Kategorie: 1834



aus: 1834, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

… ich habe die Stunden zum Lesen wirklich stehlen müssen, mein Lebensweg ist sonst so ruhig und einfach, aber in den letzten zwei Monaten ist mir allerlei quer drüber gelaufen - zwei Verlobungen, eine Hochzeit, der Besuch eines Onkels, welcher erst vor einigen Stunden abreiste, und, was in den letzten Wochen vor allem meine Zeit beschränkte, die schwere Krankheit meiner guten Amme.

Jetzt ist alles so ziemlich wieder im Gange, d.h. so weit es der früheren Zeit ähnlich werden kann, meine Schwester ist freilich 200 Stunden von hier, und wann und wo wir uns auch wieder treffen, das Verhältnis wird eine andre Form haben. Ich weiß nicht, ob der Gedanke an etwas unwiderbringlich Vergangenes auf Sie dieselber Gewalt übt wie auf mich; wahrscheinlich nicht, denn Ihr Charakter ist mild. Aber der meinige enthält einen starken Zusatz von Sauerteig. Die Gewohnheit ist zudem meine Tyrannin, was einmal mein ist, müsste sehr schlecht sein, wenn ich es ganz und gar und für immer missen möchte, ich glaube wahrlich nicht einmal die Mücken - was meinen Sie, wenn wir jahrelang in einem fremden Land leben müssten, was von dieser Plage befreit wäre, würde uns bei dem ersten Stich einer vaterländischen Mücke nicht das Herz im Leibe lachen? Oder wenn wir jahrelang in einem Kerker gesteckt, und jeden Zollbreit Raum, jede an die Wand gekritzelte Zeile dort zu eigen gemacht hätten, würden wir, nach einer Reihe von Jahren, für einen kurzen Aufenthalt darin nicht gern ein größeres Trinkgeld zahlen, als das beste Opernbillet kostet?

Rüschhaus, 5. Dezember 1834

aus: 1834, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Ich lege erst in diesem Moment das beikommende Paket aus der Hand, und die Finger zittern mir noch vom angestrengten Schreiben. Zudem erwarten wir jeden Augenblick unseren weiblichen Spitzbuben, die Madame Bücker, welche dieses zur Post bringen soll. O Himmel, ich habe keinen Gedanken mehr im Kopfe, so habe ich mich zuschanden geschrieben. Laßberg wird sagen, die Hälfte oder das Dritteil sei genug gewesen, aber ich wollte meinem unbekannten Gönner in spe, dem Herrn Doktor Schwab, eine Auswahl lassen. Bitte Deinen guten Laßberg doch, dass er sich der Sache annimmt, ich bin noch nicht im reinen mit mir, wegen der alten und neuen Orthographie, und habe sie hier schändlich durcheinandergeworfen, in vielen Worten das h bald ausgelassen, bald gebraucht, ebenso mit den großen Anfangsbuchstaben bei manchen zweifelhaften Gelegenheiten. Wäre ich nicht so übereilig gewesen, so hätte ich mich doch zu irgendeiner Regel gehalten.

Die Interpunktion hingegen hätte ich nicht besser machen können, weil ich nichts davon verstehe, z.B. niemals weder: noch; brauche weil ich ihren Gebrauch nicht kenne. Ich hoffe, der gute Laßberg ist so freundlich und hilft auch hierin etwas nach, oder der Doktor Schwab tut es, denn so gedruckt werden kann es nicht, und wenn sich, wie mir Laßberg Hoffnung machte, ein Verleger für das Ganze finden sollte, muss ich erst noch irgendeinen Professor, sive Magisterken, da hinterher kriegen. Wenn Ihr in Eppishausen angekommen, erfahre ich wohl, welches Schicksal die bekommenden Blätter gehabt.

Rüschhaus, 29. Oktober 1834

aus: 1834, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Ich hoffe, es geht dir gut, ich bin gewiss davon, denn Laßberg ist sehr gut; sage ihm doch auch, wie sehr ich das anerkenne und dass, wenn Du einmal weit fort musst, ich Dich mit niemandem lieber gehn lasse wie mit ihm. Uns hier ist es noch was einsam, das kannst Du denken, aber das viele Reden und Schreiben drüber nützt zu nichts. Ich sehe gottlob, dass Mama ganz fest entschlossen ist, im nächsten Frühling nach Eppishausen zu gehn, d.h. zum Besuch. So werden die paar Monate ja wohl herumgehn; ich muss mir vorstellen, Du wärst so lange bei Malchen oder in Bökendorf; sonst warst Du den Sommer über fort, jetzt den Winter.

Ich habe diese Tage über Deine zurückgelassenen Sachen zusammengesucht und gut weggelegt. Ich denke, den nächsten Sommer kommen wir zu Dir und den darauffolgenden Du mit Laßberg zu uns, dann findest Du alles gut aufgehoben und in Ordnung und kannst es gleich wieder brauchen. Ich wollte zuerst gern das Zimmer eine Zeitlang so lassen, aber es sah gar zu betrübt und öde aus, drum habe ich heute wieder Bilder in die leeren Rahmen gemacht, die Hebräer im Exil und was ich sonst hatte. …

Ich freue mich darauf, Dir diesen Winter allerlei auszuschneiden und auch zu zeichnen und malen, so gut ich kann. Wir wollen die paar Monate schon herumkriegen. … Mama sorgt sehr für Deine Blumen; ich glaube, sie wird sich daran attachieren und höchstens die Doubletten fortgeben. Sollte ihr Eifer nachlassen, so nehme ich sie an mich, denn hier bleiben sollen sie. Es ist gar keine Rede mehr davon, dass Mama nach Hülshoff oder anderwärts hinziehn könnte; sie bleibt jedenfalls für immer hier …

Ich habe etwas im Sinn, was ich für Dich machen und Dir mitbringen will, und ich will Dir auch wohl sagen, was es ist: ich will versuchen, Hülshoff, so wie Du es von der Allee aufgenommen hast, auszuschneiden, mit der Lindenallee und dem Wasser; mich dünkt, ich bin gewiss, dass es gut wird, denn ich weiß schon, wie ich es einrichten will. …

Mein Gott! Der Wagen ist angespannt und ich bin noch nüchtern und nicht angekleidet … Du wirst mit der nächsten Post wieder einen Brief von mir bekommen, dann schicke ich auch Auszüge aus dem St. Bernhard und des Arztes Vermächtnis, die Dein guter Laßberg ja besorgen will. … Adieu, ich denke mehr an Dich, wie Du glaubst - immer - den ganzen Tag - adieu.

Rüschhaus, 22. Oktober 1834

aus: 1834, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Meine Briefe sind jetzt nur lauter Zeddel, liebste Sophie, man kömmt gar nicht zu sich vor Packen, Besuchen machen und annehmen, das ist aber vielleicht gut für uns alle. Ich hatte in meinem letzten Briefe ganz den (wahrscheinlichen) Tag der Heirat zu sagen vergessen - vor dem 18. wird es nicht sein, weiter ist noch nichts gewiss, wenn die nötigen Scheine für Laßberg bis dahin ankommen, wird es wohl auf den Tag bleiben. Aber der Weg ist weit und die Papiere (Totenschein seiner Frau, seiner Eltern - scheint, dass die Proklamation richtig und keine Einsprüche geschehn) müssen von verschiedenen Orten kommen, Laßberg meint aber, bis zum 18. solle alles richtig sein.

Kommt doch sobald als möglich, wir alle freuen uns so darauf, und Werner ist beriffener wie alle, er war gestern hier uns sagte, er habe auch nach Bökendorf geschrieben, weil Jenny anfangs mal gegen ihn geäußert, sie sei noch nicht ganz mit sich darüber im Reinen, ob die Gegenwart mehrerer an diesem Tage und die dadurch vergößerte Feierlichkeit gut auf Mamas Stimmung wirken werden, da ist er gleich bange gewesen, dass ich in meinem Briefe ein Wort könnte fallen lassen, was nicht gut und recht wäre, und hat gegenarbeiten wollen.

Ich sagte ihm, “er sei die kluge Else” - wie ich geschrieben, seien wir alle und Jenny ebenfalls längst darüber im Reinen gewesen, dass für uns insgesamt - und für Mama vor allem - nichts besser sein könnte, als die Gegenwart ihrer Nächsten, die doch an sich das Tröstlichste sind, und zugleich, ohne zu genieren, doch zu kleinen Geschäften und Zerstreuungen genötigt; er war ganz verblüfft und konnte sich durchaus nicht mehr besinnen, was er geschrieben, zuerst wollte er heute einen Brief nachschicken, ich habe ihm aber gesagt, es sei schon gut, ich schreibe an Dich et cet. Du glaubst nicht, wie konfus das arme gute Blut ist - so … betrübt, und so beriffen …

Rüschhaus, 9. Oktober 1834