Kategorie: 1831
Ich habe an Mama und Werner geschrieben, und so sollst Du, alter lieber Hans, auch nicht so ganz leer ausgehn. Wenn mir auch nur noch Zeit für ein paar Zeilen bleibt; manches, was eigentlich für Dich gehört, z. B. über Blumen, die ich gern für die Mertens hätte, steht schon in dem langen Briefe an Mama …
Übrigens habe ich hier schöne Sachen geschenkt bekommen; habe deshalb auch manches zurückschenken müssen, was meinem Geldbeutel nicht besonders gut bekommen ist. Es geht hier wie in Münster, alle Leute schenken mir etwas. Vorgestern hat mir ein geistlicher Herr eine Vase von Amethyst geschenkt - ist das nicht schön? Aber es ist kein klarer Amethyst, und die Vase ist überhaupt nicht schön von Form, es ist aber doch immer was Merkwürdiges. Auch Muscheln habe ich, aber keine ganz besonderen, und manche hübschen Mineralien und viel schöne Münzen; und die Mertens hat mir zu Weihnachten einen schönen Kasten mit Einsätzen geschenkt, voll geschliffner Steine!
Du kriegst auch was von mir! Ich habe in eine Gemäldelotterie gesetzt - entweder gewinne ich ein Gemälde oder, wenn ich eine Niete ziehe, so bekomme ich, in Steindruck, die Umrisse von allen den Gemälden, die verlost sind - also auf jeden Fall etwas, und das ist vor Dir. Ich hoffe, auch noch irgendwas für Mama zu erwischen, und für Werner und Line.
Du kannst nicht denken, wie mich oft nach Euch verlangt, und doch kann ich jetzt nicht fort, bis die Mertens einigermaßen hergestellt ist. Du kannst nicht denken, wie verlassen die arme Frau in ihrer Krankheit ist. Ich will nichts Übles von Herrn Mertens sagen - “ich sage man nix, als en Ochs und en Esel in eine Person, und en Elefant dazu”.
Bonn, 20. März 1831
Denk Dir Mama, mit Deinem letzten Briefe zugleich bekam ich einen von Johannes, der mir vorschlug, mit ihm auf dem Dampfboot bis Wesel, und dann mit einem Hauderer weiter zu Euch zu kehren — ich kriegte in dem Augenblick ein solches Verlangen nach Haus, dass ich es beinahe getan hätte, so wenig schicklich es mir auch selber vorkam, aber die armselige Mertens hatte kaum ein Wort davon gehört, als sie so erbärmlich anfing zu weinen, dass ich per compagnie mit daran kam und ihr versprach nicht eher zu gehn, bis sie sich wenigstens einigermaßen erholt hätte. Das kann nun noch immerhin einige Wochen dauern. Das arme Tier!
Ich wollte, sie könnte mich nachher begleiten und ein paar Wochen bei Werner und Line mit mir zubringen; ich weiß gewiss, sie würde sehr bald wieder besser, wenn sie nur ein paar Wochen aus dem weitläufigen Haushalt weg wäre — sollte das nicht möglich sein, dass sie herüber käme? Wenn ich wüsste, dass Werner nichts dagegen hätte, dann schlüg’ ich es dem armen Tier mal vor …
Plittersdorf, 11. März 1831
Was Du von mir denkst, meine liebe alte Mama, das weiß der liebe Gott, aber das weiß ich wohl, dass ich ganz unschuldig bin und in den letzten vier Wochen oft nicht wußte, wo mir der Kopf stand. Ich bin jetzt schon in der 5. Woche bei der Mertens, die sehr gefährlich krank gewesen ist. Ich habe viel Last gehabt, so viel wie in meinem Leben noch nicht. Ich habe die arme Mertens Tag und Nacht verpflegt, fast ganz allein; denn ihrer Kammerjungfer hatte sie grade zuvor aufgesagt, weil sie trinkt, und konnte sie nun gar nicht mehr um sich leiden, … ihre beiden ältesten Mädchen sind in der Pension. Adele Schopenhauer immer krank. So war ich die Nächte zu der Sache.
- Wie hab ich doch so manche Sommernacht,
Du düstrer Saal, in deinem Raum verwacht!
Und du, Balkon, auf dich bin ich getreten,
Um leise für ein teures Haupt zu beten,
Wenn hinter mir aus den Gemaches Tiefen
Wie Hilfewimmern bange Seufzer riefen,
Die Odemzüge aus geliebtem Mund;
Ja, bitter weint’ ich - o Erinnerung! -
Doch trug ich mutig es, denn ich war jung,
War jung noch und gesund.Du Bett mit seidnem Franzenhang geziert,
Wie oft hab’ deine Falten ich berührt,
Mit leiser, leiser Hand gehemmt ihr Rauschen,
Wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen,
Mein Haupt so müde, dass es schwamm wie trunken,
So matt mein Knie, dass es zum Grund gesunken!
Mechanisch löste ich der Zöpfe Bund
Und sucht’ im frischen Trunk Erleichterung;
Ach, Alles trägt man leicht, ist man nur jung,
Nur jung noch und gesund! …aus: Nach fünfzehn Jahren
Die arme Billchen hat die ersten vierzehn Tage keine einzige Stunde geschlafen; jetzt ist es viel besser, aber doch stehe ich fast jede Nacht ein oder ein paarmal auf. Dabei habe ich die ganze Haushaltung übernommen und gewiss mehr als 20 Schlüssel täglich zu gebrauchen; zwischendurch muss ich dabei nach den Kindern sehn, da die Madame D. fort ist. Ich tue das alles herzlich gern und befinde mich wohl dabei, aber müde bin ich oft wie ein Postpferd. Ich bin in dieser Zeit nur einmal auf eine Stunde nach Bonn gefahren …
Bonn, den 20. Die Mertens war so elend, so matt, dass ich dachte, sie wäre in den letzten 14 Tagen der Schwindsucht, aber es sind alles nur Krämpfe gewesen. Sie ist jetzt besser. Das Kopfübel ist gehoben, sie nimmt stärkende Bäder, wonach, wie der Arzt meint, ihre Kräfte sich vielleicht sehr bald wiederherstellen werden. Die Adele ist gekommen, mich abzulösen, und nun bin ich wieder hier.
Ach Gott, was habe ich für Angst ausgestanden! Wie dein letzter lieber Brief kam, war alles so, dass ich keine Minute von ihrem Bette gehn und an kein Schreiben denken konnte. Sie war den Tag gerade so, dass sie fast gar nicht mehr sprach und 24 Stunden lang nichts aß, weil sie vor Schwäche nicht schlucken konnte. Und doch ist keine Todesgefahr da, wie der Doktor versichert…
Plittersorf/Bonn, 11./19. März 1831
Köln ist halb verrückt über den Prinzen Wilhelm und seine Frau, die es jetzt in seiner Mitte hat, aber das sind Sachen, die mich nicht interessieren. Im Karneval gehn Clemens und Pauline nach Köln, ich werde mich aber hübsch zu Haus halten, es kostet nur Geld, und ich habe gar kein Verlangen danach.
Plitterdorf, 7. Februar 1831
Du siehst aus diesem langen Bogen, liebste, beste, alte Mama, dass ich wenigstens den Willen habe, recht viel zu schreiben. Ob ich dazu komme, das weiß Gott; obgleich ich nichts, gar nichts zu tun habe und auch nirgends hingehe. Aber ich habe mein Nichtstun so künstlich eingeteilt, dass mir keine Minute übrigbleibt und ich den ganzen Tag wie auf der Flucht bin. Du kannst meine höchst einfache und pünktliche Lebensordnung schon aus meinen früheren Briefen beurteilen. Eben in derselben Form besteht sie noch immer. Ich lebe so sehr nach der Uhr, dass ich mich ganz desorientiert fühle, sobald ich mal etwas anderes vorgenommen habe. …
Plittersdorf, 7. Mein Brief ist schon fast acht Tage alt geworden. Ich bin hier, um die Mertens zu pflegen, die sich, grade an dem Tage, wo ich angefangen zu schreiben, durch einen Stoß am Kopfe verletzt hatte. Ich habe viel Angst um sie ausgestanden, aber jetzt wird, hoffentlich, alle Gefahr überstanden sein. Doch ist sie noch sehr schwach und schläft des Nachts äußerst wenig. Doch gottlob, dass die Schmerzen im Kopf nicht zur eigentlichen Entzündung gekommen sind; sie hat diese Nacht einige Stunden geschlafen und hat guten Appetit.
Bonn/Plittersdorf, 31. Januar - 7. Februar 1831





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