als ich haben heimlich das Schlimmste befürchtet, und wir durften es uns doch nicht merken lassen. So saß denn jeder, über seinen Gedanken zu brüten; nein, es war eine erbärmliche Zeit! Nachher gab es zuerst viel Last und Pflege mit Jenny und den Ankömmlingen, und gerade als die arme Jenny den allerersten Ausflug wagen wollte, betraf uns das Unglück mit dem Umwerfen. Ich habe das Mal zwar auch viel abgekriegt und spüre die Folgen zuweilen noch, aber es kömmt mir doch wie nichts vor, wenn ich den armen Laßberg so an seinen Krücken herumschleichen sehe und täglich mehr die Hoffnung verliere, dass er sie je wird ganz fortlegen können. … Dabei ist das eine der Kinder (Hildegund) so schwächlich, dass es uns in fortwährender Unruhe erhält …

Wir, nämlich Mama und ich, mit noch vier anderen, haben vor vierzehn Tagen eine kleine Bergreise gemacht, in die Appenzeller Alpen, wo wir fleißig Milch getrunken, Alpenrosen gepflückt und mitten im August an Schneefeldern gestanden haben. Das Merkwürdigste aber ist, dass wir binnen vier Tagen drei verschiedne Kutscher gehabt haben, wovon uns der erste umwarf, der zweite ein noch ungebrauchtes und der dritte ein kolleriges Pferd vorspannte, sodass wir dreimal in die größte Lebensgefahr geraten sind. Es gibt überhaupt nichts Elenderes als einen Schweizer Kutscher, grenzenlos ungeschickt, furchtsam wie alte Weiber und doch aus Habsucht das Unvernünftigste unternehmend; sie verstehen die Kunst, Dich auf der ebensten Chaussee auf die Seite zu legen; jeden Stein, jedes etwas tiefere Wagengleis wissen sie dazu zu benutzen. Sie kennen sich auch selbst darin und krüppeln wenigstens die Hälfte jedes Weges mit angelegtem Radschuh, dass man vor Ungeduld aus der Haut fahren möchte, und doch ist der Eigennutz groß genug bei ihnen, dass Du nicht erwarten darfst, wenn Du einen Kutscher um vier Pferde ansprichst, dass er Dir gestehn werde, er habe nur zwei, sondern um den Verdienst nicht zu versäumen, nimmt er lieber die ersten besten zwei Fohlen von der Weide und setzt ohne Bedenken sowohl seinen als Deinen Hals dran. Es geht auch keine Woche hin, dass man nicht von Unglücksfällen hörte, und Du magst fragen, wen Du willst, jeder ist schon vielmals umgeworfen und hat auch mitunter Schaden genommen, wäre es auch nur ein zerschlagener Kopf oder geschundenes Bein, aber die Leute meinen, das gehöre so dazu.

Eppishausen, August 1836