Kategorie: Briefe an Sophie von Haxthausen
In Stuttgart gibt nämlich der Professor Bauer ein Werk heraus “Deutschland im neunzehnten Jahrhundert”, dessen Ausarbeitung viele Gelehrte unter sich verteilt haben. Hierbei hat Schücking nun, noch in Meersburg, Westfalen übernommen, weil er dorthin zurückzukehren und dann alle Quellen zur Hand zu haben glaubte; nun sitzt er in Bayern beim Fürsten Wrede, wird auf’s äußerste um seinen Beitrag gedrängt und stößt, obwohl er sein Land sowohl durch Beobachtung als Lesen gründlich studiert hat, doch überall auf Schwierigkeiten und Lücken, wie es so ganz ohne Hülfsmittel nicht anders möglich ist. Er schreibt mir den lamentabelsten Brief von der Welt, dass er sich schon an mehrere in Münster um Auskunft in den verschiedenen Zweigen gewendet …
Wolltest Du nun, liebste Sophie, dieses dem August sagen oder, noch besser, ihm diesen Brief schicken, so wäre mir das äußerst lieb. Hat er nichts zu geben, so hätte ich gern baldmöglichst Nachricht, damit Schücking sich anderwärts umhören kann. Es braucht übrigens nicht viel zu sein, denn der Aufsatz umfaßt eine solche Masse von Gegenständen, Landschaft, Volkscharakter, Sitten, Gewerbe, Statistisches, Regierungsform et cet., auch Sagen und Volksaberglauben, kurz alles mögliche, so dass jedes nur einen enggemessenen Raum hat.
Kann und will aber August dem armen Schelm mit etwas aushelfen, so wäre es gut, wenn er es mir schickte, da Schücking von Münster eine Büchersendung erhält, der es dann beigepackt werden könnte, und die
schon darauf warten kann. …
Sage ihm, ich arbeitete fleißig an meinem Buche über Westfalen und hätte außerdem einen dicken Band Gedichte zum Drucke fertig. Im Auslande ginge es mir sehr gut, ich hätte jetzt acht gute Rezensionen bekommen, und drei Verleger hätten sich mir angeboten. Hierzulande spielte ich aber noch immer die Rolle des begossenen Hundes.
Rüschhaus, 24. September 1842
Ich versichere Dich, ich war ganz herunter und so mutlos wie Anno 1830, bei dem miserabeln Aufenthalt in Münster. Man sollte einem halb Genesenen nie sagen, wie bedenklich es mit ihm gestanden hat, denn Rückfälle kommen immer, und dieser war ein arger Rückfall, so dass ich schon halb und halb darauf gefaßt war, den Winter nicht hier bleiben zu können. Davon glaubst Du nun kein Wort, und es ist doch wahr. Zum Glücke war es schon viel besser, als Mama zurückkam, und jetzt habe ich mich wieder an’s Klima gewöhnt und bin, unbeschrieen, flink auf den Strümpfen.
Mama ist gottlob auch wohl, sehr heiter, denkt nicht an ihr Übel, sondern hat so viel zu sehen, zu fragen und zu erzählen, dass sie nicht zum Schreiben kommen kann und, da ich jetzt schreibe, ihren Brief an Dich noch etwas aufschieben will. Die Zeit, wo sie ihr Herzklopfen hätte haben müssen, ist glücklich vorübergegangen, ohne andre Fatalität, als dass ich einmal tüchtig ausgeschimpft worden bin, weil ich morgens um fünf an ihrer Tür herumlusterte (”wie ‘ne alte Katze”, sagt Mama), was freilich dumm war, aber man hatte mir die Sache so gefährlich gemacht, dass sich meine Unruhe doch wohl begreifen läßt.
Ich mache mir jetzt Hoffnung, dass das Übel, da es gerade in dieser schlimmen Äquinoktialzeit ausgeblieben ist, ganz fortbleiben oder wenigstens allmählig ausschleißen wird. Gott gebe es! Hätte ich diesen Winter eine Ahnung davon gehabt, ich hätte keine ruhige Stunde in Meersburg verlebt, aber wie ich Mama jetzt sehe, so resolut und munter, und wie sie so rüstig nach Hülshoff hin und her segelt, kann ich mir ihren früheren Zustand gar nicht vorstellen. Nochmals, Gott erhalte nur alles wie es jetzt ist, dann will ich gar nichts anderes wünschen.
Rüschhaus, 23. September 1842
Von Jenny hat Mama gestern einen Brief. Sie hat einen Umschlag gehalten und ist sehr traurig darüber, übrigens aber schon fast hergestellt. Das Kind hat noch nicht gelebt und ist erst von vier Monaten gewesen, so sehr hat sie sich in der Zeit verrechnet. Sie schreibt, es ginge ihr näher als wir wohl dächten; ich kann es mir aber wohl denken und wollte, wir wären jetzt bei ihr.
Rüschhaus, 7. November 1839
Die Bornstedt überschüttet mich fortwährend mit Briefen und Gefälligkeiten, und ich sehe sie, wenn ich mal (sehr selten) nach Münster komme, obgleich sie mir, unter uns gesagt, immer weniger gefällt. Ich fürchte, ihre Frömmigkeit ist großenteils Poesie und Phantasie, obgleich sie wirklich den besten Willen hat, aber sie steckt voll halb berlinischer, halb französischer Schwächen und erinnert mich unzähligemal an die Gauthier.
Schücking möchte ich gern wohlwollen, da ich weiß, dass er mich seiner seligen Mutter so ähnlich findet, was ihm in seiner Verlassenheit ein großer Trost ist und mich rührt, und da er zudem ein so rein moralischer, gescheuter und gelehrter Mensch ist, aber es wird mir schwer, er ist mir gar zu lapsig, weibisch, eitel, erinnert mich zu oft an August Wilhelm Schlegel, dessen Karriere er auch wohl machen wird, wenigstens im kleinen, da er bereits ein gesuchter Mitarbeiter an allen kritischen Blättern ist und seine Rezensionen in andern …
Bei der Rüdiger habe ich noch eine Person kennenlernen, die mir sehr gefällt und zum Besuch dort ist, ein altes Täntchen, Schriftstellerin aus früherer Zeit, verwachsen und so schwächlich, dass, wenn sie mit in der Gesellschaft sein will, sie sich erst mehrere Stunden vorher hinlegen muss, sehr klug, sehr blöde und demütig, die Freundlichkeit und Güte selbst, hält sich für nichts, nimmt überall den geringsten Platz ein und ist doch die Verständigste von allen. Die Rüdiger hat sie überaus lieb und geht sehr nett und kindlich mit ihr um. Die Bornstedt aber verachtet sie als ein altes Hutzelchen und eine Person von veraltetem, schlechtem Geschmack, was sie in ihrem Übermut und Duselei auch gegen die Rüdiger geäußert und sich dadurch, wie ganz billig, eine schlechte Note gemacht hat. Die Bornstedt bat mich, eigentlich aus reiner Mokerie, die alte Dame doch zu bitten, mir ihr Bändchen Erzählungen (das einzige, was sie geschrieben) zu leihen, das mache ihr solche Freude. Ich tat es, weil ich sie wirklich zu lesen wünschte, und fand sie so gut, wie die Bornstedt nie schreiben wird.
Jenny hat kürzlich geschrieben. Sie ist wohl mit den Ihrigen und freut sich sehr auf unsern Besuch, den Mama ihr angekündigt hat, aber, liebe Sophie, da liegen noch große Steine im Wege. Vorerst habe ich dieses Jahr gar kein Geld. Ich stand doch schon schlecht mit meinen Finanzen, und nun ist das Porträt ein Kniestück geworden und hat mir acht Louisdor gekostet, was mir arg im Beutel klappern würde, wenn nur etwa darin wär’, was klappern könnte. So aber klappert es in dem Gelde, was ich in Zukunft erst bekommen werde, und ich kann im nächsten Quartal nicht mal meine Rechnungen bezahlen, viel weniger das Kostgeld an Mama. Gegen den Mai bin ich noch nicht aus meinen Schulden, wovon soll ich denn reisen?
Rüschhaus, 27. Januar 1839
Ich bitte, nimm Dich doch in acht und laß dich auf keine Gespräche ein, die Dich aufregen und ärgern, denn ich meine immer, die Geschichte mit dem Erzbischof ist Dir so in den Magen gefahren. Glaub nur, wir ärgern uns auch genug darüber, aber jetzt, wo das Recht auf unsrer Seite immer offner hervortritt und selbst protestantische Zeitungen dies anerkennen, können wir schon ruhiger erwarten, was der liebe Gott verhängt. Die bösen Mäuler sind wenigstens überall gestopft. Ich wünschte sehnlich, jetzt bei Dir zu sein, aber schreiben geht nicht, die Spionerie hat einen Grad erreicht, worüber ich als Märchen lachen würde, wenn nicht bereits die auffallendsten Beispiele vorgekommen wären. Wenn die Regierung wüßte, wie sehr der münsterische Adel die Ruhe zu erhalten wünscht! Aber man glaubt das Gegenteil und geht so weit, zu behaupten, er habe während des Tumults Geld verteilen lassen. …
Wo Laßberg sein Lager aufschlagen wird, war nach den letzten Briefen noch ganz ungewiss; er hat auf Meersburg geboten, aber noch keine Antwort; ich glaube, Jenny [wäre] es lieber, wenn sie das Gut bei Schaffhausen bekämen, was doch ordentlich auf dem Lande liegt [und] nicht so wüst groß ist als das Meersburger Schloß mit seinen vier Türmen, wo sie sich mit ihren vier Domestiken ganz in verlieren und obendrein mitten in einem Landstädtchen wohnen, so sämtliche Bevölkerung ihnen von unten auf die Fenster sieht, da es etwas höher liegt.
Mich würde das ganz unglücklich machen, alle Gene einer Stadt ohne ihre Vorteile, außer dass sie die Kirche so nah haben; Jenny rechnet auch noch die Schule für etwas (es ist nämlich eine Pension da), aber der Laßberg müßte ja steinalt werden, wenn er noch erleben wollte, dass die kleinen Stümpchen in Pension kämen. Ich gönne ihm das Leben von Herzen, aber Du weißt, wie er herunter ist. Sage doch nicht, dass Jenny diesen Kauf nicht wünscht, sie läßt es gewiss Laßberg nicht dünken, und Onkel Werner würde es ihn gleich schreiben.
Hülshoff, 30. Dezember 1837





Gästebuch: