Kategorie: Münster



aus: 1843, Briefe an Levin Schücking, Münster

Es ist mir sehr drückend gewesen, Ihnen, liebes Kind, so lange nicht schreiben zu können; aber ich bin seit zwei Monaten sehr krank. Im März höchst elend, so dass ich jeden Tag zu sterben glaubte. Man hat mich hierher gebracht, um immer unter den Augen des Arztes zu sein, und jetzt ist es seit zehn Tagen bedeutend besser.

Was mir fehlt? Ich habe es für Schwindsucht gehalten; es sollen aber nur innere Nervenkrämpfe sein, und jetzt scheint es auch so, da ich mich so plötzlich und rasch bessere, und bei weitem weder so kraftlos noch mager geworden bin, wie zwei Monate unausgesetzten Leidens ohne Nachtruhe und fast ohne Nahrung dies voraus setzen ließen. Noch am Tage vor der glücklichen Wendung konnte ich vor Schwäche das Glas mit Haferschleim kaum halten, und am folgenden Morgen, nach ein paar Stunden gesunden Schlafes und mit einigem Appetite genommener Bouillon und Semmel, bin ich auf Wunsch des Arztes gleich in die - sehr warme - Luft gegangen, und zwar fast eine halbe Stunde weit, ohne sonderliche Anstrengung, was außer dem Arzte allen ein halbes Wunder schien und mir am meisten.

Ganz so gut hat sich’s nun zwar nicht gehalten; ich bekomme fortwährend Rückfälle, die aber nur Stunden währen, und die ich im Vergleich mit dem Früheren kaum beachte. Gesund bin ich noch lange, lange nicht, huste noch sehr, habe immer Halsweh, jeden Abend noch Fiebermahnungen, und mit Schlaf und Appetit gehts auch nicht über das Notdürftigste hinaus; dennoch fühle ich mich gegen früher wie im Himmel und sehe an der unverhohlenen Freude des Arztes, dass ich wirklich auf entschiedener Besserung bin.

In Rüschhaus hätte ich mich nie erholt; denn unser armes Mariechen wird sterben, an Skrofeln in der Lunge, die jetzt ausbrechen, und da das gute Ding, die, wie alle wirklich Schwindsüchtigen, nicht im geringsten apprehensiv ist, sich nicht abhalten ließ, sich täglich einigemal zu mir herauf zu quälen, um mich mit der Ähnlichkeit unsrer Zustände zu trösten, so können Sie denken, wie dies auf mich wirkte.

Menschen mochte ich gar nicht sehn außer wenigen, und diese grade konnte ich nicht haben: Junkmann war nicht da, Schlüters kamen nicht, und auch mein bester Trost, meine liebste Elise, konnte nicht kommen, da sie selbst in großer Not steckte mit dem Tantchen, die schwer bei ihr erkrankt war und sie kaum eine Stunde von sich lassen mochte. Das ging mir denn auch sehr nah; hatte ich keine Nachrichten, so war ich voll Unruhe, und die ich bekam, konnten mich leider selten trösten.

Hier hat mich nun freilich in dieser Beziehung ein harter Schlag erwartet; während ich dieses schreibe, wird der Körper, den eine so reine, milde Seele bewohnt hat, der Erde wiedergegeben; am Freitagabend um neun hat sie vollendet, an der Wassersucht und zuletzt hinzugetretenem Lungenschlage; Elise ist überaus betrübt, aber gefaßt. … Ich bin sehr froh, grade jetzt hier zu sein. … Daß ich zu ihrer Aufrichtung tun werde, was meine armseligen Kräfte gestatten, und vielleicht noch etwas drüber, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Elise ist mein zweites Ich.

Lieber Levin, Sie werden sich natürlich jetzt sehr geneigt fühlen, Elisen zu schreiben; tun Sie es nicht, ich bitte dringend darum; sie erwartet es nicht, wie sie mir selbst gesagt hat, da sie ja eben einen Brief von Ihnen erhalten, und Ruhe, Ruhe, Entfernung jeder Nervenaufregung ist ihr jetzt das einzig, aber streng Nötige. Ich habe ihr immer, wie Sie es ja selbst wünschten, Ihre Briefe an mich mitgeteilt; kein inniges oder ehrendes Wort, deren allzeit ja so viele für sie darin verstreut waren, ist je verloren gegangen, und wo die Ausdrücke schwankend waren, ist Ihr Mütterchen ehrlich genug gewesen, nach all der Wärme, aus der sie sie hervorgegangen wußte, auszulegen und aus unsern Meersburger Gesprächen zu ergänzen. So ist Elise immer Ihrer allertiefsten Anhänglichkeit gewiss gewesen; aber es ist besser, sie trägt diese Überzeugung ruhig und wohltuend in ihrem Innern, als dass sie durch Briefe aufgeregt wird, jetzt, wo wir alle uns nur absorgen, sie im möglichst ruhigen Gleise zu erhalten, damit ihre nach so langem Wachen und Sorgen unvermeidliche Nervenreizbarkeit sich nicht als Nervenschwäche festsetzt.

Zum Überfluß habe ich Elisen noch gesagt, dass ich Sie dringend bitten würde, ihr vorläufig nicht zu schreiben, und sie ist ganz mit mir einverstanden gewesen, so wie sie sich überhaupt jetzt vor jedem etwas ungewöhnlichen Briefe fürchtet, weil sie weiß, wie schlecht er ihr bekömmt. Legen Sie ihr dieses ja nicht als Mangel an Teilnahme aus; Elise ist Ihnen mit so warmer und inniger Freundschaft zugetan, dass Ihr Mütterchen sich hierin nicht mal den Platz über sie anzumaßen wagt.

Sie hat meine Sorge geteilt, dass in jenem Sodoma und Gomorrha irgend eine ränkevolle Person unter erborgter Tugendglorie Eingang in Ihre arglose Teilnahme finden und Sie betrügen möchte – ein Gedanke, der Ihnen, der Sie jede einzeln kennen und verachten, vielleicht empörend scheint; Sie müssen aber bedenken, dass wir, so lange die Fürstin lebte, uns doch auch einen anständigen Kreis, wenigstens von Besuchenden, um diese ehrenhafte Frau denken mussten, und doch schien uns – eigentlich recht weiblich inkonsequent – in einem solchen Hause könne alles nur Lug und Trug und zu Ihrem Verderben sein.

Elise hat auch zuerst Ihnen die Gall bestimmt und die Andeutungen eines steigenden Interesses in Ihren Briefen mit der wärmsten Teilnahme verfolgt; Ihr endliches bestimmtes Aussprechen dieses Verhältnisses ist uns beiden zu gleicher Beruhigung und Freude gewesen. Ich war schon krank, meinte aber doch zur gewöhnlichen Zeit antworten zu können, und Elise schickte mir in der warmen Teilnahme ihres Herzens ein Briefchen zum Einschluß; ich wurde aber von Tag zu Tag elender, konnte nicht mal die empfangenen Briefe ohne Verschlimmerung lesen, um so weniger selbst welche schreiben. Ach, Levin, ich habe schrecklich ausgestanden und oft gemeint, es ging über meine Kräfte; auch jetzt schreibe ich schon den dritten Tag über diesen paar Zeilen, aber es geht doch, und mir wird nicht schlimmer darnach.

Liebes Kind, wie ich diesen Brief anfing, glaubte ich Elisens freilich etwas alt gewordene Zuschrift vor mir in der Lade zu haben und entdecke nun mit Schrecken, dass ich ein anderes gleich geformtes Briefchen an mich selbst dafür mitgenommen. Was ist zu machen! Den Schlüssel zu meinem Schreibtische kann ich unmöglich hergeben; Sie müssen sich gedulden, bis ich wieder in Rüschhaus bin, wo ich Ihnen das Blatt jedenfalls schicken werde, wenn es auch steinalt geworden ist. Elise, der ich meine Not geklagt, sagt, ich möge Ihnen schreiben, der Hauptinhalt sei gewesen, dass sie Ihnen ihre Freude über jene nach ihrer Ansicht sehr passende Wahl ausgedrückt und Sie angetrieben, die Gall jetzt möglichst bald persönlich kennenzulernen …

Von der Bornstedt wissen wir nur, dass es ihr wahrscheinlich kläglich geht. Ihre Briefe von Paris waren brillant; sie paradierte in der Hautevolée, in von der Gräfin geborgter Garderobe, rotem Samt und Brillanten, badete sich in Eau de Cologne und gab sich selbst als von den ersten literarischen Notabilitäten auf Händen getragen an. Balzac habe behauptet, nachdem er ihren “Ludgerus” gelesen, die Westfalen müßten doch ein greulich dummes Volk sein, dass sie einen solchen Schatz nicht anzuerkennen gewußt et cet. Mit einem Male wurde sie mäuschenstill, und von Arnsberg, wo eine Schwester der Gräfin Bocarmé wohnt, kam die Nachricht, dass diese sich gänzlich mit ihr überworfen und sie ohne weiteres vor die Tür gesetzt habe; was sie nun anfängt, weiß Gott. …

Lieb Herz, ich bin sehr, sehr müde und angegriffen, meine Kräfte sind total zu Ende, und ich habe das Wichtigste kaum noch berührt; es geht mir wie einem, der sein Testament zu lange verschoben hat und sich nun quält, dass er es nicht mehr machen kann. Nur zwei Worte: Suchen Sie die Gall persönlich kennenzulernen, ehe Sie sich zu weit mit ihr einlassen; und dann heuraten Sie nicht ohne ein festes, wenn auch bescheidenes Einkommen Ihrerseits; unter diesen beiden Bedingungen haben Sie den vollständigsten Segen derjenigen, die mit aller Liebe und Treue einer Mutter für Sie fühlen wird, so lange noch eine Atemzug in ihr ist.

Münster, 24. April 1843

aus: 1843, Briefe an Levin Schücking, Münster

Marggraf hat eine Sammlung politischer Lieder herausgegeben und meine “Warnung an die Weltverbesserer” darin aufgenommen; so muss ich armes loyales Aristokratenblut da zwischen Herwegh, Hoffmann von Fallersleben et cet. paradieren. Freiligrath und Geibel sind aber auch darin, so gibt’s doch noch gute Gesellschaft. Der Redakteur des Feuilletons der Kölner Zeitung, Püttmann, trägt Elisen bei Gelegenheit der Übersendung einiges Honorars die Bitte vor, dass, da sie mich vielleicht persönlich kenne, sie doch suchen möge, mich zu seinen Gunsten dem “Morgenblatt” abwendig zu machen, und zählt, um mich zu reizen, seine neuen berühmten Mitarbeiter her: Freiligrath, Geibel, Gutzkow, König, Marggraf etcet. Ich kann jetzt wohl daran denken, ins Kölner Feuilleton zu schreiben; hätte ich nur die Abschrift für Cotta fertig!

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aus: 1837, Briefe an Sophie von Haxthausen, Münster

An Vergnügungen ist diesen Winter schwerlich zu denken, wenigstens für den Adel, von dem ein Teil bereits sich gegen alles dergleichen erklärt hat. Freilich gibt es noch junges Volk, was sich die Haare darüber aus dem Kopfe reißen möchte; indessen die Papas werden wohl dieses mal die Oberhand behalten. Deshalb bleib nur zu Hause, meine liebste Sophie, Du kömmst doch nicht zum Tanzen, zudem da hier jedermann mit dem Erz[bischof] verwandt oder sehr bekannt ist, unsre Herrenwelt selten zusammen, sondern bald der eine, bald der andere dort, und die noch nicht da waren, haben es größtenteils noch vor …

Es ist eine wahre Adelswanderung und wird wohl ganz die Runde gehn. Du glaubst nicht, welchen Eindruck die neuesten Begebenheiten auf die mittlere und geringere Bürgerklasse gemacht haben. Es ist wirklich arg, dass man sich kein Paar Schuh kann anmessen lassen, ohne eine ganze Tracht Politik mit in den Kauf zu nehmen. Diese Stimmung übertrifft weit alles, was ich früher in der Art erlebt habe.

Die Geistlichen, welche sich durchgängig wohl Mühe geben, die Gemüter zu beruhigen, klagen, wie schwer es ihnen werde und wie es sogar das Volk so mißtrauisch mache, dass sie allen Einfluß darauf verlören. … Der Erz[bischof] soll allen, die ihn besuchen, es zur ausdrücklichen Bedingung machen, weder von politischen noch kirchlichen Gegenständen mit ihm zu reden; das ist schön und verständig von ihm, kann aber der allgemeinen Stimmung nicht steuern. Fast jeden Morgen muss die Polizei zur Hand sein, um die Plakate abzureißen. Die Geistlichen unterstützen sie darin, und Kellermann hat selbst schon mehrere Plakate von der Kirchentür abgerissen.

Es ist oft die Rede von öffentlichen Fürbitten in den Kirchen; das Volk dringt heftig darauf, sowohl mündlich und einzeln, so wie sie nur jemanden können zu fassen kriegen, von dem sie denken, er könne etwas dazu tun, als auch durch Plakate. Die Geistlichkeit nimmt aber noch keine Notiz davon, obgleich ich nicht einsehe, was für ein Skandal darin liegen sollte, um glückliche und friedliche Beendigung einer so bösen Sache zu bitten.

Die Polizei benimmt sich sehr klug und weiß alle kleinen, unangenehmen Vorfälle so zu unterdrücken, dass sie nur durch zufällige Zuschauer bekanntwerden. So haben gestern Studenten oder wahrscheinlicher Gymnasiasten (denn Studenten gibt es hier ja kaum) die kindische Frechheit gehabt, beim Herausdrängen aus der Schule einen Offizier zu insultieren, und als einige auf der Stelle deshalb arretiert worden, haben ihre Kameraden sie sogleich befreit. Niemand redet davon, denn fast keiner weiß es, doch habe ich es von einem Augenzeugen.

Der Oberpräsident und die Preußen überhaupt sind sehr verdrießlich über die schlechten Aussichten für die Winterlustbarkeiten. Bei der Hochzeit der Tochter des Oberpräs[identen] vor etwa 14 Tagen ist keiner vom Adel erschienen. … Was Du von den Hermes[ianern] meinst, ist unrichtig; der Erz[bischof] hat keine Feinde mehr unter den Katholiken. Ich rede von jenen, die sich in dieser Sache namhaft gemacht haben; was einzelne verdrehte Landkapläne und Seminaristen denken mögen, weiß ich nicht.

Ich glaube, dass die Entrüstung jener Leute aufrichtig gemeint ist, obgleich die Regierung sie durch die Verbindung mit ihrer Sache mit andern Dingen so an den Pranger gestellt hat, dass ihre Ehre ihnen keine andere Wahl ließ. Soviel ist gewiss: dieser Schlag auf den Erzbischof in dieser Form hat sie mehr gekränkt als alles, was ihnen vorher geschehn.

Doch man wird hier vieles nicht gewahr, fast alle fremden Zeitungen bleiben aus, namentlich die “Gazette de France”, das “Journal des débats”, die “Temps” und die “Würzburger Zeitung”, doch sollen Auszüge aus letzterer in der “Hannöverschen Zeitung” zu finden sein. Die “Augsburger Zeitung” erscheint; es soll ihr von ihrer Regierung untersagt sein, Artikel über diesen traurigen Gegenstand aufzunehmen.

Münster, 7. Dezember 1837