Kategorie: Briefe an Pauline von Droste



aus: 1843, Abbenburg, Briefe an Pauline von Droste

Denke nicht miserabel von mir, bestes Herz, weil ich deinen lieben freundlichen Brief mit dem mir überaus wertem Geschenke so lange unbeantwortet gelassen habe. Es ist seitdem allerlei über mich gekommen, Krankheit, Reisen, und (worüber du lachen wirst) ein wahrer babylonischer Turmbau von Geschäften. Ich sitze hier — oder vielmehr ich sitze nirgends, sondern bin in einem Rennen und Fahren, da wir genötigt sind ,unter nicht weniger als neun Orte unsern hiesigen Aufenthalt zu verteilen. Hier wohnt der Onkel Fritz, in Bökendorf Sophie und Karl, in Vörden Guido, in Hinnenburg die alten Asseburgs, in Haynhausen die jungen, in Brede Ludowine, in Herstelle Zuidtwicks, in Wehren Tante Metternich, und in Erpernburg Brenkens. Du kannst denken, wie wir gevierteilt werden! Dabei bin ich hundekrank, an immerwährenden Rheumathismus, der sich bald auf den Kopf, bald in die Glieder wirft, und nicht besser werden kann, weil es mir an Ruhe fehlt. Dieses zur Entschuldigung meines Stillschweigens, und du, liebe faule Hexe, wirst es so genau nicht mit mir nehmen, es kostet auch Mühe, bis man dich hinter die Feder kriegt.

Dein Geschenk hat mir, wie schon gesagt, die größte Freude gemacht, es ist der König meiner Autographen-Sammlung, die nichts enthält, was sich damit vergleichen könnte, und ich habe schon vielen Neid dadurch erregt, selbst Werner, der sich sonst nichts aus meinen Handschriften macht, hat jetzt dadurch Interesse dafür bekommen, und dringt darauf, dass ich die Sammlung einbinden lasse, um sie für die Zukunft zu sichern. Woher hast du denn nur das Blatt bekommen? Und an wen mag es gerichtet sein? Mich wundert nur, dass dieser, oder seine Familie, es aus den Händen gelassen haben. Doch der Profit ist für mich — beati possidentes! Glücklich die Besitzenden! …

Von Schücking habe ich die letzte Nachricht vor 6ten Juni, von Darmstadt aus, Du weißt, dass seine Verhältnisse sich so drückend gestalteten, dass es endlich zu einer Erklärung zwischen ihm und dem Fürsten kommen musste. Das Nähere mündlich, jetzt nur soviel: dass das schlechte Beispiel und moralische Verderben leider auch seine Zöglinge ergriff, und sein Gewissen ihm nun durchaus nicht mehr gestattete zu schweigen, bei einer Unterredung mit dem Fürsten, wo er diesem die Bitte vortrug, entweder ihm mit den Knaben einen andern Aufenthalt anzuweisen, oder ihm seine Entlassung zu gewähren, war dieser durchaus nicht gereizt, sondern sehr verlegen geworden, hatte gesagt: “er wolle sich die Sache überlegen”, endlich aber doch erklärt, “da er es nicht über sich gewinnen könne, weder sich von seinen Kindern, noch von seinem jetzigen Aufenthalte zu trennen, müsse er Schückings Entlassung annehmen, obwohl sehr ungern, da er ihn achte, und wohl zu schätzen wisse” et cet. In Folge dessen ist Schücking am 23ten Mai von Mondsee abgereist, über München nach Augsburg, von wo ihm allerdings kurz zuvor eine Redakteurstelle bei der allgemeinen Augsburger Zeitung angetragen war, hat dort sich von den Verhältnissen dieser Stelle genauer unterrichtet, ist dann über Darmstadt, von wo er mir schrieb, zu einem Besuch nach Freiligrath (St. Goar) gereist, und denkt im August seinen neuen Beruf in Augsburg anzutreten, vorläufig zur Probe, weil er seinen eignen Fähigkeiten zu dieser, fast gänzlich politischen, Laufbahn nicht sicher ist, doch hofft er, sich hineinzufinden. Es ist nicht die Redakteurstelle en chef, sondern die des zweiten Redakteurs, scheint aber doch ein gutes Brot zu sein, denn er ist sehr erfreut darüber, obwohl er in der Eil (er schreibt aus dem Gasthofe zur Traube) versäumt hat, mir den Betrag des Gehaltes anzugeben. Der ganze Brief ist flüchtig, ein wahrer Reisebrief, doch unterläßt er nicht, sich sehr herzlich nach dem “unvergeßlichen” Meersburg zu erkundigen, und 1000 Grüße dorthin aufzutragen. Gott gebe, dass dieser Nahrungszweig ein wirklich grüner und fruchtreicher für ihn wird! …

Mit dem Abschreiben meiner Gedichte geht mir’s schlecht, niemand kann meine Hand lesen, ich muss alles diktieren, und da gibt’s Fehler über Fehler. Jetzt habe ich mich selbst dran gegeben, und, alles zusammen gerechnet, von Dir, mir, den Abschreibern, bin ich doch schon weit hinein. Anträge bekomme ich von allen Seiten, jetzt wieder aus Dresden, von der Redaktion des Abendblatts, d. h. als Mitarbeiterin beizutreten “wo mir, als gewöhnliches Honorar, 3 Louisdor per Bogen genannt werden, ich könne aber drüber hinauf fordern, so viel ich wolle, es solle einzig von mir abhängen, et cet.”

Abbenburg, 17. Juli 1843

aus: 1843, Briefe an Pauline von Droste, Rüschhaus

Stoß dich nicht an dem etwas schäbigten Aussehn des Töpfchens, die Salbe war nun einmal darin, und ich fürchtete, sie möchte eher verderben, wenn ich sie in ein anderes Gefäß strich, weil sie dieses nie so luftdicht ausfüllt wie dasjenige, worin sie gleich noch flüssig gegossen ist. Die scheinbar schmutzige Farbe derselben kömmt von den durchgepreßten Kräutern, und den ranzigen Geruch hat sie immer, da die Hauptingredienz ungesalzene Butter ist - dieses schadet aber ihrer Güte nicht, und selbst wenn Schimmel darauf kömmt (was sehr leicht geschieht), so streicht man ihn nur herunter, und das übrige ist so wirksam wie zuvor.

Hier das Rezept: Man nimmt erstens unreife Wacholderbeeren, zweitens Moos, was an einem Schlehenstrauch gewachsen ist, drittens die sehr kleinen Würzelchen der wilden lilafarbigen Scabiosa, die überall wächst und auch Teufels-Abbiß genannt wird. Diese drei Teile macht man, jedes einzeln, klein (das Moos und die Wurzeln und zerschneidet man und zerstampft die Wacholderbeeren); dann nimmt man ein Pfund frischer Butter, ungewaschen, so dass noch etwas von der sauren Milch darin ist, zerläßt sie in einem eisernen Geschirr, doch nicht allzunah beim Feuer, da sie nicht sieden darf, sondern nur zergehn muss, wirft dann von jeder der oben benannten Ingredienzien so viel hinein, wie man von jeder dreimal mit drei Fingern fassen kann, rührt die Butter einmal um, dass überall von jedem Teile etwas hinkömmt, und setzt das Ganze in demselben eisernen Geschirr in den Keller, wo man es dreimal 24 Stunden stehn läßt; dann wird es wieder am Feuer flüssig gemacht und durch ein loses Gewebe (Mull oder Gaze) gleich in die Gefäße geseiht, worin es bleiben soll, die man mit einer Blase zubindet und im Keller aufhebt.

Die Salbe wird nicht eingerieben, sondern nur ganz sanft und recht dick auf die leidende Wange gestrichen, nur recht breit und auch unter die Kinnlade bis ans Kinn, wo die Hauptmuskeln laufen. Manchen tut es gut, wenn sie sich damit etwas an den Ofen setzen, aber nicht zu nah, dass die Wange nicht übermäßig erhitzt wird; andre binden, wenn die Salbe eingezogen ist, ein Tuch ums Gesicht. Mir tut grade die Kälte wohl, da das Gesicht doch von dem Schmerz brennt.

Das Mittel hilft nur für nervöse Leiden und ist dann auch im Nacken, Arm et cet. anwendbar, wo man oft schon Linderung fühlt, während die Salbe aufgestrichen wird, und hilft dann jedesmal für geraume Zeit, bis man sich ganz von neuem verdirbt. Hier hat es außer mir meine Mutter, Malchen Stapel und Tony Galieris auf der Stelle von nervösen Gesichts- und Zahnschmerzen befreit, von denen sie sonst nie unter mehreren Wochen loskamen, wenn sie einmal im Gange waren. Andern dagegen, z. B. meiner Schwägerin, deren Leiden rheumatischer Natur sind, hat es gar keine Wirkung getan, und wenn es in den zwei oder drei ersten Malen nicht hilft, ist ist nichts mehr davon zu hoffen. Schnelles Einziehn der Salbe ist gewöhnlich ein Zeichen, dass sie wirken wird.

Die wilde Scabiosa fängt ungefähr um die Mitte Sommers an zu blühen und blüht bis tief in den Herbst; man findet sie auf nicht zu feuchten Grasangern, an Bergen, in Heiden, kurz fast überall, nur nicht in feuchten Wiesen.

Rüschhaus, 23. Januar 1843