Kategorie: 1826
Die Spiegel und Mamas schönes Bild erhältst Du durch Überbringer dieses, und heute nachmittag kömmt noch zweimal Gelegenheit, erstlich Klemens, der einen Hasen und ein Huhn bringt und der zugleich Deine kleine Uhr trägt, und endlich ein Wagen, der alles übrige bringt, was noch hier ist. Nur mit einigen Punkten steht es schlimm. Erstlich die Stangen vom Wilkingheger Bett. Davon wußte wenigstens gestern noch niemand recht Bescheid, was aus ihnen geworden. Wenn sie also um das Fremdenbett vielleicht gehören, so rat’ ich Dir, vorläufig Deine oder meine zu nehmen, denn ich kann Dir nicht dafür stehn, ob sie sich gegen dieses Nachmittag oder überhaupt finden.
Ferner will Jennchen durchaus keine Gemüsekörbe abgeben; sie behauptet, dass kein einziger da wär’, der nicht schon immer dagewesen, und diese wären obendrein alle entzwei, so dass sie selber neue nötig hätten; die Wilkingheger Körber müßten, wenn sie nicht in Rüschhaus wären, alle wieder mit Koppenraths Sachen nach Wilkinghege gekommen sein, und da würden sie ja wohl zurückgeschickt werden. ich glaube, dass es am besten ist, dass wir uns selber welche kaufen. Wenn Du aber durchaus Dir nicht zu helfen weißt, so schreib es mir, so soll doch einer auf dem wagen mitkommen, den sie uns vorläufig wenigstens leihen. Trutchens Bügelbrett kömmt mit, obschon Drückchen sich anfangs sehr dagegen setzte, weil das Wilkingheger nach Rüschhaus gekommen wär’; ich sagte aber, Trutchen wolle gern ihr eigenes haben, damit sei sie es besser gewohnt. Du musst nun aber ja dafür sorgen, dass das andere wieder mit zurückkömmt, sonst glaube ich wahrhaftig, sie ist kapabel, mir gleich etwas ganz Unnötiges zu waschen, damit sie mir kann davonlaufen kommen und klagen, sie hätte kein Bügelbrett.
Hülshoff, September (?) 1826
Ich bin vorgestern Abend glücklich, aber ermüdet hier angekommen, und habe meine lieben Eltern und Geschwister gottlob alle noch viel wohler aussehend gefunden, als ich sie verließ … die Mutter … ist ebenso rasch und rührig, ebenso gute Fußgängerin wie sonst. Auch der Papa sieht sehr gut aus, und die Jenny und der Ferdinand gar, sind beide auffallend stärker geworden. Ich habe überhaupt alle so zufrieden und glücklich wie möglich gefunden; Werner ganz und gar liebenswürdig, aus Freude über seine nahe Heirat; Papa ganz verklärt neben seinen Orchisbeeten, wo einige nagelneue Sorten aus der Schweiz blühen - unter uns gesagt, nichts weniger als schön; die am meisten ins Auge fallenden sind hellgelb und machen ungefähr so viel Parade wie eine Schlüsselblume, aber das ist ganz einerlei, es macht ihm die größte Freude.
Mama ebenfalls höchst aufgeräumt und angenehm beschäftigt in der neuen Einrichtung, und Jenny so zufrieden und gesund aussehend in ihren Ökonomie-Geschäften, dass ich am Ende glaube, dieses ist ihr wahres Talent. Wie man sich irren kann. Ich habe immer gedacht, sie würde weder Freude daran finden noch sich dazu schicken, weil sie viele andre Liebhabereien hat und eine fast zu große Güte besitzt.
Wenn ich dir nun noch sage, dass der Ferdinand jetzt auch von den letzten Spuren seiner früheren Schwächlichkeit befreit ist, und dass wir das Geld zu meines Bruders Einrichtung haben ohne Schaden aus dem Holze machen können, so siehst du, liebe Tante, dass dieses für den Augenblick alles mögliche ist. Will uns der Himmel noch sonst irgendein großes brillantes Glück bescheren, so haben wir gewiss nichts dagegen einzuwenden. Aber wenn es nur immer so bliebe!
Hülshoff, 25. April 1826
Ich habe mich unbeschreiblich schwer von Köln getrennt; solange der liebe Onkel noch bei mir war, kam es mir vor, als ob ich noch nicht recht fort wäre. Aber am andren Tage, als ich so mit einem münsterischen Fuhrmann immer weiter fortfuhr, da war mir so zumute, dass ich mir immer vorsagen musste: “Du kömmst ja zu deinen Eltern”, um nicht den ganzen Tag zu weinen. Am andern Tage ging es schon durch bekannte Örter, und des Nachmittags um fünf Uhr sah ich meine liebe Mutter wieder, in einem Dorfe eine Stunde weit von Hülshoff, bis wohin sie uns entgegen gefahren; eine halbe Stunde nachher, unterwege, Ferdinand, Caroline und Malchen, dann zu Hülshoff den lieben Papa und heute mittag Jenny, die von Wilkinghege herüber gekommen ist, mich zu sehn, ich habe mich doch nicht wenig gefreut. Ich musste so lange erzählen, dass ich schon fast nichts mehr weiß.
Am Abend fragte mich die Mutter viel und ernstlich darüber, ob ich mich auch gut betragen habe und Dir immer gehorsam gewesen sei; ich sagte, ich hoffe es, aber es war mir äußerst empfindlich, weil ich bedachte, wie oft ich Dir nur Kummer und Unannehmlichkeit gemacht habe. Ich bitte Dich deshalb aufs innigste um Verzeihung. Du kannst nicht denken, wie weh es mir jetzt tut. Ich bilde mir wohl ein, ich würde nun in der Lage ganz anders handeln, und doch kann ich es nicht mit Gewissheit sagen, denn wenn ich an die arme Mertens denke, wie krank und schwach ich sie zurückgelassen habe, und dass ich sie vielleicht nie wiedersehe, so möchte ich um alles in der Welt nicht getan haben, was sie gekränkt hätte; ich wollte, es hätte alles zusammen bestehn können, das ist alles, was ich sagen kann, und dass es mir empfindlich ist.
Liebe Tante, sei mir nur jetzt nicht böse, da ich fort bin, ich habe Dich doch gewiss von ganzer Seele lieb, wie Du es wohl nicht mal denkst, und, ich bitte, mach doch, dass mir der Onkel nicht mehr böse ist. Ich habe ihm so oft, auch in andern Dingen, widersprochen, was ich auch weit besser nicht getan hätte, er hat doch oft so viele Güte und Liebe für mich gehabt. Es ist mir so peinlich, dass meine Eltern so gewiss voraussetzen, dass ich mich immer gut gegen Euch müßte betragen haben, und dass ich mir doch selbst hierüber kein ganz gutes Zeugnis geben kann.
Hülshoff, 25. April 1826
Schlegel hat einen schönen Ring vom König bekommen, und ist schrecklich eitel damit, ist überhaupt lächerlich eitel, trotz seines vielen Verstandes, und gibt dadurch seinem Feinde, Clemens Droste, viel gute Gelegenheit an die Hand, ihn zu ärgern. Neulich ist ein Fleischer mit einer schweren Last Fleisch auf dem Rücken gerade vor Schlegel gefallen, so dass man geglaubt hat, es wäre kein Stück von ihm ganz geblieben, er hat indessen, wunderbarer Weise, nichts dabei gelitten, außer dem Verlust seines besten Röckchens, was überher eine andere Farbe bekommen hat …
Köln, 21. Februar 1826
Es geht mir hier übrigens sehr gut. Köln ist im Winter äußerst angenehm. Ich habe einige Bälle besucht, wo ich aber den Leuten den Aberglauben, dass ich von wegen meiner subtilen Figur gut tanzen müßte, gelassen habe, nämlich dadurch, dass ich gar nicht getanzt habe, als allenfalls einmal herumgewalzt.
Die Bälle sind hier äußerst brillant, selbst das gewöhnliche Lokal ist sehr groß, und am Karneval-Montag wurde auf dem Kaufhause, genannt der Gürzenich, getanzt, wo mehrere tausend Menschen auf der Redoute waren. Es war wieder ein großer Aufzug wie in den vorigen Jahren. Der König Karneval hatte sich eine Braut aus dem Monde geholt. Ich werde Dir die ganze Sache einmal mündlich erklären, schriftlich ist es nicht gut möglich. Aber das Ding muss ungeheures Geld gekostet haben, unter anderm hat sich der junge Schaaffhausen fünf verschiedene Anzüge machen lassen, die alle äußerst kostbar waren. Drei hat er aber nur zeigen können, die anderen beiden - der Titelnarr und der Ordensnarr - wurden für anzüglich erklärt und deshalb unterlassen.
Es waren auch noch viele kleine Gesellschaften, die herumgingen, unter anderen der Bannerrat, ein alter ehemaliger Rat von Köln, wo sehr witzige Sache gesagt wurden, und doch ganz ohne Beleidigung. Ebenso ein musikalisches Kränzchen, was allerliebst musizierte und auch nebenbei sehr witzig war. Sie sangen und spielten verschiedene sehr muntere Stücke aus den “Wienern in Berlin”, dann eine höchst lächerliche Kirchenmusik und zuletzt ein Konzert auf einem Nachtigallpfeifchen mit Instrumentalbegleitung, was sich allerliebst ausnahm, was ich aber übrigens auf meine Schuh schmieren konnte. Das macht aber nichts, jeder hat was abgekriegt, und dieses war noch höchst gnädig. …
Ich muss wieder abbrechen, denn eine gute Bekannte von mir, Frau Mertens, die nicht weit von hier wohnt, lässt mich eben bitten, zu ihr herüber zu kommen; sie ist krank.
Köln, Februar 1826





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