Kategorie: Briefe an Therese von Droste



aus: 1838, Briefe an Therese von Droste, Rüschhaus

Ich habe jetzt ein neues Gedicht geschrieben, von der Größe wie das “Hospiz auf dem St. Bernhard”. Es heißt “die Schlacht im Loener Bruch” und besingt die Schlacht bei Stadtlon, wo Christian von Braunschweig die Jacke voll kriegt. Man findet es besser als meine übrigen Schreibereien, und ich habe einen sehr artigen Brief von Hüffer bekommen, der um den Verlag bittet, ich habe ihm denselben auch zugesagt, falls ich es herausgebe.

Ich schrieb dies an Adele Schopenhauer und bekam gleich die Antwort, ich möge das ja nicht tun und keinen obs[k]uren Verleger nehmen, das falle auf das ganze Werk zurück; sie habe einen Verleger für mich in Jena, es war aber zu spät. Wenn es herauskömmt, muss es bei Hüffer sein, und ich habe noch einen Grund dafür, es wäre mir nämlich unerträglich, wenn ein Buchhändler hinterher sagte, er hätte dadurch Schaden an meinen Sachen gehabt und es doch nur aus Gefälligkeit für mich übernommen, und das hätte leicht bei Dumont in Köln und auch bei dem Jeneser sein können, da sie ja nie eine Zeile von mir gesehen hatten und gewiss nur Braun und Adele zu Gefallen es übernehmen wollten. Hüffer aber hatte es vorher gelesen und dann ganz von selbst den Antrag gemacht, und so kann er mir nichts vorwerfen, wie es auch ausfällt.

Bitte, liebe Mama, antworte mir doch gleich, ob Du nichts gegen die Herausgabe hast, denn Hüffer hätte es gern gleich zur Ostermesse. Es wäre dann “die Schlacht im Loener Bruch”, der “Barry”, “des Arztes Vermächtnis” und eine Auswahl von kleinen Gedichten, z.B. der “Graf von Thal”, die “Elemente”, die Säntislieder, die Weiherlieder, nur einige wenige, um die größeren Gedichte zu trennen. Sag Laßberg aber nichts davon, das würde ihm ganz verrückt vorkommen. Ich habe auch viele alte Tröster nachgeschlagen und mir überall Rats erholen müssen, um damit fertig zu werden.

Ich will nur eine ganz kleine Auflage von 500 Exemplaren gestatten, aber dann auch für die erste Auflage kein Honorar nehmen; erlebt es keine zweite, so hat Hüffer auch keinen Profit, erlebt es eine zweite, so weiß ich, was ich bis dahin fordern kann. Zu Freiexemplaren habe ich auch keine rechte Lust, es ist mir immer so lächerlich gewesen, wenn ein Schriftsteller sein eigenes Werk verschenkt. Die Leute müssen freundlich tun und das Ding herausstreichen, das verbittert ihnen das ganze Geschenk. Und dann sind so viele, die gar keinen Sinn für dergleichen haben oder Gefallen daran, z.B. N. N., der sich dann hinsetzen würde und mir ellenlange Briefe schreiben, um mir auseinanderzusetzen, wie grundlos schlecht dies alles wär’. L… würde dies auch nicht gefallen und mich verlegen machen wegen der Antwort, und beide könnte ich doch nicht übergehen, kurz, Freiexemplare wären für mich eine wahre Last, bei jedem müßte ich einen Brief schreiben, ich kann nicht ohne Schaudern dran denken! Nein, ich mag keine.

Bitte, antworte mir doch gleich, ob Du etwas gegen die Herausgabe hast, denn bis Ostern ist kaum noch Zeit einen Vers zu drucken, und ich bringe den Verlegern einen großen Schaden, wenn sie es nicht auf die Leipziger Messe liefern können, und einen fremden Namen möcht’ ich nicht annehmen, entweder ganz ohne Namen oder mit den Anfangsbuchstaben A.v.D.

Rüschhaus, 9. Februar 1838

aus: 1837, Briefe an Therese von Droste, Rüschhaus

Schlüters waren hier, und Junkmann auch. Es geht ihnen wohl. Sie wollen durchaus, ich solle den Barry in Münster bei Hüffer herausgeben. Ich habe wenig Lust dazu. Hast Du jemals gewußt, dass Hüffer, derselbe demagogische Hüffer, seines Zeichens ein Buchhändler [ist]. Ich habe gedacht, er wäre Regierungsrat oder so etwas, aber er hat die Aschendorffsche Buchhandlung. …

Es ist jetzt ein Sohn der Katharine Busch in Münster, Du weißt wohl, derselbe Levin, der früher bei Specht war. Er ist in einer übelen Lage. Sein Vater, der immer ein mauvais sujet war und, wie die Jungblut uns wohl sagte, bloß seiner Frau zuliebe noch nicht abgesetzt war, ist es jetzt wirklich und auf dem Punkte, nach Amerika zu gehn. Levin will ihn nicht begleiten, weil er für das, was er gelernt hat, dort kein Brot finden würde. So sitzt er in Münster, wartet auf Gottes Barmherzigkeit und gibt seine letzten Groschen aus, aber was soll er machen? Er läuft genug um eine Stelle als Hofmeister, ist aber schon zweimal abgefahren, erste bei Erbdrosten (von denen wieder einer fortgeht, mit demselben Streit und Aufsehn wie die vorigen) und dann bei Westphalens. Er ist betrübt, er soll sehr brav sein und ausgezeichnete Kenntnisse besitzen, aber er sieht aus und hat Manieren wie ein Stutzer oder vielmehr wie Theodor Murdfield in seinem Alter, dem er jetzt ungeheuer gleicht. Es freut mich, dass seine Mutter das nicht mehr erlebt.

Rüschhaus, 24. Oktober 1837

aus: 1837, Bonn, Briefe an Therese von Droste

Es ist also jetzt beschlossen, dass man mich bis Düsseldorf bringen will, d. h. zu Wagen bis Köln und dann gleich mit dem Dampfboot weiter. Dann müßten nun entweder die Pferde in Düsseldorf sein, oder, was vielleicht noch besser wäre, in Ruhrort, wo ich dann schon einige Stunden weiter wäre, auch in einer kleineren Stadt und einem kleineren Gasthofe, was wohlfeiler und angenehmer ist. Oder am allerbesten wäre es wohl, ich führ’ bis Wesel; denn ich glaube nicht, dass die Pferde, wenn sie in zwei Tagesreisen von Münster bis Düsseldorf gingen, um 10 Uhr in Düsseldorf sein könnten, sie würden vielmehr den zweiten Tag erst nachmittags ankommen und müßten also einen ganzen halben Tag und eine Nacht im Wirtshause liegen. Zu Ruhrort würde es noch plus minus derselbe Fall sein, hingegen nach Wesel könnten die Pferde schon von Schermbeck gefahren sein und sich auch schon etwas ausgeruht haben, so dass ich gleich weiterfahren könnte. Was meinst Du dazu, liebe Mama?

Die paar Stunden, die ich von Düsseldorf bis Wesel vielleicht auf dem Dampfboote allein fahren müßte (ich sage vielleicht, denn im Grunde glaube ich nicht, dass man mich allein wird gehn lassen; ich habe nur noch von dem Plane bis Wesel zu fahren nichts gesagt), aber diese paar Stunden würden mir gar nichts machen, da ich ja auf demselben Dampfboote blieb, was ich in Köln bestiegen, und also, bis sich in Düsseldorf meine Begleitung von mir trennte, schon wieder irgendwelche ordentlich Damen gefunden haben, neben denen ich die paar Stunden still sitzen könnte. Nur wünschte ich dann sehr, dass der Kutscher sich bei Ankunft des Dampfboots am Landungsplatze vorfinden, mich zum Gasthof führen und auf meine Sachen ein wachsames Auge haben möchte. …

Aber notabene: Geld muss ich noch haben. Ich glaube, dass ich, so für mich allein, die Reise nicht unter 20 Taler machen kann, und der Weihnachten hat mich sehr geplündert, denn ich habe nicht weniger als 12 Personen müssen Geschenke machen …

Bonn, 12. Januar 1837

aus: 1831, Briefe an Therese von Droste, Plittersdorf

Denk Dir Mama, mit Deinem letzten Briefe zugleich bekam ich einen von Johannes, der mir vorschlug, mit ihm auf dem Dampfboot bis Wesel, und dann mit einem Hauderer weiter zu Euch zu kehren — ich kriegte in dem Augenblick ein solches Verlangen nach Haus, dass ich es beinahe getan hätte, so wenig schicklich es mir auch selber vorkam, aber die armselige Mertens hatte kaum ein Wort davon gehört, als sie so erbärmlich anfing zu weinen, dass ich per compagnie mit daran kam und ihr versprach nicht eher zu gehn, bis sie sich wenigstens einigermaßen erholt hätte. Das kann nun noch immerhin einige Wochen dauern. Das arme Tier!

Ich wollte, sie könnte mich nachher begleiten und ein paar Wochen bei Werner und Line mit mir zubringen; ich weiß gewiss, sie würde sehr bald wieder besser, wenn sie nur ein paar Wochen aus dem weitläufigen Haushalt weg wäre — sollte das nicht möglich sein, dass sie herüber käme? Wenn ich wüsste, dass Werner nichts dagegen hätte, dann schlüg’ ich es dem armen Tier mal vor …

Plittersdorf, 11. März 1831

aus: 1831, Bonn, Briefe an Therese von Droste, Plittersdorf

Was Du von mir denkst, meine liebe alte Mama, das weiß der liebe Gott, aber das weiß ich wohl, dass ich ganz unschuldig bin und in den letzten vier Wochen oft nicht wußte, wo mir der Kopf stand. Ich bin jetzt schon in der 5. Woche bei der Mertens, die sehr gefährlich krank gewesen ist. Ich habe viel Last gehabt, so viel wie in meinem Leben noch nicht. Ich habe die arme Mertens Tag und Nacht verpflegt, fast ganz allein; denn ihrer Kammerjungfer hatte sie grade zuvor aufgesagt, weil sie trinkt, und konnte sie nun gar nicht mehr um sich leiden, … ihre beiden ältesten Mädchen sind in der Pension. Adele Schopenhauer immer krank. So war ich die Nächte zu der Sache.

Wie hab ich doch so manche Sommernacht,
Du düstrer Saal, in deinem Raum verwacht!
Und du, Balkon, auf dich bin ich getreten,
Um leise für ein teures Haupt zu beten,
Wenn hinter mir aus den Gemaches Tiefen
Wie Hilfewimmern bange Seufzer riefen,
Die Odemzüge aus geliebtem Mund;
Ja, bitter weint’ ich – o Erinnerung! –
Doch trug ich mutig es, denn ich war jung,
War jung noch und gesund.

Du Bett mit seidnem Franzenhang geziert,
Wie oft hab’ deine Falten ich berührt,
Mit leiser, leiser Hand gehemmt ihr Rauschen,
Wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen,
Mein Haupt so müde, dass es schwamm wie trunken,
So matt mein Knie, dass es zum Grund gesunken!
Mechanisch löste ich der Zöpfe Bund
Und sucht’ im frischen Trunk Erleichterung;
Ach, Alles trägt man leicht, ist man nur jung,
Nur jung noch und gesund! …

aus: Nach fünfzehn Jahren

Die arme Billchen hat die ersten vierzehn Tage keine einzige Stunde geschlafen; jetzt ist es viel besser, aber doch stehe ich fast jede Nacht ein oder ein paarmal auf. Dabei habe ich die ganze Haushaltung übernommen und gewiss mehr als 20 Schlüssel täglich zu gebrauchen; zwischendurch muss ich dabei nach den Kindern sehn, da die Madame D. fort ist. Ich tue das alles herzlich gern und befinde mich wohl dabei, aber müde bin ich oft wie ein Postpferd. Ich bin in dieser Zeit nur einmal auf eine Stunde nach Bonn gefahren …

Bonn, den 20. Die Mertens war so elend, so matt, dass ich dachte, sie wäre in den letzten 14 Tagen der Schwindsucht, aber es sind alles nur Krämpfe gewesen. Sie ist jetzt besser. Das Kopfübel ist gehoben, sie nimmt stärkende Bäder, wonach, wie der Arzt meint, ihre Kräfte sich vielleicht sehr bald wiederherstellen werden. Die Adele ist gekommen, mich abzulösen, und nun bin ich wieder hier.

Ach Gott, was habe ich für Angst ausgestanden! Wie dein letzter lieber Brief kam, war alles so, dass ich keine Minute von ihrem Bette gehn und an kein Schreiben denken konnte. Sie war den Tag gerade so, dass sie fast gar nicht mehr sprach und 24 Stunden lang nichts aß, weil sie vor Schwäche nicht schlucken konnte. Und doch ist keine Todesgefahr da, wie der Doktor versichert…

Plittersorf/Bonn, 11./19. März 1831