Kategorie: 1819
O mein Sprickmann, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, um Ihnen nicht lächerlich zu erscheinen, denn lächerlich ist das, was ich Ihnen sagen will, wirklich, darüber kann ich mich selber nicht täuschen. Ich muss mich einer dummen und seltsamen Schwäche vor Ihnen anklagen, die mir wirklich manche Stunde verbittert; aber lachen Sie nicht, ich bitte Sie noch einmal, mein Plagedämon hat einen romantischen und geckenhaften Namen, er heißt “Sehnsucht in die Ferne”; nein, nein, Sprickmann, es ist wahrhaftig kein Spaß. Sie wissen, dass ich eigentlich keine Törin bin; ich habe mein wunderliches, verrücktes Unglück nicht aus Büchern und Romanen geholt, wie ein jeder glauben würde. Aber niemand weiß es, Sie wissen es ganz allein, und es ist durch keine äußern Umstände in mich hineingebracht, es hat immer in mir gelegen.
Wie ich noch ganz, ganz klein war, ich war gewiss erst 4 oder 5 Jahr, denn ich hatte einen Traum, worin ich 7 Jahr zu sein meinte und mir wie eine große Person vorkam, da kam es mir vor, als ging ich mit meinen Eltern, Geschwistern und zwei Bekannten spazieren, in einem Garten, der garnicht schön war, sondern nur ein Gemüsegarten mit einer graden Allee mitten durch, in der wir immer hinauf gingen. Nachher wurde es ein Wald, aber die Allee mitten durch blieb, und wir gingen immer voran. Das war der ganze Traum, und doch war ich den ganzen folgenden Tag hindurch traurig und weinte, dass ich nicht in der Allee war und auch nie hinein kommen konnte. Ebenso erinnere ich mich, dass, wie meine Mutter uns eines Tages viel von ihrem Geburtsorte und den Bergen und den damals noch unbekannten Großeltern erzählte, ich eine solche Sehnucht darnach fühlte, dass, wie sie einige Tage nachher zufällig bei Tische ihre Eltern nannte, ich in ein heftiges Schluchzen ausbrach, so dass ich musste fortgebracht werden; dies war auch vor meinem siebenten Jahr, denn als ich sieben Jahr alt war, lernte ich meine Großeltern kennen.
Ich schreibe Ihnen diese unbedeutenden Dinge nur, um Sie zu überzeugen, dass dieser unglückselige Hang zu allen Orten, wo ich nicht bin, und allen Dingen, die ich nicht habe, durchaus in mir selbst liegt und durch keine äußeren Dinge hereingebracht ist; auf die Weise werde ich Ihnen nicht ganz so lächerlich scheinen, mein lieber, nachsichtsvoller Freund. Ich denke, die Narrheit, die uns der liebe Gott auferlegt hat, ist doch immer nicht so schlimm, wie eine, die wir uns selbst zugezogen haben.
Seit einigen Jahren hat dieser Zustand aber so zugenommen, dass ich es wirklich für eine große Plage rechnen kann. Ein einziges Wort ist hinreichend, mich den ganzen Tag zu verstimmen, und leider hat meine Phantasie so viel Steckenpferde, dass eigentlich kein Tag hingeht, ohne dass eines von ihnen auf eine schmerzlich-süße Weise aufgeregt würde. Ach mein lieber, lieber Vater, das Herz wird mir so leicht, wie ich an Sie schreibe und denke; haben Sie Geduld und lassen Sie mich mein törichtes Herz ganz vor Ihnen aufdecken, eher wird mir nicht wohl. Entfernte Länder, große, interessante Menschen, von denen ich habe reden hören, entfernte Kunstwerke und dergleichen mehr haben alle diese traurige Gewalt über mich. Ich bin keinen Augenblick mit meinen Gedanken zu Hause, wo es mir doch so sehr wohl geht; und selbst wenn Tage lang das Gespräch auf keinen von diesen Gegenständen fällt, seh’ ich sie in jedem Augenblick, wo ich nicht gezwungen bin, meine Aufmerksamkeit angestrengt auf etwas andres zu richten, vor mir vorüberziehn, und oft mit so lebhaften, an Wirklichkeit grenzenden Farben und Gestalten, dass mir für meinen armen Verstand bange wird.
Ein Zeitungsartikel, ein noch so schlecht geschriebenes Buch, was von diesen Dingen handelt, ist imstande, mir die Tränen in die Augen zu treiben; und weiß gar jemand etwas aus der Erfahrung zu erzählen, hat er diese Länder bereist, diese Kunstwerke gesehn, diese Menschen gekannt, an denen mein Verlangen hängt, und weiß er gar auf eine angenehme und begeisterte Art davon zu reden, o! mein Freund, dann ist meine Ruhe und mein Gleichgewicht immer auf längere Zeit zerstört, ich kann dann mehrere Wochen an gar nichts anderes denken, und wenn ich allein bin, besonders des Nachts, wo ich immer einige Stunden wach bin, so kann ich weinen wie ein Kind, und dabei glühen und rasen, wie es kaum für einen unglücklich Liebenden passen würde.
Meine Lieblingsgegenden sind Spanien, Italien, China, Amerika, Afrika, dahingegen die Schweiz und Otaheite, diese Paradiese, auf mich wenig Eindruck machen. Warum? das weiß ich nicht; ich habe doch davon viel gelesen und viel erzählen hören, aber sie wohnen nun mal nicht so lebendig in mir. Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich mich oft sogar nach Schauspielen sehne, die ich habe aufführen sehn, und oft nach eben denjenigen, wobei ich mich am meisten gelangweilt habe, nach Büchern, die ich früherin gelesen, und die mir oft gar nicht gefallen haben. So habe ich zum Beispiel in meinem ungefähr 14 Jahre einen schlechten Roman gelesen, den Titel weiß ich nicht mehr, aber es kam von einem Turme darin vor, worüber ein Strom stürzt, und vorn am Titelblatt war besagter abenteuerlicher Turm in Kupfer gestochen; das Buch hatte ich längst vergessen, aber seit längerer Zeit arbeitet es sich aus meinem Gedächtnisse hervor, und nicht die Geschichte, noch etwa die Zeit, in der ich es las, sondern wirklich und ernsthaft das schäbigte verzeichnete Kupfer, worauf nichts zu sehen ist, wie der Turm, wird mir zu einem wunderlichen Zauberbilde, und ich sehne mich oft recht lebhaft danach, es einmal wieder zu sehn; wenn das nicht Tollheit ist, so gibt’s doch keine, da ich zudem das Reisen gar nicht vertragen kann, da ich mich, wenn ich einmal eine Woche vom Hause bin, ebenso ungestüm dahin zurücksehne, und da auch wirklich dort alles meinen Wünschen zuvorkömmt.
Sagen Sie! was soll ich von mir selber denken? und was soll ich anfangen, um meinen Unsinn loszuwerden? Mein Sprickmann, ich fürchtete meine eigene Weichheit, wie ich anfing, Ihnen meine Schwäche zu zeigen, und stattdessen bin ich über dem Schreiben ganz mutig geworden; mich dünkt, heute wollte ich meinen Feind wohl bestehen, wenn er auch einen Anfall wagen sollte.
Hülshoff, 8. Februar 1819
Was mein damals angefangenes Trauerspiel anbelangt, so habe ich es noch fortgesetzt bis zum dritten Akt, dann blieb es liegen, und jetzt wird es auch wohl ferner liegen bleiben. Es enthält zwar mitunter ganz gute Stellen, aber der Stoff ist übel gewählt, hätte ich es in damaliger Zeit fertig gemacht, wo ich dieses noch nicht einsah, sondern mir im Gegenteil diese Idee sehr lieb und begeisternd war, so war es wohl so übel nicht geworden, aber es ist ein entsetzlicher Gedanke einen Stoff zu bearbeiten, für den ich nicht die mindeste Liebe mehr habe, es ist mir leid, ich wollte, dass ich es damahls fertiggemacht hätte.
Außerdem habe ich in dieser Zeit nichts Bedeutendes aufzuweisen außer einer Anzahl Gedichte, wovon verschiedene geistliche Lieder, die ich für meine Großmutter geschrieben habe, vielleicht die besten sind, ein Gedicht was ich als Zueignung in ein Exemplar des Walthers schrieb, welches meine Mutter an ihre vier unverheirateten Schwestern nach Bökendorf schickte, lege ich bei, damit Sie alles haben, was auf dieses Werkchen Bezug hat, ich möchte mich jetzt auch wohl einmal in Prosa versuchen; und zwar, da ich mich nicht gleich anfangs übernehmen mag, in einer Novelle oder kleinen Geschichte, vorerst, aber, du lieber Gott, wo soll ich einen Stoff finden, der nicht schon (ich lege dies ungleiche Blatt bei, weil ich sehe, dass das andre Papier so durchschlägt) hundertfach bearbeitet und zerarbeitet wäre, “Denn ihr Name ist Legion”, ich hatte seit 1 1/2 bis 2 Jahren nicht viel von diesen Dingern gelesen, wusste also nicht recht, wie die Commercien standen, und hatte mir also schon einen recht hübschen Stoff fast ganz durchgearbeitet, so, das außer dem Niederschreiben nicht viel mehr fehlte, da der ganze Gedanke der Geschichte sich zum Traurigen neigte, und ich doch keine große Freundin von plötzlichen Todesfällen bin, so trat meine Heldin gleich anfangs mit einer innerlich schon ganz zerstörten, und auch äußerlich sehr zarten und schwächlichen Constitution auf, ich hatte die Idee mit Liebe und Wärme überdacht und ich glaube und hoffe, dass es nicht misslungen sein würde, da lassen wir uns in die Lesebibliothek einschreiben, und fordern, weil wir sie in vielen Jahren schon ganz durchgelesen haben, bloß die neusten Sachen, gleich zu Anfang 3 Novellen, wo in zweien die Heldin auf denselben Füßen stand wie die meinige, das frappierte mich, in den folgenden Wochen ebenso, kurz: Ich merke bald, dass ich, anstatt etwas Neues zu erfinden, an den Lieblingsstoff unserer Zeiten geraten bin, nur mit dem Unterschiede, dass meine Heldin weder magnetisierte noch magnetisiert wurde, weil ich zu wenig vom Magnetismus kenne, um darüber zu schreiben, da hingegen den Heldinnen der Lesebibliothek eben dazu oder deswegen ihre Zartheit und Schwächlichkeit erteilt war, denn diesem großen unbegreiflichen, wenigstens mir unbegreiflichen Gegenstande geht es wie dem Löwen in der Fabel, der sogar den Esel schlug, jedes junge Rind muss seine ersten Hörner daran ablaufen, es ist mir aber nun unmöglich, meine Novelle fertig zu machen, da sie schon so viele Schwestern hat, die ihr zwar in der Haupttendenz gänzlich unähnlich, in der Form aber desto ähnlicher sind.
Schelten Sie nicht, mein geliebter Freund, wenn ich wüsste, dass meine Unbeständigkeit Sie verdrösse, so wollte ich viel lieber meine Novelle niederschreiben, ich würde sie überhaupt nicht liegen lassen, wenn ich schon angefangen hätte zu schreiben, aber da das ganze Ding nur noch eine Idee ist, so dünkt mich, es ist besser, ich gehe weiter, und suche mir einen andern Stoff, wenn ich nur einen finden kann, der nicht so ganz und gar ausgedroschen ist.
Hülshoff, 8. Februar 1819
Ich wollte neulich eine Novelle schreiben und hatte den Plan schon ganz fertig. Meine Heldin trug schon zu Anfang der Geschichte den Tod und die Schwindsucht in sich und löschte so nach und nach aus. Dies ist eine gute Art, die Leute tot zu kriegen, ohne dass sie brauchen den Hals zu brechen oder an unglücklicher Liebe umkommen. Aber da bringt mir das Unglück aus der Lesebibliothek 4 Geschichten nach der Reihe in die Hand, wo in jeder die Heldin eine solche zarte, überspannte Zehrungsperson ist. Das ist zuviel; ich habe in meinem Leben nicht gerne das Dutzend voll gemacht, in keiner Hinsicht; also habe ich meinen lieben, schön durchgearbeiteten Plan aufgegeben, mit großem Leid, und muss nun einen neuen machen, von dem ich noch nicht weiß, woher ich ihn kriegen soll. Denn die Unzahl an Novellen und kleinen Erzählungen, die seit etwa 20 Jahren herausgekommen sind, haben allen Stoff aufgefressen, und wenn sie ihn auch noch so schlecht bearbeitet haben, so kann ihn doch nun kein anderer Mensch mehr brauchen.
Hülshoff, 4. Februar 1819





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