Kategorie: Hülshoff
1. Daß Ihr mich nicht haben wollt, ist freilich schimpferlich, aber nicht zu ändern. Ich bleibe also bis Sonntag …
2. Werner ist mit Markus’ Herüberkunft ganz zufrieden und ladet ihn hiermit herzlich ein.
3. Ich selbst aber bin etwas zweifelhaft, und kömmt es darauf an, ob Markus noch Ferien hat und sein Hiersein als einen Besuch rechnet oder ob ich ihn Tag für Tag bezahlen muss. Mein Kranksein hat mich nämlich gehindert, die Korrektur der Gedichte zu vollenden, und jetzt habe ich seit zwei Tagen etwas Husten und ziemliches Halsweh, so dass ich nicht sehr lange in einem Stück diktieren darf; kömmt Markus nur zum Besuch, so werden wir wahrscheinlich doch noch vieles zustande bringen, was mir nachher von großer Erleichterung ist, und ich bezahle ihn dann nach Maßgabe der Arbeit. Sonst wäre es mir doch etwas empfindlich, wenn z. B. das Halsweh so zunähm, dass ich wenig oder gar nicht diktieren könnte und doch wie für das Ganze bezahlen müßte.
Ich hoffe indessen, es ist auf die erste Manier, denn außer den Ferien könnte Markus ja wohl gar nicht kommen, und er sitzt dann doch jedenfalls angenehmer und wohlfeiler hier wie in Münster, und vieles werden wir doch auf jeden Fall abschreiben können.
Mein Husten war am Tage, nachdem wir uns bei Wittower gesehn, furchtbar stark; ich schrieb gleich an Bönninghausen und nahm vorgestern abend das erste Pulver, wonach der Husten gleich bedeutend abnahm; gestern abend das zweite, und nun ist’s mit dem Halsweh auch viel besser.
Der Brief von Schücking, den ich gestern erhalten habe, ist sehr kurz und nur eine besorgte Anfrage wegen meines Stillschweigens, bestätigt aber, dass er gegen das Ende Mais von Mondsee abgeht und - was mich sehr freut - Hoffnung hat, die Stelle eines Redakteurs der “Augsburger Allgemeinen” zu bekommen. Ich würde Dir den Brief schicken, wenn er nicht bereits fort wäre nach Münster für die dortigen Freunde.
Hülshoff, 10. Mai 1843
Jenny schreibt: “Dein Gedicht auf unser Glaserhäuschen, was im ,Morgenblatt’ steht, macht hier viel Sensation et cet.” Wie ist das? Ich habe es ja gar nicht eingeschickt? L[evin] war anfangs sehr dafür, nachdem er aber seinen Namen in “Eugen” verändern musste, dagegen. Sie halten ja das “Morgenblatt”, es wird dort wohl “die Schenke am Berge” heißen. L[evin], der eine Abschrift besaß, muss es jetzt eingeschickt haben - um das Honorar zu vermehren? Das will ich doch nicht glauben! Vielleicht hat er dem “Morgenblatt” Beiträge versprochen, zu denen ihm Zeit und Lust gefehlt, und faute de mieux ihm vorläufig halt den Mund stopfen wollen. Ich habe übrigens hier, außer dem Ihrigen, noch keinen Brief erhalten.
Liebes Herz, wünschen Sie, der Gesellschaft halber, dass ich in Zukunft dem Kölner Feuilleton steure, so schreiben Sie der Redaktion, für den Augenblick könne ich keine Gedichte liefern (außer dem Nachrufe), da ich eben daran sei, sie zu sammeln, und folglich die einzelnen nicht zu sehr (vorher) veröffentlichen dürfe. Nachher aber sei ich nicht abgeneigt, die späteren Nachzügler, wenigstens teilweise, Feuilleton einzusenden.
Hülshoff, 9. Mai 1843
Ich bin wieder zwei Tage recht unwohl gewesen, lieb Herz, jetzt zwar besser, doch will Werner von meiner morgigen Rückkehr nach Rüschhaus nichts hören, er behauptet ich würde mich todkrank machen, und es wird somit teils von meinem morgigen Befinden, teils vom Wetter abhängen, ob ich! meinen Kopf durchsetze oder nicht. … Meine Mutter hat Nachricht von den Ihrigen, der Onkel Fritz ist gottlob keineswegs krank, dringt aber sehr auf unsre Herüberkunft … Ich bin ganz gern dort, mag aber auch nicht fort. Mir fehlt die Illusion der Jugend, alles wieder auf dem alten Flecke zu finden. Nur Monate Trennung, und es ist so vieles anders geworden, wie einer, der sich so allmählich mit hinein gelebt hat, uns gar nicht nachfühlen kann.
O Scheiden! Scheiden! wie viele Verse und Prosa sind über dich ergangen, und noch immer nicht genug! Das angenehme Scheiden, z.B. von Krankheiten, engen Schuhen und lästigen Gästen, nehme ich aus, doch müßten letztere sehr schlimm sein, wenn nicht mal eine Zeit kommen sollte, wo man sie, wenigstens auf eine Viertelstunde, wiedersehn möchte. Die Erinnerungen jüngerer und weniger enttäuschter Jahre steigen täglich im Werte, und es gibt kaum ein so schlimmes Gesicht, das nicht irgend ein liebes zum Gesellen hätte. Es ist kläglich, dass mir hierbei die Bornstedt einfällt; sie hat es also verstanden, die Lombard zu entzücken? Meinetwegen! Ich wollte, ihr Schweizer wäre ein Engel und sie erbte Millionen, mit der Bedingung, beides recht weit von uns zu konsumieren! Und doch könnte es kommen, dass mir unter Fremden, in einem Anfalle von Heimweh, ihr Gesicht wie ein Stern aufging.
Hülshoff, 9. Mai 1843
Mein Konterfei ist und bleibt Dein eigen, mein lieb Herz, nur hängt die gute Elise so sehr daran, dass sie es nicht unkopiert abgeben will, und kann doch in diesem Augenblicke keinen Maler herbeihexen. Die Wenning verändert sehr unter dem Kopieren und ist teuer dazu; es kann aber nicht fehlen, dass bald irgend ein vazierendes Genie einrückt, und dann, lieber Levin, wissen Sie selbst wohl, dass mich darnach verlangt, mich, wenigstens gemalt, mal wieder recht freundlich von Ihnen ansehn zu lassen; es ist mir ganz betrübt, wenn ich denke, Sie könnten vergessen, wie Ihr Mütterchen aussieht.
Neulich traf ich bei der Rüdiger den neuen französischen Lion, M. Cherouit; das Bild wurde umher gezeigt, und Monsieur meinte, “die Züge seien da, die Seele aber fehle”. Der Mann hat sich in einem Male dadurch bei mir ruiniert; wollte Gott, ich sähe so edel aus wie das Bild!
Aber der geistreichste Franzose meint, Damen gegenüber zuweilen fade werden zu müssen. Dieser gute Mann, Hofmeister des Prinzen Hatzfeld, macht jetzt in manchen Kreisen Regen und Sonnenschein. Daß er sehr geliebt wird, glaube ich kaum; denn er ist scharf, sentenziös, sehr mokant, dabei ziemlich alt und garstig; aber sein Urteil, dem der feinste Geschmack zugeschrieben wird, stellt die geistige wie moralische Renommée der Damen fest, und es ist deshalb eine Ehrensache, ihm zu gefallen. Er schließt sehr vom Äußern – Stimme, Haltung, Kleidung – aufs Innere: ob zu gesucht oder zu nachlässig, zu modern oder zu altfränkisch; und ich glaube, dass keine Dame aus jenen Kreisen, bei Du-Vigneaus, Scheiblers et cet., sich mit gleicher Ängstlichkeit für einen keimenden Liebhaber putzt wie für das funkelnde Inquisitorauge des Herrn Cherouit. Nur Elise macht eine rühmliche Ausnahme, gibt sich unbefangen, wie sie ist, und wird ihm deshalb ohne Zweifel am besten gefallen …
Hülshoff, 29. Dezember 1842
Von der armen Adele habe ich einen recht trüben Brief; sie ist noch in Bonn; Wolff, der ihr Übel immer am günstigsten beurteilte und in einer Kur zu heben hoffte, hat jetzt leider diese Ansicht aufgegeben und schiebt sie von sich ab, wie die übrigen, dem Karlsbade zu. Ich fürchte mit ihr, dass an Heilung nicht zu denken ist, nur an Hinhalten, vielleicht Lindern, auf längere oder kürzere Zeit; es geht mir sehr nahe.
Vielleicht kömmt sie auf einige Zeit nach Rüschhaus; Mama hat sie wenigstens dringend einladen lassen, und der Umweg ist unbedeutend; ich wünsche es natürlich sehr.
Sie hat mir von eigner Hand ein wunderschön gemaltes Blatt geschickt, Randgemälde: ein Blumenkranz mit den zierlichsten Insekten durchsprenkelt, alles in Gold und brennenden Farben; es ist das Schönste, was ich je in dieser Art gesehn, und so mühsam ausführlich, dass ich mich ebenso viel darüber betrübt wie gefreut habe. Aber so lange sie ihre armen kranken Hände noch rühren kann, wird sie es für andre tun. Weiß Gott, sie hat bei einigen zwar auffallenden, aber harmlosen Schwächen doch ein großes Teil vom Engel in sich!
Auch den zweiten und leider letzten Band des selig entschlafenen Frauenspiegels schickt sie. Er ist etwas besser wie der erste, hauptsächlich durch eine ganz hübsche Erzählung von Adelen selbst, – etwas im Tieckschen Stil, wie man sie vor zwanzig Jahren würde himmlisch gefunden haben, jetzt ein wenig veraltet, doch mit guter Charakterzeichnung. Ich glaube, in Prosa könnte Adele etwas ganz Artiges leisten: beliebte Damenlektüre, von Männern freilich wenig beachtet; etwa so viel wie Karoline Pichler, doch in anderm Genre, weniger verständig, aber geistreicher. Kraft hat sie nicht, aber Geschmack, und jene minutiöse Zierlichkeit, die Frauen ebenso anziehend wie der männlichen Kritik fatal ist.
Hülshoff, 29. Dezember 1842





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