Kategorie: Briefe an Luise Schücking
Meine Schwester, die Ihnen selbst schreiben wollte, aber sich seit einigen Tagen durch Einfluß des Äquinoktiums zu unwohl dazu befindet, läßt sie bitten, ihr doch zu sagen, was es für eine Bewandtnis mit den zehn oder zwölf Gedichten hat, die Sie Ihnen für das „Morgenblatt“ mitgegeben, da jetzt, nach drei Monaten, noch nicht ein einziges davon erschienen ist. Sie glaubt daraus schließen zu müssen, dass Cotta ihnen entweder die Aufnahme verweigert hat oder Sie aus irgendeinem Grunde es sonst nicht passend gefunden haben ihm dieselben fürs „Morgenblatt“ zu geben. In diesem Falle wünscht sie sie dann einem der andern Blätter zu geben, und läßt Sie deshalb um Nachricht hierüber bitten, aber womöglich mit umgehender Post, da sie spätestens am nächsten Montag und vielleicht schon am Freitage mit Mama uns verlassen wird, also nur bis dahin die Nachricht noch in Meersburg erhalten kann.
Können Sie ihr auch sonst noch etwas über den Fortgang des Druckes ihrer Gedichte sagen, so wird ihr das gewiss angenehm sein, obwohl die Sache freilich ihren gemessenen Weg hat. Indes ist’s doch ängstlich für einen angehnden Autor, so gar nichts von dem Schicksale seines Manuskriptes zu hören.
Liebe Jenny, füge noch herzliche Grüße hinzu!
Da, wie Sie, liebe Schücking, wissen werden, das Honorar für Nettens Gedichte zur Abtragung des Kaufpreises ihres Weinbergs verwendet werden soll und sie mir dieses Geschäft übertragen hat, so würde es mich sehr interessieren zu wissen, wann ich ungefähr auf die Auszahlung desselben rechnen könnte und was ich zu tun hätte, falls Cotta damit bedeutend über die gesetzte Zeit hinaus in Rückstand geraten sollte.
Auch läßt Nette Ihnen nebst herzlichen Grüßen sagen, das Gedicht, was Sie Ihnen und Levinen zum Abschiede gemacht habe, scheine ihr doch für den Druck fast zu persönlich und, falls die Redaktion des „Morgenblattes“ es noch nicht in Händen habe, scheine es ihr doch wohl passender, es zurückzuhalten. Im entgegengesetzten Falle jedoch mache es ihr eben auch nicht viel, wenn es gedruckt würde.
Meersburg, Mitte September 1844
Dieser Briefentwurf, geschrieben von Annette von Droste, findet sich auf der Rückseite des Verlagsvertrages mit Cotta vom 29. Januar 1844
Nun zu Euern Geschenken. Ihr gutes Volk, ich habe mich recht tüchtig darüber gefreut; kindisch, würde Luise vielleicht sagen, aber das schadet nicht, die Freude bleibt mir doch. Luise hat übrigens Recht, die Lorgnette ist mir zu lieb, als dass ich sie nicht immer bei mir haben sollte, wenn auch nicht immer an mir. Beim Schreiben und Zeichnen liegt sie neben mir auf dem Tische, weil ich sie an der Kante zu verbiegen fürchte; aber sowie ich aus meinem Turm tauche, wird sie umgehängt und verläßt mich selbst des Nachts nicht, wo sie wie ein treues Hündchen auf einem Seidenpapier-Kissen neben meinem Bette schläft. Es ist aber auch ein gar niedliches Ding mit seinem Blumenkränzchen wie ein Bräutchen, und ich werde mich eigens ihm zu Liebe mal herausputzen, d. h. mein schwarzseidnes Kleid anziehen, denn höher kann ich es nicht treiben.
- Lebt wohl
Lebt wohl, es kann nicht anders sein!
Spannt flatternd eure Segel aus,
Laßt mich in meinem Schloß allein,
Im öden geisterhaften Haus.Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch
Und meinen letzten Sonnenstrahl;
Er scheide, scheide nur sogleich,
Denn scheiden muss er doch einmal.Laßt mich an meines Seees Bord,
Mich schaukelnd mit der Wellen Strich,
Allein mit meinem Zauberwort,
Dem Alpengeist und meinem Ich.Verlassen, aber einsam nicht,
Erschüttert, aber nicht zerdrückt,
Solange noch das heil’ge Licht
Auf mich mit Liebesaugen blickt.Solange mir der frische Wald
Aus jedem Blatt Gesänge rauscht,
Aus jeder Klippe, jedem Spalt
Befreundet mir der Elfe lauscht.Solange noch der Arm sich frei
Und waltend mir zum Äther streckt
Und jedes wilden Geiers Schrei
In mir die wilde Muse weckt.Mai 1844
Auch die Kupfer sind gar, gar hübsch; ich habe sie in meinem grünen Kasten auf der Kommode bewahrt und bis jetzt noch alle Tage ein paarmal besehn. Die beiden oberen Blätter habe ich zwar den Kindern gegeben, aber – werdet nicht böse darüber – ihnen sogleich wieder für Spielsachen abgetauscht, weil ich mich nicht davon trennen konnte. Luisen wird dies vielleicht ein bißchen töricht scheinen, aber Levin kennt meine Passion für dergleichen kleine Kupferstiche; ich habe eine ganze Sammlung davon, und diese sind gar nicht in Münster zu haben.
Welch eine Menge Sachen habe ich jetzt von Euch: Mineralien, Versteinerungen, Autographen, Münzen, Kupfer, Lorgnette – ich hatte sie neulich hübsch ausgelegt und geordnet; es war ein ganzer Tisch voll, und ich schämte mich ordentlich. … Könnte Luise doch einmal in Rüschhaus sein, um alle meine Siebensachen zu sehn; ich zeige sie so gern!
Meersburg, 20. Juni 1844
Ihre Erzählung im “Morgenblatte” habe ich gelesen, von so weit an es mir möglich war; die Blätter liegen nämlich nur bis zum Schluß des Monats im Museum vor, wo sie dann geheftet werden und fortan nur im Lesezirkel zu erhalten sind, in dem die schlechte Gewohnheit herrscht, dass man die neuesten Hefte, statt sie wieder einzuliefern, einander leiht, so dass sie oft Monate lang nicht zu haben sind: so stehn Ihre ersten Nummern im Maiheft, und ich habe sie noch nicht erwischen können. Doch enthalten, denke ich mir, die Juniblätter wohl den größeren Teil, und hiernach zu urteilen, muss ich diesem Ihrem neuesten Produkt unbedingt den Vorzug vor allen früheren, auch der “Maske”, geben; es liegt eine tiefe Herzlichkeit, eine einfache Natürlichkeit und Richtigkeit der Gefühle darin, die mir wenigstens über alles geht. Ob mein Urtheil mit dem allgemeinen übereinstimmt, weiß ich freilich nicht, da ich zu wenig Neues lese, um genau zu wissen, bis zu welchem Punkte der gegenwärtige Geschmack seinen Zyklus durchlaufen hat; seine nächste Richtung läßt sich zwar mit Gewißheit voraussagen, ich weiß aber nicht, wie weit er schon das Übergewicht dahin genommen hat. Jedenfalls wird Ihre Erzählung binnen kurzem völlige Anerkennung finden, und wahrscheinlich findet sie es jetzt schon. Eugène Sue und namentlich seine Mystères de Paris haben so viele Nachahmungen hervorgerufen, das Geschraubte und Überreizende ist so auf die Spitze getrieben worden, dass der Umschwung notwendig ganz nahe sein muss.
Über des “Schwarzburgers” glückliche Erfolge in Oldenburg habe ich mich sehr gefreut und wenigstens insofern recht prophezeit, dass ich das Stück für sehr geeignet zur Darstellung gehalten habe; auch ist es überhaupt ein gutes Stück; nur meinte ich bisher, Levins Talent für den Roman und das Lustspiel sei noch bedeutender als das zum ernsten Drama, und kann auch noch nicht von diesem Glauben lassen. Glänzende Poesie in Gedanken und Stil nebst Humor scheinen mir so vorherrschend seine starken Seiten, dass ich meine, er müsse sich am besten auf dem Terrain befinden, wo diese am freiesten walten können.
Meersburg, 20. Juni 1844
Zum ersten Male, meine liebe junge Freundin, setze ich mich mal recht fest hin, um Ihnen in Ruhe zu schreiben; dieser Brief gilt natürlich für Levin mit, aber Sie sind es doch, an die ich meine Gedanken eigentlich richte, und Ihre Augen, groß, klar und freundlich, wie ich sie mir denke, sehen mich an, während ich zu Ihnen rede. Es ist etwas Seltsames um einen vertrauten Briefwechsel, ohne sich persönlich zu kennen, etwas höchst Reizendes und doch wieder Beklemmendes, da selbst die glücklichste Phantasie uns grade über die feinsten und reizbarsten Seiten des andern nichts sagen kann. Sie haben’s darin besser wie ich: Levin kennt mich sehr genau, weiß immer im voraus, was ich denken werde, und errät vielleicht aus einem halben Worte mehr, als ich mir selbst klar bewußt war; ich hingegen bin ganz mir selbst überlassen und einer Phantasie, die mich vielleicht irreführt. Nur eins steht fest, liebe Luise, dass ich den wärmsten Wunsch und Willen habe, ein möglichst nahes, liebes Verhältnis unter uns zu begründen; Sie haben dies ja auch; was wollen wir mehr für den Anfang?
Daß Ihr beiden Leutchen reich werden wollt, ist prächtig, und mehr als die Hälfte des Wegs dazu; kennen Sie das spanische Sprichwort, dass jeder Papst werden kann, der einen festen Willen dazu hat? …
Daß Cottas Generösetät mich höchlichst überrascht und gefreut hat, können Sie denken; ich würde mich außerordentlich darüber freuen, wenn ich nicht fürchtete, Levin habe mir zu seinem eignen Nachteile genutzt. Ach, Louise, Cotta ist verdrießlich, sehr verdrießlich! Die Worte: “Ziehen Sie aber vor, den Kontrakt ganz aufzuheben, so steht dies auch zu Dienst” sind mir schwer aufs Herz gefallen. Was helfen mir alle Vorteile, wenn es dem armen Jungen nachher heimkömmt! Geschäftsleute pflegen zwar zumeist auf Brauchbarkeit zu sehn, ohne sich viel mit Sympathien und Antipathien abzugeben; aber ich sehe aus dem Briefe, dass Levin selbst mit Cotta in Unterhandlungen wegen des “Günthers” steht, und da, fürchte ich, behandelt dieser ihn fortan wie einen hartnäckigen Forderer, dem man sich entgegen stemmen und ihn vor allem nicht verwöhnen muss. Wie mache ich’s nur wieder gut?
Ich denke, am besten ist’s, ich liefere eine Zeitlang unentgeltlich ins “Morgenblatt” und helfe ihm dieses etwas altersschwache Journal wieder auffrischen. Es liegt mir doch allerlei im Sinne, was ich nur heraus schreiben muss, um es los zu werden, und dann doch nichts anderes damit anzufangen weiß, da es sich meiner gegenwärtigen größeren Arbeit nicht anpassen läßt, z. B. einige Stoffe zu kleineren Gedichten (5–6 Strophen), die mich plagen, und wo es auch schade darum wäre, wenn ich sie verkommen ließ, da sie mir zusagen.
Dann hat Laßberg mich gradezu ersucht, ein altes Gedicht – nicht Manuskript –”Kaiser Otto mit dem Barte” in unser heutiges Deutsch zu übersetzen, und ich kann’s ihm durchaus nicht abschlagen. Es ist auch eine geringe Arbeit, etwa 700 Verse; Reim und Vers können fast unverändert bleiben, und doch ist es in seiner jetzigen Gestalt nur gar wenigen zugänglich. Auf diese Arbeit rechne ich, das Abschreiben eingeschlossen, höchstens vierzehn Tage.
Endlich will mir eine englische gar hübsche Gespenstergeschichte nicht aus dem Kopfe, seit ein Sir Pearsall sie mir erzählt hat, und wohin soll ich sonst mit diesem Findling? Ich werde nie etwas schreiben, dem ich ihn anpassen könnte. Wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich wahrscheinlich schon mit der einen oder andern dieser kleinen Arbeiten im Zuge, und wenn Levin nicht ganz besondere Gründe hat, mir abzuraten, so möchte ich’s sehr gern mit ihnen machen, wie ich eben gesagt, um doch dem Cotta nicht gar zu lumpig gegenüber zu stehn, und vor allem um den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, ich sei eben für seinen Geldbeutel eine miserable Akquisition.
Meersburg fängt übrigens seit kurzem an sich heraus zu machen; wir haben ein Theater, und – denken Sie! – ein sehr gutes. Das Lokal ist allerdings lächerlich elend, eine große Tanzstube im Wilden Manne – Levin kennt ihn, dem Schiffe gegenüber – wo die Schauspieler zwei Fuß über dem Boden agieren und doch mit den Federbüschen die Decke fegen; aber die zwölf Mann starke Truppe ist wirklich gut und im Lustspiel sogar vorzüglich. … So habe ich seltsamer Weise Gelegenheit, wöchentlich dreimal für vierundzwanzig Kreuzer einen Komiker zu sehn, bei dessen Auftreten noch vor drei Jahren in Dresden die Preise erhöht wurden. Dergleichen romantische Wunderlichkeiten können nur in Meersburg passieren; sie gehören zum wunderlichen alten Schlosse mit dem wunderlichen alten Gerümpel darin, zu Laßberg, den Alpen und dem Herrn Figel, der NB. auch wieder aufblüht, d. h. seine Schulden bezahlt, und wieder con amore mit seinem Zöpfchen wedelt.
Ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht, die mir zusagen; nur liegt leider ein Stückchen Weges zwischen uns, was mich doch für die meiste Zeit auf meine gewohnte Einsamkeit beschränkt. Die eine, Fürstin Salm, anderthalb Stunde von hier, kömmt jeden Sonntag, ist eine sehr gute und durchaus fein gebildete Frau von etwa sechsunddreißig Jahren – eine geborne Hohenlohe –, malt sehr hübsch, liest viel, ist passioniert für Musik und möchte mich, da sie furchtsam im Fahren ist, viel lieber auf einige Zeit herüberlocken, als jeden Sonntag unter Stöhnen und Zittern den Berg hinanfahren; ich habe aber keine Zeit und weiß wohl, was es mit den schönen Redensarten von “ganz ungeniert, ganz für sich, soviel man will, sein” auf sich hat. Man kömmt doch zu nichts; sonst habe ich sie sehr gern und freue mich schon am Samstag auf ihren Besuch.
Noch lieber ist mir die andre, Miß Philippa Pearsall, Tochter eines englischen Baronets, der sich im Kanton St. Gallen angekauft hat, ein höchst geniales, liebenswürdiges Mädchen von zwanzig Jahren, in der eine tüchtige Malerin und Gesangkomponistin steckt. Sie entwirft ganz reizende Skizzen, sowohl im Genre als nach der heiligen Geschichte, ist von ihrem Vater, einem originellen Musikenthusiasten, in alle Geheimnisse des Kontrapunkts eingeweiht und singt ihre einfachen, aber rührenden Kompositionen mit einer wunderbar tiefen, erschütternden Stimme. Hübsch ist sie nicht, aber sehr angenehm, bescheiden und geistreich, und so frisch in allen ihren Gefühlen, dass es einem wohltut, nur ihr Gesicht zu sehn, wenn sie etwas interessiert. Die Gelegenheit wird bestimmen, ob sie noch mal einen bedeutenden Ruf erlangen oder ihre Talente halb ausgebildet für’s Haus verbrauchen wird. Es wär jammerschade, wenn’s beim letzten bleiben müßte!
Vater und Tochter waren auf vierzehn Tage hier, und es wird wohl lange anstehn, bis sie wiederkommen. Vielleicht gar nicht vor unsrer Abreise, obwohl Philippa Himmel und Hölle in Bewegung setzen will; denn sie scheint mir eben so attachiert, als ich es ihr in der kurzen Zeit wirklich geworden bin. Warum haben die Leute nur nicht das neue Schloß gekauft, wie sie anfangs Willens waren! Aber Sir Pearsall wollte ein Landgut, und so wohnen sie jetzt in einer alten beturmten Ritterburg – Wartensee – sehr romantisch, wie ich höre, aber ohne alle Mittel zu Philippas Talentausbildung, d. h. im Malen; denn was Musik betrifft, besitzt der Papa die Kenntnisse von einem und den Eifer von sechs Lehrern; aber sie hört nie ein Orchester, das ist doch schlimm!
Meine männliche halbe Bekanntschaft in Meersburg, von der ich Levinen schrieb, habe ich kaum angeknüpft und wieder aufgegeben. Der gute Mann ist allerdings ein Schöngeist, aber ein sehr gezierter und, ich fürchte, auch oberflächlicher. Seine größere Eleganz in Sprache, Anstand und auch Geschmacksrichtung zeichnen ihn freilich hier vorteilhaft aus; aber ich glaube, damit ist’s auch all, und so halte ich mich lieber an meinen alten Freund, Herrn Jung, der doch gründliche Kenntnisse und eine frische, lebendige Begeistrung für sein Fach – Musik – hat. Doch sehe ich diesen auch nur selten und zufällig, da ich keine Besuche mache, in meinem Turme keine annehme und bei den Besuchen droben im Hause nur zufällig zugegen bin; so bleibe ich denn auf die wöchentlichen Zusammenkünfte mit der Salm reduziert. Es ist mir aber auch genug so; ich habe zu arbeiten, auszuruhn und viel, viel zu denken nach Augsburg und Münster hinüber. …
Den 4ten März. .. Nicht als wenn ich so fleißig wäre; Sie würden mich faul nennen, liebe Louise; es geht mancher Tag hin, wo ich keine Feder ansetze. Aber dann bin ich unwohl, nicht grade krank, aber auf dem Punkt es zu werden, und muss ohne Gnade meinen Tag zwischen Spazieren und Ausruhen verteilen, um über solche halbe Anfälle weg zu kommen. Die Zeiten, wo ich arbeiten kann, sind mir gar zu karg zugemessen und ein Schatz, den ich nur mit blutendem Herzen auswärts verschleudere, während es doch doppelt fatal ist, in der Schwebe zwischen gesund und krank unter Fremden noch charmant sein zu müssen; deshalb hake ich mich in meinem Stalle fest wie eine störrige Geis.
Nun zu einigen Punkten aus Levins soi-disant Brief. Zuerst wundert’s mich, dass ich noch nirgends eine Anzeige meiner Gedichte lese, oder geschieht dies nicht vor vollendetem Drucke? Cotta ist doch nicht in Differenzen mit Levin geraten und hat den Kontrakt aufgehoben? Antworten Sie mir doch hierauf, denn es macht mich besorgt.
Mit den beiden Veränderungen in “Stadt und Dom” bin ich schon deshalb zufrieden, weil mein Einspruch gewiss zu spät gekommen wäre, da der bewußte erste Druckbogen dies Gedicht unfehlbar enthielt; auch mag “Weltensinn” statt “Weltsinn” (irdischer Sinn), ein Ausdruck, der mindestens in religiösen Schriften oft vorkömmt, mehr als gewagt, nämlich gradezu unverständlich sein. Mir schien’s selbst halbwege so, und der “irdische Sinn” hat schon mal dagestanden; aber mein Bruder et Konsorten stimmten für den weicheren Vers, da ihnen als frommen Leuten der “Weltsinn” sehr bekannt war und sie der allerdings mehr freisinnigen als praktischen Ansicht waren, auf eine Handvoll Buchstaben komme es nicht an, wenn jeder doch merke, was die Glocke geschlagen: so ließ ich’s gut und lasse es jetzt besser sein.
Dem Niagara hätte ich jetzt aber wohl einen andern Remplaçanten als “wie ein gewaltger Wogenschwall” gegeben. Die Zeit ist soeben ein “Strom” genannt, und nun gleich darauf: “wie ein Wogenschwall”, das ist eine matte Wiederholung, ein Pleonasmus und keine Vergleichung, wie der Niagara doch sein sollte; etwa als wenn man statt: “Der Aafluß fließt einer Gassenrinne gleich” sagen wollte: “Der Aafluß fließt einem trägen Flusse gleich”. Ich würde, wäre ich zur Hand gewesen, entweder einen ganz andern Vergleich gesucht oder vielleicht gesagt haben: “Es ist ein Zug, es ist ein Schall, Ein ungemessner Wogenschwall”; so wäre es nur eine Erweiterung des alten Bildes gewesen, kein Anspruch auf ein neues, was nicht da ist. Doch macht es nicht viel aus und wird dem ganzen Gedichte nicht schaden.
Zweitens kann das achte Heidebild nicht “Die Raben” heißen, sondern muss wieder zu dem früheren “Krähen” degradiert werden. Levin hat diese Abänderung damals gemacht, ohne sich des Inhalts recht zu erinnern, wo Krähen und Raben einander gegenübergestellt werden – nämlich ein Schwarm Heidekrähen, geschwätzig, gemein, und dem Alter nach nur noch Kinder gegen den vornehmen, ernsthaften, tausendjährigen Raben, der sie von seiner dürren Fichte mit Verachtung betrachtet; dieses ist der Haupthumor des Gedichts und, da er durch das Ganze geht, durchaus nicht wegzuschaffen, selbst wenn er nichts taugte. Die Überschrift “Raben” ist also gradezu dem Inhalt widersprechend; lesen Sie es nur selbst nach.
Drittens. Im “Traum”, Str. 5, Z. 7–8 heißt es: “Und meinen Namen ließ im Flug Sie sacht durch ihre Spalte gehen”; was meinen Sie, könnte man sagen: Sie über ihre Spalte gehen”? Gleich nachher kömmt: “Mit leisem Schlage dich zu strafen”; das “sacht” und “leise” so schnell nach einander macht sich nicht gut.
Viertens. Im “zu früh gebornen Dichter” darf vor allem die Variante: “Doch ließ man dies als krankes Blut et cet.” nicht gebraucht werden, wo dann immer derselbe Reim in selber Strophe und sogar zweimal “Mut” als Endreim vorkam, was mir erst hintennach aufgefallen ist. (Levin soll mich nicht auslachen, dass ich ihn aufmerksam darauf mache; ich habe es ja selbst erst hintennach bemerkt.) Vielleicht wäre aber die ganze Strophe am Besten so: “Zwar dünkt ihn oft in krankem (düsterm) Mut et cet.”, und zuletzt: “So musst er wohl in (mit) trüber Scheu Sich einen Toren schelten.” Oder nicht? Aber das “kranke Blut” kann jedenfalls nicht bleiben.
Fünftens. Im “Spiritus familiaris”, Nro. II, Str. 6, Z. 3 heißt’s: “Ein irres Leben . . [nescio] . . und klingelt.” Habe ich dort vielleicht “zieht” gesetzt? Dann muss es fort; “zieht” kömmt in der vorigen Strophe vor und in der folgenden wieder. Es hieß zuerst: “Ein irres Leben schwirrt und klingelt”; weil aber gleich nachher das “Glöckchen schwirrt”, wollte ich es ändern; mich dünkt “streift” oder “streicht” wär schon gut, “zieht” darf aber nicht bleiben, wenn’s da steht.
Ich wollte, liebste Freundin, Levin schrieb alle die verschiedenen in so viele Briefe zerstreuten Anmerkungen auf ein Blatt zusammen, sonst übersieht er vielleicht grade das Passendste, und es ärgert ihn nachher selber. Über die Abänderungen in meinen bereits gedruckten Gedichten habe ich kein klares Urteil; man wird durch zu öfteres Überlesen abgestumpft, gegen Gelungenes wie Verfehltes; auch Levinen sind diese Gedichte fast zu bekannt, und ich möchte mich hier am liebsten auf Ihr noch ganz frisches Urteil verlassen. Stellen Sie, ich bitte darum, von dem Alten her, soviel Ihnen entschieden besser dünkt als das Neuere. Aber “Der Graue” darf mir nicht wieder auf die alte Weise verstümmelt werden, damit mache ich eine feierliche Ausnahme. …
Ich meinte anfangs, ein Blättchen für Levin einlegen zu müssen, über Dinge, die Sie zwar lesen, die ich aber doch nicht gradeweg zu Ihnen sagen dürfe; nun ists mir aber unter dem Schreiben zu Mute geworden, als kennte ich Sie bereits seit Jahren, und so sage ich Ihnen denn, meine Louise, dass ich mit Ihrem Vorschlage, für längeren Aufenthalt in Meersburg ein Quartier zu nehmen, völlig einverstanden bin. Nicht als ob ich glaubte, Sie bedürften dessen; ich zweifele viel mehr nicht, dass Laßberg Ihnen sofort freundliche Vorwürfe hierüber machen und Sie schon in den ersten Tagen ins Schloß holen wird, wohin Sie ja auch aufs Herzlichste eingeladen sind und mit Freuden erwartet werden; aber für so lange Zeit – sechs Wochen bis zwei Monate – ist’s doch besser, seine bestimmte Einladung abzuwarten, die gewiss nicht ausbleiben wird. Levin weiß das alles eben so gut wie ich, und zugleich, welch ein lieber Gast man dem gutlaunigen, nur etwas pünktlichen alten Herrn ist.
Wahrscheinlich werden Sie ein paar Zimmer ganz hier zunächst, beim Herrn Hufschmid erhalten können, dessen Frau leider nur noch wenige Tage zu leben hat, oder im Schussenriether Hofe am Schloßplatze; ich würde Ihnen dann raten, nur wöchentlich zu mieten, und werde Ihnen alles in Ordnung bringen, wenn die Zeit heranrückt, wo wir gottlob endlich mal beisammen sind.
Dann frage ich Sie auch gradezu, ob Levin Gedichte von mir für seinen “Musenalmanach” wünscht? Er weiß, wie herzlich gern ich sie ihm gebe, und andrerseits auch, wie wenig Ambition ich habe, so dass mein Antrag sich lediglich auf die Frage reduziert, ob ich mich ihm nützlich machen könne. Gelingt’s ihm, so viele Zelebritäten zusammen zu bringen, wie er braucht, so darf ich jetzt noch nicht darin erscheinen – ob später, muss die Zeit lehren; vielleicht fehlt’s ihm aber an Beiträgen, oder wenigstens an unentgeltlichen, um doch auch einigen Vorteil bei der Sache zu finden. Sagen Sie dem guten Jungen, dass mich seine Bemühungen für mich so rühren, dass ich nicht mal darüber schreiben mag; ich fühle, dass es scheinbar geziert und überschwenglich herauskommen würde; aber Gott segne ihn für seine Treue, ich habe ihn außerordentlich lieb, außerordentlich, und Sie auch schon sehr, meine gute Herzenslouise, meine Levinsfrau!
Gottlob, das Eis ist gebrochen, ich habe Ihnen vertraut geschrieben wie einer Tochter, und könnte jetzt eben so wenig in einen noch halb fremden Ton zurück, wie es mir anfangs schwer war, die rechte Linie zwischen vertraut und doch wieder fremd zu treffen; es ist vorüber, und ich wüßte jetzt kein Wort, was ich nicht eben so frei gegen Sie aussprechen würde wie gegen Levin selbst. Adieu, meine liebe Freundin, antworten Sie mir bald, oder lassen Sie Levin antworten: mein nächster Brief wird an ihn sein, da ich nicht Stoff genug habe für zwei Briefe an zweie, die nur eins sind.
Meersburg, 29. Februar 1844
Zürnen Sie mir nicht, meine liebe junge Freundin, wenn ich Ihre mir so herzlich lieben Briefe diesmal nur sehr kurz beantworte. Diese Zeilen sollen keinen Brief weder bedeuten noch dafür gelten. Sie sind nur ein flüchtiges Zeichen, dass ich Sie liebe und Ihrer gedenke. Ein Gruß, ohne den ich das Paket, mit dem es, wie Levin behauptet, große Eile hat, dennoch nicht mag abgehen lassen, und vor allem eine Warnung, die Pantoffeln doch ja nicht zu schonen. Ich bin eine Person, die gern zu guten Zwecken beiträgt, und werde mit Vergnügen fortwährend den nötigen Bedarf liefern. Deshalb brauchen Sie sie, liebe Luise, brauchen Sie sie mutig und wachsam! Es werden schon neue heranwachsen. Striegeln und streicheln Sie das kleine Pferd wenigstens bis zum Zebra. Es ist zwar (um Ihnen zu zeigen, dass ich auch in anderen Zweigen der Naturwissenschaft kein Hund bin) im Grunde edles Metall, aber Sie wissen auch, wie das traktiert und mit Spitzhacke und Schüreisen noch anders gestriegelt werden muss. Ich freue mich schon darauf, Ostern in selbige Stufe hineinzusehen wie in einen goldenen Becher.
Freuen Sie sich nicht auf Ostern, Luise? Freuen Sie sich nicht auf mich? Ich freue mich ungeheuer auf Sie, und da müssen Sie schon aus Billigkeit ein übriges tun. Dann kennen Sie nachher alles, was mir lieb ist: die Meinigen, mein Zimmer, meine Beschäftigung, sogar meinen dicken, schwarzen Überrock, und vor allem meine Gedanken und kleinen Freuden, und es gibt fortan so manche Erinnerung, so unzählige Berührungspunkte zwischen uns, dass ich fürchte, der arme, kleine Junge wird nachher an Briefen zu kurz kommen. Halten Sie bis dahin die Liebe warm, die Levin in Ihnen zu mir angeregt hat, ich halte es treulich so mit der meinigen zu Ihnen.
Adie, meine teure Luise. Dies ist, wie gesagt, kein Brief, nur ein Gruß, ein ehrliches Handreichen in die Ferne. Der Brief soll in einer ruhigen Stunde nachfolgen. Gott segne Sie, mein gutes neues Kind, ebenso warm und reichlich wie den, der Ihnen der allernächste und uns beiden so wert ist. Nicht wahr, er ist ein guter Junge?
Meersburg, 17. Januar 1844





Gästebuch: