Kategorie: 1832
Wir erwarten jetzt Jenny bald zurück, Werner, mein Bruder nämlich, ist vorgestern abgereist, um sie selbst von Bökendorf abzuholen — ich fürchte nur, man wird ihn dort aufhalten, was mir eigentlich gar nicht recht war, denn Jenny ist hier höchst nötig, erstlich für ihre Blumen, die in dem kalten feuchten Wetter eher zurück als vorwärts wachsen — Mama würde sich die Haare ausreissen, wenn sie es sähe, aber sie sitzt schon seit drei Wochen in der Stube und laboriert an einer Fußwunde, die zwar nicht sehr böse ist, aber doch auch nicht ganz besser werden will, und das ist eigentlich der Hauptgrund, weshalb ich Jennys Zurückkunft kaum erwarten kann, denn Mama wär längst kuriert, wenn ich nur etwas Succurs hätte, sowohl was die Unterhaltung als auch die Haus-Geschäfte betrifft, denn eigentlich ist es nur eine unbedeutende Stoßwunde, nicht tief unter dem Knie, woran sie leidet, aber denk Dir eine so lebhafte, tätige Frau, die nun den festen Glauben hat, dass alles verkehrt geht, wo sie nicht selbst dabei ist.
Ich muss zuweilen in einer Stunde 5 bis 6 Mal nach derselben Sache sehn, laufe den ganzen Tag ab und zu wie ein Webschiff und kann es doch, mit der besten Eil, selten dazu bringen, dass Mama mir nicht derweil alle Augenblick echappiert und zu meinem Schrecken draußen umher hinkt. Sobald unsrer zwei sind, hoffe ich, werden wir Mama besser ans Sitzen halten können, und dann ist das ganze Übel wohl in ein paar Tagen gehoben.
Rüschhaus, 21. Oktober 1832
Du hast gewiss schon diverse Male recht tüchtig auf mich geschimpft, mein Herzens-Onkelchen, d.h. innerlich raisonniert nun mal ganz sicher fortwährend, und ohne Zweifel ist auch mitunter etwas davon an den Tag gekommen - dennoch bin ich auch jetzt wieder, wie Herr Wilmsen sagt, schiere Unschuld und noch obendrein eine leidende Unschuld gewesen, d.h. leidend gewesen, verstehen mich Ew Gnaden nicht unrecht.
Meine Augen, die ohnedem weder jung noch schön sind, hatten vor etwa 14 Tagen den Einfall, sich durch Nervenschwäche interessant zu machen, es ging ihnen aber wie allen alten Schachteln, die zu diesem desparaten Mittel greifen, sie gefielen womöglich noch weniger als vorher, obgleich sie blühten wie die Rosen, und immer in sanften Tränen schwammen. Der schlechte Erfolg hat sie doch bald gewitzigt, sie sind in den alten Schlendrian zurückgekehrt, und es lässt sich jetzt wieder ganz leidlich mit ihnen auskommen — so kann ich denn doch auch mal wieder schreiben, und Dir, mein lieb gut Onkelchen, hundertmal und tausendmal danken für die schönen Sachen, die mir dein guter Werner überbracht hat.
Der kleine Carneol ist ein gutes Steinchen, man findet die Vorstellung der Ceres nicht häufig und es ist ganz acht antik — das in Elfenbein Geschnitzelte ist sehr hübsch, in so großem Format habe ich nichts, was so hübsch wäre, d.h. nichts Geschnitzelte, aber der Stein Kopf in Bergkristall ist wunderschön und hat mich halb verrückt vor Freude gemacht. Dieser und der Herkules und der Cinquecento, das sind drei Steine, mit denen schlage ich der Mertens ihre ganze Sammlung aus dem Felde, sie hat nicht einen einzigen, der diesen dreien nur einigermaßen gleich käme — aber, lieb Onkelchen, du hast nicht dabei bemerkt, was Du dafür ausgelegt hast, und der Werner wusste auch nichts davon, bitte, hole dieses doch im nächsten Briefe nach, denn wenn ich irgend Geld habe, so ist es mir immer angenehm, wenn ich gleich bezahlen kann.
Wenn die andern beiden Steine, die ihr demütiges Absteigequartier bei Wessels Ladenjungfer genommen haben, auch wirklich antik und so schön sind, als Du sie beschreibst, und Du könntest sie mir dann ebenfalls prokurieren, das wäre köstlich! — aber NB etwas musst
Du auf den Preis sehn, es sind hochbeinigte Zeiten! Ich bin neugierig, was mich die andern drei Sachen kosten! Den Bergkristall kannst Du nicht wohlfeil bekommen haben, oder es wäre, mit einem etwas massiven Spielerausdruck zu reden, eine wahre Glückssau — ich wollte, Du könntest mir erst schreiben, was die Jungfer Ladenfräulein für ihre zwei Schäflein verlangt, ich glaube kaum, dass wohlfeil dran zu kommen ist, diese und vielleicht noch einige andere Raritäten werden wohl ihr ganzes Heiratsgut ausmachen, und das muss sie doch suchen so hoch wie möglich aufzutreiben, sonst nimmt sie kein Mensch — d.h. die Mamsell, denn die Steine will ich wohl nehmen, und noch Geld zugeben, wenn es nur nicht allzuviel ist …
Rüschhaus, 21. Oktober 1832
1. Wie ist die Kleidung in den ersten Sardinischen Flecken? der Stoff, die gewönlichste Farbe, der Schnitt jedes Kleidungsstücks? im Hause sowohl als im Puze? Schmuck, Halsband, Armringe. Besonders die Kleidung der Männer.
2. Ist das Klima schon gleichbedeutend anders als diesseits der Alpen, macht die Luft einen andern Eindruck? Was für andre Pflanzen sind da? Mehr oder weniger Gewitter, Regen? Kommen Ende Febr. schon Gras und Blumen hervor?
3. Welchen Charakter hat die Fassnacht dort auf dem Lande? Schon einen italienischen? Maskiert man sich? Erinnert etwas an die italienischen Volksmasken? Feiert man die Fassnacht mit Tanzen, Herumschwärmen, öffentlichen Spielen und Übungen?
4. Gibt es vielleicht ein anderes charakteristisches Volksfest, Kirmes, Kirchweihe, oder Kirchenpatron? Wie nennt man und wie feiert man es? wenn öffentliche Spiele vorkommen, worin bestehen sie? oder bestanden sie vielleicht vor 100 Jaren in Bogenschießen, Steinwerfen, Ringen?
5. Wie ist der Charakter, Physiognomie, die Sprache, die Namen, italienisch oder französisch-schweizerisch? Sind sie bedeutend verschieden von jenen Nachbarn jenseits des S. Bernhards? Wie ist der Bau der Häuser, ihre innre Einrichtung?
6. Welche ist dort die gewöhnliche, und die Tanz-Musik? Was für Instrumente werden gebraucht? Was ist das Gewerbe der Bewohner? welche Pflanzen und Blumen findet man am häufigsten im Frühling? Im Herbste? Ihre gebräuchlichen Namen, und wo sie wachsen? etc etc.
Rüschhaus, möglicherweise Januar 1832





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