Kategorie: Meersburg
Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit!
Da niemand die Stunde seines Todes voraus weiß, und mich, Endesunterschriebene, Anna Elisabeth, Freiin von Droste zu Hülshoff, meine Gesundheitsverhältnisse veranlassen, ein vielleicht schleuniges Ende zu befürchten, so verordne ich hiermit, hinsichtlich meiner Nachlassenschaft, dass, falls sich kein späteres Testament vorfindet, meine beiden lieben einzigen Geschwister, nämlich: mein lieber Bruder, Werner Konstantin, Freiherr von Droste zu Hülshoff, und meine liebe Schwester, Maria Anna, Freifrau von Laßberg, geborene Freiin von Droste zu Hülshoff, als meine alleinigen Erben eintreten sollen, jedoch in folgender Weise, dass
§ I
alle Teile meines Vermögens, die sich innerhalb der preußischen Staaten befinden, mögen dieselben in Kapitalien, liegenden Gründen, Gebäuden, Pretiosen, Mobilien, Kleidungsstücken, Silbergerät, Kunstgegenständen oder anderweitigen Gegenständen oder Anforderungen bestehen; meinem lieben Bruder, Werner Konstantin, Freiherrn von Droste zu Hülshoff, zufallen sollen, wogegen derselbe die Kosten meines Leichenbegängnisses zu tragen hat, welches ich aber so einfach einzurichten bitte, als mein Stand es irgend erlaubt. Dagegen sollen
§ II
alle Teile meines Eigentums, welche sich außerhalb der preußischen Staaten vorfinden, mögen dieselben nun in Kapitalien, vorrätigem Gelde, Anforderungen, liegenden Gründen, Gebäuden, Pretiosen, Silbergerät, Kunstgegenständen, Mobilien, Kleidungsstücken, oder unter welchem Namen sie sonst zu begreifen sind, bestehen, meiner lieben Schwester Maria Anna, Freifrau von Laßberg, geborene Freiin von Droste zu Hülshoff, zufallen.
§ III
Was der (sic) Ertrag etwaiger nach meinem Ableben erfolgender Ausgaben meiner Schriften betrifft, eine Einnahme, deren vielleicht sehr geringen, vielleicht auch sehr bedeutenden Betrag ich gegenwärtig noch durchaus nicht anzuschlagen vermag, so wie dieser Artikel auch keiner der beiden oben bestimmten Abteilungen zufällt, indem ich mit keinem Verleger dahin bezügliche Verträge geschlossen habe, noch auch zu schließen gedenke, so dass die Wahl des Ortes und Staates, in denen diese Herausgaben erfolgen würden, meinen Erben völlig frei stehen wird, so bitte ich meine lieben Geschwister diese etwaige Einnahme zu teilen.
§ IV
Schließlich bemerke ich: dass, da ich sowohl meine Sammlung geschnittener teils antiker, teils neuerer Steine, als auch mein Album, enthaltend Malereien und Handzeichnungen, auf Reisen mit mir zu führen pflege, von diesen beiden Artikeln, wo auch immer der Ort meines Ablebens sein möge, die geschnittenen Steine meinem lieben Bruder, das Album jedoch meiner lieben Schwester zufallen sollen.
Vorstehendes habe ich dreimal eigenhändig geschrieben, unterschrieben, und mit meinem Familienwappen versehen, und von diesen drei Exemplaren das eine beim Großherzoglich Badischen Amtsrevisorat Meersburg hinterlegt, die beiden andern aber meinen beiden lieben Geschwistern und Erben zustellen lassen.
Meersburg, 21. Juli 1847
Anna Elisabeth, Freiin von Droste zu Hülshoff
Es ist Ihnen beim Anblicke dieser Zeilen wohl zumute, als hörten Sie eine Stimme aus der andern Welt. So schlimm ist es indessen nicht; ich bin lebendig und leide wenig, aber schwach, schwach!
Jetzt ist es fast ein Jahr, dass ich meine Spiegelei nicht anders verlasse, als um bis zur grünen Bank auf dem Hofe zu schleichen. Mein Gehen ist so gut wie gar nichts mehr. Schreiben bringt mich nach wenigen Zeilen einer Ohnmacht nahe. Lesen darf ich nur mit großer Vorsicht ab und zu ein kleines Gedichtchen, oder einen kurzen Zeitungsartikel. Im übrigen ist mein Schlaf, wenn nicht gut, doch zur Notdurft hinreichend, Appetit dito; fieberhafte oder schmerzliche Zustände nicht vorhanden; Stimmung heiter; Aussehen ganz erträglich; und endlich der langen Rede kurzer Sinn, dass nach der Aussage aller meiner Ärzte (ich bin jetzt schon in den Händen des dritten) durchaus nicht krank sein soll, nicht mal nervenleidend, sondern nur grenzenlos nervenschwach. Und dieser miserable Zustand (sein Anfang liegt in meiner zu frühen Geburt, seine gegenwärtige Steigerung in meinen fünfzig Jahren) soll mehrere Jahre, in denen ich nur vegetieren darf, anhalten, und dann? Nun, dann soll hintennach alles charmant und mir Gesundheit (soweit die Altersschwäche), Denkfreiheit (so weit die Altersstumpfheit) und sogar die Erlaubnis zu schreiben (soweit die Großmamas Brille es erlaubt) zuteil werden. Sind das nicht glänzende Aussichten?
Zudem glaube ich nicht mal daran, nicht mehr als an den Juden-Messias. Aber das glaube ich selbst, dass unter günstigen Umständen (d. h. wenn ich mich behandle wie eine Seifenblase oder ein weiches Ei und kein Unglück von außen auf mich einstürmt) die Geschichte sich noch lange, lange hinspinnen kann. Doch wie Gott will! Ich bin jede Stunde bereit und meinem Schöpfer sehr dankbar, dass er mir durch das beständige Gefühl der Gefahr einer vollkommene Befreundung mit dem Tode, sowie, durch eben dieses Gefühl, eine doppelt innige und bewusste Freude an allen, auch den kleinsten Lebensfreuden, die mir noch zuteil werden, gegeben hat.
Sie dürfen deshalb nicht meinen, mein liebes liebstes Herz, als ob Ihr Brief und Ihre lieben Geschenke mir weniger Freude gemacht hätten als sonst. Sie haben mich mehr als gefreut, tief gerührt, aber antworten konnte ich nicht und hatte auch niemanden, der es statt meiner getan hätte. Jenny litt wieder wochenlang, und mein Mütterchen war durch Sorge um uns beide so angegriffen und nervenschwach, dass ich nicht weiß, wen von den beiden armen Seelen ich am unliebsten hätte anstrengen mögen, und von den Kindern ist, in dieser Art, noch gar nichts zu haben.
Es sieht mit ihrem Schreiben noch erbärmlich aus; langsam wie Schnecken, und dann Krähenfüße und vier Wörter auf die Zeile; Jenny lässt sie alle ihre Zeit auf jene Unterrichtsstunden verwenden, zu denen die Gelegenheit vorübergehend, oder auch wegen zu großer Kosten vielleicht in späteren Jahren nicht durchhaltend zu benutzen wäre. So sind sie schon recht hübsch voran im Zeichnen, Klavier, Französischen et cet. und recht schmählich zurück in allem Notwendigerem, aber allerdings unter Jennys eigner Leitung leicht Nachzuholendem.
Ach, Lies, es ist recht betrübt, dass wir wirklich bereits genötigt sind, in allen Dingen Vorbereitungen auf eine Zeit zu treffen, an die wir so ungern denken mögen, aber der gute Laßberg nimmt gar zu sichtlich ab, und alles Körperliche an ihm, Gesicht, Gehör, Gedächtnis, Muskelkraft, alles geht jetzt mit seinen 77 Jahren gleichen Schritt, wo nicht noch etwas vor; nur sein Geist und seine Heiterkeit haben keine Abnahme erlitten oder erleiden höchstens nur momentane, wenn er sich, wie man zu sagen pflegt, mal so recht selbst fühlt.
Meersburg, 20. Juli 1847
Ich bin jetzt eigentlich hergestellt, aber noch ungeheuer schwach und reizbar, kann noch keine drei Seiten nacheinander lesen, und dieser ist mein erster Brief, an dem ich gewiss schon 14 Tage lang schreibe — Sehn Sie, Lies, dass ich doch immer mehr für Sie tue, als für jeden andern? Aber es ist auch ein miserabler Brief! ein bloßes Krankheitsbulletin! Ich habe gedacht, das Lies hat mich lieb, ängstigt sich um mich, und für dieses Mal sind ihr genaue Nachrichten mit zuletzt beruhigendem Schlüsse lieber als die schönsten Literaria.
Übrigens kommen mir dergleichen auch weder zu Ohren noch Gesicht. Lesen darf ich ja noch nicht, habe seit meiner Ankunft (2. Oktober) mein Zimmer nicht verlassen und nehme außer der Salm durchaus keinen Besuch an. Dennoch habe ich Gesellschaft genug in meiner Spiegelei. Laßberg kömmt jeden Nachmittag auf eine Stunde, und Mama und Jenny bringen regelmäßig die Abende bei mir zu. Dann wird aber alles Aufregende im Gespräche vermieden, und ich höre, auf einen großen Lehnsessel an der Schattenseite des Ofens gekauert, ganz behaglich an, was von Tagesbegebenheiten, kleinen Abenteuern auf Spaziergängen et cet. vorgebracht wird.
Überhaupt langweile ich mich gar nicht; meine Phantasie arbeitet nur zu sehr, und ich muss aus allen Kräften dagegen ankämpfen. Jede etwas unebene Stelle an der Wand, ja, jede Falte im Kissen bildet sich mir gleich zu mitunter recht schönen Gruppen aus, und jedes zufällig gesprochene etwas ungewöhnliche Wort steht gleich als Titel eines Romans oder einer Novelle vor mir, mit allen Hauptmomenten der Begebenheit. Sie sehn, wie überreizt ich noch bin. Gott! dürfte ich jetzt schreiben (d. h. diktieren), wie leicht würde es mir werden! Aber wie bald würde ich auch wieder alle Viere von mir strecken!
Meine Spiegelei ist ganz reizend, heizt sich vortrefflich, fasst jeden Sonnenblick auf und ist durch den Widerschein des Sees selbst in den trübsten Tagen immer hell. Dazu vor mir auf dem Tische immer ein paar Töpfe in voller Blüte aus dem Treibhause. Wenn ich aufstehe, der immer lebendige, oft himmlisch beleuchtete See mit seinen Fahrzeugen und die Alpen. Ich spüre auch gar nichts vom Winter und freue mich deshalb auch gar Sicht auf den Frühling mit seinem garstigen Äquinoktium, was mich immer krank macht, um so weniger, da ich doch vor dem Eintritt beständiger Sommerwärme (etwa um das Ende Mais oder anfangs Juni) das Zimmer nicht verlassen soll.
Lieb Herz, ich habe eben Ihren Brief durchsehn, und will beantworten soweit meine Wissenschaft reicht … [zehn Zeilen von fremder Hand unleserlich gemacht]
Meersburg, 4. - 16. Februar 1847
Ich machte mich in der letzten Zeit stärker als ich war, um Paulinens Widerstand zu besiegen, die mich nicht begleiten konnte (weil ihr ein junges Mädchen in den Ferien anvertraut war) und mich mit großer Liebe und Sorge entließ; sie hatte alles getan, mir die Reise zu erleichtern, mir alle Karten für Dampfboote und Eisenbahnen, sogar für den Omnibus bis Freiburg verschafft (diese Anstalten stehn miteinander in Berechnung) und zugleich ein Empfehlungsschreiben vom Direktor der Kölnischen Dampfschiffahrt, was an sämtliche Wagen- und Schiffkondukteure gerichtet, ihnen jede Rücksicht für mich auf die Seele band, so bin ich übergekommen fast so bequem wie in meinem Bette (d. h. bis Freiburg) — die Herrn Kondukteure führten mich immer gleich in den Pavillon, nahmen andern Kanapees ihre Kissen, um es mir bequem zu machen, versorgten mein Gepäck, banden mich den Marqueurs so eng aufs Gewissen, dass fast jede Viertelstunde einer kam, nachzusehen, ob ich etwas bedürfe, und wenn wir angekommen waren, ließen sie mein Gepäck gleich auf das morgige Dampfboot bringen und führten mich selbst an den Omnibus.
Auf der Eisenbahn ging es ebenso, ich bekam beide Male einen Waggon für mich allein, und fast bei jeder Station erschien ein Gesicht am Wagenschlage, um zu fragen ob ich etwas bedürfe — und doch hat dies alles meine Reise nur unbedeutend verteuert, die Kondukteure nahmen nichts und meine männlichen Wartfrauen waren am Rheine mit einem Gulden, weiterhin schon mit 30 Kreuzern, überglücklich.
Sie sehen, lieb Lies, ich bin wie in einem verschlossenen Kästchen gereist und habe (außer meinen lieben Wartfrauen) kein fremdes Gesicht gesehn, nicht mal in den Gasthöfen, wo ich mir gleich ein eigenes Zimmer geben ließ, wenn ich auch nur eine halbe Stunde blieb; so fühlte ich mich in Freiburg so wenig erschöpft, dass, statt (wie früher beschlossen) Extrapost zu nehmen, ich mich dem Eilwagen anzuvertrauen beschloss, obwohl er abends abging.
Meine Empfehlungen waren zu Ende, aber mein Glück verließ mich auch hier nicht, ich hatte bis Mitternacht einen Beiwagen ganz für mich allein, dann muste ich freilich in den allgemeinen Rumpelkasten, voll schnarchender Männer und Frauensleute, die brummend und ächzend zusammenrückten, als ich mich einschob; dann ging das Schnarchen wieder an, ich allein war wach bei dieser scheußlichen Bergfahrt und merkte allein, wie den Pferden die Knie oft fast einbrachen und der Wagen wirklich schon anfing rückwärts zu rollen. Mein Vis-a-Vis stieß mich unaufhörlich mit den Knien und die Köpfe meiner Nachbarn baumelten an mir herum. Doch gottlob nicht lange!
Es war noch stockfinster, als wir mit der Post nach Konstanz zusammentrafen, und siehe da, meine ganze Bagage kugelte und kletterte zum Wagen hinaus, und ich war wieder frei! frei! und machte mir ein schönes Lager aus Kissen und Mantel, auf dem ich es sehr leidlich aushalten konnte, bis nach Stockach, wo ich um zehn ankam, gleich Extrapost nahm und in Meersburg die Meinigen noch bei Tische traf.
Sehn Sie, lieb Lies, dies ist mein Reiseroman, einen so ledernen haben Sie wohl Ihre Lebtage nicht gelesen. Hier war große Freude über meine Ankunft, aber auch große Bestürzung über mein Aussehn, ich musste gleich zu Bette und zwei Ärzte annehmen (einen aus der Stadt und den sehr geschickten Brunnenarzt von Überlingen) — da habe ich denn viele Medizin geschluckt und bin immer elender darnach geworden, zuletzt so nervenschwach, dass mir jedes Wort klang wie eine Posaune, und zuweilen im Stockfinstern mir das Zimmer für einige Sekunden erleuchtet schien wie vom grellsten Sonnenschein, und ich die kleinsten Gegenstände genau unterscheiden konnte; zudem nahm mein Magen mich gar nichts mehr an, selbst Wasser und Haferschleim musste ich sogleich wieder von mir geben, und dabei immer Fieber und Beklemmungen, immer halb tot husten, Ach Lies! ich war schrecklich elend, und wünschte auch gar nicht wieder besser zu werden, nur tot! tot!
Endlich erklärte der Brunnenarzt: “Mir tauge keine Medizin — ohne Ausnahme — ich sei in allen innern Teilen völlig gesund, aber meine Nerven in einem Zustande der Überreizung, wie ihm noch nie vorgekommen, — er habe mir Dosen gegeben wie sie für ein eben geborenes Kind passten, und ich habe die ihnen entsprechenden Zufälle bekommen, als ob er mich mit ganzen Pfunden vergiftet hätte”. Er fügte hinzu, “könnte ich an Homöopathie glauben, so wäre dies das einzige, was ich bei Ihnen anwenden möchte, aber so leben Sie wenigstens homöopathisch. Ich sage jetzt aus voller Überzeugung, dass Ihr natürlicher Widerwillen gegen Gewürze, Wein et cet. Ihr größtes Glück gewesen ist, und Ihre Hartnäckigkeit, 17 Jahre lang keine Arznei zu nehmen, das Klügste, was Sie tun konnten - ich kann Ihnen nichts verordnen als die möglichste geistige und körperliche Ruhe, liegen Sie ganz still — Schlafen? — so viel Sie irgend können — Denken? wo möglich gar nicht, oder nur Angenehmes, was Sie nicht aufregt. So werden Sie sich wahrscheinlich allmählich von selbst erholen” - und so ist es auch gekommen.
Meersburg, 4. - 16. Februar 1847
Kinkel war (Ende September) wieder gesund und in voller Tätigkeit, seine Johanna aber hätte man steinigen mögen, weil sie den nagelneuen Streit zweier Frauen aus geachteten und mit halb Bonn verwandten Familien auf die skandalöseste Weise als Novellenstoff verarbeitet hatte. Die Indiskretion des Federviehs ist doch heutzutage wahrhaft scheußlich! Meine Charakteristik im “Jahrbuche” mag auch ein rares Stückchen sein, da sich der gute Kühnast so daran geärgert hat! Sie können wohl denken, dass ich es nicht gelesen, und wahrlich keine Lust dazu habe. Bädeker hat mir das Buch geschickt, d. h. nach Hülshoff. Werner schickte mir den Brief, behielt aber das versiegelte Paket bis auf weitere Ordre zurück; dort mag es ruhn bis zum jüngsten Tage! Hier ist es gottlob eine Terra incognita, wie überhaupt alles Norddeutsche, was sich nicht durch hervorragendes Talent Bahn brechen kann.
Lieb Lies, mein Entschluss, mich von allen literarischen Bekanntschaften (außer von Ihnen) immer mehr zurückzuziehn, wird immer fester, so wie der, niemals eine Rezension oder kritischen Aufsatz zu lesen. Sie sind, bei der jetzigen Parteiwut und den überhand nehmenden persönlichen Antipathien und Sympathien immer einseitig, parteiisch und sehr häufig nicht einmal im Einklange mit dem eignen Urteile des Schreibers, der nur seinem Freunde zuliebe versucht, ob es ihm gelingen will, irgend einigen dummen Teufeln von Nachbetern Schwarz für Weiß vorzumachen. Das ist doch kläglich! Und doch wird manches sonst gesunde Urteil dadurch für Augenblicke konfus gemacht, obwohl es nicht nachhält, und jeder doch kauft und liest, was ihn freut, und liegenlässt, was ihm, trotz allen Lobpreisungen, nicht zu Gemüte will. …
Sie fragen mich, ob Sie zu einer gewissen Zeitung zurückkehren sollen? Meine Antwort kömmt so spät, dass Ihr Entschluss gewiss jetzt längst gefasst und ausgeführt sein wird, sonst würde ich sagen: “Wenn Sie einen andern Ausweg haben, tun Sie es nicht! Doch ist nicht gar viel mehr dabei.” Gewisse Spannungen kommen selbst mir jetzt völlig veraltet vor, wieviel mehr einem viel schwächeren Gedächtnisse, dem sie fast antediluvianisch erscheinen werden, doch gibt es ein sehr starkes und feindliches Gedächtnis, das sich vielleicht diese Gelegenheit nicht würde entgehen lassen, sich über Indelikatesse, Taktlosigkeit et cet. halbtot zu wundern. Doch ist Ihnen vielleicht an dem Urteile zweier Menschen nicht viel gelegen, und über ihr Tete-a-Tete hinaus wird die Verwunderung keineswegs reichen.
Und nun adieu, mein teures teures Herz! Sollte ich Ihnen alles Liebe sagen, was mir Mama und Laßberg aufgetragen, so müsste ich wenigstens noch eine Seite Raum haben. Sie bleiben der Liebling, obwohl Ihr Mütterchen und Tante Minna auch sehr gefallen haben, ersteres hat man noch bildschön und beide höchst liebenswürdig gefunden. Adieu, lieb Lies, mit immer gleichem Herzen Ihre treue Nette.
[Am Rand] Meine schönsten Grüße an Rüdiger. Ich ende diesen Brief am Fastnachtsdienstage, und habe doch täglich daran geschrieben — Sehn Sie, wie lieb ich Sie habe!
Meersburg, 4. - 16. Februar 1847





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