Kategorie: Briefe an Therese von Droste
Soeben sagt mir Jenny, dass ich dir schreiben solle, dass Schücking hier ist. … Laßberg hat ihm nach Darmstadt, wo er sich grade bei Freiligrath aufhielt, geschrieben, um einen Katalog von seiner Bibliothek zu lassen; Laßberg st ganz von selbst auf den Einfall gekommen., da er sich schon längst, nach seiner geheimnisvollen Weise ganz im stillen, nach einem Menschen umgesehn, der nach den nötigen Kenntnissen keine große Forderungen mache und ihn nicht im Hause geniere; so habe ich nichts von dem Plane gewußt, bis er zur Ausführung kommen sollte, habe mich aber recht gefreut Schücking zu sehn, der vor etwa zehn Tagen angekommen und den ganzen Tag so fleißig an der Arbeit ist, dass Laßberg ihn lobt. Wir sehn ihn selten, außer bei Tische, da er in den freien Stunden (abends bei Licht) an seinen eigenen Schriftstellereien arbeitet oder auch ins Museum geht, die Zeitungen zu lesen.
Ja, alte Mama, mir geht es nicht besser, ich mag nur nicht davon sprechen, weil es mir dann zu arg wird. Du weißt selbst, wenn ich auch zuweilen nichtsnützig bin, wenn Du da bist, so kann ich doch gar nicht ohne Dich sein. Ich setze mich drüber weg, so gut es geht, da es nun doch mal nicht anders ist, und denke jeden Sonntag: “Nun bin ich wieder eine Woche näher am Mai, aber es wird mir oft recht schwer.
Deine Blumen besorge ich gut und will sie nachher Mariechen auf die Seele binden. Wir haben unser Korn alle glücklich eingekriegt und auch den Weizen noch vor der Regenzeit in die Erde, sonst sind hier viele Leute, die damit sehr verlegen sind; jetzt haben wir die Kartoffeln aufgenommen und ziemlich viele und gute bekommen, im ganzen sind sie sonst überall schlecht geraten. Pflaumen haben wir so viele gebacken und ein Übermaß an Äpfeln eingescheuert, so dass wir einen großen Teil auf den Balken haben legen müssen.
Rüschhaus, 2. November 1840
Johannes Stapel war auch hier … übrigens verbauert er immer mehr, und nahm sich, aufrichtig gesagt, mitunter etwas kläglich aus, einmahl war in Abbenburg ein Disput über Goethe, zwischen Onkel Fritz, unserm Werner, Galen, und Hassenpflug, Johannes hatte immer schweigend zugehört, auf einmal sagt er ganz laut “Mit Erlaubnis! ist der Goethe nicht ein Schweinickel?” Alle sperrten Nase und Mund auf, und ich sagte “er hat freilich Manches geschrieben, was für ganz junge Leute nicht passt”. Er stand auf, sagte “nun weiß ich genug, wenn er ein Schweinickel ist!”, und ging triumphierend den Laubgang hinauf. Keiner machte Bemerkung hierüber, aber es wurde Allen schwer das Lachen zu lassen.
Bökendorf, 1. August 1838
Ich habe schon gesagt, dass mir Schlüter zuweilen schreibt. Er schickt mir dann die Druckbogen, wie sie nach und nach herauskommen, aber leider doch zu spät, um die Druckfehler zu verbessern, deren einige recht schlimme eingeschlichen sind. Einer der schlimmsten ist im ersten Gesange des St. Bernhard, wo es heißt: “Der Bruder nun in seiner Not - beginnt aufs neu das Kreuz zu reiben - als solle nicht ein Stäubchen bleiben.” Es muss nämlich heißen “das Kleid zu reiben”. Nun lautet es stattdessen, als ob der Bruder sich den Buckel jucke.
So etwas ist sehr fatal; man muss es aber jetzt mit Geduld tragen bis zur etwaigen zweiten Auflage. Jedermann sagt, es sei so schwer, Druckfehler aufzufinden, daher komme es, dass in allen Büchern welche stehenblieben, die vom Korrektor übersehen würden. Ich begreife es nicht und habe diejenigen, so noch in den Bogen waren, beim ersten Blick gesehen, denke deshalb die zweite Auflage (wenn’s dazu kommt) jedenfalls selbst unter Aufsicht zu nehmen, obgleich, wie ich höre, Schlüter und Junkmann allen möglichen Fleiß sollen angewendet haben und ich eine saubere Abschrift gemacht hatte, die Junkmann lesen konnte wie Gedrucktes.
Bis jetzt sind fertig der “St. Bernhard”, des “Arztes Vermächtnis” und von der “schlacht im Loener Bruch” der erste Gesang ganz und vom zweiten ein Stück, somit bei weitem das meiste, und in 14 Tagen oder 3 Wochen wird das Buch wohl im Laden zu haben sein. Hüffer hat ganz neue Typen dazu kommen lassen und legt großen Wert darauf. Ich habe wenig Sinn für dergleichen und kann nicht sehen, dass die Buchstaben sonderlich schöner wären als andere. Er hat zu Werner gesagt, dass schon so viele nach dem Buche gefragt hätten. Das freut mich für ihn und für mich auch, denn es wäre mir unausstehlich, wenn er Schaden daran hätte.
Mein Versuch, vor’s Publikum zu treten, läßt sich überhaupt für den Anfang recht gut an; ein gewisser Pfeilschifter, ich glaube in Berlin oder sonst wo, der ein Taschenbuch “Coelestine” herausgibt, mit sehr schönen Kupfern, wie ich höre, ziemlich schwierig mit dem Aufnehmen sein soll, denen, deren Gedichte er aufnimmt, aber zum Lohn denjenigen Jahrgang, worin ihre Gedichte stehn, übersendet, und dem Schlüter ohne mein Vorwissen des “Pfarrers Woche” geschickt hat, hat ungemein verbindlich geantwortet und außer dem Jahrgang 1839, worin es erscheinen wird und den ich noch bekomme, den vorigen Jahrgang 1838 mir geschickt, wie Schlüter schreibt, als besonderes Ehrengeschenk und stumme Bitte, ihm ferner Beiträge zukommen zu lassen.
Auch ein anderer vom Rhein, dessen Name mir nicht sogleich beifällt, der ein “Rheinisches Odeon” herausgibt, durch Münster reiste und durch Schlüters Vermittlung die Druckbogen gelesen hat, bemüht sich mit fast lächerlicher Höflichkeit um Beiträge. Junkmann schreibt etwas spöttisch, ich solle doch dem Manne nichts abschlagen, der mich die Aloe Westfalens genannt habe. Ich könnte das auch auf die schönen, reifen Jahre beziehen, in denen ich anfange poetisch aufzublühen! (NB. Das letztere sage ich, nicht Junkmann.) Obgleich ich wohl weiß, wieviel ich von solchen Reden zu glauben habe, so denke ich doch, solche Leute wissen ungefähr, was im Publikum fortkommt, und nehme es immer als ein gutes Ohmen.
Bitte, behalte dies letztere aber alles für dich, es würde mir wohl als Prahlerei ausgelegt werden und freut mich doch hauptsächlich Deinetwegen; ich möchte so gerne, dass Du doch etwas Freude an meinen Schreibereien hättest, meine liebe, liebste Mama.
Bökendorf, 1. August 1838
Du fragst wegen dem Erzbischof? Da Ihr den Merkur haltet, weißt du das Hauptsächlichste; es ist eine traurige Lage für uns. Die Erbitterung ist schrecklich. Ich war am Tage des Aufstandes in Münster, und die Preußen haben sich schändlich betragen, vorzüglich der General Wrangel, ein Gegenstück zum Obristen Natzmer.
Ich war diesen Abend zum Tee bei einer Oberregierungsrätin Rüdiger, Tochter der Elise Hohenhausen, die sich mir durch Nettchen Kettler hatte vorstellen lassen, worauf man es schicklich fand, dass ich ihr einen Besuch abstatte. Ich beredete die Bornstedt, mit der ich zuweilen bei Schlüters zusammentreffe, mit mir hinzugehen, und wir drei Frauenzimmer waren allein hinter dem Teetisch; es war schon spät, und die Rüdiger sagte mehrere Male: “Hören Sie doch, was auf den Straßen rennt!” Ich sagte immer: “Das ist nichts, irgendwo ein Peter oder dergleichen.”
Mit einem Male hörten wir von weitem (sie wohnt am Ende der Rothenburg nach Aegidistraße zu) ein furchtbares Hurrageschrei, es kam vom Domhof und Markte, wir sprangen ans Fenster und sahen die ganze Rothenburg und Aegidistraße voll Militär mit gezogenem Säbel. Ich lief auf der Stelle unten ins Haus, um zu sehen, ob ich jemand fände der mich fortbrächte. Der Sohn vom Hause war bereit, und ich zog in größter Eil ab, trotz allen Bitten der Rüdiger, die zitterte wie ein Espenlaub.
Durch zahllose Umwege kam ich endlich bei Ahlers an und brauchte fast eine halbe Stunde dazu. Ich stellte mein Licht zurück, lehnte das Fenster nur an und blieb nun auf wie jedermann in dieser Nacht.
Der Anfang des ganzen Tumults war so: Die Gemüter waren schon durch die Arrestation des Erzb[ischofs] aufs äußerste erbittert, nun kam dazu, dass, nachdem kürzlich eine Menagerie aus Münster abgezogen war, die Militärbehörden die Bude gekauft hatten, um darin bei schlechtem Wetter exerzieren zu lassen. Das Volk dachte aber, es sei geschehen, um die Rekruten besser heimlich knuffeln zu können. Darüber waren schon allerlei Kleinigkeiten vorgefallen, einige Plakate an den Bäumen und der Bude selbst mit dem geistreichen Inhalt “weg mit der Bude” oder “weg mit den Preußen” et cet. Da dies sie nicht wegblasen wollte, hatte man mehrmals Versuche gemacht, die Bude anzuzünden, überhaupt, die Wahrheit zu sagen, wurde den Preußen grad nicht viel guter Wille gezeigt.
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