Kategorie: Briefe an Sophie von Haxthausen



aus: 1837, Briefe an Sophie von Haxthausen, Münster

An Vergnügungen ist diesen Winter schwerlich zu denken, wenigstens für den Adel, von dem ein Teil bereits sich gegen alles dergleichen erklärt hat. Freilich gibt es noch junges Volk, was sich die Haare darüber aus dem Kopfe reißen möchte; indessen die Papas werden wohl dieses mal die Oberhand behalten. Deshalb bleib nur zu Hause, meine liebste Sophie, Du kömmst doch nicht zum Tanzen, zudem da hier jedermann mit dem Erz[bischof] verwandt oder sehr bekannt ist, unsre Herrenwelt selten zusammen, sondern bald der eine, bald der andere dort, und die noch nicht da waren, haben es größtenteils noch vor …

Es ist eine wahre Adelswanderung und wird wohl ganz die Runde gehn. Du glaubst nicht, welchen Eindruck die neuesten Begebenheiten auf die mittlere und geringere Bürgerklasse gemacht haben. Es ist wirklich arg, dass man sich kein Paar Schuh kann anmessen lassen, ohne eine ganze Tracht Politik mit in den Kauf zu nehmen. Diese Stimmung übertrifft weit alles, was ich früher in der Art erlebt habe.

Die Geistlichen, welche sich durchgängig wohl Mühe geben, die Gemüter zu beruhigen, klagen, wie schwer es ihnen werde und wie es sogar das Volk so mißtrauisch mache, dass sie allen Einfluß darauf verlören. … Der Erz[bischof] soll allen, die ihn besuchen, es zur ausdrücklichen Bedingung machen, weder von politischen noch kirchlichen Gegenständen mit ihm zu reden; das ist schön und verständig von ihm, kann aber der allgemeinen Stimmung nicht steuern. Fast jeden Morgen muss die Polizei zur Hand sein, um die Plakate abzureißen. Die Geistlichen unterstützen sie darin, und Kellermann hat selbst schon mehrere Plakate von der Kirchentür abgerissen.

Es ist oft die Rede von öffentlichen Fürbitten in den Kirchen; das Volk dringt heftig darauf, sowohl mündlich und einzeln, so wie sie nur jemanden können zu fassen kriegen, von dem sie denken, er könne etwas dazu tun, als auch durch Plakate. Die Geistlichkeit nimmt aber noch keine Notiz davon, obgleich ich nicht einsehe, was für ein Skandal darin liegen sollte, um glückliche und friedliche Beendigung einer so bösen Sache zu bitten.

Die Polizei benimmt sich sehr klug und weiß alle kleinen, unangenehmen Vorfälle so zu unterdrücken, dass sie nur durch zufällige Zuschauer bekanntwerden. So haben gestern Studenten oder wahrscheinlicher Gymnasiasten (denn Studenten gibt es hier ja kaum) die kindische Frechheit gehabt, beim Herausdrängen aus der Schule einen Offizier zu insultieren, und als einige auf der Stelle deshalb arretiert worden, haben ihre Kameraden sie sogleich befreit. Niemand redet davon, denn fast keiner weiß es, doch habe ich es von einem Augenzeugen.

Der Oberpräsident und die Preußen überhaupt sind sehr verdrießlich über die schlechten Aussichten für die Winterlustbarkeiten. Bei der Hochzeit der Tochter des Oberpräs[identen] vor etwa 14 Tagen ist keiner vom Adel erschienen. … Was Du von den Hermes[ianern] meinst, ist unrichtig; der Erz[bischof] hat keine Feinde mehr unter den Katholiken. Ich rede von jenen, die sich in dieser Sache namhaft gemacht haben; was einzelne verdrehte Landkapläne und Seminaristen denken mögen, weiß ich nicht.

Ich glaube, dass die Entrüstung jener Leute aufrichtig gemeint ist, obgleich die Regierung sie durch die Verbindung mit ihrer Sache mit andern Dingen so an den Pranger gestellt hat, dass ihre Ehre ihnen keine andere Wahl ließ. Soviel ist gewiss: dieser Schlag auf den Erzbischof in dieser Form hat sie mehr gekränkt als alles, was ihnen vorher geschehn.

Doch man wird hier vieles nicht gewahr, fast alle fremden Zeitungen bleiben aus, namentlich die “Gazette de France”, das “Journal des débats”, die “Temps” und die “Würzburger Zeitung”, doch sollen Auszüge aus letzterer in der “Hannöverschen Zeitung” zu finden sein. Die “Augsburger Zeitung” erscheint; es soll ihr von ihrer Regierung untersagt sein, Artikel über diesen traurigen Gegenstand aufzunehmen.

Münster, 7. Dezember 1837

aus: 1837, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

… von der guten armen Male H[assenpflug] habe ich jetzt auch einen Brief, sie ist sehr herunter, körperlich und geistig, – sie schreibt mir gradezu, dass ich jetzt nicht zu ihr kommen könne, da sie, wenn es dem Ludwig noch vor dem Winter gelingen solle, eine Anstellung zu bekommen (hoffentlich im Preußischen) sie ihm dorthin folgen würden… – der Brief ist so kurz, fast verschlossen, ich weiß nicht, ob das Unglück sie kalt macht, oder scheu, ich glaube das Letzte, – wie gern holte ich sie hieher! und das dürfte ich auch wagen, denn ich könnte ja Kostgeld für sie bezahlen, aber sie wird nicht von der Mutter und der Schwester wollen, und alle drei! ach Gott, das geht über meine Kräfte!
Rüschhaus, 19. Oktober 1837

aus: 1837, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Ich sitze hier seit vierzehn Tagen ganz, ganz still, dass man es ja in Münster nicht merkt; denn nur unter dieser Bedingung hat Mama mir erlaubt, hierzubleiben. Sie fürchtete sonst Unkosten und Klatscherei; ich weiß nicht, was am meisten. So meint jedermann, ich sei wenigstens für gewöhnlich in Hülshoff, wo ich es aber, die Wahrheit zu sagen, nur wenige Tage aushalten konnte. Der Lärm, nein, ich sage zu wenig: das Geheul, das Gebrüll der Kinder könnte den stärksten Menschen verrückt machen, wieviel mehr mich mit meinem armseligen Ohrweh: denn du musst wissen, dass ich erst seit zwei Tagen frei davon bin. Du kannst denken, wie meine Nerven herunter sind.

… Denn – denk dir meinen Kummer – Werner fängt Ökonomie an und läßt sich dazu lauter neue Leute aus dem Lippischen kommen – Werner, der dazu taugt wie der Esel zum Lautenschlagen! Und, ich sehe es schon voraus, das wird alles ins Große gehn: Schafzucht, Brennerei, wenigstens späterhin. Denn ich kenne Werner: je mehr Schaden, je weiter wird er spekulieren, um ihn zu ersetzen, ich kenne ja seine alten Redensarten: “Man darf es auf einige tausend Taler nicht ansehn!” “Kleine Unternehmungen rentieren sich niemals!” und was mir sonst alles schon vor Jahren ellenlang zum Halse heraushing … Dieses ist mir ein harter Schlag. So wie Werner bis jetzt lebte, konnte es ihm wohl knapp werden, aber im ganzen war er doch gesichert; jetzt aber wird mir angst und bange, nicht sowohl Mamas und meinetwegen, die wir doch auch jeden Heller von ihm bekommen müssen, sondern hauptsächlich der vielen Kinder wegen, die alle nicht aussehen, als ob sie es weit in der Welt bringen würden … Du wirst wieder sagen: wer will so weit hinaus sorgen! Aber es ist nicht weit; das nächste Jahr kann schon trübselig genug sein. Denk dir nur die ersten Ausgaben. Da ist weder Gerät noch Vieh im Stalle, das muss er alles mit geliehenem Gelde anfangen, denn die Holzungen sind bei den letzten Ankäufen so angegriffen, dass aus denen vorerst kein Trost zu holen ist.

Doch freilich, sorgen allein, wenn man sonst nichts daran tun kann, ist auch ein überflüssiges Ding. So will ich hiervon abbrechen. Könnte ich das nur ebenso leicht in meinem Kopfe wie auf dem Papiere! – N B. Es kommt mir fast vor, als sollte dieses Projekt noch ein Geheimnis sein, obgleich die Ausführung vor der Türe ist, da Michaelis das neue Dienstpersonal mit dem Verwalter eintritt. Sprich also bitte nicht davon.

Rüschhaus, 5. September 1837

aus: 1837, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Aber nun sag mir, lieb Herz, wie lange denkst du denn in Bonn zu bleiben? Und überhaupt, wohin deinen Stab jetzt zu setzen? Nach Kassel kannst du jetzt schwerlich; die Brede ist zu nah bei Hinnenburg. Am Ende bleibst du den Winter in Bonn? Das wäre sehr vernünftig. Bonn ist höchst angenehm. Ich wette aber, du wirst dann noch gut mit Adele. Oder doch nicht, sie zieht ja ganz fort! Daran dachte ich nicht.

Hör, Sophie, du hast ein Gedächtnis wie ein Sieb, sonst hättest du dich erinnert, was ich dir über Adele gesagt: dass jedermann die Mutter lieber hat, Adele vielmehr ganz widerlich gefunden wird, auch widerlich ist, und ich sie sehr lange nicht habe ausstehen können, dass aber, wenn man sie lange und genau beide kennt, der Charakter der Mutter ebenso der Achtung unwert ist als jener der Tochter wirklich ehrwürdig erscheint.

Adele ist allerdings eitel und mitunter wirklich lächerlich, aber sie ist nicht imstande, einem Kinde wehzutun, hat keinen gemeinen Funken und ist der größten Opfer fähig, die sie auch täglich bringt, und zwar ganz ohne Prahlerei. Sie versagt sich ohne Bedenken jedes Vergnügen, worauf sie sich lange gefreut, gibt Geld her, was sie sich lange gespart, für einen Lieblingswunsch, sobald sie einem Dürftigen oder einem Freunde damit helfen kann. Sie trägt mit der rührensten Geduld, ohne ihren besten Freunden zu klagen, die Unvernunft einer Mutter, die zwar höchst angenehm sein kann, aber im Grunde gerade Dorlys Natur hat, wenn sie allein ist, vor Langeweile und übler Laune fast stirbt, trotz allem Aufheben mit ihrer Tochter nicht einen Pfifferling drum gibt, wie es ihr zumute ist, … die ihrer Tochter Vermögen (es gehört alles Adelen) rein verißt in Leckerbißchen und sonst zu ihrem Vergnügen verwendet, mit einer empörenden Gleichgültigkeit, da sie, wenn man ihr vor Augen stellt, dass sie Adelen an den Bettelstab bringt, ganz kalt antwortet, Adele sei beliebt, es würden sich schon Leute finden, die sie zu sich nehmen. Wie gefällt dir das?

Und Adele muckt auch nicht, sucht dies häusliche Elend auf alle Weise zu verbergen und benimmt sich überhaupt dabei wie unter tausend keiner. Das sind doch Eigenschaften, um die man wohl ein bißchen armeslige Empfindsamkeit und Eitelkeit übersehn kann, da Adele zudem so honett und anständig ist und gar nicht verliebter Natur, sondern bloß für interessant passieren will bei Damen so gut wie bei Herren, d.h. so oft sie Damen findet, wo sie glaubt, ihre schönen Reden anbringen zu können, was freilich oft fehlschlägt, öfter wie bei Herren. Glaube nicht, dass sie mich durch Liebeserklärungen bestochen. Ich begreife nicht, wie sie gegen dich dazu gekommen, denn sonst war sie dermaßen resolut mit mir, dass ich wohl von keiner Person in meinem Leben soviel Unangenehmes zu hören bekommen habe.

Die Mertens gebe ich dir gänzlich preis, sie war zwar wirklich mal angenehm, vor 12 Jahren, aber jetzt ist keine Spur mehr daran, und sie kann dir schwerlich mehr mißfallen, als sie es jetzt mir tut. Wenn du sie kennenlernst, wird es dir unmöglich sein, heraus zu finden, was so vielen, z. B. Betty, Anna, mir, daran hat gefallen können.

Rüschhaus, 5. September 1837

aus: 1834, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Meine Briefe sind jetzt nur lauter Zeddel, liebste Sophie, man kömmt gar nicht zu sich vor Packen, Besuchen machen und annehmen, das ist aber vielleicht gut für uns alle. Ich hatte in meinem letzten Briefe ganz den (wahrscheinlichen) Tag der Heirat zu sagen vergessen – vor dem 18. wird es nicht sein, weiter ist noch nichts gewiss, wenn die nötigen Scheine für Laßberg bis dahin ankommen, wird es wohl auf den Tag bleiben. Aber der Weg ist weit und die Papiere (Totenschein seiner Frau, seiner Eltern – scheint, dass die Proklamation richtig und keine Einsprüche geschehn) müssen von verschiedenen Orten kommen, Laßberg meint aber, bis zum 18. solle alles richtig sein.

Kommt doch sobald als möglich, wir alle freuen uns so darauf, und Werner ist beriffener wie alle, er war gestern hier uns sagte, er habe auch nach Bökendorf geschrieben, weil Jenny anfangs mal gegen ihn geäußert, sie sei noch nicht ganz mit sich darüber im Reinen, ob die Gegenwart mehrerer an diesem Tage und die dadurch vergößerte Feierlichkeit gut auf Mamas Stimmung wirken werden, da ist er gleich bange gewesen, dass ich in meinem Briefe ein Wort könnte fallen lassen, was nicht gut und recht wäre, und hat gegenarbeiten wollen.

Ich sagte ihm, “er sei die kluge Else” – wie ich geschrieben, seien wir alle und Jenny ebenfalls längst darüber im Reinen gewesen, dass für uns insgesamt – und für Mama vor allem – nichts besser sein könnte, als die Gegenwart ihrer Nächsten, die doch an sich das Tröstlichste sind, und zugleich, ohne zu genieren, doch zu kleinen Geschäften und Zerstreuungen genötigt; er war ganz verblüfft und konnte sich durchaus nicht mehr besinnen, was er geschrieben, zuerst wollte er heute einen Brief nachschicken, ich habe ihm aber gesagt, es sei schon gut, ich schreibe an Dich et cet. Du glaubst nicht, wie konfus das arme gute Blut ist – so … betrübt, und so beriffen …

Rüschhaus, 9. Oktober 1834