Kategorie: 1821
Ich möchte wohl wissen, ob es jetzt auch bei Ihnen so ganz seltsam in der Natur aussieht wie hier, es sind in diese Woche schon zwei Gewitter gewesen — das eine so heftig mit Donner und Hagel wie mitten im Sommer (gestern Abend) und in dieser und der vorigen Woche dreimal ein Nordlicht, was ich noch nie gesehn hatte, ich habe es auch jetzt zweimal nicht gesehn, weil es sehr spät war und unsre Leute nichts davon sagten, erst das letzte Mal, vor etwa vier Tagen, riefen sie mich dazu, und ich, Tony und Elise, die andern haben es gar nicht gesehn, und auch wir kamen zu spät, so dass es nicht mehr aussah wie Feuer, sondern wie der Abendschein, der noch wohl nach Sonnenuntergang eine Stunde bleibt, doch habe ich noch ein paarmal gesehn, wie es über den ganzen Himmel fuhr, wie wenn es ausgegossnes Wasser war, und dann wieder zurück und zuletzt in lauter lange weiße Streifen, wie die Milchstraße, auseinanderschoss. Es sieht sehr wunderlich aus und anfangs soll es sehr schön gewesen sein.
Das Gras ist hier überall so grün wie mitten im Sommer und vorgestern hat Werner ein Vergissmeinicht gebracht und gestern, da er nach Havixbeck ging, ein völlig blühendes Veilchen gefunden, was wir aber nicht gesehn haben, da er es der Frau von Twickel geschenkt hat. …
Leben Sie wohl, beste Großmutter, ich küsse ihre lieben Hände und bitte dem lieben Großvater und allen übrigen Angehörigen zu empfehlen
Ihre gehorsame Enkelin Nette
Hülshoff, 2. Dezember 1821
Unser lieber Werner, der Ihnen, liebste Großmutter, diesen Brief überbringt, wird Ihnen sagen, wie sehr wohl wir uns gottlob jetzt hier alle befinden; ich kann sagen, dass mir jetzt gottlob körperlich nichts fehlt, und ich habe die Aussicht, noch wohl gar eine recht feste Gesundheit zu bekommen, was ich nie mehr gehofft. Auch Ferdinand hat jetzt schon lange über nichts mehr geklagt; und unsre lieben Eltern, die ich zuerst hätte nennen sollen, wie auch Jenny und überhaupt alles hier im Hause genießt der besten Gesundheit, so dass ich glaube, dass dieses schlechte Wetterjahr vielleicht desto besser für die Gesundheit gewesen ist, selbst der alte Gärtner Franz, von dem wir im vorigen Winter glaubten, er werde den Frühling nicht erleben, hat sich so herausgemacht, daß er wieder die beste Hoffnung hat (oder haben könnte, denn er selbst wünscht es nicht), hundert Jahr alt zu werden, er ist bereits im zweiundneunzigsten, wie uns eine Nichte von ihm neulich ausgerechnet hat …
Von meiner lieben Thielemann habe ich lange keinen Brief erhalten, da ich ihr in meinem letzten Schreiben Hoffnung gemacht habe, sie noch diesen Herbst zu besuchen, und sie mich vielleicht noch immer erwartet. Auf künftiges Frühjahr habe ich die sichere Aussicht, diese liebe Freundin zu sehn, da der gute Onkel Fritz mir versprochen, mich alsdann auf einige Wochen zu ihr nach Koblenz zu bringen. Ich freue mich außerordentlich darauf, obgleich ich wohl wenig oder Nichts von dem, was man gewöhnlich Vergnügen nennt, dort zu erwarten habe.
Die Thielemann soll, wie ich von andern höre, jetzt weit gefasster sein, Gott erhalte sie dabei und bessere es noch täglich, ein solcher Zustand der Dürre und Trostlosigkeit ist etwas sehr schreckliches und es lässt sich so wenig dagegen machen, da er gewöhnlich von Nervenschwäche herrührt, und selbst das Nachdenken über tröstliche Wahrheiten der Religion ist nicht gar zu viel anzuraten, weil es, besonders in einem solchen gereizten Zustande, gar zu sehr rührt.
Ich muss gestehn, dass ich glaube, dass nur in Augenblicken der höchsten Spannung, wo nichts anderes mehr wirken will, man diese Frau durch ernste und erhebende Tröstungen muss zu beruhigen suchen, übrigens aber unschuldige und erheiternde Zerstreuungen, bei denen Kopf und Phantasie nichts zu tun haben, anwenden muss, z. b. Spazierenfahren oder -gehn bei schönem Wetter, wo man sie dann auf die schöne Gegend aufmerksam machen, und selbst Freude daran zeigen muss.
Erzählungen, was alle gute Bekannten und Freunde jetzt machen, und dergleichen eigentlich gleichgültige und doch sehr erheiternde Dinge; wäre die Thielemann eine Frau von weniger Religion, wie sie ist, oder würde sie von Skrupeln beängstiget, so würde die Sache andre Mittel erfordern. Letzteres glaubte ich anfangs und deutete einmal, in der Absicht, sie zu beruhigen, darauf hin, sie verstand mich sehr wohl und antwortete “obgleich sie eine große Sünderin sei, die Gott täglich beleidige, und gewiss mehr verdient habe als diese Züchtigung, so möge ich doch nicht glauben, dass sie sich mit Skrupeln quäle und ihren jetzigen Zustand als eine Strafe betrachte, denn sie wisse sich außer den täglichen, freilich leider immer wiederhohlten Fehlern keines einzelnen Vergehns schuldig, wovon sie diese Leiden als Folge ansähe. Vielmehr halte sie sie für eine Prüfung, aber es fehle ihr leider an Geduld et cet. Überhaupt ist sie eine der frömmsten religiösesten Frauen, die ich kenne, und wird sich jetzt wohl nur gar zu sehr mit ergreifenden Lesen rührender religiöser Schriften anspannen. Dass Sie, liebste Großmutter, sie jetzt so oft in Ihr Gebet einschließen, hat mich sehr getröstet - von Gott muss doch alle Hilfe kommen wenn man es auch noch so klug einzurichten meint.
Hülshoff, 2. Dezember 1821
- O Gott, ich kann nicht bergen
Wie angst mir vor den Schergen
Die du vielleicht gesandt
In Krankheit oder Grämen
Die Sinne mir zu nehmen
Zu töten den Verstand.Es ist mir oft zu Sinnen
Als wolle schon beginnen
Dein schweres Strafgericht
Als dämmre eine Wolke
Doch unbewusst dem Volke
Um meines Geistes Licht.Aus: “Am Gründonnerstage”
Teil des Gedichtzyklus “Das Geistliche Jahr”
Ich schreibe jetzt zuweilen an der Ledwina, die gut werden wird, aber so düster, dass mich zuweilen das Abschreiben daran jedesmal sehr angreift; starkes Arbeiten ist mir überhaupt sonst sehr erleichternd. Nach der Stimmung der geistlichen Lieder darfst Du meine jetzige nicht beurteilen, die gottlob viel anders und heller ist; vorzüglich ist das Lied am Gründonnerstage zu einer Zeit, wo sehr heftige Kopfschmerzen mir zuweilen eine solche Dumpfheit zuzogen, dass ich keine Geisteskräfte der Zerrüttung nahe glaubte, unter den schrecklichen Gefühlen geschrieben; jetzt bin ich überzeugt, dass ich nichts dergleichen zu befürchten habe.
Hülshoff, Herbst 1821
Ich habe jetzt sehr wenig Zeit, denn der Onkel Max hat mir ein selbstverfasstes Werk über den Generalbass geschenkt. (Eine Abschrift, denn es ist nicht im Druck.) Was folgt daraus? Dass ich aus Dankbarkeit das ganze Werk von Anfang bis zu Ende durchstudiere und auswendig lerne! Ich kann nicht sagen, daß ich es ungern tät, oder dass es mir schwer würde, da ich schon manche andere Werke über den Generalbass kenne, aber ich muss fast meine ganze Zeit daran setzen.
Außerdem wird jetzt fleißig hier im Hause gearbeitet, Jenny spielt und singt mit großem Eifer, da sie glaubt, in ihrer Abwesenheit Manches verlernt zu haben. Tony und Elise malen den ganzen Tag auf Sammet, Tony weiße und gelbe Narzissen und Elise ein Rosenbouquett, wir sehen uns fast den ganzen Tag nicht, so sehr sind wir sämtlich beschäftigt.
Sag mir liebste Tante, wie hat dir neulich meine zweite Auflage, das andere Nettchen Droste gefallen? Habe ich übertrieben? Deinem Sohn Clemens kannst Du nur sagen, dass er nicht daran zu denken braucht, sein mir gegebenes Stammblatt je mit Augen zu sehn zu bekommen, da er nicht mal so artig gewesen ist, auf ein paar Stunden von Münster herüber zu kommen und Abschied zu nehmen. Du kannst ihm den Mund nur recht wässrig machen und sagen, dass ich bereits das herrlichste Pensee von Federn darauf genäht gehabt hatt — des sentimentalen Abschieds, der durch seine Faulheit an ihm vorüber ins Meer der Ewigkeit gerollt ist, gar nicht zu gedenken.
Von einem gewissen Onkel Philipp habe ich noch kein Wort geschrieben, das tue ich aber, um böse Leute nicht auf argwöhnische Gedanken zu bringen, denn ich muss gestehen, dass er mein Herz totaliter in der Tasche hat. Grüß ihn doch 1000 mal. Papa hat jetzt wieder neue Variationen gemacht, auf das Thema “Wenn die Hähne krähen”, die nach meinem Gefühl schöner sind als alle Vorhergehenden.
Hülshoff, 22. September 1821
Nun aber zu dem, was du mir von Straube schreibst [Lücke im Manuskript] sehr betrübt, aber, wie Ossian sagt, “eine Geschichte vergangener Zeiten”; ich weiß wohl, dass Straube damals sehr herunter gewesen ist, aber jetzt ist er längst wieder besser und nach Werners Aussage gewöhnlich sehr munter und witzig; was Anna mir schreibt, dass er noch schwach wäre und nach einem Balle leicht Kopfweh bekäme, so finde ich das sehr natürlich, wenn er die ganze Nacht getanzt hat.
Zudem hat mir Werner gesagt, dass er gar keinen Wein vertragen könnte, aber doch sehr gern tränk, und bei allen Festivitäten jedesmal ein Rauschgen und am folgenden Tage einen gewaltigen sogenannten Katzenjammer bekäme, das ist also die Schwäche nach dem Balle.
Ich bitte euch, warum wollt Ihr mir durchaus das Herz weich machen mit allerhand Unwahrheiten — von Anna begreife ich das wohl, weil sie selbst ein liebendes gereiztes Gemüt hat und auch meine eigentliche Stimmung in der Sache nicht kennt. Eben deshalb habe ich ja Dir den Auftrag gegeben, mir die Lage der Dinge zu berichten, wie sie ist, und Du hast mir strenge Wahrheit versprochen.
Wenn Straube auf dem Wege ist, sich zu trösten, so ist das gewiss sehr gut, und auf den Fall wäre es eine grausame Nachsicht, wenn er noch ferner durch Anna etwas von mir erführe. Sollte das so sein, so rate ich, ihm auch mein Buch nicht zu geben, denn das wird ihn gewiss auf lange Zeit wieder zurücksetzen. Anna könnte sagen, ich hätte mich gefürchtet, es euch mitzugeben. Sollte er es aber schon haben, so müsste er wenigstens von jetzt an nichts mehr von mir hören.
Bedenke es nur selber — er kann jetzt im Jahr und Tag eine Anstellung bekommen, lassen wir ihn jetzt ordentlich in Ruhe, so hat er vielleicht gegen dem, dass er Brot für eine Frau hat, auch die Lust eine zu nehmen. Und wie schön und tröstlich wär das nicht, wenn er in ein paar Jahren ein recht glücklicher Gatte und Vater wäre! So lange er aber immer von mir hört, kann er es schon ehrenshalber und aus Scham vor Anna nicht.
Ich bitte dich, Therese, sei hierin aufrichtig, verbirg’ mir nichts, und lass uns bei dieser Gelegenheit, wo es auf das Glück eines Menschen, und eines uns allen so teuren, ankömmt, alle romantische Ideen beiseite setzen und ganz prosaisch untersuchen, was, nach der Erfahrung, Zeit und Entfernung über die Liebe zu einem Gegenstande, den man nicht achtet, und wo man sich drüber hersetzen will, vermögen. Denn das ist gewiss, daß Straube selbst einsieht, daaa er sich drüber hersetzen muss, und nur durch Nachrichten von mir daran gehindert wird, das leuchtet auch aus allen Briefen von Anna hervor.
Sei aufrichtig, liebe Therese, und berichte mir den wahren Stand der Dinge. Wenn er ohne Schaden seiner Gesundheit die Nachrichten von mir bereits noch nicht entbehren kann; so will ich noch ferner schreiben, an Anna, aber sonst nicht. Wir würden uns ewig Vorwürfe machen müssen, wenn er durch unsere Schuld sein ganzes Leben lang nicht glücklich würde — lasst uns doch das arme süße Herz nicht durch falsche Schonung unglücklich machen.
Ich muss und darf von ihm hören, denn mich interessiert jedes Wort, was ihn angeht, aufs lebhafteste, und ich bin sehr gefasst und jetzt auch gesund. Er lebt in meiner Seele mit einer stillen heiligen Wehmut, die mich durch mein ganzes Leben begleiten wird, aber das ist auch etwas anderes, ich habe ihn zur Zeit, wo er mich verachten musste, erst recht achten gelernt. Um meiner selbst willen — aus Furcht, dass ich wieder ähnliche Streiche anfing, brauchst du mir die Sache nicht ärger zu machen, wie sie ist. Davon bin ich für immer geheilt.
Hülshoff, 22. September 1821





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