Kategorie: 1830



aus: 1830, Bonn, Briefe an Therese von Droste

Mit Arno habe ich nicht geschrieben, weil ich gerade nach Plittersdorf geholt wurde, wo ich die Mertens sehr leidend antraf, es waren aber nur Krämpfe, und so konnte ich nach drei Tagen wieder hieher gehen. Sie brachte mich sogar selbst zurück, obgleich sie in den Tagen, die ich bei ihr war, mehrere Male vor Schmerzen ohnmächtig wurde; sie ist übrigens im ganzen ziemlich gesund jetzt; dies war nur so ein einzelner Anfall, sonst kann sie gewaltig viel vertragen und ist so gut zu Fuße, dass ich mich darüber wundern muss — sie läuft von Plittersdorf nach Bonn und wieder zurück in einem Tage, und dabei den ganzen Tag auf den Straßen umher.

Mit Tony glaubt sie ganz prächtig fertig geworden zu sein, sie hat rechten Nutzen von ihrem Aufenthalt zu Plittersdorf gehabt. Der Herr Mertens hat sich so gut mit ihr unterhalten können, dass er diese Zeit über nicht halb so viel an Langweile und folglich übler Laune gelitten hat als sonst. Dieses ist auch wohl der Grund, warum sie so wenig empressiert gewesen ist, Tony weiter zu schaffen, obgleich sie das nicht gerade eingestehen will.

Bonn, 14. Oktober 1830

aus: 1830, Bonn, Briefe an Therese von Droste

Ich habe mich bei einem Friseur abonniert, und so würdest Du das Vergnügen haben, mich immer à la derniere mode aufgetakelt zu sehn. Das ist nun schon gut, bequem und auch gar nicht teuer, aber wie man mir zusetzt Kleider zu kaufen, das kannst Du Dir gar nicht denken. Es macht mich höchst unglücklich. Einen Hut habe ich schon kaufen müssen, und heute soll ich wahrhaftig wohl an mein Merinos-Kleid dran müssen. Mehr will ich aber nichts tun, obgleich man mich mit Vorschlägen beinahe tot macht. Einige wollen mir durchaus einen neuen Überrock aufschwätzen, und Pauline meint, ich könnte es gar mit dem schwarzen wohl tun,dann müßte ich aber einen neuen Pelzkragen darüber nehmen, was am Ende fast ebenso teuer ist. Einen Tüllschleier über meinen neuen Hut soll ich nehmen; ich habe aber gesagt, das tät ich nicht; einen niedlichen Schal oder schwarzes Blondentuch: täte ich nicht; ein hübsches seidenes Kleid, wenn ich in Gesellschaft ginge; ich ginge nicht in Gesellschaft; einen ganz hohen Schildplatt-Kamm: tät ich nicht! Es ist wirklich unverschämt, es ist als ob die Leute mich wenigstens für die Frau von L … hielten. Aber es kommt daher: Jeder rät mir etwas anderes zu und meint, das übrige könne ich entbehren.

Wann ich zurückkommen kann, davon ist gar keine Rede. Sie meinen alle, ich bliebe den ganzen Winter hier. Ich wäre lieber wieder bei Euch, so gut es mir sonst hier geht. Aber wir von Rüschhaus sind gar zu sehr aneinander gewöhnt, und ich bin immer auch angst, es möchte jemand krank werden, von Euch oder meinen Bekannten, , die Amme oder der alte Sprickmann; kurz, wenn ich könnte, so käme ich viel lieber bald wieder. Aber da ich keine Gelegenheit dazu sehe, so schweige ich vorläufig ganz still. Sie würden es mir hier alle übel nehmen, wenn sie merkten, dass ich mich wieder nach Haus verlangt, da sie doch allerseits das Mögliche tun, mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Ich schweige auch ganz still, wenn sie es für bekannt annehmen, dass ich den Winter über bleibe. Ich habe mich abonniert beim Friseur und in der Leihbibliothek, und die Mertens denkt sogar ihren Mann dahin zu bringen, dass er den Winter über in Bonn wohnt, weil ich hier bin. Das wird mich aber alles nicht hindern, zu echappieren, um wieder zu Euch zu kommen, sobald ich eine Gelegenheit sehe. Das einzige, was macht, dass ich mich nicht noch mehr darum umsehe, ist, weil ich noch immer für möglich halte, dass wir im nächsten Jahre, möglicherweisen reisen könnten, und [ich] durch meinen Aufenthalt hier die Kosten der Reise wieder etwas aussparen möchte. …

Wie hier alles nur der Politik lebt, kannst Du denken; bei Euch wird es ebenso sein. Übrigens ist jetzt hier alles äußerst ruhig; diese Handelsstädte fürchten zu sehr das Fallen der Papiere, als dass sie nicht auch den Krieg fürchten sollten; in Köln haben die Schiffer den Wagen des Prinzen Albrecht ausgespannt und selbst gezogen; die arme Prinzessin aber, wie sie den Zusammenlauf des Volkes gesehen und mitten auf der Rheinbrücke ist angehalten worden, hat gemeint, die aufrührerische Menge wollte den Wagen in den Rhein werfen, und hat ganz laut geschrien und geweint, bis der Prinz sie beruhigt hat. Demungeachtet würden diese Gegenden gewiss nicht ruhig bleiben, wenn das Feuer einmal in gerader Linie bis hierher gedrungen wär, aber sie fangen auf eigene Hand nichts an, denn ihr Vorteil leidet zu sehr darunter.

Bonn, 14. Oktober 1830

aus: 1830, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Wenn Du mich für einen schändlichen Windbeutel und Faulenzer hältst, meine alte Sophie, so tust Du mir aber dieses Mal denn doch Unrecht, obgleich ich durch meine frühren Schreibsünden allen möglichen Argwohn verdient habe und also über nichts klagen darf. Aber dieses Mal müssen doch die Wäscherin und Bönninghausen die Schuld tragen — die Erstere hat den Schal erst gestern geschickt, und Doktor Büninghusen ist fortwährend verreist gewesen, und ich habe ihn erst vorgestern auf einige Minuten, durch die Bückersche, können arrettieren, und zur Durchlesung des dritten Briefs, den ich seitdem geschrieben, zwingen lassen.

Er war erst seit zwei Tagen zurück, hatte diese Zeit über gar nicht zu Bette gehn können, so waren die Patienten über ihn hergefallen, und schon stand er wieder mit einem Fuße im Wagen, um abermals auf zwei Wochen zu verreisen. Aus alter Freundschaft hat er aber doch besagtes Bein noch einmal aus dem verhängnissvollen Portier zurückgezogen und mir in größter Eil geschrieben “dein Pulver sowohl wie das von Ludowine wirkten 8 Wochen lang, das Deinige vielleicht um einige Tage kürzer”, das Krankheitsbild könne er jetzt unmöglich aufsuchen, sobald er zurück komme, wolle er es schicken. Da ihr nun gewiss noch nicht über vier Wochen eingenommen habt, so bleibt Euch noch immer Zeit, aus den letzten vierzehn Tagen das neue Krankheitsbild zusammenzusetzen, wenn ich das alte nun ohne Aufschub schicke, sobald ich es habe.

Ich hatte auch grade nach einigen Speisen fragen lassen und bekam zur Antwort, Gesseln sind verboten, sowie rohe Milch — hingegen sind erlaubt Stengelrüben und Spinat sowie alle gekochte Milch und auch Stipmilch, Buttermilch, dicke Milch, Käse ohne Gewürz, weil durch das Kochen sowohl wie durch die Säurung alle medezinische Kraft aus der Milch hinaus geht.

Der Zulauf zu Böninghausen wächst gewaltig an, er sieht schon ganz heruntergekommen davon aus, wie ich höre — der arme Schelm! Von Untersagen hört man übrigens jetzt nichts mehr, man muss es nicht können, sonst wär es gewiss geschehn, denn die Apotheken sollen, seit er seine Kuren macht, nur etwas weniges über ein Drittel von dem absetzen, was sie früher an Waren los wurden — und die Ärzte haben eine Menge ihrer einträglichsten Patienten verloren, da Böninghusen, wie sie spöttisch sagen, ein Doktor für die vornehmen Leute und sonderlich
für Damen ist, die sich zugleich gern über Literatur und schöne Kunst unterhalten, et cet.

Rüschhaus, 7. Juli 1830

aus: 1830, Briefe an Jenny von Laßberg, Hülshoff

Ich kann mich unmöglich so schnell entschließen, als von mir verlangt wird. Wenn es nicht so lange Zeit hat, bis ich wieder in Rüschhaus bin und ein wenig mit Euch überlegt habe, so lasst es lieber ganz beruhen, denn auf keinen Fall ist mir viel daran gelegen mitzugehn, aber es könnte mir wohl, bei näherer Überlegung, sehr zuwider sein. Gegen Mannheim habe ich, an und für sich, einen Widerwillen. Die guten Seiten dieses Aufenthalts reizen mich nicht. Von der schönen Gegen kann ich im Winter nicht profitieren. Dass die Stadt schön und regelmäßig gebaut ist, ist mir gleichgültig. Das Theater ist gut, d.h. etwa wie das Kasseler, aber Du weißt selbst, dass ich etwas geizig mit Theatergeld bin, und bloß wenn ich etwas Besonderes könnte zu sehn bekommen, wie z.B. in Mailand, Florenz, Wien, Paris et cet., würde ich mein Geld daran zuweilen verwenden, aber für ein Theater wie das Kasseler oder Mannheimer gewiss nicht öfterer wie 2-3 Mal im ganzen Jahr.

Übrigens ist Mannheim ein kleines Nest, kleiner wie Münster und Kassel, und viel weniger Adel darin, und wir haben das Vergnügen die Lotte Lilien und ihre Schwester Johanna dort en vogue zu finden, und wir werden uns entschließen müssen, entweder mit ihnen umzugehn oder sie uns zu Feinden zu machen, denn Mannheim ist viel zu klein, und die gute Gesellschaft ist viel zu beschränkt, als dass Landsleute sich dort ausweichen könnten.

Kurz, statt Mannheim würde ich weit eher Köln oder Bonn wählen, oder ganz einfach eine Zeitlang in Münster sein, wo ich weit wohlfeiler und bequemer eine größere Stadt und bessere Gesellschaft fände. Von der köstlichen südlichen Luft dort mag ich nur gar nichts hören, denn wenn das Klima auch etwas früher ist, so sind dagegen die Ausdünstungen des Rheins sehr schädlich für die Brust, wenigstens bis Koblenz war die Luft weit schärfer und angreifender wie hier.

Mit München wär es schon ein anderes. Die Stadt ist soviel größer, die Theater und alles dergleichen soviel bedeutender, die Auswahl zum Umgang soviel reichhaltiger (ohne Zweifel) und man wird dort soviel unbemerkter und nach seinem eigenen Geschmacke leben können, dass dieses alles schon weit eher einer Ortsveränderung wert ist. Zudem ist dort eine Malerakademie und Galerie, was für mich auch ein großer Reiz sein würde.

Aber doch ist noch so manches dabei zu bedenken und so manche Frage zu tun, die ich, leider, jetzt nicht beantwortet kriegen kann, z.B. wenn Tante Betty und Sophie sich so sehr gebessert haben, dass man jetzt um sie ganz ohne Sorgen sein kann, so ist der Aufenthalt bei ihnen mir gewiss lieb und wert; sollten sie aber nur noch einigermaßen so sein wie voriges Jahr, so muss ich, am Ende, die Stärkste von allen sein und würde mich schrecklich abängstigen, denn ich kann Dir sagen, dass, so sehr ich Sophie das letzte Mal bat, doch noch zu bleiben, weil ich glaubte, dass es ihr gut sei, so fühlte ich doch recht gut, dass ich es gar nicht aushalten könnte, wenn ich mich, lange Zeit, so ängstigen würde, wie ich es, diese Zeit über, um Sophie und zuweilen um die Tante von Bonn getan habe. Wären wir nach Florenz oder Nizza gegangen, so wäre das ganz ein anderes gewesen; ich hätte dann nicht mit ihnen in einem Hause gewohnt und hätte dann Mama und Dich und Ludowine als gesunde Personen zu meinem Trost gehabt, statt dass es jetzt nichts als ein ganzes Lazarett von Kränklichen ist.

Dieses wäre nun der Hauptgrund, den ich gegen jedes einzelne Mitreisen mit den Bökendorfern hätte. Doch ich hätte noch mancherlei zu sagen, worauf ich jetzt keine Antwort kriegen kann, z.B. ob Onkel Werner eine, wenn auch nicht homöopathische, doch einfache Küche halten wird oder wieder alles so zusammengesetzt und gewürzhaft wie in Köln? Wie er es mit den Tisch- und Schlafstunden halten wird, kurz, ob seine ganze Lebensweise die eines Genesenden oder die eines Mannes von Welt sein wird. Im letzten Falle kann ich es nicht mitmachen, und ich fürchte: wenn seine Gesundheit es nur einigermaßen zuläßt, so schließt er mit der letzten Lebensweise, wenn er auch mit der ersten anfängt. Das Beispiel tut zuviel.

Sollte es, möglicherweise, zu dieser Reise kommen, so glaube ich, wäre es am besten für mich, ganz auf eigne Kosten und bloß unter seinem Schutz und Aufsicht zu leben, d.h. nur in zwei Zimmern, oder auch nur eins im selben Hause mit ihm zu mieten und mir mein Essen holen zu lassen; dann könnte ich zu gehöriger Zeit, und so viel oder wenig ich möchte, essen und schlafen und wäre nicht gezwungen, immer seinen Gesellschaften mit beizuwohnen. Kurz, ich wäre doch auch ein wenig independent. Sähe ich nun, dass ich auskäme mit meinem Gelde, so könnte ich mir auch allenfalls ein Mädchen nehmen, denn von einer Portion Essen können immer 2 satt werden, sie schliefe dann mit mir auf einem Zimmer et cet.

Doch das sind wohl zu hochfliegende Pläne. Du siehst aber aus dem Ganzen, dass ich völlig unentschlossen bin und viel zu wenig von der Lage der Dinge weiß. Ich wollte, es wäre mir nur möglich, nach Rüschhaus zu kommen.

Hülshoff, 1830