Kategorie: Briefe an Werner von Droste
Wie hast Du, lieber Bruder, nur einen Augenblick denken können, ich sähe dein Bestreben, mich über meine Apprehensionen wegzubringen und dadurch meine Genesung zu beschleunigen, für einen Mangel an Teilnahme an! Nein, alter Junge, so verkehrt kann ich mein Lebtage nicht werden; ich sah deine Absicht recht gut ein, fand auch wohl, dass Du Mitleid mit meinen wirklichen Leiden hattest, obwohl Du sie für ungefährlicher hieltest als ich.
Ich bin denn nun hier in den Händen desselben geschickten Arztes, der Jenny so gut hergestellt und von dessen Arznei Mama bei ihrem letzten Herzklopfen große Linderung verspürt hat - zwei Dinge, die mir allerdings Zutrauen einflößen. Ich habe auch schon zwei Flaschen Medizindreck herunter, und mehrere fatale Umstände, z. B. das Fieber abends, die Nachtschweiße, sind bereits darnach verschwunden, und das allgemeine nervöse Unbehagen ist auch sehr gemildert. Der Doktor hat jetzt nur noch mit meiner Engbrüstigkeit, Husten, und Schleimandrang zu kämpfen, er sucht dieses mein Hauptübel durchaus nicht in der Lunge, sondern in einer beständigen Schwäche und bei jeder Gelegenheit eintretenden Entzündung der Schleimhäute, wozu dann noch Schwäche des Unterleibs und der Nerven käme. Auch die Milz scheint er (wie Bönninghausen und Grasso) im Spiel zu glauben, denn er griff gleich nach derselben Stelle und fragte, ob ein Druck dort mir weh tue, und als ich dies bejahte, sagte er auf meine Nachfrage, “dort liege die Milz”. Sonst aber spricht er mich von jedem örtlichen Übel frei.
Ich muss mich vorläufig sehr still halten und darf fast gar nicht an die Luft, beides, um die Luftröhre nicht zu reizen; später, wenn die Entzündung gehoben ist, soll ich mich allmählich an mehr Bewegung gewöhnen. Meine Magenschmerzen hatte mir der Eilwagen schon fast ganz fortgerüttelt, als ich in Bonn ankam, mir dagegen aber ein abscheuliches Kopfweh gebracht, woran ich acht Tage in Bonn festgelegen und viel ausgestanden habe. Ich konnte Dir, lieber Bruder, deshalb auch nicht schreiben, so gern ich gemocht hätte.
Als sich dieses zuletzt ziemlich verloren, machte ich voran. Der erste Tag bis Mainz war miserabel, ich hatte fortwährend Fieber, musste mich in Mainz die ganze Nacht erbrechen, und hätte ich nicht schon alle Karten bis Freiburg vorausgenommen gehabt, so würde ich sicher nach Bonn rückgekehrt sein, im Glauben, ich könne die Reise nicht machen. So aber reute mich mein Geld, und ich ließ mich in Gottes Namen voranrumpeln, was denn auch besser ging, als ich gedacht, da auf dem Dampfboot eine eigene Kajüte für Kranke mit ganz breiten Kanapees war, wo ich mich ausruhen konnte, so wie ich, folgenden Tages, auf der Eisenbahn, mit Hülfe eines gutes Trinkgeldes und der späten Jahrszeit, wo wenige mehr reisen, einen Waggon ganz für mich allein erhielt, wo ich mich auf einem Sitze für vier Personen ausstrecken konnte.
Die letzte Tour von Freiburg aus war zwar sehr beschwerlich, aber es war auch die letzte und in Meersburg das Bett für mich in der Spiegelei schon gemacht, da, sonderbarerweise, Jenny und Laßberg mich grade an diesem Tage erwartet hatten, obwohl ich ihnen nicht geschrieben. Ich fand Laßbergen ungemein wohl aussehend und munter, und auch Jennyn sieht man keine Spur ihrer Krankheit mehr an, so wie sie sich auch selbst ganz genesen fühlt. Mama sah aus wie immer und hatte auch ihr Herzklopfen in gleichem Grade, entschloss sich aber, mit mir zugleich jenen geschickten Arzt (den Brunnenarzt in Überlingen) zu beraten, wo ihr dann, bei dem letzten Anfalle, seine Medizin so wohl getan hat, dass schon nach vier Stunden alles vorüber war. Du kannst denken, wie glücklich sie ist, und wie froh wir alle! Wenn’s nur standhält! Der Arzt hält ihr Übel für gänzlich ungefährlich — rein nervös.
Wir haben hier eine schöne Weinernte gehabt, hätten aber fast das Doppelte haben können. Der Stadtrat (selbst lauter Rebenbesitzer) hatte nämlich aus übermäßiger Gierigkeit, um die Trauben zur möglichst höchsten Reife gelangen zu lassen, den Anfang der Lese fast um drei Wochen später als die Umgegend angesetzt, obwohl alle weißen Trauben schon überreif waren, und der erste Regentropfen sie zum Faulen bringen musste; so sind hier die weißen Trauben fuderweiß verfault. Da wir nun keine eigne Kelter haben, mussten wir uns mit in diese Unvernunft schicken. Ich hatte zudem das Unglück, beim Ziehen der Nummern, wie man nacheinander zum Keltern zugelassen wird, fast die letzte Nummer zu ziehen, bin somit noch über vierzehn Tage später als diejenigen, die den Anfang machten, und habe bedeutenden Schaden gelitten. Als meine Trauben noch alle gut und schon völlig reif waren, wurde der Ertrag von Sachverständigen auf 30 Ohm angeschlagen, 14 weißen und 16 roten, und zudem, sagte man, werde selbst der weiße Wein in diesem Jahre so delikat werden, dass ich ihn schon gleich von der Kelter würde für mindestens 35 Gulden verkaufen können, was dann allein 490 Gulden gebracht hätte. Stattdessen wurden meine weißen Stöcke wahre Moderhaufen - wo man nur hinrührte, flog weißer Staub auf, als wenn man einen Puffer zertritt. 7 Ohm gingen gänzlich verloren, 7 machte ich noch aus elenden halbfaulen Trauben, so schlecht, dass ich anderthalb Ohm von meinem prächtigen Roten musste dazwischenlaufen lassen, um ihn noch mit knapper Not zu 19 Gulden per Ohm zu verkaufen, so dass ich aus diesen 7 1/2 Ohm und den sämtlichen 40 Trebern nur die Summe von 171 Gulden gelöst habe.
Nun aber zu meinem Roten, dieser hatte nicht durch den Regen gelitten, da die Trauben damals noch nicht überreif waren, dagegen waren sie durch das nachfolgende lange Hängen nicht nur überreif, sondern ganz schrumpflich geworden, so dass sie beim Keltern statt 16 nur noch 12 1/2 Ohm Saft gaben, der aber in diesem Jahre der allerbeste in Meersburg gewachsene Wein ist, teils eben des späten Kelterns wegen, teils, weil ich die letzten 1 1/2 Ohm nicht dazwischen genommen, sondern zwischen den weißen habe laufen lassen, so dass mein sämtlicher roter Wein Vorlauf ist. Ich habe ihn aufgelegt in einem Fuderfass, und den übrigen Ohm zum Auffüllen daneben. Er ist so zuckerhaltig, dass sich an der Mostprobe gar kein Grad mehr zur Bezeichnung seiner Süßigkeit vorfand, und man sagt mir, in ein paar Jahren
müsste ich wenigstens 70 Gulden für den Ohm haben. Da hätte ich meine 700 Gulden in einmal wieder heraus! d.h. ich habe freilich nichts davon, aber es freut mich doch wenn das Rebgütchen etwas anwächst, weil es doch das einzige ist, was ich den hiesigen Kindern hinterlasse.
In Bonn habe ich niemanden gesehn außer Junkmann; Schücking ließ zu meiner großen Freude nichts von sich hören noch sehn, obwohl er in Köln war, und ein Artikel über “meine Ankunft und wahrscheinlich längeren Aufenthalt in Bonn” in seiner eignen Zeitung stand. Wegen meiner “Charakeristik” von seiner Hand, in Kinkels “Rheinischem Jahrbuche”, wovon dir Heinrich wird gesagt haben, habe ich nur erfahren, dass das ganze Buch bereits gedruckt und also nichts mehr daran zu ändern war, und mich dann nicht weiter darum bekümmert, denn obwohl ich voraussetze, dass die Charakteristik vorteilhaft für mich und eine persönliche Vergütung für die “Ritterbürtigen” sein soll, so hat sich doch Schücking als zu taktlos erwiesen, als dass ich nicht immer Verdruss fürchtete, wo er sich irgend um mich bekümmert.
NB. Du wirst von Bonn einen Verschlag mit drei Ölbildern erhalten, die zwei größeren und schöneren hat mir Professor Braun, der sie eben aus der Auktion der bedeutenden Schmitzischen Sammlung in Köln erstanden hatte, für einen Spottpreis überlassen, und das dritte, unbedeutendere (den Hexenmeister, der den Skorpion verbrennt) dazugeschenkt, hebe sie mir doch gut auf, und sage mir, wie sie Dir gefallen? Sulpice Boisseree, der jetzt in Bonn wohnt, fand sie gut.
Noch muss ich Dir sagen, dass unser lieber Heinrich auf dem Wege bis Bonn so vortrefflich für mich gesorgt hat, ich hätte es von einem eignen Sohne nicht besser erwarten können. Gott
wird auch die Verheißungen des vierten Gebotes an ihm in Erfüllung gehen lassen.
Adieu, liebster Werner
Meersburg, 24. Oktober 1846
Meinen herzlichsten Dank, liebster Bruder, für das hübsche Siegel, es war mir sehr erwünscht, eigentlich gradezu notwendig, und macht mir deshalb viel Freude. Ebenso herzlich danke ich Dir für deine Warnung hinsichtlich des Feuilletons. Ich bin ganz deiner Ansicht und werde gewiss nichts mehr einsenden, doch möchte ich gern ein eklatanten Bruch vermeiden, sowohl, um mir nicht mutwillig Feinde zu machen und ein paar Dutzend sehr scharfer satirischer Federn auf den Hals zu ziehen, die gewiss schlau genug sein würden, mich nicht von der katholischen, sondern von der rein poetischen Seite anzugreifen, und meinen literarischen Ruf möglichst zugrunde zu richten, als auch Schückings wegen, der doch ganz unschuldig an der Sache ist, dessen Lebensunterhalt vorläufig vom guten Bestehn des Feuilletons abhängt, der mir in den letzten Jahren eine Unzahl Gefälligkeiten erwiesen (namentlich alle meine literarischen Angelegenheiten, sowohl mit Cotta als anderwärts besorgt) hat, und dem ich leider vor noch nicht acht Tagen, auf seine dringende Bitte, meine fernere Mitwirkung am Feuilleton zugesagt habe.
Du wirst begreifen, dass es nicht nur mutwillig unvorsichtig sein, sondern auch lieblos aussehn würde, ihm, da mir seine Lage doch bekannt ist, auf eine eklatante Weise die Beträge aufzusagen. Es ist aber auch ganz hinlänglich, wenn ich nichts mehr einsende, was um so weniger auffallen wird, da ich mich doch fortan mit einer größeren Arbeit zu beschäftigen und aus allen Zeitschriften herauszuziehen gedenke, da die meisten eine so schlimme Richtung entweder schon genommen haben oder bereits Miene machen sie zu nehmen, dass in Zukunft die Verbindung mit ihnen wenig ehrenvoll bleiben dürfte, und die übrigen, noch guten, sowohl eine Gelehrsamkeit und Rednergabe verlangen, die weit über meinen Horizont hinaus liegt, als auch größeren Anfeindungen und oft plumpen Sticheleien aussetzen, als ein Frauenzimmer sich deren zuziehn darf.
Was mich verlegen macht, sind drei (sehr moralische) Gedichte, die Schücking vielleicht noch für das Feuilleton in Händen hat; ich sage vielleicht, denn es ist bei weitem wahrscheinlicher, dass sie entweder schon längst erschienen sind (was ich nicht weiß, da mir die Kölner Zeitung nie zu Händen kömmt) oder dass sie, wenn noch ungedruckt, nicht mehr erscheinen werden. Ich habe sie schon im Sommer von Abbenburg aus eingeschickt, nämlich sechs (alle unlang, und sehr moralischen, zwei sogar religiösen Inhalts) an Schücking für das Rheinische Jahrbuch, und zur Antwort erhalten, “dass er drei davon dem Jahrbuche einverleibt, die drei andern bitte er mich ihm für das Feuilleton zu lassen, dessen Redaktion er übernehmen werde.” Nachher habe ich mi[ch nicht] weiter darum bekümmert, in meinem letzten Briefe (vor acht Tagen) aber geschrieben: “Wenn jene drei Gedichte vielleicht noch nicht gedruckt seien, so halte ich es für besser sie zu unterdrücken, sie seien in zu großer Eil und bei körperlichem Übelbefinden gemacht, seien völlig mißraten, und er wisse selbst, dass ein schwaches Gedicht dem Rufe mehr schade als zwanzig vortreffliche wieder gutmachen könnten; doch stelle ich ihm die Sache anheim, glaube aber, er werde meinen Gründen beipflichten müssen, da es ihm doch nicht entgehn könne, dass diese Gedichte an poetischem Wert unter den meisten meiner frühern ständen”. Hiernach darf ich nun wohl erwarten, dass diese Gedichte (falls sie nicht, was das wahrscheinlichste ist, längst gedruckt sind) nicht im Feuilleton erscheinen werden, und ich möchte mich nicht, um der Möglichkeit willen dass noch ein paar (für mich jedenfalls durchaus ehrenvolle) Gedichte im Feuilleton erscheinen könnten, alle den oben benannten Folgen einer bestimmten Erklärung aussetzen. Mama, die die Gedichte kennt, meint dies auch. Wenn Du es aber wünschest, will ich dennoch schreiben, obwohl ungern.
Die Sache mit dem bewußten Aufsatze in dem Görresschen Blatte liegt mir auch schwer auf dem Herzen. Wie oft erscheint das Blatt? vielleicht nur vierteljährig? oder monatlich? Wenn dann noch nicht der ganze Aufsatz erschienen ist, wäre es vielleicht noch Zeit, die Fortsetzung zu unterdrücken! was mir sehr erwünscht wäre. Wolltest Du in diesem Falle dann wohl einige Zeilen an Guido Görres schreiben und ihn darum bitten? Ich würde es selbst tun, verstehe aber nicht, mich so kurz und diplomatisch zu fassen wie du, und zudem wäre es dann wohl die höchste Zeit und vielleicht zu spät, wenn ich erst deine Antwort abwarten wollte - Du müßtest dann des Aufsatzes und der durch ihn erregten fatalen Sensation, die mich zu diesem Schritte bewegt, zwar Görres verständlich, aber sonst nicht zu bezeichnend erwähnen, tätest auch am besten den Brief nicht mit unserm Wappen zu siegeln, die Unterschrift geflissentlich undeutlich zu machen, nicht von Hülshoff zu datieren, vielleicht auch den Brief an Heinrich, zur sofortigen Bestellung, einzuschließen, kurz, alles zu tun, dass ein fremdes Auge sich nicht daraus zurecht finden könnte, denn Görres kömmt mir ganz danach vor, dass er seine Briefe umher liegen läßt.
Rüschhaus, 25. November 1845
Ich habe wieder einen wunderlichen Brief bekommen, von einer jetzt sehr berühmten Klavierspielerin (sie unterschreibt sich “Kammervirtuosin S. Majestät des Kaisers von Österreich”), Clara Wieck, die an einen Komponisten Robert Schumann verheiratet ist, der seit kurzem durch eine Oper “Das Paradies und die Peri” Aufsehn gemacht hat. Sie schreibt etwas ängstlich und sehr komplimentös; Ihr Mann wünsche eine neue Oper zu komponieren, sei aber mit den vorhandenen Texten und Schriftstellern nicht zufrieden und habe so oft geäußert, wie glücklich es ihn machen würde, von mir eine Dichtung zu diesem Zwecke erhalten zu können, wie er aber nicht den Mut habe, mich darum zu bitten, dass ich es ihr, als seine Frau, verzeihen werde, wenn sie unter der Hand wage, was er nicht wagen möge, da es ihr eine gar zu große Freude wäre, wenn sie ihn mit meiner Zusage überraschen könnte et cet. Der Brief war von Dresden datiert.
Ich kann mich nicht dazu entschließen, das Operntextschreiben ist etwas gar zu Klägliches und Handwerksmäßiges, obwohl es viel einbringen kann, denn bei Opern teilen Dichter und Komponist sich in die Tantieme, d. h. sie bekommen von jedem stehenden Theater, wo sie aufgeführt wird, die Einnahme der soundsovielten 5. oder 6. bis 8. Aufführung, was bei Opern, die Glück machen, auf sehr bedeutende Summen anschwellen kann. Vorerst brauche ich übrigens noch nicht zu antworten und kann mich noch bedenken …
Abbenburg, 5. Juli 1845





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