Kategorie: Briefe an Sophie von Haxthausen
Ich bin jetzt wieder homöopathisch, der fatale Knoten hat sich fast ganz verloren, aber dafür ist mir seit 14 Tagen das Ohr fast ganz zugeschwollen, es braust mir darin wie ein Mühlenwehr, und ich begreife jetzt wohl, weshalb taube Leute gewöhnlich so einfältig sind, ich bin auch halb simpel. Sonst bin ich diesen Winter ungewöhnlich wohl und habe gar keinen Husten. …
Meine gute Rüdiger schreibt fleißig, ist aber mitsamt ihrem Manne sehr mißvergnügt in Minden, und sie arbeiten aus allen Kräften, von dort wegzukommen. Ihr Haus beschreibt sie düster und melancholisch, wie einen Kerker. Es ist dasselbe, was der Erzbischof bewohnt hat, und sie meint, jetzt bedauere sie den armen Mann erst recht und fühle seine Hypochondrie ordentlich mit. Ich bekam gestern noch einen Brief von ihr, wo sie eben von einem ganz kurzen Ausflug nach Berlin rückgekehrt war. Sie hat dort Grimms besucht, die sie äußerst freundlich empfangen und sich sehr herzlich nach uns allen erkundigt haben.
Auch Bettinen hat sie aufgesucht, die fast den ganzen Besuch über nichts getan hat als schimpfen, auf die Katholiken, die Westfalen und besonders den westfälischen Adel. Als die Rüdiger das nicht so geduldig hingenommen, sondern ihr tüchtig darauf gedient hat, hat sie endlich abgebrochen und angefangen zu prahlen, dass die Lichtfreunde sich so viele Mühe gegeben, sie an ihrer Spitze zu bekommen, sie wolle aber nicht et cet. Kurz, sie muss sich nicht besonders liebenswürdig gemacht haben. …
(Am Rande:)
Adele sitzt noch immer in Rom und schreibt ein Buch nach dem andern, aber keine Briefe, wenigstens mir keinen, und ich kann noch immer ihre Adresse nicht bekommen. Schückings Frau erwartet ihre zweite Niederkunft. Junkmann ist in Bonn und soll jetzt ganz gesund sein.
Rüschhaus, 19. Januar 1846
Werner ist vor vierzehn Tagen mit dem Wagen zweimal über und über gekehrt worden, auf dem Wege von Münster nach Hülshoff, hat aber, gottlob, nichts gekriegt. Es war grade am Auftauen, drei Pferde nebeneinander gespannt, zwei an der Deichsel, das dritte daneben - da schlägt der Wagen an der einen Seite in ein Eisloch und total um. Kutscher und Jäger springen glücklich herunter, der Letztere nur halb glücklich, nämlich bis unter die Arme in einer “schalluhen Schlaut” neben dem Fahrwege. Durch den starken Ruck bricht die Deichsel, die beiden dadurch freigewordenen Pferde werden scheu und reißen auch das dritte vom Wagen los, der nun zum zweiten Male umgekehrt wird, und dann ins Weite! Der Kutscher ihnen nach. Unterdessen steht der Wagen auf dem Kopfe, die Räder in die Höhe, und drunter sitzt Werner in der Pfütze zusammen gekugelt wie eine Katze in der Mausfalle, und schimpft aus Leibeskräften, bis sich der Jäger aus seinem Kolk gehaspelt hat, und den Wagen so weit aufrichtet, dass er drunter wegkriechen kann.
Der Kutscher hatte indessen seine Pferde, denen das Durchgehen im Drecke selbst langweilig geworden war, bald wieder eingefangen; der Wagen wurde ins Dorf geschafft (die Geschichte passierte nämlich auf dem Damme von Roxel) und unsre drei Helden zogen zu Rosse in Hülshoff ein. Du kannst denken in welchem Aufzug! Zwei (Werner und der Jäger) klatschnaß und der dritte gesprenkelt wie eine Wachtel.
Schaden hat niemand genommen, nicht mal der Wagen, außer der zerbrochenen Deichsel, doch war Werner am andern Tage etwas heiser, und Clövekorn setzte ihm zur Vorsicht einige Blutegel; am zweiten Tage kam er aber schon selbst nach Rüschhaus, um Mama (der er übrigens gleich Nachricht geschickt hatte) völlig zu beruhigen. Es fehlte ihm gar nichts mehr, nur seine Hände waren etwas geschwollen, von der starken Anstrengung, sich aus dem Wagenkasten zu arbeiten. Übrigens hat ihn der Landtag sehr mitgenommen; er hat sich (da er noch seine andern Geschäfte - Armenkommission, Sparkasse - nebenher versehen musste) überarbeitet, auch zuviel geärgert, und ist auffallend mager geworden
Rüschhaus, 24. April 1845
Du wirst selbst wohl denken, liebe alte Sophie, weshalb ich erst jetzt antworte. Wir haben euch täglich, seit das Wetter so schön ist, stündlich erwartet, und je länger es währte, je sicherer dachten wir euch schon auf den Rädern. Nun ist vorgestern Dein Brief gekommen, und unsre schönen Luftschlösser sind kaputt. Es ist recht betrübt, dass ihr nicht kommt, aber uns doch lange nicht so betrübt, als wenn wir es vor sechs Wochen erfahren hätten, denn jetzt liegt unsre eigene Reise schon näher, und Ende Mai sind wir, so Gott will, alle zusammen.
Wir würden schon eher kommen, wenn der lange Winter nicht alles so weit hinausgeschoben hätte. Wäsche, Arbeit in Feld und Garten, und nun findet sich zum Überfluß, dass in meinem Zimmer ein Balken einstürzen will, und wir vor der Abreise uns noch mit Maurern und Zimmerleuten herumarbeiten müssen. Du wirst Dich wohl des immerwährenden Fleckens am Plafond neben dem ersten Fenster erinnern, und hast gewiss manchen Tag einen hölzernen Napf darunter stehen sehen, es konnte zuweilen gießen wie eine Dachrinne. Am Dache war aber der Schaden durchaus nicht zu finden, und die Leute hier herum glauben an ein unsichtbares Loch, durch das unser Hausspuk (Du kennst ihn ja wohl, der mit der weißen Timpmütze) aus- und eingeht. Jetzt hat Werner ein großes Blech legen lassen, und damit den Regen, hoffentlich auch den Spuk, ausgesperrt, aber als er neulich mit dem Stocke an meinen Balken stieß, fielen Stücke herunter, groß wie meine Hand, und vermufft wie Puffholz. In den nächsten Tagen soll nun der Plafond losgenommen werden, und ich wage es wirklich nicht mehr, in der Sofaecke darunter zu sitzen, und muss jeden Augenblick aufsehn, ob die Pastete nicht herunter kömmt.
Sonst sind wir gottlob wohl, und im Geiste schon halb bei euch. Mama setzt schon keine Mütze auf, ohne zu überlegen, ob sie mitreisen soll, und ich packe vor und nach meine Raritäten weg oder auch ein zum Mitnehmen. Wie wächst doch das Verlangen des Wiedersehns, wenn nicht nur so lange Zeit, sondern auch so viel Wunderliches, Fremdes, dazwischen gelegen hat! Alles anders! Andre Gegend, andre Sprache und Sitten - Du glaubst nicht, wie ich mich wieder an jedem alten bekannten Gesichte freue! Oft kommen mir die 4 Wochen bis zu euch schrecklich lang vor, und dann wieder ganz kurz, wenn ich an die letztverflossenen denke - mich dünkt, es war gestern noch März.
Die Zeit läuft immer schneller, sogar dieser endlose Winter ist hingegangen wie ein Traum. Jetzt haben wir seit acht Tagen hier ein Wetter wie Juni, vorgestern war die Hitze geradezu drückend, Mama und ich saßen einander gegenüber wie ein paar schläfrige Eulen, und ich glaube, wir haben uns nach Tische beide hingelegt - von mir wenigstens weiß ich es gewiss.
Rüschhaus, 24. April 1845
Schücking ist jetzt Mitredakteur der “Allgemeinen Augsburger Zeitung”, wohnt in Augsburg, ist seit drei Monaten verheuratet, gottlob sehr zufrieden, und schreibt mir oft; auch seine Frau hat mir wieder geschrieben, einen sehr natürlichen, herzlichen Brief. Sie scheint voll des besten Willens zu sein, ihn glücklich zu machen. Er schreibt, aus ihrer Schriftstellerei werde jetzt nicht viel mehr, sie habe meistens die Küchenschürze vor oder flicke ihm sein Weißzeug; das hat mir sehr tröstlich geklungen. Der Himmel hat den armen Schelm so lange und bitter geprüft, ich hoffe, jetzt läßt er’s ihm auch mal gut gehen.
Er fängt jetzt an, ziemlich berühmt zu werden, sein neuster Roman, “Das Schloß am Meere”, findet großen Beifall, so auch seine Erzählungen in verschiedenen Taschenbüchern. Er bleibt aber immer dieselbe gutmütige, unschuldige Seele. Da er jetzt viele Gelegenheit hat, Handschriften von berühmten Männern zu bekommen, so hat er mir neulich ein ganzes Paket geschickt, und man merkt dem Briefe an, dass er es nicht abwarten kann zu erfahren, wie ich mich drüber freue.
Im Frühling kömmt er mit seiner Frau hieher, und wir freuen uns alle darauf, selbst Mama erweicht sich gegen ihn, da sie hört, wie Jenny und Laßberg ihn loben, und am meisten Eindruck macht es ihr, dass alle Dienstboten rühmen, “dass er nie in kein Wirthshaus nit gange, und nie kein Mädel kein unrecht Wort nit gesagt hab”. Darum hoffe ich, wird’s ihm auch gutgehn. Ein unschuldiges Leben ist die beste Vorbereitung zu einer glücklichen Ehe.
Meersburg 11. Januar 1844
Nun muss ich dir doch auch von meinem kleinen Ankaufe schreiben, meinem Häuschen und Weinberg, wie ich dazu gekommen bin, und wie es beschaffen ist. Es ist ein großes Gartenhaus, liegt grade Jennys Garten und Häuschen gegenüber, aber höher, und ist wenigstens noch einmal so groß; es heißt das Fürstenhäuschen, weil einer der letzten Bischöfe es gebaut hat, um dort im Sommer die Nachmittage zuzubringen, sowohl der herrlichen Aussicht wegen, als auch weil er kränklich war und die Luft dort so rein ist. Es enthält fünf Piecen, zwar klein, aber doch brauchbar; zuerst unten das größte Zimmer mit einem Kachelofen, daneben die kleine Küche, wo der Herd mit dem Ofen verbunden ist, so dass beide mit einem Feuer können geheizt werden. Aus der Küche führt eine Wendeltreppe in den oberen Stock vermittelst einer Falltür; wenn man abends die Falltür zumacht, so ist die Entree auch ein kleines Zimmerchen, wo eine Kammerjungfer schlafen und ein Schrank sehen könnte; dann kömmt ein recht nettes, heizbares Wohnzimmer und dahinter ein Schlafzimmerchen; oben ist etwas Bodenraum und unter dem ganzen Hause her ein großer Keller; das Gebäude ist im besten Zustande, sehr fest und massiv aus gehauenen Steinen ausgeführt, das Dach noch im vorigen Jahre durchaus repariert, nur die Fenster sind alle fort, bloß Läden da, die gottlob immer fest geschlossen gewesen sind, so dass die Zimmer nichts gelitten haben. Hierzu gehört ein Jauchert (etwas mehr wie ein Morgen) Rebland, sehr gut im Stande gehalten und mit lauter guten Sorten bepflanzt, Muskateller, Traminer, Gutedel et cet. et cet., die in guten Jahren etwa zwanzig Ohm Wein bringen sollen. Die Hälfte davon hat eine sehr gute Lage nach Süden, die andere weniger. Es gehört auch ein Bleichplätzchen dazu; ein Brunnen ist nicht da, aber grade daneben eine Quelle, die Sommer und Winter fließt.
Diese niedliche Miniaturbesitzung, die ihre Herren weit weg in Freiburg hatte, war jedermanns Augenmerk, und als sie zum Verkauf kam, strömten alle Honoratioren zu. Ich ging auch hin, warum weiß ich kaum; ich dachte wohl, es wäre hübsch, wenn ich es kaufen könnte, um es einstens, da es doch an Jennys Garten stößt, ihren Kindern zu hinterlassen; aber es fiel mir nicht ein, dass ich es könnte. So wie ich hereinkam, fragte mich einer der Honoratioren: “Wollen Sie mitbieten?” Ich sagte “Vielleicht, je nachdem es fällt”, worauf gleich mehrere der Herren fortgingen, auch mehrere der Bauern, und die andern blieben ruhig sitzen und boten nicht, außer einem Bauer, der auch bald stillschwieg, als ich ganz piano anfing gegen ihn zu bieten, und so wurde mir schon nach ein paar Minuten die ganze Geschichte für 400 Tlr. zugeschlagen. Was sagst du dazu?
Alle sagen, ich hätte lächerlich wohlfeil gekauft. Die Reben allein kosteten hier in schlechter Lage ebensoviel und in guter wenigstens das Doppelte, und das Haus hätte ich ganz umsonst. … Das Geld dazu bekomme ich jedenfalls für die erste Ausgabe meiner Gedichte; gibt’s mir Cotta nicht, so haben mir schon andere höher geboten; ich habe recht Freude an dem Kauf! Jenny wird es mir verwalten und gewiss schon sorgen, dass es nicht schlechter wird.
Meersburg, 11. Januar 1844





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