Kategorie: Abbenburg
So eben erhalte ich Ihren Brief, da nicht früher Gelegenheit von hier nach Brakel war, und nun bin ich ganz desperat. Mein Gott, was soll ich anfangen, wenn Sie fortgehn! Sie sind mir nun so lange alles in einer gewesen, und ich kann mir gar keinen möglichen Ersatz denken, mag mir auch keinen denken, und will nur in Gottes Namen unter die Eremiten gehn, wenn Sie wirklich fort müssen. Es ist um allen Mut zu nehmen! Aber sollte es nicht noch einmal ein Schreckschuß sein, wie so manche frühern? Ist Bodelschwings Ernennung denn schon gewiss? Sie schreiben mir so dunkel darüber, dass es mir mehr lautet wie eine schlimme Prophezeiung, die denn doch noch wohl falsch sein könnte. Ich bin so niedergeschlagen, dass ich Ihnen nicht mal sagen mag, wie sehr ich es bin, und wie nüchtern mir Münster ohne Sie vorkömmt, und Rüschhaus auch — das ist dann alles nichts mehr, und das einfältige Abendrot braucht gar nicht mehr durch die Eichen zu scheinen, wenn Sie es nicht mitsehn können.
Mein Gott! wenn ich nur vier Jahre zurückdenke, an unsern geschlossenen, durch 1000 Bande und Interessen verflochtenen Kreis! – und nun? — alles auseinander geflogen wie ein Haufen Federn, und die Bande auseinander gegangen wie verbrannte Dochte. Wer sich trösten und überall gleich wieder einrichten kann, mag in seiner Weise glücklich sein; ich möchte diese Anlage zum Glücke nicht – wer das Alte vergißt, kann auch das Neue vergessen, wenn es alt geworden ist, und wer alles vergessen und entbehren kann, der hat nie etwas gehabt, und sollte gar nicht mitsprechen.
Sie haben indessen noch einige Aussicht auf Ersatz. Grade was Ihnen jetzt Minden so fatal macht, wird es Ihnen späterhin lieb machen, die Erinnerungen – Menschen, mit denen Sie so vieles erlebt, über so vieles mit ihnen sprechen können. — manche alte Bekannte, die früher den Kopf voll Albernheiten hatte, wird seitdem auch nicht umsonst gelebt und [mehrere Worte unleserlich] haben, Sie werden ungezweifelt mitunter auf Ernst und ein wehmütiges Verständnis treffen, wo Sie es gar nicht erwarteten, und da wird sich denn nach und nach ein Kreis zusammen ziehn.
Ich aber habe mich schon seit so vielen Jahren von meinen Jugendbekannten zurückgezogen, dass ich eigentlich nur leere und unbedeutende Erinnerungen mit ihnen teile, und für die wenigen tieferen — an meine Kindheit, Vater und Bruder — ihrer nicht bedarf, da ich ja mitten darin lebe, und täglich mit den Meinigen darüber sprechen kann.
Was sollte mich dann noch hinaus treiben, wenn mein Lies fort ist? Lieb lieb Herz! ich kann nicht ohne Sie sein, und ich folge Ihnen auch überall nach, soweit die Umstände es irgend zulassen. Minden ist denn doch nicht aus der Welt, und niemand wird mir es verargen, wenn ich mir jeden Sommer von hier aus eine kurze Vakanz nehme, um mein Lies aufzusuchen. In acht bis zehn Tagen kann ich ganz gut hin und zurück sein, und wir haben uns doch gesehn, die Herzen leicht gesprochen, und das vermieden, was der Tod aller engeren Verhältnisse ist, die Unbekanntschaft mit den gegenseitigen Interessen der Gegenwart.
Abbenburg, 17. Juni 1845
Onkel Karl war eben bei mir und erzählte mir von einem Verstoße zwischen Dir und Bökendorf, um sechs Schock Bohnenstangen. Er setzte mir auseinander, dass sechsunddreißig Schock derselben, aus den gemeinschaftlichen Forsten zum gemeinschaftlichen Gebrauche gehauen und, nur damit sie nicht gestohlen würden, sämtlich in Vörden aufbewahrt worden, und jetzt Bökendorf einen kleinen Teil derselben nötig bedurft, Du aber den Wagen leer zurückgeschickt hättest.
Ich weiß nicht, was Du, lieber Guido, vielleicht dagegen zu antworten haben magst, ob Du diesen unbedeutenden Artikel vielleicht als geschenkt, gekauft et cet. völlig meinst in Anspruch nehmen zu können. Aber ich bitte Dich, um der Liebe willen, die ich immer zu Dir
und alle den Deinigen getragen habe, wirf nicht eine so unbedeutende Kleinigkeit als Stein des Anstoßes zwischen den Frieden, der von allen gleich sehnlich herbeigewünscht wird. Fritz weiß nichts von der Sache, und Karl wünscht sie ihm zu verbergen, sowohl um deinet- als seinetwillen. Ich bitte Dich deshalb, so dringend ich bitten kann,
sende die Stangen noch heute mit Deinen eignen Pferden nach Bökendorf. Es ist mir unmöglich, die Onkels in der gegenwärtigen guten Stimmung gegen Dich zu erhalten, wenn Du Dich in Kleinigkeiten so hart und ungefällig gegen sie bezeigst.
Ich gestehe, dass, in ihrer Stelle, dieser Vorfall mich selbst tief kränken würde, denn der ganze Gegenstand ist ja eine Kleinigkeit, wie kein Neffe sie seinem Onkel – zu keiner Zeit – als Geschenk abschlagen würde, wenn er ihm gefällig damit werden könnte. Wieviel weniger in einem so kritischen Augenblicke, wo gegenseitiges Wohlwollen die Basis ist, worauf nicht nur Deine eigne ruhige Stellung, sondern Dir gewiss noch Werteres, die innere Ruhe und das friedliche Alter Deiner Mutter, und der Frieden aller, die persönlich oder durch Liebe teil an diesen unseligen Spannungen nehmen, gebaut werden soll.
Bedenk, Guido, dass Onkel Fritz sehr leidend ist, dass wir ihn sehr verändert gefunden haben und grade jetzt, seit einigen Tagen, vorzüglich leidend, und nur einen Teil des Tages außer dem Bette. Bedenk, dass er jetzt gut und weich gegen Dich gestimmt ist und die Liebe zu Dir eigentlich nie in seinem Herzen erstorben gewesen ist, so gespannt ihr auch wart.
Wahrhaftig, so gern ich möchte, ich könnte mir selbst nichts zu Deiner Entschuldigung sagen, wenn Du meine mit wahrer Herzensangst ausgesprochene Bitte verwürfst. Ich fürchte, dann ist alles verloren, die Hoffnung auf Ausgleichung und Frieden und, was schlimmer ist, auf die Herstellung Deiner uns beiden so teuren Mutter und des Onkels, deren Gesundheit unter diesem wiederholten Ärger schon halb zugrunde gegangen ist. Hast Du Dir wohl je vergegenwärtigt, wie Dir zumute sein würde, wenn Onkel Fritz in diesem Jahre stürbe? und zwar an einer aus Ärger und Kummer erzeugten Art Schwindsucht? Ich will Dich weder erschrecken noch überall schwarz sehn, aber betrachte ihn selbst, was er vor einem Jahre war und was er jetzt ist.
Ich schließe den Brief, liebster Guido, mit der erneuerten Bitte und Hoffnung, dass Du tun wirst, wie ich Dich bitte, so dringend ich bitten kann, um Deinet-, um Deiner Mutter, um Deines kranken Onkels, um meinet- und unser aller willen. Deine treue Nette.
Schick aber die Stangen mit Deinen Pferden, es wäre wahrlich nicht der Mühe wert, hierüber noch einen neuen Streit anzufangen, der ebenso schlimm wäre wie der erste; und die Böckendorfer haben ja schon einmal ihre Pferde umsonst geschickt.
Abbenburg, Mai oder Juni 1845
Auch einen sehr dringenden Antrag von Berlin habe ich bekommen; vom Huber (Verfasser der “Skizzen von Spanien”), um seinem Blatte (den Titel habe ich vergessen), dessen Tendenz allerdings der meinigen gleichlaufend scheint, beizutreten. Onkel August meint, Huber sei geneigt, mir ausnahmsweise acht Louisdor p. Bogen zu geben. Das wäre freilich Geld! Ich glaube aber noch nicht daran und habe August auch nicht gefragt, worauf er seine Meinung eigentlich basiert. Dieser August sagt, Hubern sei sehr an meinem Beitritt gelegen. Die Male auch, mit welchen beiden er darüber geredet hat. So habe ich auch die letztere schreiben lassen, Huber möge mir selbst schreiben und genau seine Bedingungen angeben.
Jedenfalls würde ich mir aber drei Punkte vorbehalten: 1stens zu keinen Beiträgen in bestimmten Zeiträumen genötigt zu sein, sondern nur ganz nach meiner Bequemlichkeit; 2tens mich keinem bestimmten Zwecke oder Tendenz anschließen zu müssen, sondern betreffs Form und Inhalt ganz frei zu stehn; 3tens meine Beiträge sofort einzustellen, sobald das Blatt eine antikatholische oder mir sonst fatale Richtung nehme. Ich bin neugierig auf die Antwort.
Abbenburg (?), Ende Mai 1845
Wir bekommen hier eine Menge Journale – die “Modezeitung” – das “Morgenblatt” – den “Telegraphen” – “Vaterland” – “Ausland” – “Königsberger Literaturblätter” … Wenn ich sehe, wie so alles durcheinander krabbelt, um berühmt zu werden, dann kömmt mich ein leiser Kitzel an, meine Finger auch zu bewegen. Geduld! Geduld! Aber wenn ich dann wieder sehe, wie einer kaum den Kopf über dem Wasser hat, dass schon ein anderer hinter ihm einen Zoll höher aufduckt und ihn niederdrückt; wie Heine schon ganz verschollen, Freiligrath und Gutzkow veraltet sind – kurz, die Zelebritäten sich einander auffressen und neu generieren wie Blattläuse, dann scheint mir’s besser, die Beine auf dem Sofa zu strecken und mit halbgeschlossenen Augen von Ewigkeiten zu träumen.
Mir kömmt ein stattlicher Bürger vornehmer vor wie ein verjagter und mit Kot beworfener König, und ich finde nichts kläglicher als einen cidevant berühmten Poeten, dem jetzt jeder räudige Kläffer nach den Waden fährt. Sie glauben nicht, wie’s mich ärgert, Freiligrath schon so häufig als “efemere Glanzerscheinung”, “Seifenblase, die geplatzt ist” et cet. bezeichnen zu hören, und doch kommen diese Stimmen von allen Winden, und es ist förmlich Mode, sich von ihm loszusagen – der arme Winterkönig! Der doch gewiss gemeint hat, mit achtzig Jahren in seinem Diktator-Mantel schlafen zu gehn!
Ach, Elise, alles ist eitel! Was hilft’s mir, dass die Buchhändler meinen, auch mich kurze Zeit dem Publikum als Zugpflaster auflegen zu können, um mich nachher wie eine verbrauchte spanische Fliege beiseite zu werfen. Das “Abendblatt” hat mir Anträge gemacht, recht vorteilhafte: “Das gewöhnliche Honorar sei zwei, höchstens drei Louisdor per Bogen, ich könne aber darüber hinauf fordern, so hoch ich wolle, die Bedingungen seien lediglich mir selbst anheim gestellt et cet”. Ferner: “Ich dürfe nicht zürnen, wenn es mich dem Publikum vorläufig als Mitarbeitern zu bezeichnen wage, und nur ein bestimmter Befehl meinerseits könne es daran verhindern”. Ich habe bis jetzt weder Zeit noch Lust gehabt, den Brief zu beantworten; vor zwanzig Jahren würde er mir den Kopf verrückt haben, jetzt sehe ich schon en perspektive den Augenblick, wo man sich meine Beiträge verbitten oder auf den geringsten Preis herabdrücken würde.
So steht mein Entschluß fester als je, nie auf den Effekt zu arbeiten, keiner beliebten Manier, keinem anderm Führer als der ewig wahren Natur durch die Windungen des Menschenherzens zu folgen, und unsre blasierte Zeit und ihre Zustände gänzlich mit dem Rücken anzusehn. Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden, und vielleicht gelingt’s mir, da es im Grunde so leicht ist wie Kolumbus’ Kunststück mit dem Ei, und nur das entschlossene Opfer der Gegenwart verlangt.
24. Juli 1843
Denke nicht miserabel von mir, bestes Herz, weil ich deinen lieben freundlichen Brief mit dem mir überaus wertem Geschenke so lange unbeantwortet gelassen habe. Es ist seitdem allerlei über mich gekommen, Krankheit, Reisen, und (worüber du lachen wirst) ein wahrer babylonischer Turmbau von Geschäften. Ich sitze hier — oder vielmehr ich sitze nirgends, sondern bin in einem Rennen und Fahren, da wir genötigt sind ,unter nicht weniger als neun Orte unsern hiesigen Aufenthalt zu verteilen. Hier wohnt der Onkel Fritz, in Bökendorf Sophie und Karl, in Vörden Guido, in Hinnenburg die alten Asseburgs, in Haynhausen die jungen, in Brede Ludowine, in Herstelle Zuidtwicks, in Wehren Tante Metternich, und in Erpernburg Brenkens. Du kannst denken, wie wir gevierteilt werden! Dabei bin ich hundekrank, an immerwährenden Rheumathismus, der sich bald auf den Kopf, bald in die Glieder wirft, und nicht besser werden kann, weil es mir an Ruhe fehlt. Dieses zur Entschuldigung meines Stillschweigens, und du, liebe faule Hexe, wirst es so genau nicht mit mir nehmen, es kostet auch Mühe, bis man dich hinter die Feder kriegt.
Dein Geschenk hat mir, wie schon gesagt, die größte Freude gemacht, es ist der König meiner Autographen-Sammlung, die nichts enthält, was sich damit vergleichen könnte, und ich habe schon vielen Neid dadurch erregt, selbst Werner, der sich sonst nichts aus meinen Handschriften macht, hat jetzt dadurch Interesse dafür bekommen, und dringt darauf, dass ich die Sammlung einbinden lasse, um sie für die Zukunft zu sichern. Woher hast du denn nur das Blatt bekommen? Und an wen mag es gerichtet sein? Mich wundert nur, dass dieser, oder seine Familie, es aus den Händen gelassen haben. Doch der Profit ist für mich — beati possidentes! Glücklich die Besitzenden! …
Von Schücking habe ich die letzte Nachricht vor 6ten Juni, von Darmstadt aus, Du weißt, dass seine Verhältnisse sich so drückend gestalteten, dass es endlich zu einer Erklärung zwischen ihm und dem Fürsten kommen musste. Das Nähere mündlich, jetzt nur soviel: dass das schlechte Beispiel und moralische Verderben leider auch seine Zöglinge ergriff, und sein Gewissen ihm nun durchaus nicht mehr gestattete zu schweigen, bei einer Unterredung mit dem Fürsten, wo er diesem die Bitte vortrug, entweder ihm mit den Knaben einen andern Aufenthalt anzuweisen, oder ihm seine Entlassung zu gewähren, war dieser durchaus nicht gereizt, sondern sehr verlegen geworden, hatte gesagt: “er wolle sich die Sache überlegen”, endlich aber doch erklärt, “da er es nicht über sich gewinnen könne, weder sich von seinen Kindern, noch von seinem jetzigen Aufenthalte zu trennen, müsse er Schückings Entlassung annehmen, obwohl sehr ungern, da er ihn achte, und wohl zu schätzen wisse” et cet. In Folge dessen ist Schücking am 23ten Mai von Mondsee abgereist, über München nach Augsburg, von wo ihm allerdings kurz zuvor eine Redakteurstelle bei der allgemeinen Augsburger Zeitung angetragen war, hat dort sich von den Verhältnissen dieser Stelle genauer unterrichtet, ist dann über Darmstadt, von wo er mir schrieb, zu einem Besuch nach Freiligrath (St. Goar) gereist, und denkt im August seinen neuen Beruf in Augsburg anzutreten, vorläufig zur Probe, weil er seinen eignen Fähigkeiten zu dieser, fast gänzlich politischen, Laufbahn nicht sicher ist, doch hofft er, sich hineinzufinden. Es ist nicht die Redakteurstelle en chef, sondern die des zweiten Redakteurs, scheint aber doch ein gutes Brot zu sein, denn er ist sehr erfreut darüber, obwohl er in der Eil (er schreibt aus dem Gasthofe zur Traube) versäumt hat, mir den Betrag des Gehaltes anzugeben. Der ganze Brief ist flüchtig, ein wahrer Reisebrief, doch unterläßt er nicht, sich sehr herzlich nach dem “unvergeßlichen” Meersburg zu erkundigen, und 1000 Grüße dorthin aufzutragen. Gott gebe, dass dieser Nahrungszweig ein wirklich grüner und fruchtreicher für ihn wird! …
Mit dem Abschreiben meiner Gedichte geht mir’s schlecht, niemand kann meine Hand lesen, ich muss alles diktieren, und da gibt’s Fehler über Fehler. Jetzt habe ich mich selbst dran gegeben, und, alles zusammen gerechnet, von Dir, mir, den Abschreibern, bin ich doch schon weit hinein. Anträge bekomme ich von allen Seiten, jetzt wieder aus Dresden, von der Redaktion des Abendblatts, d. h. als Mitarbeiterin beizutreten “wo mir, als gewöhnliches Honorar, 3 Louisdor per Bogen genannt werden, ich könne aber drüber hinauf fordern, so viel ich wolle, es solle einzig von mir abhängen, et cet.”
Abbenburg, 17. Juli 1843





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