Kategorie: Briefe an Pauline von Droste



aus: 1846, Briefe an Pauline von Droste, Meersburg

Ich wohne hier sehr angenehm, nach meinem Wunsche wiederum in einem der Türme, aber dieses mal durch einen gedeckten Säulengang mit dem Schlosse verbunden, mein Quartier ist ungemein hell und freundlich, und hat die Aussicht über den ganzen See. Ich komme auch selten heraus, außer zum Mittag- und Abendessen, Jenny und die Kinder aber oft zu mir.

Auf meine Gesundheit wirkt das Klima bereits sehr gut, meine Kopf- und Magenschmerzen sind verschwunden, nur mit dem Gehen sieht es noch pauvre aus, und dann habe ich seit meiner Ankunft einen argen Husten, wohl durch eigne Schuld, von wegen der Cabriölchen-Fahrt, im Staubregen und ohne Verdeck. So soll ich denn doch durchaus beim Apotheker in die Kost, und ein, wie man sagt, sehr berühmter Arzt des nur zwei Stunden entlegenen Bades Überlingen ist bereits hieher beschieden. Morgen oder übermorgen erwarten wir ihn. Was wird mein Homöopath sagen!

Wir haben hier eine köstliche Weinernte gehabt, doch habe ich bedeutenden Schaden erlitten - wir müssen uns nämlich, in Ermanglung einer eigenen Kelter, der Stadtkeltern bedienen, wo man nur nach gezogenen Nummern zugelassen wird; da habe ich dann eine der letzten Nummern gezogen, was den roten Trauben nicht schadete, die weißen aber waren schon vor drei Wochen überreif. So sind mir denn bei dem letzten Regenwetter (nach dem Ausspruche Sachverständiger) mindestens sieben Ohm weißen Weins total verregnet, und die sechs noch gewonnenen sind auch zumeist aus verdorbenen Trauben gepresst, und unter aller Kritik. Dagegen habe ich sechzehn Ohm roten geerntet, der sich darf sehn lassen, und in der Weinprobe neunzig Grad zieht. So werde ich doch in diesem Jahre trotz meines Schadens weit mehr lösen, als mich der Ankauf des ganzen Gütchens, Haus, Weinberg und Garten gekostet hat.

Wir sind hier von Besuchen überschwemmt, zumeist Gelehrte, die sich, bei Laßbergs hohem Alter, beeilen, noch von seiner Bibliothek zu profitieren. Ich bekomme davon nur zu sehen, was zu Tische oder über Nacht bleibt, alle andern Glorien ziehen an meinem Turme vorüber, ohne sich mir durch ihren Abglanz zu verraten. NB. Es wird dich meinetwegen doch freuen zu hören, dass Laßberg, Gott weiß durch welchen Impuls, meine Freundin, die Salm, jetzt ebensosehr in Affektion genommen hat als sie ihm früher fatal war; er lässt alles liegen und stehn, wenn sie kömmt, und nimmt sie dermaßen in Beschlag, dass ein anderer kaum mit ihr zu Worte kommen kann. Du kannst denken wie froh ich darüber bin, jede Woche ein Tag des Verdrusses und der Peinlichkeit war mir eine gräuliche Aussicht!

Nun, liebstes Päulchen, bitte ich Dich, unserm Freunde Braun nebst meinen herzlichsten Grüßen doch zu sagen, dass, falls die Mertensche Auktion noch nicht stattgefunden habe, ich doch für das bewusste kleine Büchelchen wohl bedeutend mehr geben möchte als zwei Taler, - d. h. wenn es es wert ist, weshalb ich den Herrn Professor bitte es vorher anzusehn. Meine allmählich etwas unklar gewordenen Erinnerungen datieren von anno 25, wo ich freilich noch blutwenig gesehn hatte und leicht etwas überschätzen mochte, aber in meinen Gedanken steht es wunderniedlich da, und ich habe es mir so oft gewünscht, dass ich es nun ungern möchte fahren lassen. Findet der Professor es wirklich preiswürdig, so will ich wohl vier, auch wohl fünf Taler geben - oder auch darüber, soweit es preiswürdig gefunden wird — nur nicht etwa 12 oder 14 Taler, denn mich dünkt, so viel kann es doch nicht wert sein; und zudem muss ich in diesem Jahre sehr mit meinem Geldbeutel Rat nehmen, da der Ertrag des Weinbergs, wie Du weißt, mich um keinen Heller reicher macht.

Und nun, liebstes Herz, adieu - nochmals 1000 Dank für alle Liebe und Freundlichkeit, die ich in Deinem Hause genossen habe, Mama, Jenny, Laßberg grüßen aufs Herzlichste; und die beiden Letzteren wünschen nichts mehr als Euch Lieben einmal auf längere Zeit bewirten zu können, welche Freude Ihr Ihnen, bei der projektierten italienischen Reise, ja auch leicht machen könnt. Komm ja! liebes Herz! Ich bin dann noch hier und profitiere auch noch von dem lieben Besuche mit.

Meersburg, 14. Oktober 1846

aus: 1846, Briefe an Pauline von Droste, Meersburg

Ich hätte Dir so gern unmittelbar nach meiner Ankunft geschrieben, aber die Nachwehen der Reise ließen sich doch spüren, wo dann eine Unfähigkeit, in gebückter Stellung zu verweilen, immer das erste ist, was sich bei mir einstellt. Jetzt bin ich jedoch ziemlich wieder auf dem Strumpf und kann Euch Lieben, von denen ich gewiss weiß, dass Ihr meinen Weg in Gedanken mitgemacht und mit Euern guten Wünschen begleitet habt, nunmehr Rechenschaft von meinem honetten Betragen in der wilden fremden Welt ablegen, sowie Kunde geben von den “ungeheuerlichen und abenteuerlichen Gefahren”, denen ich um so sicherer entgangen bin, da sie gar nicht den Mut gehabt haben sich zu zeigen. Es ist kein Dampfkessel zersprungen, weder Land- noch Seeräuber haben sich gezeigt, und (mirabile dictu!) niemand hat versucht, mich zu entführen, was freilich allen Glauben übersteigt!

Übrigens ist mir der lange Weg bei weitem nicht so sauer geworden, als ich befürchtete, und zwar ging es mit jedem Tage besser. Auf der ersten Tour bis Mainz konnten Kopf und Magen sich noch gar nicht mit der Erschütterung des Dampfboots befreunden, mir war mordschlecht zumute. Indessen kam mir hier die vortreffliche Einrichtung des Schiffes zustatten, das außer dem Pavillon noch ein Extrazimmer für Damen hat, mit so breiten Kanapees, dass man fast so bequem darauf liegt wie auf Betten.

Auch kann ich die große Zuvorkommenheit des Kondukteurs nicht genug loben. Er kam alle zwei bis drei Stunden, sich nach meinem Befinden und Wünschen zu erkundigen, gab mir den ausführlichsten Rat für jede Reisestation, und schon jetzt alle Billets (sogar für die nötigen Omnibus) bis Freiburg. Bei der Ankunft in Mainz führte er mich durch das Gedränge zum Fiaker, besorgte meine Effekten sogleich auf das Dampfboot, das ich am nächsten Morgen besteigen musste, und empfahl mich sogar dem Kondukteur desselben schriftlich. Kurz, selbiger Jüngling ist die Krone aller Kondukteure, die je waren, sind und sein werden.

Die Nacht in Mainz war schlecht; ich musste mich fortwährend übergeben und fühlte mich so krank, dass, wenn ich nicht schon so weit voraus bezahlt gehabt hätte, ich mich unfehlbar wieder würde zu Euch in Abrahams Schoß geflüchtet haben. So aber reute mich doch mein Geld, und ich segelte in Gottes Namen auf Mannheim los. Es wurde mir auch stündlich besser, obwohl der Delphin ein kleines unbequemes Fahrzeug ohne hinlänglichen Raum, sehr schwach an Erfrischungen, und sein Kondukteur, obgleich immerhin höflich genug, doch nur ein matter Abglanz meines gestrigen Juwels war.

In Mannheim kam ich so früh an, dass ich noch am selben Abend ein Stück Eisenbahn bis Karlsruhe vorwegnehmen und am nächsten Tage mit dem ersten Zuge bereits um elf Uhr morgens in Freiburg sein konnte. Beide Male verschafften mir die späte Jahrszeit und 30 Kreuzer Trinkgeld einen Waggon ganz für mich allein, wo ich, bald liegend, bald in Paschas oder Schneiders Majestät thronend, mich wirklich mehr erquickt als angegriffen und nach mehrstündiger Ruhe in Freiburg so gestärkt fühlte, dass ich noch desselben Nachmittages um drei Uhr es wagte, den eigentlichen sauren Apfel der ganzen Reise, ich meine die nächtliche Eilwagenfahrt durch das Höllental, den Schwarzwald et cet., bis Stockach zur Hand zu nehmen.

Das war aber eine Kreuzigung! Grade um Mitternacht auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes - die Luft dort kalt wie im Dezember - ein Wagen nicht viel größer wie eine Chatouille - höchstens für vier Mann Raum und acht hineingepresst. Wir saßen einander fast auf dem Schoße, und wer vor Schläfrigkeit etwas wacklig wurde, stieß seinem Visavis an den Kopf. Diesem Umstände habe ich es auch allein zu verdanken, dass ich nicht umgefallen bin, denn ich weiß wirklich nicht, wohin ich hätte fallen sollen.

Meine Reisegefährten (wahrscheinlich Leute aus der Umgegend) schienen sich indessen schon völlig in die Anforderungen des Wagens hineingelebt zu haben, sie schliefen alle, in kerzengrader Stellung, und mir allein blieb das Vergnügen, den holden Mond anzusehen, und es jedesmal zu bemerken, wenn die Pferde an einem steilen Hange fast hintenüber schlugen, nicht mehr voran konnten, und der Wagen einige Male um mehrere Schritte zurückrollte.

Endlich erschien der Tag, und endlich endlich! um Zehne das ersehnte Stockach, ein elendes Nest! Das erste, was ich dort hörte, war, dass in jeder Woche ein Tag ausfalle, wo keine Eilpost nach Meersburg gehe, und dass ich grade diesen glücklichen Tag getroffen, somit die schönste Gelegenheit habe, bis zum nächsten Nachmittag die Reize der Stadt zu bewundern, die in dem beständigen Staubregen (mit dem fast meine ganze Reise gesegnet war) genau aussah wie ein altes Weib, das ein Bettlaken um den Kopf gehängt hat. Das war mir aber zuviel! So beging ich denn aus Ungeduld den dummen Streich, nach kaum halbstündiger Ruhe wieder los zu fahren, in dem besten Lohnfuhrwerke der Stadt. Wie nenne ich es? - Cabriolet ist nicht passend. Cabriölchen, einspännig, ohne Verdeck, den Kutscher neben mir, denn von einem Bocke war keine Rede.

So bin ich, abends sechs Uhr, in Meersburg hereintriumphiert; d. h. nicht ganz herein, sondern bis zu einem Wirtshause vor dem Tore, um keine Irrungen zu veranlassen, da der Großherzog von Baden ebenfalls am selben Abende durchpassieren sollte. Der Empfang im Schlosse war äußerst herzlich, mein Mütterchen war zwar von einer Landpartie noch nicht heimgekehrt, aber die Kinder schrieen sich fast heiser, und meine gute Schwester, die noch immer etwas leidend aussah, weinte vor Freude, auch Laßbergen schien meine Ankunft äußerst willkommen.

Er hat viel Sorge um Jenny gehabt, und ihr Zustand ist, wie ich höre, auch entschieden gefährlich gewesen. Drei Monate Husten mit gänzlichem Verlust der Stimme, schleichendem Fieber, Appetit-und Schlaflosigkeit - sie hatte sich schon bedeutend erholt, als ich ankam, erholt sich täglich mehr, und von Gefahr ist gottlob keine Rede mehr, obwohl es noch eine Weile dauern mag, bis sie mit ihren Kräften und gutem Aussehn wieder auf den alten Standpunkt gelangt ist. Gottlob ist sie heiter dabei, nicht im geringsten apprehensiv und das hilft sehr voran.

Mit Mamas Herzklopfen ist es noch beim Alten, doch ist es das letzte Mal um fünf Tage später als gewöhnlich eingetreten, und ich möchte mir nun gar zu gern Hoffnung machen, dass dies bereits Wirkung des Klimas sei, was ihr Übel schon mehre Male gelindert hat, jedoch, leider, immer nicht anhaltend. Mit der völligen Gewöhnung an die hiesige Luft traten auch die alten Zustände wieder ein. Würde es doch einmahl anders! nur Linderung - wie froh wollten wir sein! Aber ich fürchte, Gott hat uns diese Freude nicht bestimmt. Wüsste ich nur gewiss, dass nichts Lebensgefährliches bei ihrem Zustande wäre, so wollte ich mich schon gern zufrieden geben; in ihrem Alter sind sieben Tage voll Kraft und Gesundheit mit einem leidenden nicht zu teuer erkauft, und das ist es ja eben, was uns die Ärzte einreden wollen, dass sie ihre ungemeine Rüstigkeit nur diesen Arbeitern zu verdanken habe, die nie lebensgefährlich werden
könnten. Gott gebe dass es so ist!

Laßberg ist auch ein wahrer Held für seine Jahre, trotz seines halblahmen Beins beweglich wie Quecksilber, sieht viel wohler aus als an seinem Hochzeitstage, und wenn er sich nicht zuweilen durch eigene Schuld einen Husten holte, könnte man sagen, ihm fehle nie Etwas.

Ich habe ihn bis jetzt nur in glänzender Laune gesehn, und hoffe, es sei etwas Haltbares daran, denn da er überhaubt mit zunehmendem Alter sehr an Umgänglichkeit zunimmt, so kann er in den zwei Jahren meiner Abwesenheit hübsche Progressen gemacht haben. So wie er jetzt ist, kann man sehr wohl mit ihm auskommen, und Jenny ist mit ihrer Lage völlig zufrieden, das bleibt doch die Hauptsache!

Meersburg, 14. Oktober 1846

aus: 1845, Briefe an Pauline von Droste, Rüschhaus

Ich werde diesen Winter sehr einsam verleben. In meinem Alter nimmt die Lust, neue Bekanntschaften zu machen (und Du weißt, diese war bei mir nie groß), gewaltig ab, und mein früherer Zirkel ist gänzlich aufgelöst, auseinander gestäubt wie ein Haufen Flaumfedern. Die gute Rüdiger war mir noch zuletzt geblieben, ist aber seit vierzehn Tagen auch fort, nach Minden, wohin ihr Mann mit gleichem Range, aber einer Gehaltsverbesserung versetzt ist. Die Einsamkeit wird mich nun zwar eben nicht genieren (Du weißt, sie ist eigentlich meine Liebhaberei), aber doch vermisse ich einige der alten Bekannten sehr ungern, namentlich eben die Rüdiger, eine Frau, auf die ich mich in jeder Beziehung verlassen, und immer ihrer wärmsten Teilnahme gewiss sein konnte. Doch Du kennst sie ja, und sie hat Dir, wenn mir recht ist, auch wohl gefallen.

Von Adelen weiß ich nur, dass sie noch fortwährend in Rom bei der Mertens und ihre Gesundheit jetzt leidlich sein soll. Mit ihrem Privatvermögen mag es schlimm genug aussehn, doch muss sie durch ihre Pension vom Weimarischen Hofe (300 Reichstaler) immer vor eigentlicher Not gesichert bleiben, freilich ein schmales Einkommen! aber ein einzelnes Frauenzimmer, der schon ihr Alter Zurückgezogenheit als das Passendste vorschreibt, kann sich doch damit einrichten, dass kein eigentlicher Mangel fühlbar wird.

Rüschhaus, 27. Oktober 1845

aus: 1844, Briefe an Pauline von Droste, Rüschhaus

Du taugst zwar ganz und gar nichts, Paulus, und hast mir auf meinen ellenlangen Brief von Meersburg auch nicht eine Silbe geantwortet. Dennoch schicke ich Dir meine Gedichte, weil Du sonst doch immer ein braver Paulus gewesen bist und ich nicht denken kann, dass Du Dich solltest in einen Saulus verkehrt haben, obwohl ich denn doch nicht begreife, weshalb Du mich so ganz und gar ohne Antwort gelassen hast. Ich denke mir, Du warst verdrießlich darüber, dass ich Dir das Leben in Meersburg als so wohlfeil geschildert hatte und es nun, nach meinen Preisangaben, ganz anders heraus kam. Aber wie konnte ich auch vorausahnen, dass im Badenschen sollte ein vollkommenes Mißjahr gewesen sein, während bei uns zulande alles ganz gut und reichlich gewachsen war?

Du glaubst nicht, bis zu welchem Grade die Not im Winter stieg. Jeder, der nur etwas übrig hatte, ließ täglich oder wenigstens wöchentlich Brot und Speisen austeilen, damit die Armen nicht gradezu verhungerten. Das Ärgste war noch, dass keine Tagreise weit von uns alles im Überflusse geerntet, aber von Wucherern aufgekauft war und zurückgehalten wurde. So tatest Du freilich sehr wohl, nicht zu kommen, aber schreiben hättest Du mir doch können, Du garstiger Paulus!

Ich habe im übrigen ein ganz angenehmes Jahr dort verlebt. Meine Mutter war, ihr gewöhnliches Herzklopfen abgerechnet, sehr wohl, Laßberg und Jenny sehr freundlich, die Kinder äußerst nett und sehr zutunlich. Mir selbst bekam das Klima wieder ausgezeichnet gut, und ich habe mich das Jahr durch recht verwöhnt mit freiem Atmen, so es mich jetzt recht hart ankommt, wenn mir die feuchte Münsterische Luft die alten Beklemmungen tagweise wiederbringt. Doch halten die guten Nachwirkungen noch an, und ich möchte keineswegs mit meinem Zustande vor anderthalb Jahren tauschen. …

Wir sind auf unsrer Rückreise mit Dir zugleich auf dem Rheine gewesen. Zwischen Koblenz und Bonn, als ich Dich schon in einigen Stunden zu sehn hoffte, erzählte uns ein Passagier, dass Du am vorigen Tage mit Betty und Prof. Achterfeldt Dich ebenfalls aufs Wasser begeben hättest, und zwar zu einer ordentlichen Reise; wohin wußte er nicht, aber fort warst Du, und so segelten wir denn trübselig bei Bonn vorbei und jetzt nur grade durch bis Düsseldorf. Es kam mir doch ganz wunderlich und verkehrt vor, dass ich Dich, Betty und Braun nicht sehn sollte; ich hatte mir das ganze Jahr hindurch so hunderterlei Dinge in Gedanken zurückgelegt, um sie Euch zu erzählen, kleine seltsame oder komische Vorfälle, interessante Bekanntschaften, und meinte, ich säß schon à la Turquoise im Kanapee, Du rechts, Braun links, der lange Schlacks mir gegenüber von einem Stuhle auf den andern rutschend und die Ohren spitzend. Und nun war alles nichts, und ich musste Bonn, das Münster, die Schiffbrücke, an mir vorüberfliegen sehn, als wenn es mich nichts anginge. …

Ist es denn wahr, dass die Mertens sich in Italien mit einem Marchese wieder verheuratet hat? Hier heißt es überall so. Das wäre ja toll! Bitte antworte mir doch hierauf, es interessiert mich doch. Und, bitte, wenn Du den Doktor Wolf siehst, frage ihn doch, ob er etwas von Adelen (Schopenhauer) weiß? ob sie noch in Jena ist? Ich bin ihr seit zwei Jahren einen Brief schuldig, möchte gern schreiben, und fürchte sie hat ihren Wohnort verändert … Bitte, vergiß doch beim Antworten nicht, meine Fragen mit zu beantworten, besonders die wegen der Schopenhauer, auch der Mertens.

Rüschhaus, 30. Oktober 1844

aus: 1843, Briefe an Pauline von Droste, Meersburg

Schilt nicht zu arg, liebstes Päulchen, über meine scheinbare Fahrlässigkeit, Du kannst nicht denken, was alles dazwischen gekommen ist, um mich zuerst gänzlich am Schreiben und dann am gehörig schnellen Einziehn der nötigen Nachrichten zu verhindern. Wir haben unsre ganze Reise unter Regengüssen abmachen müssen, was für mich eine tüchtige Erkältung und fast vierzehn Tage Bettliegen zur Folge gehabt hat. Sobald ich aber wieder auf den Strümpfen war, bin ich auf Kundschaft ausgegangen, konnte aber bei der ersten der drei für Dich passenden Wohnungen wegen Abwesenheit, bei der zweiten wegen Unentschlossenheit des Eigentümers anfangs zu keinem Resultate kommen, und bei der dritten (dem neuen Schlosse) sollte gar erst die Erlaubnis der Regierung von Karlsruhe eingeholt werden, wo, wie man mir sagte, dann nachher kein Rückschritt möglich sei, wenn die Bedingungen auch unerwünscht ausfielen.

Da sich das Schloß nun außerdem bei genauerer Überlegung wegen seiner allzu großen Räume als unbequem für eine kleine Haushaltung auswies, namentlich die Zimmer kaum zu heizen und der Weg bis zur Küche eine halbe Reise war, so habe ich diesen Plan ohne weiteres fallen lassen, habe aber nun zwei andre Quartiere im Auge, worüber ich Dir das Nähere mitteilen will.

Das eine heißt der Schussenriether Hof, ist ein großes schönes Gebäude, der Eigentümer ein gemeiner Winzer und bewohnt mit Frau und ein paar 8 - 9jähriger Kinder den untern Stock. Der Obere ist zu vermieten, enthält neun sehr hübsche Zimmer von angenehmer Größe, eine Küche und einen eignen Abtritt; der Gang, an dem die Zimmer liegen, ist breit und hell, die hinaufführende Treppe ebenfalls breit und schön, die Aussicht von einigen Zimmern auf den See und von den übrigen recht hübsch in die Weinberge und sonstige Umgebung, da das Haus in der Stadtmauer liegt, was auch noch den Vorteil hat, dass man von der Entree durch einen zweiten, freilich nicht schönen, aber doch brauchbaren Ausgang (durchs Kelterhaus) gleich ins Freie treten kann, ohne die Stadt zu berühren.

Der frühere Bewohner (Oberlehrer Flink) sagt mir, dass sich alle Gemächer sehr gut heizten, überall das Quartier sehr angenehm sei und er es nicht würde verlassen haben, wenn sich ihm nicht eine Wohnung im Seminar selbst geboten hätte; auch lobt er die Hausbewohner als Leute voll guten Willens. Soweit wäre alles gut, aber nun kömmt auch einiges Unbequeme: vorerst ist die Küche sehr dunkel, fast wie eine Art großen Alkovens, der kein Fenster ins Freie, sondern nur eins nach dem Gange hat. Diesem Übelstande will der Besitzer jedoch dadurch abhelfen, dass er dieses Fenster bedeutend vergrößern und an der andern Seite des Herdes eine zweite Tür mit Glasfenster machen lassen will, die in ein kleines Zimmer führt, dessen Fenster dem Glasfenster grade gegenüber ist; so, meint er und auch andre, würde die Küche zwar nicht sehr hell werden, aber doch hinlängliches Licht zum bequemen Gebrauch erhalten.

Ferner ist der Eingang durch den mit einem Tore geschlossenen Vorhof und den unteren Stock unangenehm, d. h. an sich sehr hübsch, aber unsauber und unordentlich gehalten: im Hofe liegen Holzstämme und ein mächtiger Misthaufen, und in der Vorhalle und Entree liegt und steht das Wirtschaftsgeräte der Hausbewohner, Kübel, Spaten et cet., umher. Herr Flink meint zwar, diese Leute, die gutmütig und sehr beflissen seien ihr großes Quartier zu vermieten, würden, sobald man es verlange, bereitwillig aufräumen, und nach ihrer besten Ansicht Ordnung und Reinlichkeit herstellen, von der ich aber freilich nicht weiß, ob sie Deiner Ansicht genügen würde, denn was solchen Leuten Sauberkeit scheint, kömmt uns oft ganz anders vor. Namentlich zweifle ich, dass der Düngerhaufen würde zu entfernen sein, da diese Leute doch notwendig durch das ganze Jahr Dünger für ihren Weinberg machen müssen, und ich selbst nicht einsehe, wohin anders sie ihn verlegen könnten.

Der Mietpreis für ein halbes Jahr würde (nachdem die Küche erhellt worden) 60 Gulden machen, nach unserm Gelde 34 Taler 30 Kreuzer. Herr Flink hat es viel billiger gehabt, weil er es für dauernde Zeit gemietet hatte. Könntest Du Dich entschließen, länger zu bleiben, etwa ein ganzes oder anderthalb Jahre, so würdest Du es auch billiger haben, doch scheint mir auch so der Preis nicht hoch.

(more…)