Kategorie: Briefe an Levin Schücking



aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Nun in Eil zwei Zeilen Antwort auf Ihren Brief, der mich natürlich aufs unangenehmste überraschen musste. Ich habe ihn gestern abend erhalten, heute früh meinen Bruder herüber bitten lassen und schicke Ihnen jetzt statt aller Auseinandersetzung die Kopie des Briefs, den derselbe soeben beendet und an Herrn Hüffer geschickt hat; wollen Sie dieselbe gefälligst vorläufig der Cottaischen Buchhandlung mitteilen, so wird die Sache dadurch ohne weitere Weitläufigkeiten erklärt und zugleich die Buchhandlung aller Sorge enthoben werden. Ich bitte, dass Sie derselben mein Bedauern über einen Vorfall ausdrücken wollen, der durch meinen Mangel an Geschäftskenntnis herbei geführt worden ist. Übrigens muss ich auch so anständiges Lehrgeld bezahlen, dass mir in Betracht dessen ein durchaus unwillkürliches und bei einem Frauenzimmer begreifliches Versehn wohl zu verzeihen ist. …

Es ist eine ekelhafte Geschichte, bei der Hüffern, wie mich dünkt, ein großer Mangel an Rücksicht zur Last bleiben muss, da er doch nicht zweifeln konnte, dass eine Anzeige der Sachlage und des vorhabenden Schrittes, gleichviel ob an mich oder meinen Bruder, ihm den letzteren erspart und die Geschichte weit anständiger beendigt haben würde. Es kömmt mir vor, als habe er es darauf angelegt, mich zu blamieren, weshalb weiß Gott. Ich mag nicht weitläufiger über die Sache werden, sie ist mir zu ärgerlich; sonst könnte ich Ihnen mehr als eine Äußerung von Hüffern selbst, z. B. gegen meinen Bruder, anführen, die mir die Aussage des Buchhalters, „es seien nur etwa noch 17–18 Exemplare vorhanden“ – denn dies war die genannte Zahl – als ganz glaublich erscheinen lassen musste.

Da ich das meiner Bestimmung überlassene Honorar mit der Bemerkung, ich fürchte, ihn in Nachteil zu bringen, völlig abgelehnt hatte, so will ich gern glauben, dass Delikatesse und Schonung ihm nun seinerseits diese Versicherungen der Zufriedenheit mit dem Geschäft eingegeben hatten; um desto schlimmer ist es, dass er zuletzt so schmählich aus der Rolle gefallen ist. Genug von der Sache!

Übrigens ist mir jetzt höchst ärgerlich und drückend, dass Cotta durch meine, freilich nicht zu dem Zwecke gegen Sie geäußerte Bemerkung, „Hüffer würde mir fünfhundert Thaler gegeben haben“, zu einer Änderung des Kontrakts bewogen ist; denn seit gestern glaube ich dies selbst nicht mehr, obwohl der Freund, der ihn deshalb sondierte, mit so fester Überzeugung, die Sache sei abgemacht, zurückkam, dass er lebhaft in mich drang, Hüffern nur sofort das Manuskript einzuhändigen, wo dann der Druck sogleich beginnen solle. Ich hatte dem guten Manne keinen Auftrag gegeben und längst alle Lust am Hüfferschen Verlage verloren; so machte ich es wie die Spröden und schlug mich in einer, wie ich jetzt fürchten muss, leeren Straße.

Ach, Levin, ich bin ganz betrübt, dass alles zusammen kömmt, um mich in jedermanns – wahrhaftig, fast in meinen eignen – Augen als eine Renommistin erscheinen zu lassen, während doch, bei allem Hochmut, die Furcht, meine Verleger durch die geringe Popularität meiner Werke in Schaden zu bringen, mich nie verlassen hat. Was Hüffer eigentlich damals gesagt hat, weiß ich nicht und mag es auch jetzt nicht wissen; dem freiwilligen Unterhändler schien es eine Zusage, d. h. kein Antrag, sondern eine Äußerung seiner entschiedenen Geneigtheit, mir fünfhundert Taler zu geben, wenn ihm die Gelegenheit geboten würde. Alles wohl nur Wind vor der Hoftür!

Trösten Sie mich ein wenig, mein gutes Kind, ich gehöre jetzt zu den leider von mir so oft verlachten „verkannten Seelen“. Punktum, es ist mehr zum Hängen wie zum Lachen. Wollen Sie mich trösten, so schreiben Sie mir einen recht langen, lieben Brief, einen rechten Kleinejungensbrief an sein Mütterchen. Ist’s denn wahr oder doch wahrscheinlich, dass die Redaktion der “Allgemeinen” von Augsburg fortkömmt und Sie natürlich mit? Es stand im “Merkur”. Und wohin würden Sie dann Ihren Stab setzen? …

Mit den Erzählungen will es nicht recht voran, ich bin noch an der ersten. Recht schöner Stoff, aber nicht auf westfälischem Boden, und nun fehlen mir alle Quellen, Bücher wie Menschen, um mich wegen der Lokalitäten Rate zu erholen; so fällt mir alle Augenblicke der Schlagbaum vor der Nase zu. Wär ich in Hülshoff! Aber hier gucken mich meine kahlen Wände an und sagen kein Wort, und von Schlütern ist nichts zu haben; der ist, seit Sie, Lutterbeck und Junkmann ihn verlassen haben, selbst hilflos wie ein Kind und weiß sich selbst nichts zu verschaffen, viel weniger andern. Hätte ich diese Erzählungen nicht versprochen – und bald –, ich ließ sie wenigstens vorläufig ruhn; nun aber quäle ich mich umsonst ab, wie ein im Traum Laufender.

Zwischendurch mache ich Gedichte; die geraten gut, ich werde sie aber zum Teile ins Kölner “Feuilleton” geben müssen, und zwar umsonst, um eine schlechte Erzählung der Frau v. Hohenhausen flott zu machen; diese weiß aber NB. nichts davon. Die arme Frau ist sehr betrübt, hat nach vielen Kämpfen das Söhnchen ihrer verstorbenen Tochter an sich gebracht, und nach drei Wochen stirbt ihr das Kind; da kömmt nun alles zusammen, Kummer, Verdruß, Nachrede, um sie fast verrückt vor Schmerz zu machen. Die Ihrigen reden ihr zu, sich durch gemeinnütziges Wirken aufzurichten, und da hat sie nun eine Erzählung geschrieben, die fast noch langweiliger als tugendhaft ist, was hier viel sagen will.

Nun heißt’s aber: Flottgemacht! Aber wie? Da will ich denn versuchen, der “Kölner Zeitung”, die sich wiederholt um meine Mitwirkung bemüht hat, dieselbe für einige Zeit unentgeltlich anzubieten; dafür muss sie die Erzählung gegen anständiges Honorar nehmen. Das letztere der Ehre wegen, denn es wäre doch zu hart für eine früher so beliebte Schriftstellerin, jetzt höchstens umsonst geduldet zu werden; noch härter freilich, wenn sie diese kleine Intrige ahnden könnte. Deshalb, um Gotteswillen, Levin, lesen Sie dieses niemanden vor, auch Luisen nicht; es gereut mich schon durch und durch, dass ich es geschrieben habe.

Rüschhaus, 30. November 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Lieber Levin, Sie sehen also jetzt der allerwichtigsten Veränderung Ihres häuslichen Lebens entgegen; ich freue mich herzlich darüber und weiß, dass es grade für Sie ein unbeschreiblich festes Band an Frau und Haus sein wird. Jetzt geht erst das rechte Glück an und bringt freilich auch erst die rechten Sorgen mit, die aber noch niemand mit dem Glücke zugleich hätte los sein mögen.

Es wäre ein Wunder, wenn die in Ihrer Familie ohnedies schon erbliche Poesie jetzt nicht doppelt aufschießen sollte. Sechs schriftstellernde Schückinge gibt es schon, Ihre Eltern, Sie und Luise, Alfred und Pauline; das wird werden wie bei den Grafen von Reuß, “Schücking XVII.–XVIII.” Hüten Sie Luisen jetzt nur wie Ihren Augapfel; Sie müssen bedenken, dass sie selbst noch unerfahren ist, nicht weiß, was ihr gut oder schädlich sein könnte, und ihr keine Mutter mit Rat zur Hand geht. Vor allem lassen Sie sie nichts Schweres heben und überhaupt nie über sich hinauf heben oder langen; es soll schaden, wenn man es nicht für möglich hielt und gar keine Anstrengung fühlte.

Rüschhaus, 29. September 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Erst gestern abend hier angekommen, und mit einem Kopfweh, von dem mir die Augen überlaufen, schreibe ich Ihnen doch schon heute, um die Realisierung des Wechsels nicht aufzuhalten, da die Bestätigung meines Meersburger Kaufs noch immer sich verzögert, und es deshalb möglich wäre, dass das Geld noch grade recht zum Zahlungstermine käme, was mir sehr angenehm wäre, weil sonst Laßberg für mich eintreten muss.

Beeilen Sie deshalb, ich bitte, die Auszahlung und Absendung möglichst; Jenny wünscht dieses auch. Leider sehe ich eben, dass ich bei Endossierung des Wechsels statt „Rüschhaus bei Münster“ bloß „Rüschhaus“ geschrieben habe; ich hoffe, das bringt doch keine Schwierigkeiten? Jedenfalls ist’s nicht mehr zu ändern. …

PS. Wenn meine Gedichte sollen rezensiert werden, so ist’s allerdings besser, wenn dies von einem andern als Sie ausgeht.

Rüschhaus, 29. September 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Briefe an Luise Schücking, Meersburg

Nun zu Euern Geschenken. Ihr gutes Volk, ich habe mich recht tüchtig darüber gefreut; kindisch, würde Luise vielleicht sagen, aber das schadet nicht, die Freude bleibt mir doch. Luise hat übrigens Recht, die Lorgnette ist mir zu lieb, als dass ich sie nicht immer bei mir haben sollte, wenn auch nicht immer an mir. Beim Schreiben und Zeichnen liegt sie neben mir auf dem Tische, weil ich sie an der Kante zu verbiegen fürchte; aber sowie ich aus meinem Turm tauche, wird sie umgehängt und verläßt mich selbst des Nachts nicht, wo sie wie ein treues Hündchen auf einem Seidenpapier-Kissen neben meinem Bette schläft. Es ist aber auch ein gar niedliches Ding mit seinem Blumenkränzchen wie ein Bräutchen, und ich werde mich eigens ihm zu Liebe mal herausputzen, d. h. mein schwarzseidnes Kleid anziehen, denn höher kann ich es nicht treiben.

Lebt wohl

Lebt wohl, es kann nicht anders sein!
Spannt flatternd eure Segel aus,
Laßt mich in meinem Schloß allein,
Im öden geisterhaften Haus.

Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch
Und meinen letzten Sonnenstrahl;
Er scheide, scheide nur sogleich,
Denn scheiden muss er doch einmal.

Laßt mich an meines Seees Bord,
Mich schaukelnd mit der Wellen Strich,
Allein mit meinem Zauberwort,
Dem Alpengeist und meinem Ich.

Verlassen, aber einsam nicht,
Erschüttert, aber nicht zerdrückt,
Solange noch das heil’ge Licht
Auf mich mit Liebesaugen blickt.

Solange mir der frische Wald
Aus jedem Blatt Gesänge rauscht,
Aus jeder Klippe, jedem Spalt
Befreundet mir der Elfe lauscht.

Solange noch der Arm sich frei
Und waltend mir zum Äther streckt
Und jedes wilden Geiers Schrei
In mir die wilde Muse weckt.

Mai 1844

Auch die Kupfer sind gar, gar hübsch; ich habe sie in meinem grünen Kasten auf der Kommode bewahrt und bis jetzt noch alle Tage ein paarmal besehn. Die beiden oberen Blätter habe ich zwar den Kindern gegeben, aber – werdet nicht böse darüber – ihnen sogleich wieder für Spielsachen abgetauscht, weil ich mich nicht davon trennen konnte. Luisen wird dies vielleicht ein bißchen töricht scheinen, aber Levin kennt meine Passion für dergleichen kleine Kupferstiche; ich habe eine ganze Sammlung davon, und diese sind gar nicht in Münster zu haben.

Welch eine Menge Sachen habe ich jetzt von Euch: Mineralien, Versteinerungen, Autographen, Münzen, Kupfer, Lorgnette – ich hatte sie neulich hübsch ausgelegt und geordnet; es war ein ganzer Tisch voll, und ich schämte mich ordentlich. … Könnte Luise doch einmal in Rüschhaus sein, um alle meine Siebensachen zu sehn; ich zeige sie so gern!

Meersburg, 20. Juni 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Wir werden jetzt, da wir allein reisen, vor der Mitte nächsten Monats nicht fortgehn. Gott gebe, dass wir jetzt nur nicht durchs Paderbörnische müssen, zu einer Rundtour bei allen Verwandten! Das würde bis zum Herbst hinhalten und ist ein fatales Hängen zwischen Himmel und Erde – überall in den allerengsten Beschlag genommen und doch nirgends heimisch und bequem, ein Reisesack die stehende Equipage und keine Minute für sich zum Arbeiten oder Ruhen …

Lieber Levin, ich besuche jetzt unsre alten Plätze am See sehr selten oder vielmehr gar nicht. Die alten Erinnerungen sind notwendig durch neue verdrängt, und da prädominieren die Figelei und der öde Stein; solche Plätze sind eben nur, was man selbst hineinlegt. Ich wollte, ich wäre in diesem Augenblicke gesund und könnte auf dem öden Stein stehen, am liebsten mit Euch. Es stürmt furchtbar, der See wirft haushohe Spritzwellen und ist von einem Farbenspiel, wie ich ihn nie gesehn, im Vordergrund tief smaragdgrün, dann eine dunkelviolette Bahn und am Horizont wie junges Buchenlaub, und alle Farben von der größten Reinheit und Bestimmtheit. Das ist nur so bei starkem Sturme mit Sonnenschein dabei und war im vorigen Herbste öfters, aber seitdem nicht wieder; Ihr habt es recht übel getroffen, keinen solchen Tag hier erlebt zu haben; dann sieht man erst, was die Landschaft sein kann.

Aber Levin ist keineswegs mein guter Junge, sondern ein kleines Pferd; was braucht er mir die schlechte Rezension jenes Schnorr oder Schorr – ich kann’s nicht recht lesen – unter die Nase zu reiben, mir, die ich nicht mal gute mit Anstand verschnupfe? Und wenn er sie nun mal zu einem Versuche heilsamer Besserung verwenden wollte, warum hat er dies nicht schon hier getan, wo er nur die gute Seite, die Aufnahme des „Grafen von Thal“, herauskehrte? Da hätte ich doch noch gegen ihn losprusten können, statt dass ich es jetzt gegen die vier Wände habe tun müssen. Ist das nicht perfide, mir die Sache anfangs als eine Ehre vorzustellen und mir hintennach, gleichsam im Postskript, zu melden, dass es eigentlich eine Blamage ist? Babah!!!

Ich wollte übrigens, ich käm erst wieder recht ans Schreiben; ich habe seit einigen Tagen enorme Lust dazu, aber durchaus keine Zeit. So lange dieser nervöse Husten anhält, darf ich nicht, weil es ihn sehr verschlimmert, und dann gehen die Vorqualen der Abreise schon an, das Packen meiner verschiedenen Kisten und die Abschiedsbesuche nach Berg, Herschberg und Wartensee, – Gaugreben, Salms und Pearsalls – nach jedem der Orte für mehrere Tage, auch noch nach Konstanz und Bischofszell. Mir wird schon im voraus schwarz vor den Augen; es ist doch traurig, dass einem überall die letzte Zeit, die man grade noch recht voll und friedlich genießen möchte, so verdorben wird. …

NB. Wenn der Druck meiner Gedichte vielleicht eher vollendet sein sollte, als wir es jetzt denken, und man Ihnen die Freiexemplare sendet, so schicken Sie dieselben nicht, bevor Sie mir geschrieben. Die meisten sollen ja doch versendet werden, und es wäre unnützes Porto, sie erst nach Rüschhaus gehn zu lassen; es wäre mir also viel lieber, wenn Sie, Levin, so gütig wären, sie direkt zu befördern; die zu verschenkenden unfrankiert, die für die kritischen Büros müssen freilich wohl frankiert werden. Wenn Sie mir ungefähr angeben könnten, was es machen wird, so schickte ich Ihnen das Nötige gern gleich; sonst müßten Sie freilich so freundlich sein, diese Auslage für mich zu machen und sie nachher vom Honorar abzuziehn. Das Honorar wünschte ich übrigens an meine Schwester nach Meersburg geschickt.

Für die Erzählung und früheren Gedichte im „Morgenblatte“ habe ich übrigens, wie ich meine, das Honorar erhalten; Sie müssen es ja wissen, Levin, es muss durch Ihre Hände gegangen sein; in die meinigen ist es zwar nicht gekommen, weil ich schon fort von Meersburg war und, wie mich dünkt, einige Auslagen damit habe decken lassen. Sollte es aber dennoch wirklich nicht eingekommen sein, so überlasse ich Ihrem eigenen Ermessen, ob ich es nachfordern kann oder nicht; ich fürchte dann, Cotta hat es seit zwei Jahren als geschenkt angesehn und mir deshalb als Entschädigung die Nibelungen geschickt; oder meinen Sie nicht?

Meersburg, 20. Juni 1844