Kategorie: Bökendorf
Johannes Stapel war auch hier … übrigens verbauert er immer mehr, und nahm sich, aufrichtig gesagt, mitunter etwas kläglich aus, einmahl war in Abbenburg ein Disput über Goethe, zwischen Onkel Fritz, unserm Werner, Galen, und Hassenpflug, Johannes hatte immer schweigend zugehört, auf einmal sagt er ganz laut “Mit Erlaubnis! ist der Goethe nicht ein Schweinickel?” Alle sperrten Nase und Mund auf, und ich sagte “er hat freilich Manches geschrieben, was für ganz junge Leute nicht passt”. Er stand auf, sagte “nun weiß ich genug, wenn er ein Schweinickel ist!”, und ging triumphierend den Laubgang hinauf. Keiner machte Bemerkung hierüber, aber es wurde Allen schwer das Lachen zu lassen.
Bökendorf, 1. August 1838
Ich habe schon gesagt, dass mir Schlüter zuweilen schreibt. Er schickt mir dann die Druckbogen, wie sie nach und nach herauskommen, aber leider doch zu spät, um die Druckfehler zu verbessern, deren einige recht schlimme eingeschlichen sind. Einer der schlimmsten ist im ersten Gesange des St. Bernhard, wo es heißt: “Der Bruder nun in seiner Not - beginnt aufs neu das Kreuz zu reiben - als solle nicht ein Stäubchen bleiben.” Es muss nämlich heißen “das Kleid zu reiben”. Nun lautet es stattdessen, als ob der Bruder sich den Buckel jucke.
So etwas ist sehr fatal; man muss es aber jetzt mit Geduld tragen bis zur etwaigen zweiten Auflage. Jedermann sagt, es sei so schwer, Druckfehler aufzufinden, daher komme es, dass in allen Büchern welche stehenblieben, die vom Korrektor übersehen würden. Ich begreife es nicht und habe diejenigen, so noch in den Bogen waren, beim ersten Blick gesehen, denke deshalb die zweite Auflage (wenn’s dazu kommt) jedenfalls selbst unter Aufsicht zu nehmen, obgleich, wie ich höre, Schlüter und Junkmann allen möglichen Fleiß sollen angewendet haben und ich eine saubere Abschrift gemacht hatte, die Junkmann lesen konnte wie Gedrucktes.
Bis jetzt sind fertig der “St. Bernhard”, des “Arztes Vermächtnis” und von der “schlacht im Loener Bruch” der erste Gesang ganz und vom zweiten ein Stück, somit bei weitem das meiste, und in 14 Tagen oder 3 Wochen wird das Buch wohl im Laden zu haben sein. Hüffer hat ganz neue Typen dazu kommen lassen und legt großen Wert darauf. Ich habe wenig Sinn für dergleichen und kann nicht sehen, dass die Buchstaben sonderlich schöner wären als andere. Er hat zu Werner gesagt, dass schon so viele nach dem Buche gefragt hätten. Das freut mich für ihn und für mich auch, denn es wäre mir unausstehlich, wenn er Schaden daran hätte.
Mein Versuch, vor’s Publikum zu treten, läßt sich überhaupt für den Anfang recht gut an; ein gewisser Pfeilschifter, ich glaube in Berlin oder sonst wo, der ein Taschenbuch “Coelestine” herausgibt, mit sehr schönen Kupfern, wie ich höre, ziemlich schwierig mit dem Aufnehmen sein soll, denen, deren Gedichte er aufnimmt, aber zum Lohn denjenigen Jahrgang, worin ihre Gedichte stehn, übersendet, und dem Schlüter ohne mein Vorwissen des “Pfarrers Woche” geschickt hat, hat ungemein verbindlich geantwortet und außer dem Jahrgang 1839, worin es erscheinen wird und den ich noch bekomme, den vorigen Jahrgang 1838 mir geschickt, wie Schlüter schreibt, als besonderes Ehrengeschenk und stumme Bitte, ihm ferner Beiträge zukommen zu lassen.
Auch ein anderer vom Rhein, dessen Name mir nicht sogleich beifällt, der ein “Rheinisches Odeon” herausgibt, durch Münster reiste und durch Schlüters Vermittlung die Druckbogen gelesen hat, bemüht sich mit fast lächerlicher Höflichkeit um Beiträge. Junkmann schreibt etwas spöttisch, ich solle doch dem Manne nichts abschlagen, der mich die Aloe Westfalens genannt habe. Ich könnte das auch auf die schönen, reifen Jahre beziehen, in denen ich anfange poetisch aufzublühen! (NB. Das letztere sage ich, nicht Junkmann.) Obgleich ich wohl weiß, wieviel ich von solchen Reden zu glauben habe, so denke ich doch, solche Leute wissen ungefähr, was im Publikum fortkommt, und nehme es immer als ein gutes Ohmen.
Bitte, behalte dies letztere aber alles für dich, es würde mir wohl als Prahlerei ausgelegt werden und freut mich doch hauptsächlich Deinetwegen; ich möchte so gerne, dass Du doch etwas Freude an meinen Schreibereien hättest, meine liebe, liebste Mama.
Bökendorf, 1. August 1838
Was Du mir in Betreff der Moneten schreibst, liebste Mama, ist mir sehr erfreulich gewesen, ich habe noch etwas und hoffe damit auszukommen, aber ich dachte, ich müsste noch viel wieder mitbringen, von wegen des vielen Geldes, was Ihr mir geschickt habt, was aber großenteils die gelbgelockte Nymphe zu Driburg unters Wasser gezogen hat.
Was meinst Du, Mama, da kriegt man mal wenig fürs Geld und muss noch obendrein für Sachen bezahlen, die man nicht kriegt, und für Dienste, die einem nicht geleistet werden, z.B. den Tafeldecker, wenn man, wie ich, auf seinem Zimmer isst, den Brunnenmeister, wenn man, wie ich, keinen Brunnen trinkt, die Badefrau, wenn man, wie ich, eine eigne Bedienung bei sich hat. Ich wollte auch erst nicht herausrücken und beriet mich mit großem Lamento bei Werner darüber, der meinte aber, das ließ sich ohne den größten Schimpf nicht vermeiden, die Ärzte hier wollen mich diesen Sommer wieder hinschicken, aber man muss sich mehr an den unnützen Geldausgaben ärgern, als das Bad gut tun kann.
Zudem bin ich auch jetzt fast gar nicht kränklich mehr, ich bin jetzt grade drei Wochen krank gewesen und in der größten Eil sehr mager geworden, aber ich denke, wenn man so schnell abnimmt, nimmt man auch schnell wieder zu, denn vor sechs Wochen war ich noch ganz dick, und sehe doch auch jetzt auf allem Fall besser aus, als wie ich herüber kam.
Nun noch etwas von wegen des Geldes, ich hoffe zwar, wie gesagt, auszukommen, aber ich habe da bei Jenny ein paar Bestellungen gemacht, die sich wohl auf zwei bis drittehalb Thaler belaufen können, eine Ausgabe, die gar nicht vermieden werden kann, da ich mich durchaus bei der Decken revangieren muss, die mir schon vieles geschenkt hat. Du kannst, bitte, Jenny wohl beibringen, dass sie an die Ehre der Familie denken möchte, denn ich war jetzt so vornehm, dass ich schwerlich viel Kleines Geld von der Reise bei mir führen würde, ich will es ihr ja gern, mit der Zeit, wiedergeben …
Bökendorf, 11. März 1820
Dass Werner krank gewesen ist, wusste ich schon ziemlich lange durch Briefe von Köln, habe es jedoch nicht eher erfahren, bis er schon ganz wieder hergestellt war, es freut mich aber außerordentlich zu erfahren, dass der junge Thielemann so freund mit ihm ist. Wir haben doch wirklich überhaupt getreue und aufrichtige Freunde an Thielemanns, und ich will nicht leugnen, dass mir ihre Entfernung wahrhaft hart fällt, sie hat mir vor etwa vier Wochen geschrieben, und ich hätte ihr längst geantwortet, wenn sich nicht gleich nachher die fatale Äquinoktials-Krankheit eingestellt hätte, wo ich in starken drei Wochen durchaus nicht schreiben und lesen sollte.
Bökendorf, 11. März 1820
Nun zur Beantwortung deines Briefes, liebe Mama, den eingeschlossenen Zeddel von der Amme habe ich nicht gelesen, und es freut mich, jetzt zu erfahren, dass nichts Wichtigeres darin gestanden hat, oder vielmehr nichts Geheimeres, denn sonst ist mir der Amme ihr Briefchen gewiss lieb und wert. Ich bekam den ganzen Brief von Tony eben wie ich in den Schlitten stieg, um nach Apenburg zu fahren, konnte aber nicht gut bis zu meiner Ankunft dort warten, und öffnete ihn deshalb unterwegs und ein Windstoß wirft mir in dem Augenblick, wie ich die Blätter aus dem Couvert ziehe, die kleine Einlage weit weg in den Schnee, ich ließ sogleich und späterhin suchen, und war, als sie sich gar nicht wieder fand, recht besorgt und verdrießlich wegen des Inhalts, denn so kleine Einlagen pflegen wohl mal das Beste oder Geheimste zu enthalten, und da es so in jedermanns Hand gegeben wurde, wäre mir die kleinste Neckerei oder desgleichen schon sehr unangenehm gewesen. Auch die Landschaft von Tony muss mit davon geflogen sein, denn es ging ihr wie den Fischen in der bekannten Anekdote, sie stand im Briefe, aber sonst nirgends.
Was den Schnee anbelangt, so haben alle auf deine Nachricht Münster zum deutschen Sibirien erklärt, und ich habe schon viel deshalb leiden müssen, wirklich hat der Schnee hierzulande nicht sonderlich tiefer gelegen wie in anderen Wintern, und nur sehr lange, an den schlimmeren Stellen bis an die Knie, an den besseren bis über die Enkel, und nur in Hohlwegen zum Versinken, das ist aber, glaub ich, immer, so oft starker Schnee fällt.
Bökendorf, 11. März 1820





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