Kategorie: Briefe an Levin Schücking



aus: 1845, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Hier ist alles wohl, nur ich habe viel Trübsal gehabt: schon vom Dampfboot einen Husten mitgebracht, meine liebe alte Amme sehr kümmerlich gefunden; nach einigen Wochen brach die Brustwassersucht völlig bei ihr aus, und seitdem habe ich ein Leben gehabt, wie ich es keinem Türken gönnen möchte, Tag und Nacht das Jammern gehört, und das Elend vor Augen. Mama wollte mich umquartieren, aber die Köchin, die neben der Alten schlief, hatte einen gar zu festen Schlaf und konnte es auch der Alten nicht recht machen; so setzte ich es durch, unten zu bleiben. Es ist überstanden, aber es war eine harte Zeit, vom Ende Oktobers bis zum 23sten Februar, wo wir meine gute Alte begraben haben. Mama brachte mich gleich nach Hülshoff, denn ich war die ganze Zeit über krank gewesen und die letzten Wochen bettlägerig – schreiben konnte ich schon seit dem November nicht mehr –; dort habe ich mich in acht Tagen unglaublich erholt und bin kaum noch krank zu nennen, nur sehr schwach; ein sichrer Beweis, dass alles rein nervös war. …

Lieber Levin, hier in Rüschhaus kömmt es mir jetzt ganz öde vor; ich kann mich noch nicht daran gewöhnen, dass meine Alte fort ist. Ich wohne nun oben im Hause, auf dem kleinen Zimmer, vis-à-vis von Ihrem Quartier dort; in meinem Zimmer unten ist die gute Alte auf dem schwarzen Kanapee gestorben, und ihre Leiche hat da gestanden; so ist es jetzt gescheuert und verschlossen, und ich soll fürs erste nicht wieder hinein. Ich wollte, ich wäre vier Wochen weiter; jetzt liegt es mir noch sehr im Sinne.

Rüschhaus, 5. März 1845

aus: 1845, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Ich habe eine lange recht schwere Zeit verlebt, krank, sehr betrübt und gänzlich unfähig zum Schreiben, was mir auf der Stelle Erbrechen zu Wege brachte. Wie oft habe ich an Euch Lieben gedacht und mich abgesorgt um Luise und das Kindchen, von denen mir auch niemand etwas sagen konnte. Ihr Brief an Hutterus gab mir die erste und einzige indirekte Beruhigung, da doch wohl alles gut stehn musste, wenn Sie an die Herausgabe Ihrer Gedichte denken konnten. Gott segne Mutter und Kind und lasse was Gutes wachsen aus dem kleinen dicken Fresser! Levin, schreiben Sie mir doch, wie der Junge jetzt aussieht. Ich muss den Schlingel sehen, wenn ich nach Meersburg komme, auf die eine oder andre Weise – Sie zu uns oder ich zu Ihnen. Mein Patenjunge! Sobald ich soweit zu Verstande komme, will ich ein schönes großes Gedicht auf den Jungen machen, der wird mal besungen werden! Papa, Mama und Patin gegen einander an. Ich will ihm auch ein Patenstück schenken, etwa einen hübschen silbernen Becher oder dergleichen; aber dazu muss er erst etwas größer sein, dass er wenigstens die Hände ausstrecken und danach zappeln kann, sonst macht es mir nur halbes Vergnügen. Ich wollte, der Junge gliche mir ein klein wenig mit; aber da wird wohl nichts aus werden, er möchte denn auf seine Großmutter kommen. Schreiben Sie mir nur fleißig von ihm, es wird mir nie zuviel. …

Ihre Rezension über die Paalzow ist mir noch nicht zu Augen gekommen; aber auf Ihre Gedichte bin ich äußerst begierig, ich kenne eigentlich erst höchstens ein Dutzend derselben. Und wie heißt denn der dicke Roman? Wie weit sind Sie? Wes Inhalts? Wer verlegt ihn? Sie müssen nicht so kurzab sein; schickt sich das für einen kleinen Jungen seinem Mütterchen gegenüber? Aber jetzt denkt der kleine Junge an nichts als an den allerkleinsten Jungen! Adieu, lieb Kind, tausend Liebes an Luisen. Mama läßt Euch beide herzlich grüßen; sie ist gottlob sehr wohl, ihr Herzklopfen viel geringer als in Meersburg. Nochmals Adieu, und nehmen Sie beim Antworten meinen Brief zur Hand. Gott segne Euch alle Drei. Antworten Sie bald.

Ihr treues Mütterchen.

Sagen Sie mir doch, wer mein Anteil am Taufgelde ausgelegt hat und wie viel es macht; vergessen Sie aber doch nicht.

Rüschhaus, 5. März 1845

aus: 1845, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Hierbei fällt mir Hüffer ein; hören Sie, wie es mir mit dem gegangen ist! Er antwortete sehr höflich, dass er keineswegs den Ladenpreis verlange, sondern sich als meinen Kommissionär ansehe und neben Druck- und sonstigen Kosten nur gewisse Prozente – ich weiß nicht mehr wieviel – nehmen werde. Die Bücher kamen an – es waren statt 300 nur 172 – dabei die Rechnung, und diese machte, trotz der minutiösesten Berechnung, nur 63 Taler; im Laden kostete das Buch 25 Silbergroschen. Die Auflage war 500* Exemplare stark. Hüffer hat also 328 Exemplare verkauft und dafür 272 Taler eingenommen; so war er doch längst wieder zu seiner Auslage oder vielmehr hatte schon entschiedenen Profit gehabt, was mir sehr tröstlich ist. Denn die 63 Taler waren bei weitem nicht die Druckkosten für die 172 Exemplare; das krümelte sich so zusammen, seine Abzüge für den sämtlichen Verkauf, Porto – die ganze Pastete lag in Leipzig – et cet. Werner hat ihn auf der Stelle bezahlt, und nun, bitte, wenn Sie mich lieb haben, reden Sie gegen niemanden darüber; die Sache ist und bleibt mir schimpflich, und hier in Münster weiß, glaube ich, niemand darum.

Nun sagen Sie mir doch auch, wie es dem Cotta mit dem Verkaufe meiner Gedichte geht! Hier in Münster werden sie, gegen meine Erwartung, sehr stark gelesen; ob gekauft, ist eine andere Frage, und ich weiß darüber nichts zu sagen. Es ist leider münsterische Manier, sogar bei den reichsten Leuten, sich auf das Leihen zu verlassen und, selbst wenn sie sehr begierig auf ein Buch sind, ganz naiv zu sagen: “Ich habe mich schon jahrelang um das Buch bemüht und kann es noch immer nicht bekommen”, während es in allen Läden am Fenster steht. Auch jetzt haben mir ein paar sehr vornehme und reiche Damen geklagt, dass ihre Exemplare von all dem Ausleihen schon ganz zerlumpt wären, und meinten mir noch ein Kompliment damit zu machen, während mir doch Cottas wegen ein Stich durchs Herz ging. Doch höre ich auch ab und zu, dass jemand sie gekauft oder geschenkt bekommen hat.

NB. Ich erhielt vor etwa sechs Wochen einen zuerst an die Cottaische Buchhandlung gekommenen und dann von Ihnen richtig adressierten Brief aus Paris; der hat Sie gewiss neugierig gemacht. Er war von einem gewissen Theodor Klein, einem poetischen Dilettanten, wie mir scheint – denn er spricht von seinen “Geschäften entübrigten Stunden der Muße, in denen er sich mit Poesie beschäftigt” – dem “im Gewühle der Weltstadt, wo er seit Jahren zu leben gezwungen ist”, meine Gedichte zu Händen gekommen sind und ihn zu einliegenden Strophen begeistert haben, in denen er mir den unverwelklichen Lorbeer aufs Haupt setzt. Das Gedicht war mittelmäßig, d. h. so, wie man es vor fünfzehn Jahren würde allerliebst gefunden haben, der Brief etwas schwülstig, aber doch rührend durch sein offenbar vom Herzen kommendes Gefühl und eine große Nüchternheit. Er hatte seine Adresse fast unleserlich klein und verstohlen beigefügt; ein paar freundlich anerkennende Zeilen würden ihn gewiss ungeheuer gefreut haben, und da es mir nach einigen Ausdrücken schien, er müsse ein Westfal sein, war es mir fast leid, dass ich ihm diesen unschuldigen Spaß doch nicht machen konnte. Hätte ich nur irgend etwas über ihn gewußt, so hätte ich es vielleicht getan.

Hier im “Merkur” erschien mit einem Male auch eine Rezension meiner Gedichte, so ungemein parteiisch, dass ich mich schämte und meinte, nur Schlüterchen könne so blind sein; sie war aber von einem Schlesier, einem gewissen Kynast, der seit vier Wochen als Assessor nach Münster gekommen und gleich für mich ins Geschirr gegangen war. Ich habe ihn nachher einmal gesehn und gesprochen, einen seltsamen, heftigen Menschen, der vor Aufgeregtheit zitterte wie Espenlaub. Sie schrieben mir früher, Kühne werde noch eine Rezension in die “Allgemeine” rücken; hat er es ausgeschlagen, oder ist sie so unvorteilhaft, dass Cotta sie nicht hat einrücken wollen? Wenn das Letztere ist, so sagen Sie es mir doch; ich sehe gern klar und kann es ganz wohl tragen. Ich fürchte mich jetzt – in literarischer Hinsicht – vor nichts als vor unrichtigen und törichten Ansichten in Betreff meiner Erfolge; das hat mir zuviel Beschämung bei Hüffer eingetragen. …

Von Adele weiß ich nur, dass sie in Rom bei der Mertens ist; ich habe leider – durch eigne Schuld, denn ich hatte ihren letzten vor anderthalb Jahren erhaltenen Brief nicht beantwortet – ihre Adresse nicht, weiß sie auch nirgends zu bekommen und hörte doch so gern mal wieder von ihr. Diese Nachricht habe ich durch meine Cousine in Bonn. Wie schnell doch in diesen umtreibenden Zeiten alles auseinanderstäubt! Adele hat zehn Jahre in Bonn gewohnt, ist erst seit vier bis fünf Jahren fort, und schon gibt’s dort keinen ihres früheren Kreises mehr, bei dem ich nachfragen könnte. Auch die Mertens hat ihre Haushaltung auseinandergehn lassen und ihr Haus zum Verkauf ausgesetzt, ebenso ihr Gut Plittersdorf, ihr früheres bijou und Herzblatt, wo ich sie so manchen Tag habe selbst im Garten arbeiten sehn; wahrscheinlich denkt sie ganz in Italien zu bleiben.

* Eben fällt mir ein, dass ich dem Hüffer eine Auflage von 500 Exemplaren erlaubt habe, jedoch nicht sicher weiß, ob er sie gedruckt hat, meine dies aber doch gewiss. In der Berechnung hat es wohl gestanden, die habe ich aber nicht zur Hand.

Rüschhaus, 5. März 1845

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Schreiben Sie mir doch in Ihrem nächsten Briefe, den ich hoffentlich bald erwarten darf, recht viel von Luisen, – was sie treibt, was sie schreibt, sonst arbeitet – kurz, führen Sie mir Ihre Häuslichkeit mal wieder recht vor Augen, dass ich mich daran erquicken kann. Mein Leben ist immer das gleiche, abgeschlossen, heimlich, ganz wie ich es mag; zög nur der Husten fort und statt dessen zuweilen etwas Neues aus der Literatur ein, oder ein freundlicher Besuch, der mich ein bißchen au courant mit dem Weltlaufe hielt, ich wollte es mir nicht besser wünschen. So werde ich freilich am Ende so eckicht werden wie meine Kristalldrusen. “Wollte Gott, auch so klar!”, denkt der Levin – Spiegelberg, ich kenne Dir! Nun Adieu, mein lieb Kind, tausend Liebes an Luise. Meine “zwei Zeilen” haben sich vermehrt wie die Blattmilben, und doch möchte ich noch nicht aufhören; aber ich muss … morgen in aller Frühe soll Hermann mit dem Briefe fort. Gute Nacht. Mit alter Treue, Ihr Mütterchen.

Rüschhaus, 30. November 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Wollen Sie auch von der Bornstedt hören? Ein junger Arzt, Verwandter von Scheiblers, hat die neuesten Nachrichten gebracht. Sie hat sich mit der Tante so schlecht vertragen, dass diese mit Freuden ein anderes Quartier für sie bezahlt und sie dort unterhält. Ihre Stellung ist womöglich noch schlimmer als in Münster, und Paris scheint nicht vorteilhaft gewirkt zu haben. Sie hat dort ein flammenrotes Samtkleid und einige Toques mit Schwungfedern aquiriert, die viel Aufsehn und wenig Beifall erregen, und bricht jede Gelegenheit vom Zaun, zu erklären, ihr Nicolaus sei zwar durch ein schriftliches Eheversprechen an sie gebunden, sie dagegen sei frei und könne jeden andern Antrag annehmen. Entweder ist der Herr Doktor ein Witzbold, dem es auf eine Hand voll Worte nicht ankömmt, oder wir haben die Bornstedt im goldnen Zeitalter gekannt, und sie ist jetzt mindestens zum bronzenen gediehen. Der Glaß hat sie geschrieben, “sie habe ihren Nicolaus Gott aufgeopfert”; dergleichen ekelt mich doch sehr – tausendmal besser hautement kokett und unverschämt!

Rüschhaus, 30. November 1844