Kategorie: 1819



aus: 1819, Briefe an Therese von Droste, Bökendorf

Du musst nur nicht denken, liebste Mama, als ob ich besonders krank wäre. Die Leute wollen behaupten, ich sähe besser aus, als da ich hieher kam, und es kömmt mir bisweilen selbst so vor. Auf jeden Fall befinde ich mich seit dem Driburger Bade viel besser; was Leib- und Magenschmerzen und Übelkeiten, womit ich sonst so oft geplagt war, anbelangt, so weiß ich fast nicht mehr, wie sie tun. Auch das Kopfweh hat sich sehr gelegt, nur habe ich schon, solange der Winter dauert, immer eine Trockne in den Augen, doch ganz ohne Verdunklung. Wahrscheinlich ist die ewige Schnee- oder Regenluft schuld daran, wir haben hier noch nicht einen klaren Tag gehabt. Ich brauche jetzt meine alten Pillen, und es bessert sich merklich.

Die Pulver will mir der Doktor Menne ohne eine besondere Aufklärung von Forkenbeck nicht erlauben. Denk mal, er behauptet, sie wären sehr gefährlich, und es könnten mir auch die Zähne davon ausfallen. Sollte vielleicht viel Merkurius drin sein? Ich soll ihm einen Brief von Forkenbeck verschaffen, worin dieser bezeugt, dass ich die Pulver ohne Schaden genommen und ferner nehmen kann, und ihm dies zugleich beweist, durch einen Aufsatz über meine frühere Krankheit und überhauptige Konstitution. Ich habe ihm gesagt, ich wollte darüber nach Münster schreiben, aber bloß, damit er es nicht selbst tut. Denn ich bin überzeugt, der alten Forkenbeck wird wütend, wenn er einem Landphysicus aus Brakel von seiner Kur Rechenschaft ablegen soll. Da ich zudem hier gar auf keine Kur einlassen will, so denke ich, wir lassen die Sache einschlafen, ich habe ja meine Pillen und die helfen mir gut.

Bökendorf, 20. Dezember (?) 1819

aus: 1819, Briefe an Clemens-August von Droste, Bökendorf

Du schreibst mir, ich soll im Oktober herüberkommen; da ich mich aber so durchaus wohl befinde und die hiesigen Ärzte behaupten, dass gerade die Bergluft dasjenige wäre, wovon ich auf Dauer meine völlige Genesung erwarten müsste, so wollen die Großeltern noch nichts von Abreisen hören. Was mich anbelangt, so tue ich das, was Ihr über mich beschließt, auf jeden Fall mit Freuden.

Ich will nicht leugnen, dass ich sehr gern mal wieder bei Euch wäre, aber doch kann ich versichern, dass ich, sooft ich an Euch denke, doch nicht eigentlich das Heimweh habe, wie die Frau von Korff meinte; freilich bleibt einem das väterliche Haus natürlich immer das liebste, und es ist eine außerordentliche Freude, wenn man in einer fremden Gegend etwas von Hause hört, und so mögen meine vielen und dringenden Fragen nach allem, was Münster anbelangt, die Frau von Korff wohl auf diese verkehrte Idee gebracht haben; zudem muss ich sagen, dass, da ich noch fast gar nicht bei den Großelten habe sein können, es mir unbillig und auch etwas schämerlich vorkömmt, jetzt wieder fortzugehen, ohne den Zweck, zu dem ich eintlich hergekommen bin, erfüllt zu haben.

Du musst nun nicht denken, mein lieber alter Papa, als ob mir irgendein Ort so lieb sein könnte wie Hülshoff, aber ebenso musst du auch nicht glauben, als ob [ich] mich bloß durch Rücksichten hier zurückhalten ließe; ich versichere Dich, dass, wenn ich nur im mindesten glaubte, dass mein längeres Hierbleiben meiner Gesundheit schädlich sein könnte, ich den vorher genannten Grund weiter nicht berücksichtigen würde; weil es alsdann doch noch eine nähere Pflicht wäre, für die Erhaltung meiner Gesundheit zu sorgen. Ich werde hier zudem so äußerst freundlich und liebevoll behandelt, dass ich nächst Hülshoff hier wohl am liebsten bin, doch richte alles ein, wie Du willst, mein lieber Papa, und vergiss, bitte, die bewussten Stunden nicht, ich denke auch immer daran, aber ein paarmal habe ich es in Driburg versäumt, weil ich schlief, ich habe es aber nachgeholt.

Bökendorf, 18. September 1819

aus: 1819, Bad Driburg, Briefe an Maria Anna von Haxthausen

Ach liebe Großmutter und Tanten, wenn Ihr mir doch wolltet ein bisschen Butter schicken, hierzulande ist sie sehr teuer und schlecht, Frenzchen hat mir von Hinnenburg welche geschickt, aber die ist grade auf, wenn Ihr mir wolltet etwas süßes Brot und einen Käse dazu schicken, dann würde ich Euch sehr dankbar sein, nicht wahr?

Ich mache es wie der schlaue Pilgrim in Hebels Schatzkästlein, aber in diesem fatalen Neste ist ist auch nichts zu haben als für ungeheures Geld, und dann oft noch nicht einmal, bitte schickt es mir auf jeden Fall so bald wie möglich, da ich nur noch acht Tage bleibe …

Dass die Lotterie für die Schneebergsche so gut ausgefallen ist, wisst Ihr schon wohl, ich wollte, ich wüsste nur jemand, dem ich das Geld mitgeben könnte …

Bad Driburg, 29. August 1819

aus: 1819, Briefe an Dorothea von Wolff-Metternich, Hülshoff

… wir leben übrigens so still und angenehm für uns hin wie immer, Jenny malt recht viel und macht die übrige Zeit feine Handarbeiten, Ludowine ist uns ein sehr liebes und angenehmes Mitglied, sie ist, wenigstens hier, sehr nachgebend, und immer guter Laune, das letzte ist mir ungeheuer viel wert, denn ich bin wohl zuweilen traurig, aber wenigstens in zehn Jahren nicht mehr übler Laune gewesen (als Kind habe ich mich mehr damit abgegeben) und es gibt wohl keine fatalere Lage, als in der ein Gutlaunigter steckt, wenn er mit einem Übellaunigten in einem Zimmer ist, und weder hinaus gehn kann noch aus Furcht, den andern zu ärgern, wie sonst sprechen und lachen darf.

Ich selbst habe diesen Winter nur sehr wenig tun dürfen und habe deshalb auch bisweilen an der Langeweile laboriert, besonders, da wir es in diesem Winter mit der Lesebibliothek so unglücklich getroffen haben. Ich hätte zwar auf keinen Fall in meiner jetzigen Lage selbst lesen dürfen, aber in den verflossenen Wintern las Mama doch jeden Abend ein paar Stunden vor, aber grade diesen Winter, wo mir dieses Gold wert gewesen wäre, da ich den ganzen Tag nichts tun, nicht einmal denken durfte und die übrigen viel zu beschäftigt waren, um sich mit mir abzugeben, grade diesen Winter hatte Mama bald etwas zu tun, bald Kopfweh, bald waren Fremde hier, kurzum, es ist gewiss keine zehnmal vorgelesen worden, obschon wir den ganzen Winter hindurch eingeschrieben waren, und zudem haben wir immer so dummes Zeug geschickt erhalten, dass wir meistenteils mitten im Buche aufgehört haben.

Dies ist nun freilich eigentlich unsre Schuld, da wir die Bücher selbst aufschreiben, die wir verlangen, aber wir haben uns schon so lange in den münstrischen Leihbibliotheken herum getrieben, und sie schaffen sich so wenig Neues an, dass wir das Beste schon herausgelesen haben, und es nun mit dem ganz Unbekannten versuchen müssen.

Hülshoff, 27. März 1819

aus: 1819, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

Nun bitte ich Sie noch einmal recht von Herzen, lieber Sprickmann, schreiben Sie mir doch recht deutlich und aufrichtig über das kleine Werk, nicht allein über offenbare Fehler, sondern was Ihnen nur immer unbehaglich daran auffällt und noch verbesserungswert scheint. Ich habe zwar schon soviel darüber reden hören, und jeder klug sein Wollende sitzt zu Gericht (denn meine Mutter, die das erste Exemplar bekommen hat, wie Sie aus der Zueignung sehen, liest es zuweilen zu meinem großen Leide Bekannten vor, und sehr oft Menschen, von denen ich voraus weiß, dass sie recht viel Ungeschicktes darüber sagen werden) und hat ein neues Lob und einen neuen Tadel dafür, und ich weiß oft nicht, worüber ich mich am meisten ärgere. Was das Lob anbelangt, so habe ich schon recht an mich halten müssen, um manche unbedeutende und eben passable Stelle nicht auszustreichen, die mir durch unpassendes Lob ganz und gar zuwider geworden sind.

So kam z.B. ein gewisser Herr, dem mein Gedicht auch nicht durch mich zur Beurteilung vorgelegt worden war, immer darauf zurück, die schönste Stelle im ganzen Gedicht sei (2. Gesang 3. Strophe 3. Zeile): “Es rauscht der Speer, es stampfte wild das Roß”, und erst durch sein vieles Reden wurde mir offenbar, wie dieser Ausdruck so gewöhnlich und oft gebraucht und beinahe die schlechteste Stelle im ganzen Buche ist. Dieser Herr hörte auch gar nicht davon auf, sondern sagte während des Tages mehrmal, wie in Entzückung verloren: “Es rauscht der Speer, et cet. et etc.”, wozu er auch wohl leise mit dem Fuße stampfte. Ich musste endlich aus dem Zimmer gehn. Wie ich vor einer Woche in Münster bin, begegnet mir der Unglücksvogel auf der Straße, hält mich sogleich an und sagt sehr freundlich: “Nun Fräulein Nettchen, wie geht’s? Was macht die Muse? Gibt sie Ihnen noch bisweile so hübsche Sächelchen in die Gedanken wie das Gedichtchen von neulich? Ja, das muss ich Ihnen sagen, das ist’n niedlich Ding: was für ‘ne Kraft bisweilen: ‘Es rauscht der Speer, es stampfte wild das Ross’.” Ich machte mich so bald wie möglich los und lachte ganz unmäßig; ich hätte aber ebensogut weinen können.

Sehn Sie, mein Freund, und so geht’s mir oft. Von der andern Seite würde ich mir wenig daraus machen, mein Gedicht oft auf die albernste und verkehrteste Weise tadeln zu hören, wenn ich nicht dabei gezwungen wär, zu tun, als ob ich ihre Bemerkungen ganz richtig fände, ein freundliches Gesicht zu machen und ihnen vielleicht noch für ihre Aufrichtigkeit danken. Aber wenn ich oft Stellen, von denen ich überzeugt bin, dass sie zu den bessern gehören, als dunkel, unverständlich et cet. schelten höre, uind dagegen die schlechtesten und seichtesten, eben weil nur jeder gut und klug genug ist, um sie ganz zu verstehn und empfinden, loben höre, und soll alsdann noch die oben benannten freundlichen Grimassen dazu schneiden - das ist zu arg, und mit Stillschweigen oder einer Verbeugung kann ich es nicht abmachen; dann bin ich hochmütig.

Nur zwei- oder dreimal bin ich zu meiner Freude mit einem bloßen “recht schön”! abgefertigt worden, sonst ist es jedesmal, wenn ich das Gedicht in die Stube schicke (denn ich hebe es selbst auf, obschon es meiner Mutter gehört, und bin also gezwungen, mein liebes Kind jedesmal selbst in die Hände meiner Feinde zu liefern) so gut, als ob ich auf ein Dutzend Kritiken pränumerierte, denn fast niemand kann der Versuchung widerstehn, sich durch irgendeine Verbesserung als einen denkenden, feinen Kopf zu charakterisieren.

Hülshoff, 8. Februar 1819