Kategorie: Briefe an Sibylle Mertens



aus: 1843, Abbenburg, Briefe an Sibylle Mertens

Mir ist wieder ganz miserabel gewesen, sonst hätte ich deinen lieben herzlichen Brief längst beantwortet, meine alte Billa. Jetzt hat sich mir der Krankheitsstoff wieder auf den Kopf geworfen, der mir den ganzen Tag summt und siedet wie eine Teemaschine - Ohr, Zahn, Gesichtsschmerz - ich möchte mich zuweilen, wie jener Halbgeköpfte (Kindermärchen von Grimm), bei den Haaren nehmen und mein weises Haupt in den Fischteich unter meinem Fenster werfen, wo es ihm wenigstens kühl werden würde. Erwarte also nur konfuses Zeug in diesem Briefe, denn ich bin halb simpel vor Duseligkeit, und muss bei jeder dritten Zeile aufspringen, um das Blut sinken zu lassen.

Heute ist’s doch besser wie seit vier Wochen, und Du magst nur denken, dass ich Dich lieb habe, sonst brächten mich noch keine zehn Pferde zum Schreiben. O Gott, wie wohl tut so ein Moment der Linderung! Und doch riskiere ich ihn gleich an Dich, eine Größe der Liebe, die nur von gleichfühlenden Ohren - respektive Zähnen - gewürdigt werden kann.

Hier würde es mir sonst recht gut gehn, alles ist freundlich, Gegend, Haus, Wetter und Menschen. Haben wir kein Siebengebirge, so haben wir doch sehr anmutige Hügel mit prächtigen Steinbrüchen, wo ich heraushämmern könnte, was mein Herz nur verlangt, und statt eigentlicher Parks doch wenigstens hübsche Spazierwege durch Laub- und Nadelholz, und einige sogar imposante Baumhallen, wo ich sehr gern arbeiten möchte, aber ich bin die arme Seele im Fegefeuer, die aus ihrem Fensterloche alle Welt in Abrahams Schoße sieht, und dabei nur an “einen Tropfen für ihre glühende Wange” denkt.

Den 11ten. Du siehst, mein gut Herz, dass meine Entschuldigungen keine leere Spreu sind; ich habe wieder sechs gezwungene Rasttage ohne Rast machen müssen. Aber genug hiervon, Zahnschmerzen hat ein jeder gehabt, und kann sie sich ohne Beschreibung hinlänglich vorstellen. …

Was Du mir von Deinen Verhältnissen schreibst, alte Billa, hat mich betrübt und sehr gerührt. Ach, das Mein und Dein! Es ist doch wirklich ein Scheidewasser, was alles in der Welt zersetzt! Ich hoffe, dieser Brief findet alles besser wie der Deinige es verlassen hat, jedenfalls bist Du rein aus dem Geschäftsklamme hervorgegangen, denn Deine Vorschläge waren doch gewiss großmütig genug! Und ich habe Dich dafür in Gedanken so fest an mich gedrückt, wie Du es in der Wirklichkeit schwerlich würdest gelitten haben, Du noli me tangere!

Gutes Herz, wärst Du hier, es wäre doch, trotz allen Schmerzen, charmant in Abbenburg. Ich habe hier ein nettes heitres Quartier, unter den Fenstern eine hübsche Blumenterrasse mit Springbrunnen, und allerlei reizende Plätzchen in der nächsten Umgebung, —z. B. gleich vor mir einen Eichwald, mit großem Teiche und Insel darin, wo eine gewaltige Linde ihre Zweige fast auf den Boden senkt, und es sich auf den Sitzen gar anmutig über dem Wasser träumen läßt; dann noch eine andre, etwas entferntere Anlage, die sehr gut unterhalten, aber von niemanden besucht wird, da wäre alles unser Eigen, Baumhallen, Sitze, das hübsche Zelt, bloß für uns Zweie, um es nach Belieben mit den Bildern unsrer Liebsten zu bevölkern, oder zu einer Robinsons-Einsamkeit zu machen.

Ich werde leider täglich mehr zur Fledermaus, zwischen Licht und Dämmerung, das ist meine rechte Zeit, und übrigens allein oder zu zweien, was darüber, ist vom Übel, und ich möchte immer, wie ein travestierter Hamlet, sagen: “Träumen, Träumen! Vielleicht auch Schlafen!” In dem Letzteren bin ich aber viel mäßiger geworden; wie meine Nerven denn überall sich bedeutend stärken, oder vielmehr, seit sie sich in die Ihren und Zähne verkrochen haben, das Übrige freier lassen.

Seit zwei Tagen bin ich ganz allein in Abbenburg, Mama ist in Wehrden bei der Metternich, und übermorgen muss ich auch hin. “Hier laß einen Seufzer fahren, und wenn du kannst, noch einen”, sagt Abraham a Santa Clara. Ich bin nicht gern in Wehrden. Alles ist mir zu ruschlig dort, und vollends die Tante selbst ein wahrer Ameishaufen, alles Leben und Verwirrung, Handlungen, Worte, und wie es mit den Gedanken aussieht, das mag ich den meinigen gar nicht zumuten zu untersuchen, du würdest sie gradeswegs für verrückt erklären, und doch ist’s nur eine tolle Phantasie in einem sehr schwachen Kopfe, die vor fünfzig Jahren den letzten Zügel zerrissen hat und seitdem en carrière durchgeht.

Mama leidet noch immer an ihrem Herzklopfen. Wäre sie hier, Du bekämst Grüße, so schön, wie sie sie selten verschickt. Du hast einen ungeheuren Felsen bei ihr im Brette. Dann steht Adele noch sehr gut, auch die Rüdiger - et voila tout. Im ganzen habe ich Unglück mit meinen Freunden und muss mich oft sehr abäschern, bittre Pillen zu vergülden, oder vielmehr Eispillen, denn anzüglich wird mein Mütterchen freilich nie, aber unser Geschmack läuft in der Regel auseinander wie ein Gabelzweig. Nun Gottlob, dass ich Euch drei wenigstens frei lieb haben darf! Mein guter Blinder läuft auch noch so halbwegs mit durch, und um die andern ist’s mir nicht so viel.

Alte Billa, weißt Du, wie lange wir uns schon lieb haben? Im Herbste werden es achtzehn Jahre, und ich darf schon eine ehrwürdige Anciennität in Anspruch nehmen. Vergiß das nicht zwischen deinen Schwarzaugen, deren Freundschaft kaum trocken hinter den Ohren ist. In sieben Jahren können wir unsre silberne Hochzeit feiern. Mit silbernen Haaren? Ich nicht, ich bin blond, “ewig jung und ewig schön!”, ein geborner Schimmel, aber Du, schwarzer Rappe, magst Dich nur tüchtig aufheitern, wenn Du nicht endlich wenigstens ein Scheck werden willst!

Ach! ich schreibe dummes Zeug, und wozu bist du anders da als um es zu lesen? Wozu hat man Freunde, als um ihnen aufzutischen, womit man andern Leuten nicht kommen darf? Also, mein kleiner schwarzer Araber, wir wollen die sieben Jahre richtig ableben und - wenn’s gelingt - noch fünfundzwanzig dazu, bis zur goldnen Hochzeit, um alles nachzuholen, was wir uns in den achtzehn Jahren mitunter haben ab Händen kommen lassen, allen Mitschmerz, alle Mitfreude, nicht wahr, mein gut Herz? Ich wollte, wir hätten jetzt wieder ein paar von den Bonner Wochen, die wir so schändlich verschleudert haben.

Adie, lieb Kind, schreib bald, und sag’ mir doch auch etwas von Adelen, Ich will ihr zwar selbst in den nächsten Tagen schreiben, aber da sie mit mir auf derselben langen Bank zu liegen pflegt, erwarte ich durch Dich schnellere Nachrichten als direkt von ihr. Will das Übel noch immer nicht weichen? Mir wird doch todangst bei der Sache! Was sagt Wolf jetzt? Und ist’s möglich, dass die Knoten so sitzen bleiben können ohne Verschlimmerung? bitte, sag’ mir Alles was Du weißt, Gutes und Schlimmes. Ich muss mich weit mehr abängsten, wenn ich nicht weiß wie es steht.

[am oberen Rand der ersten Seite] Levin Schücking ist verlobt, mit Fräulein Luise von Gall, in Darmstadt, die ganz hübsche Novellen ins Morgenblatt schreibt - weißt du etwas von ihr, so teile es mir doch mit, ich weiß nichts.

Abbenburg, 5. Juli 1843

aus: 1843, Briefe an Sibylle Mertens, Rüschhaus

Du wirst aus meinem langen Schweigen schon geschlossen haben, lieb Herz, dass es mit der Besserung sehr langsam zugegangen ist. Warum ich Dir nicht durch andre habe Nachricht geben lassen? Weil ich gern zu Dir wollte, lieb Kind, und dachte: “Habe ich erst durch eine fremde Hand aufschreiben lassen, so ist’s rein aus damit.” Du weißt, wie es mit diesen Nervenübeln geht, zuweilen so gute Tage, dass man denkt: “Noch eine Woche crescendo, und ich kann Wind und Wetter ein Schnippchen schlagen”, und dann ist mit einem Male wieder alles nichts! Du begreifst, dass unter diesen Umständen, bei meiner großen Schwäche, die Meinigen (denen sonst, auf Ehre! die Sache ganz recht gewesen wäre) mich nicht fortlassen wollten, da mir ohnedies noch die Anstrengung zweier Reisen bevorsteht, und begreifst auch, dass ich ihnen nicht die Gelegenheit geben wollte, alles rein abzumachen.

Jetzt muss ich dies leider selbst tun, denn die Zeit ist hin, und wir müssen gleich nach Pfingsten nach Bökendorf. Sei meinem Mütterchen nicht böse, liebe Billa, sie hat Dich jetzt sehr lieb, hätte mich sehr gern zu Dir gelassen, aber es ging wirklich nicht, ich wurde immer empfindlicher gegen die äußere Luft; jede Veränderung der Atmosphäre machte mich hundekrank, und noch jetzt, bei der Bökendorfer Reise, wird große Rücksicht darauf genommen werden; wir reisen keinenfalls als bei ganz beständigem Wetter.

Ich kann nicht sagen, Billchen, wie es mich freut, dass Du so gern hier warst; die Leute verdienen es aber auch um Dich. Alles denkt Deiner mit Liebe und einer Art Sehnsucht, alles läßt Dich grüßen, Tony, die Wrede, Heindorf, das ganze Landsberger Personale, Grävenitzen. Alle vereinigen sich in dem Wunsche, Dich auf längere Zeit in Münster zu haben. Ich denke, Du richtest Dich auch noch mal danach ein. Glaub mir, solche einfache Menschen, die weder Dein Geld noch selbst eigentlich Deine Talente suchen, sondern Dich nur persönlich so gar gern haben, sind gewiss die zuverlässigsten, und Du kannst nie in den Fall kommen, durch eine noch glänzendere Erscheinung in Abnahme zu geraten. Das macht mir meine Landsleute grade so lieb, dieser Mangel an arrière-pensées, an sogenanntem “Aufschlagen” mit brillanten Gestalten, was nur bis zum Aufgang der nächsten Sonne Stich hält, gibt ihnen in meinen Augen einen unschätzbaren Wert.

Darum komm, mein Liebchen, sobald Italien Dich losläßt! Auch meine Hoffnungen auf Wiedersehn müssen sich zunächst hierauf gründen. Ach Gott! Das ist eine endlos lange Zeit, und ich zerbreche mir fortwährend den Kopf, wie sie abzukürzen wäre. Wenn ich nach Bonn komme, bist Du nicht da, weder auf der Hin- noch Rückreise. Wenn ich in Meersburg bin (etwa vom Ende Septembers bis zum nächsten Mai oder Juni), steckst Du wahrscheinlich in Rom oder Neapel, oder kömmst Du vielleicht im Frühjahr, wo es dort doch überheiß ist, nach Mailand, Genua, Florenz zurück? In diesem Falle gelänge es mir vielleicht, Dich auf 8 - 14 Tage besuchen zu können, notabene wenn Du häuslich eingerichtet wärst, sonst geht es natürlich nicht an, und ich würde nach zwei bis drei Tagen wieder zurückkehren müssen, was doch, nach so weitem Wege, eine allzu kurze Lust wäre.

Liebes Herz, laß uns dem Glück vertrauen; wir verleben beide die nächsten zwölf Monate en voyageur, da wird man oft wunderlich verschlagen, und kann karambolieren, eh man’s denkt. Laß nur unsern Briefwechsel nicht einschlafen, damit wir immer wissen, wo wir uns zu suchen haben! …

Alte Billa, wie froh bin ich, dass jetzt alles zwischen uns wieder rein und fest ist, ich habe Deine Liebe so schwer und bitter verloren gegeben, soll ich mich denn jetzt nicht freuen? Indessen ist uns doch eine schöne unwiederbringliche Zeit darüber verlorengegangen, und dergleichen darf nicht wiederkommen. Es kömmt auch nicht, diese Überzeugung trage ich in mir, und Du gewiss auch. Wenn nur die schwarzen Südländerinnen meine blonde Figur nicht all zu sehr verschatten! Indessen ich denke: “Da bin ich mal was Extra’s - variatio delectat.”

Lieb Herz, mir liegt fortwährend die Frage nach Deinem Befinden auf der Zunge, und die Scheu, Dich unangenehm zu berühren, drängt sie zurück; aber ich muss doch wissen, wie es steht. … muss fortan wieder alle Deine Sorgen und Freuden teilen, wie früher.

Wahrlich, Billa, unser Verständigen miteinander, das Wiedereintreten des alten innerlich belebenden Verhältnisses hat mir so wohl getan, dass ich ihm allein die bessere Wendung meiner Krankheit zu verdanken glaube. Vorher ließ ich mich sinken, jetzt kämpfe ich gegen den Strom, und werde seiner, wenn auch langsam doch sichtlich, Meister. Ich bin zwar heitern leicht befriedigten Gemüts, aber doch zu einer gewissen Apathie geneigt, die mich dann auch körperlich erschlafft, und Du hast mir die liebste und heilsamste aller Aufregungen gegeben, die auch nachhaltig wirkt, und, in diesem Grade, nur von Dir ausgehn konnte. Alte Billa, freut’s dich auch, dass du mich wieder gesund machst?

Rüschhaus, 24. Mai 1843

aus: 1843, Briefe an Sibylle Mertens, Rüschhaus

Wir haben jetzt eine hübsche Stapel hier, das ist doch ein Meerwunder! Jeder, der sie zum ersten Male sieht, proklamiert ihre Schönheit, und damit ist’s all, denn auf die Dauer verdümmlicht sich das Gesicht dermaßen, dass man sich prügeln möchte, sie je hübsch gefunden zu haben; und doch ist sie nicht dumm, und nur der unglückliche schläfrige Familienzug richtet alle Teilnahme zu Grunde.

Warum ich dir dies schreibe? Weil ich gar nichts anderes weiß; mir ist seit zwei Monaten nicht für eines Hellers Wert passiert. Ich habe nichts akquiriert, habe nur die ordinärsten Leute unter den ordinärsten Umständen gesehn, nicht mal ein viel besprochenes Buch gelesen, worüber ich mein Licht könnte leuchten lassen, kurz, ich habe, wie die Seelen in der Vorhölle weder Lust gehabt noch auch sonderliches Leid, außer meinen Krämpfen und ein paar Eseln von Abschreibern, denen ich habe mein Geld umsonst geben, und die Abschriften in den Ofen stecken müssen.

Jetzt steht meine Hoffnung auf ein ziemlich gebildetes Fräulein, dem ich allenfalls Intelligenz genug zutraue, nicht statt der “Rüden” die “Räder” bellen, und Tränen statt “in die Wimper” in “den Winter” steigen zu lassen. Halt meine Münsteraner nicht deshalb für dümmer, wie sie sind; niemand kann meine Pfote lesen, ich muss alles diktieren, wo dann die abgebrochenen Zeilen häufig keinen Sinn für den armen Schreiber haben, den mein manchem undeutliches Organ ohnedies hinlänglich verwirrt. Morgen kömmt die Demoiselle, geht’s auch mit dieser nicht, so weiß ich keinen andern Rat, als dem St. Matthäus seinen Engel abzuborgen, der in den fast zweitausend Jahren, wo er ihm das Tintenfaß hält, doch wohl etwas in der Literatur wird profitiert haben.

Ernstlich, der Handel ist mir sehr verdrießlich, und ich sehe ein eigenhändiges Abschreiben vor Augen, was mit der Schneckenpost gehn und mich dennoch sehr angreifen wird. Zum Glück haben Jenny und Schücking mir in Meersburg schon ein gutes Stück vorgearbeitet, säh’ ich das Ganze vor mir, so ließ ich die Hände in den Schoß fallen, und nähm statt des Lorbeers mit der Schlafmütze vorlieb.

Rüschhaus, 24. Mai 1843

aus: 1842, Briefe an Sibylle Mertens, Rüschhaus

Geschrieben hast Du nun zwar nicht, jedoch denke ich mir Dich wieder zu Hause und in einer Stimmung, wo das Andenken Deiner Freunde anfängt in Dir wieder aufzuleben; Du hast jetzt allerdings eine schwere Stellung, die alle Deine Zeit und Kräfte in Anspruch nimmt, aber doch mindestens eine unbehinderte, was weniger für Dich als für diejenigen, denen jetzt alle Deine Pflichten gehören, so viel wert ist, dass man kaum wagen darf über das Schicksal zu murren, auf welchem ergreifenden und traurigen Wege es dieses auch herbeigeführt hat. Dennoch traust Du mir wohl zu, dass mein erstes Gefühl aufrichtiger Kummer um einen Mann war, den ich so voll Lebenshoffnung verlassen hatte, und der sich mir immer geneigt und nach seiner Weise freundlich gezeigt hat, mein zweites aber war der erleichternde Gedanke, welche Leiden auf ihn gewartet hätten, wenn sein Übel den gewöhnlichen langsamen Gang verfolgte. Für den Brustwassersüchtigen gibt’s nur noch eine Hoffnung, die, welche an Mertens erfüllt worden ist. Liebes Herz, du hältst mich wohl für gefühllos, aber ich habe am selben Übel Leidende auf eine andre Weise sterben gesehn und kann mich seitdem nur erleichtert fühlen, wenn jemand, dem ich wohl will, diesem entgeht.

Ich selbst bin mich leider einer ähnlichen, wohl nicht mehr zu unterdrückenden Anlage bewußt, und nur die Hoffnung, dass meine Vollblütigkeit mich vor der völligen Ausbildung ebenfalls einem raschen schmerzlosen Ende zuführen wird, erhält mich bei dieser Aussicht einigermaßen aufrecht. …

Ich denke mir, Du wirst jetzt das ganze Geschäft wohl Rudolphen übergeben und Gustaven zurückkommen lassen. Schreib mir doch ausführlich über alles! Du weißt, wie es mir am Herzen liegt, Dich möglichst ruhig und kummerlos zu wissen. Ich habe es lange verlernt schöne Worte zu machen, aber ich denke sehr viel an Dich und folge dem Gange Deines Schicksals mit Sorge und Liebe. Wirst Du nach wie vor sommers in Plittersdorf, winters in Bonn bleiben? Wie macht sich die Teilung des Vermögens, da ihr Gütergemeinschaft hattet? Kömmt nicht Adele jetzt vielleicht auf einige Zeit zu Dir, da dem, wenigstens von einer Seite, nichts mehr im Wege steht und Wolf ja ihr ganzes Zutrauen hat? Ich bin nicht ruhig, bis ich, wenn auch nur durch einige Zeilen, erfahren habe, wie Dir jetzt ist und wie Deine Zukunft sich gestaltet. …

Ich selbst befinde mich leidlich wohl, anfangs wollte mir das hiesige Klima gar nicht mehr zusagen, und ich bin einige Wochen lang recht herunter gewesen, jetzt macht es sich, und ich nehme mit geringem vorlieb, da ich an wirkliche Gesundheit seit zwanzig Jahren nicht mehr gewöhnt bin. Ich lebe nach der alten Weise still vor mich hin, gehe täglich auf ärztlichen Befehl einige Stunden spazieren, amüsiere mich mit meinen Sammlungen, bekomme nun und dann durch meine münsterischen Freunde etwas neue Literatur zu Augen und schreibe mitunter ein paar Zeilen, entweder zu Verstärkung eines Bands Gedichte, der übrigens schon ziemlich dickleibig ist, oder eines prosaischen Werks, wo allerdings noch die größere Strecke vor mir liegt. Wegen der Wahl eines Verlegers bin ich noch sehr schwankend und möchte, dass jemand mit einem entscheidenden Rate durchgriff. Cotta, bei dem Schücking, wenn nicht ohne mein Vorwissen, doch gegen meinen Wunsch, angefragt hat, hat sich nicht abgeneigt bezeigt, und sein Verlag wäre freilich der glänzendste und zur Verbreitung geeigneteste, doch möchte ich lieber einen Verleger vorziehn, der sich mir selbst angeboten hat, und deren sind drei. Zuerst mein alter Verleger, die Aschendorffsche Buchhandlung in Münster, die mir aber doch zu obskur ist, dann Velhagen und Klasing in Bielefeld, eine noch junge aber großartig auftretende Firma, die bereits in großen Massen verlegt und wohl deshalb den Vorzug verdiente weil ihr mehr an mir gelegen scheint wie den andern und sie, da ich ihren Brief nicht beantwortet habe, sich seitdem schon zweimal an einen meiner Bekannten gewandt hat mit der Bitte, ihren Antrag zu unterstützen, so dass sie sich nie beklagen dürfte, falls der Absatz ihrer Erwartung nicht entspräche, was mir viel wert ist.

Endlich hat mir nun noch Adele vor zwei Jahren von einem dortigen (in Weimar oder Jena) Buchhändler geschrieben, der alles von mir übernehmen wolle, Poesie oder Prosa, wie es sich vorfände, ob auf ihr Zureden oder freiwillig, weiß ich nicht. Damals habe ich wenig darauf geachtet, weil ich nichts zu geben hatte, und seitdem ist mir die Adresse verlorengegangen, doch will ich nochmals darüber an Adelen schreiben und mich dann schnell entschließen, da bis zur Ostermesse doch etwas erscheinen muss und ich bei dem einmal gewählten Verleger gern bleiben möchte.

Verzeih, gutes Herz, diese lange Brühe über Dich so wenig Interessierendes! Es ist eben ein Schriftstellerfehler, der kleinen wie der großen, immer um ihr eignes Lichtstümpfchen zu spazieren.

Rüschhaus, 29. September 1842 (oder 9.10.?)

aus: 1835, Briefe an Sibylle Mertens, Rüschhaus

Ich bin krank, Billchen, deshalb soll ich gar nicht schreiben, nicht lesen; nun, das Verbot ist überflüssig, die Buchstaben schwimmen und rennen durcheinander wie Wassertierchen. Ich will versuchen, wie weit ich komme. … Von früherhin ließe sich allerdings manches sagen, und müßte sogar gesagt werden, aber für dieses Mal wird’s nicht gehen, mein Kopf läuft mit mir um. Nur so viel, ich war Dir böse und bin es nicht mehr, denn ich habe mich entschlossen, jenes, was mich kränkte, und zu verschiedenen Zeiten oft und sehr gekränkt hat, in Zukunft als etwas Unabänderliches zu tragen. Ich meine Deine Unfähigkeit, persönliche Mühe für Freunde zu übernehmen, selbst wenn der Erfolg für jene von Wichtigkeit und die Mühe gering wäre.

Du kannst wohl nicht zweifeln, dass für dieses Mal von meinen Gedichten die Rede ist, die ich so mühsam für dich abschrieb, und dafür nichts verlangte, als dass du sie mir mit Adelen und D’Alton kritisch durch sehn mögest, da ich befürchte, dass durch all zu vieles Streichen manches unzusammenhängend geworden, dem aber durch Einschieben des Gestrichenen leicht zu helfen, auch sonst, fürchtete ich, sei manches zu gewagt et cet. Du magst das Weitere in den zwei zu jener Zeit geschriebenen Briefen nachsehen, heute darf ich kein überflüssiges Wort schreiben. Ferner um Anweisung bat ich, an wen ich mich wohl wegen des Verlags zu wenden, und auf welche Weise. Hättest du nur nicht so enthusiastisch, so überaus dienstwillig geantwortet, und hätte ich dir nur nicht so fest geglaubt und mit so ängstlicher Spannung von einem Posttage zum andern geharrt, es würde mich weniger geärgert haben, dass so gar nichts geschehn ist, ich würde nicht so allen Mut und Lust verloren haben, je wieder etwas unternehmen. Doch passons la dessus!

Dieses heftige Eingreifen und schnelle Fahrenlassen ist eine stehende Eigenschaft bei Dir, aber nur des Kopfes, vielmehr der Phantasie, keineswegs des Herzens, deshalb kann ich sie Dir übersehen und Dich lieben wie zuvor. Laß Dich, durch das was ich geschrieben habe, nur ja nicht verleiten, Dich etwa jetzt, mit deinen Kopfleiden, grade recht mal a propos an die Sache zu geben, laß sie überall beruhen, du kannst ohne Adelen doch nicht voran, und meine letzte Frage oder Bitte betrifft sie allein, darum werde ich ihr schreiben, sobald ich besser bin.

Ich war übrigens schon mit meinen Gefühlen für Dich im reinen und Dir gar nicht böse mehr, wie Dein vorletztes Schreiben kam. Für dieses mal hinderte mich der Ring am Antworten, Du fordertest ihn auf eine trotzige Weise zurück, fast als ob Du dächtest, ich wollte Dich drum bringen. Drum wollte ich keine Antwort ohne denselben schicken … Ich wollte, das Unglücksding wäre nie vor meine Augen gekommen.

Du beklagst Dich, dass ich Dir die Heirat meiner Schwester nicht notifiziert - Kind Gottes, ich habe es Dir ja geschrieben, mit meiner eigenen Hand, ist das nicht besser wie eine gedruckte Annonce? Ich hoffe, dass Jenny glücklich wird. Laßberg hat manches Originelle, aber noch mehr Vorzügliches, doch das Urteil über jemand, den man nur als Gast und Bräutigam sah, muss einseitig bleiben, mich verlangt, ihn zwischen seinen Mitbürgern, in seinen Familienverhältnissen zu sehen. Wahrscheinlich reisen wir nächsten Frühling (Mai) hin, d. h. die Mutter und ich, dann geht’s über Bonn und auf einige Stunden nach Plittersdorf. Das ist mir aber zu wenig. Du musst es möglich machen, auf einige Tage nach Bonn zu kommen, denn so lange, denke ich, wird Mama sich wohl von ihrem Bruder halten lassen. Ich will’s nur bekennen, so wenig Du es verdienst, dass ich mich recht herzlich, Dich wiederzusehn, sehne.

Bist Du noch krank? Nein, jetzt nicht mehr, ich denke mir, Du läufst wieder auf Deine “zwei Beine” gleich ‘ner Wachtel. Ich wollte, mit mir ständ’s auch so. Die Buchstaben krimmeln mir vor den Augen wie ein Regiment Läuse (von welcher Gattung, bleibt Deinem Geschmack überlassen, Du magst wählen, die Dir am liebsten sind).

Rüschhaus, 19. Februar 1835