Kategorie: 1835
… Reflexionen können Sie selber machen, die brauche ich nicht aus der Schweiz zu schicken; aber, liebster Freund, ich weiß Ihnen eben nichts Besseres zu geben; die Politik bekümmert uns beide gleich wenig, sonst könnte ich Ihnen sagen, dass die freien Schweizer, die keinen Rang anerkennen wollen, die ärgsten Sklaven des Geldes sind, dass reiche Bauern in den Dörfern uneingeschränktere Herren und schlimmere Tyrannen darstellen, als je der Unterschied des Ranges dergleichen hervorgebracht hat; anderwärts mögen Konnexionen manches bewirken, hier tun sie alles, Geld und Nepotismus sind die einzigen Hebel; wer beides nicht aufzuweisen hat, mag die Hände in den Schoß legen, er ist verdammt, sein Lebelang ein Quäler zu bleiben. Jetzt eben stehn alle Kantone in sich selbst und eins gegen das andere, wie Katzen und Hunde; in je mehreren und gemeineren Händen die tausend Fäden liegen, an denen das Staatsgewebe hin und her gezerrt wird, je elender und interessierter geht es zu; man kann nicht ohne Ekel darauf merken. Doch wir erfahren nicht mehr von der Sache, als man uns gegen unsern Willen in die Ohren hängt. Mein Schwager ist kein geborner Schweizer, sondern ein Schwarzwälder und hat somit als Ausländer mir allem nichts zu schaffen. Punktum!
Daß wir von einem Erdbeben profitiert haben, werden Sie aus den Zeitungen lesen, aber das haben Sie nicht geträumt in jener Nacht, dass ich, Ihre sehr liebe Freundin, Ihr eigentliches Herzblatt, gemeint habe, ein Mörder liege unter meiner Bettstatt und bemühe sich jetzt grade drunter wegzurutschen, um mir in der nächsten Minute das Schermesser durch den Hals zu ziehn. Doch, ernstlich, etwas Ähnliches dachte ich und in derselben Stunde viele mit mir; denn die Erschütterung war sehr heftig, überall klirrten die Fenster, und an manchen Orten fielen Gläser und Flaschen um; auch seltsames Geräusch und Geknall wie von fernen Kanonenschüssen hörte man; da war ich aber noch halb im Schlafe und meinte, es falle von der Kelter im Nebenhause einer der schweren Steine, womit man sie beladet, oder ein Traubenwächter schieße in den benachbarten Weinbergen; dergleichen war ich über Nacht schon gewohnt. Ja, reisen ist doch zu etwas gut. Wo hätte ich zu Rüschhaus ein Erdbeben hernehmen sollen? …
Mein “St. Bernhard” und sein Kompagnon werden sich noch in diesem Jahre den Kritikern stellen. Es ist gut, dass andre Leute für mich handeln, ich selbst weiß doch allzu wenig mir zu helfen. Bald bin ich schüchtern, bald zuversichtlich, und beides ohne Grund; Ehrgeiz habe ich wenig, Trägheit im Übermaß. … In Bonn bei der Frau Mertens hoffte ich die einzige zugleich leserliche und richtige Abschrift der Gedichte zu finden. Sie werden sich erinnern, dass ich dieselbe schon vor länger als einem Jahre dorthin schickte: es war die zum Druck bestimmte und sollte nur vorher durchgesehn werden, von dem Professor D’Alton, der Frau Schopenhauer und der Mertens selbst; denn man wird stumpf durch zu öfteres Überlesen. Das erste Schreiben der Mertens darüber war entzückter, als ich es mit meinen Verdiensten reimen konnte, und seitdem auch keine Silbe weiter. Ich habe mich schon bei Ihnen deshalb beklagt.
Was fand ich in Bonn? Nichts!
Ihr Brief, mein sehr lieber oder vielmehr mein liebster Freund, ist entweder in nicht angemerkten Zwischenräumen geschrieben, oder er hat, des täglichen Botenverkehrs nicht achtend, auf dem Wege von Ihrem Schreibtische in den meinigen sich noch einige gute und lustige Tage machen wollen, gleich einem streng gehaltenen Schüler, der auch mitunter einen Reisetag aus eigner Machtvollkommenheit zusetzt, wenn ihn die Zuchtrute des Vaters auf den Postwagen geleitet und drüben der Bakel des Magisters winkt. Kurz, in dürrer Prosa, ich habe Ihr vom Sonntage datiertes Schreiben erst heute, am Donnerstage, und zwar soeben, erhalten.
Ach, mein Freund, wie traurig ist’s, wenn man sein Pfund vergraben muss! Wie schreiblustig bin ich heut! Welch eine Masse von Bildern, Gleichnissen, sogar Gedanken, die ich Ihnen nur mit Bedauern vorenthalte, überströmt mich nicht gleich aus den Worten: Papier, Schüler, Postwagen! Mich dünkt, es stehe kein Gedanke so hoch, dass ich ihn nicht jetzt auf dem Postwagen erreichen könnte. Doch gut Ding will Weile, ich aber habe Eile, denn es ist spät, und dieser Brief wandert morgen mit dem frühesten zu Ihnen, um anzufragen, ob sich denn in den nächsten 4-5 Tagen gar keine Einrichtung treffen läßt, die uns noch einige Stunden ruhigen ungestörten Gesprächs brächte.
Die wenigen Wochen bis zu meiner Abreise werden verglitten sein, eh wir’s gedacht; dann folgt ein ganzes Jahr der Trennung, und die Zeiten sind mir längst dahin, wo meine Phantasie, meine Hoffnung, ein Jahr übersprang, wie jetzt kaum eine Woche, wo ich meinen Freunden beim Abschiede zuletzt noch einmal die Hand reichte als vorläufiges Willkommen zum nächsten Zusammentreffen “übers Jahr im Mai”. Gefühl eigner Schwäche und trübe Erfahrungen an mir teuren Personen haben mich gewitzigt; das ist auch eine Frucht vom Baum der Erkenntnis, und keine der süßen! …
Meine Mutter ist vorgestern nach Hülshoff gegangen, um ein soeben nagelneu angekommenes Enkelchen in Augenschein zu nehmen und ihre Schwiegertochter zu pflegen; dort bleibt sie vorläufig, vielleicht vierzehn Tage und drüber; ich bin zwar noch hier, doch würde man’s übel deuten, blieb ich länger unsichtbar als etwa zu Anfang der nächsten Woche. Nach Münster gehen darf ich in diesen Tagen nicht, da bloß mein Übelbefinden mich noch von jener Tour freigesprochen hat. Können Sie denn gar nicht kommen? …
Es ist jetzt still und lieblich hier, der Garten so voll Blumen, Duft und Nachtigallen, ich bin so ganz allein - eine gute Tafel kann ich Euch nicht geben, aber Ihr sollt doch satt werden. Kommt ja! Ich kann allenfalls meinen Besuch zu Hülshoff bis ziemlich weit in die nächste Woche verschieben; auch gelingt mir’s vielleicht, bald von dort zurückzukehren, was ich wohl wünschte, da außer den Wochen meiner Schwägerin zwei kranke Kinder und der Besuch mehrerer Mitglieder ihrer Familie das Haus sehr unruhig und für meine gegenwärtigen Gesundheitsumstände unpassend machen; im Grunde kann ihnen dort jemand, der, wie ich, zuweilen die Hälfte des Tages zu Bette liegt, und für dessen homöopathisierenden Magen eigens gekocht werden muss, jetzt nur lästig sein; doch weiß ich, dass man sich meiner Abreise mit Hals und Kragen widersetzen wird; denn seit mein Bruder ein höchst glücklicher, umlärmter und umschrieener Familienvater geworden ist, hat er einen unbilligen Haß auf alle Einsiedler geworfen und hält Einsamkeit für das größte aller Erdenübel. Ich nicht - vielmehr habe ich mich ihr in den sieben Jahren, die ich nur hier verklausnert, mit großer Einseitigkeit ergeben. So geht’s, erst aufgeblasen, dann eingeschrumpft, aus der Scylla in die Charybdis; doch ich muss aufhören, denn ich beginne ungerecht zu werden, und zwar gegen einen mir nur allzu werten Gegenstand, gegen mich selbst; dies ist wohl das sicherste Zeichen, dass ich heut mal wieder eine angelaufne Brille trage. …
… der Himmel bewahre mich, dass ich Ihnen je einen Gedanken verberge, d. h. dass ich ihn absichtlich verschlucke, wenn er einmal auf der Zunge ist. Dies ist der Tod aller Freundschaft. Aber ich bin lange leidend gewesen, und jetzt, seit zwei Tagen, mit einem Male ganz wohl, aber ungemein aufgeregt und nervenschwach und großer Phantasie, Gefühls- und Gedankenanspannung nicht nur fähig, sondern gezwungen dazu; gebe ich mich hin, so treibt’s mich um wie der Strudel ein Boot, oder wie der Wind die Heuflocken treibt; will ich ruhn, so summen und gaukeln die Bilder vor mir wie Mückenschwärme. Wollte ich jetzt dichten, so würde es vielleicht das Beste, was ich zu leisten vermag; indessen besser ist’s, ich mache die Augen zu und versuche zu schlafen.
Rüschhaus, 4. Juni 1835
… meine gute Schwester schreibt oft und sehr zufrieden. Ihr Mann trägt sie auf den Händen und überhäuft sie mit solchen Geschenken, die ihr Freude machen, z. B. mittelalterlichen Seltenheiten und Treibhauspflanzen. Die Gegend ist unvergleichlich, die Nachbarn zuvorkommend. Dabei hat sie Schwäne, die aus der Hand fressen, Pfauen, die weiß, und Vögel, die gar zu zahm und lieb sind; und dennoch, o Himmel! wie jammert sie nach uns!
Ich habe wohl gedacht, dass es nachkommen würde; warum ist sie mit dem fremden Patron fortgegangen? Nun müssen wir aufpacken und durch gute und böse Wege hinrumpeln, damit die armen Seelen Ruh bekommen, d. h. die ihrige und die unsrige dazu.
Doch seit einigen Wochen sind Umstände eingetreten, die unsrem ganzen Reiseplan den Hals brechen können. Mama will nämlich durchaus nicht ohne männliche Begleitung reisen und dann müßt’s ihr Sohn oder ein Bruder sein. Da nun ersterer ihren Wünschen immer gern zuvorkömmt und sie mit letzteren gut versehn ist, so wurde ihr die Wahl schwer, wem sie ihren Wunsch mitteilen sollte, und nun findet sich’s, dass auch nicht einer von diesen kann, mit dem besten Willen nicht. Mama ist wie aus den Wolken gefallen und ich - gebe mich in Gottes Willen, es mag kommen, wie es will. Meine Schwester säh’ ich gewiss gern, aber jedenfalls reisen wir jetzt nicht vor dem Ende Juli, bleiben dann den Winter über aus; im Frühlinge, wo die Schweiz am schönsten ist, wird man uns auch nicht ziehn lassen.
Kurz, ein Jahr wird hingehn, eh wir wieder münsterischen Boden fühlen. Ach! Ein Jahr ist eine lange Zeit! Ich bin nie ein Jahr abwesend gewesen, ohne merkliche Lücken zu finden, wenn ich wiederkam! Und habe ich nicht selbst, zweimal in jedem Jahr, in den Frühlings- und Herbstäquinoktien einen ganz fatalen Zeitraum, voll Schmerzen und Hinfälligkeit?
Ich weiß, dass ich in Gottes Hand stehe, und bin nicht töricht verliebt ins Leben, aber die Überzeugung, die ich seit sechs Jahren hege, dass ein Äquinoktium mich einmal, eh man’s denkt, fortnehmen wird, mag doch viel zu meiner ersten Stimmung beitragen. Glauben Sie mir, lieber Schlüter, ob ich gleich leicht aufzuregen bin, so sind doch meine einsamen Stunden ernst, oft schwer, und sie nehmen den größten Teil meiner Zeit hin … Stören Sie sich nicht an meine lamentablen Reden, es geht vorüber und ich verdiene, dass Sie Geduld mit mir haben, da ich sie in gleichem Falle ganz gewiss mit Ihnen haben würde. … Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt, meine Bekanntschaft sei angenehm, meine Freundschaft aber drückend; bald wird’s besser, in 14 Tagen etwa, dann kömmt die Erde wieder gehörig schief zu stehn.
Rüschhaus, 27. März 1835
Ich bin krank, Billchen, deshalb soll ich gar nicht schreiben, nicht lesen; nun, das Verbot ist überflüssig, die Buchstaben schwimmen und rennen durcheinander wie Wassertierchen. Ich will versuchen, wie weit ich komme. … Von früherhin ließe sich allerdings manches sagen, und müßte sogar gesagt werden, aber für dieses Mal wird’s nicht gehen, mein Kopf läuft mit mir um. Nur so viel, ich war Dir böse und bin es nicht mehr, denn ich habe mich entschlossen, jenes, was mich kränkte, und zu verschiedenen Zeiten oft und sehr gekränkt hat, in Zukunft als etwas Unabänderliches zu tragen. Ich meine Deine Unfähigkeit, persönliche Mühe für Freunde zu übernehmen, selbst wenn der Erfolg für jene von Wichtigkeit und die Mühe gering wäre.
Du kannst wohl nicht zweifeln, dass für dieses Mal von meinen Gedichten die Rede ist, die ich so mühsam für dich abschrieb, und dafür nichts verlangte, als dass du sie mir mit Adelen und D’Alton kritisch durch sehn mögest, da ich befürchte, dass durch all zu vieles Streichen manches unzusammenhängend geworden, dem aber durch Einschieben des Gestrichenen leicht zu helfen, auch sonst, fürchtete ich, sei manches zu gewagt et cet. Du magst das Weitere in den zwei zu jener Zeit geschriebenen Briefen nachsehen, heute darf ich kein überflüssiges Wort schreiben. Ferner um Anweisung bat ich, an wen ich mich wohl wegen des Verlags zu wenden, und auf welche Weise. Hättest du nur nicht so enthusiastisch, so überaus dienstwillig geantwortet, und hätte ich dir nur nicht so fest geglaubt und mit so ängstlicher Spannung von einem Posttage zum andern geharrt, es würde mich weniger geärgert haben, dass so gar nichts geschehn ist, ich würde nicht so allen Mut und Lust verloren haben, je wieder etwas unternehmen. Doch passons la dessus!
Dieses heftige Eingreifen und schnelle Fahrenlassen ist eine stehende Eigenschaft bei Dir, aber nur des Kopfes, vielmehr der Phantasie, keineswegs des Herzens, deshalb kann ich sie Dir übersehen und Dich lieben wie zuvor. Laß Dich, durch das was ich geschrieben habe, nur ja nicht verleiten, Dich etwa jetzt, mit deinen Kopfleiden, grade recht mal a propos an die Sache zu geben, laß sie überall beruhen, du kannst ohne Adelen doch nicht voran, und meine letzte Frage oder Bitte betrifft sie allein, darum werde ich ihr schreiben, sobald ich besser bin.
Ich war übrigens schon mit meinen Gefühlen für Dich im reinen und Dir gar nicht böse mehr, wie Dein vorletztes Schreiben kam. Für dieses mal hinderte mich der Ring am Antworten, Du fordertest ihn auf eine trotzige Weise zurück, fast als ob Du dächtest, ich wollte Dich drum bringen. Drum wollte ich keine Antwort ohne denselben schicken … Ich wollte, das Unglücksding wäre nie vor meine Augen gekommen.
Du beklagst Dich, dass ich Dir die Heirat meiner Schwester nicht notifiziert - Kind Gottes, ich habe es Dir ja geschrieben, mit meiner eigenen Hand, ist das nicht besser wie eine gedruckte Annonce? Ich hoffe, dass Jenny glücklich wird. Laßberg hat manches Originelle, aber noch mehr Vorzügliches, doch das Urteil über jemand, den man nur als Gast und Bräutigam sah, muss einseitig bleiben, mich verlangt, ihn zwischen seinen Mitbürgern, in seinen Familienverhältnissen zu sehen. Wahrscheinlich reisen wir nächsten Frühling (Mai) hin, d. h. die Mutter und ich, dann geht’s über Bonn und auf einige Stunden nach Plittersdorf. Das ist mir aber zu wenig. Du musst es möglich machen, auf einige Tage nach Bonn zu kommen, denn so lange, denke ich, wird Mama sich wohl von ihrem Bruder halten lassen. Ich will’s nur bekennen, so wenig Du es verdienst, dass ich mich recht herzlich, Dich wiederzusehn, sehne.
Bist Du noch krank? Nein, jetzt nicht mehr, ich denke mir, Du läufst wieder auf Deine “zwei Beine” gleich ‘ner Wachtel. Ich wollte, mit mir ständ’s auch so. Die Buchstaben krimmeln mir vor den Augen wie ein Regiment Läuse (von welcher Gattung, bleibt Deinem Geschmack überlassen, Du magst wählen, die Dir am liebsten sind).
Rüschhaus, 19. Februar 1835
Auch den Walter werde ich mitbringen! Erschrecken Sie nicht! Es sind nur einzelne Stellen, etwa in jedem Gesange drei oder vier Strophen, die ich Sie nochmals anzuhören bitte. Es kömmt mir fremd an, zu sagen, dass eine meiner Arbeiten von einem meiner Freunde zu scharf beurteilt ist; denn Freundes Urteil ist sonst nur allzu milde und hat manches gute Talent verdorben. Doch waren wir damals noch nicht bekannt miteinander, und ich wünschte, Sie könnten sich, sobald ich das Heft zur Hand nehme, denken, es sei von einem andern. Das Gedicht ist im ganzen sehr mißglückt und matt, im einzelnen aber nicht immer.
Ich arbeite jetzt nichts, gar nichts, so gern ich dran möchte; die Tage sind zu kurz und die wenigen Stunden zu besetzt; wenn ich des Morgens mich gekleidet, gefürhstückt und die Messe gehört habe, bleibt mir bis Mittag kaum Zeit genug zum Unterricht meiner kleinen Kusine; da wird Geschichte, Französisch und viel Musik getrieben, bis wir beide ganz verduselt zu Tische gehn. Nachmittags erst ein wenig spaziert, dann eine Stunde Klavier, eine Stunde Gesang nämlich, wieder Unterricht, und dann ist’s Abend, wo ich mein Zimmer verlasse und bei meiner Mutter bleibe.
Das wäre nun wohl ein gutes löbliches Tagwerk, wenn ich es aus gutem Herzen vollbrächte, dem ist aber nicht so. Jede Arbeit, die ich nicht nach eigner Lust und zu eigner Ausbildung unternehme, wird mit ebensoviel Freudigkeit und Anmut verrichtet, wie ein Ackerpferd den Pflug zieht. Wenn’s anders wäre, wär’s besser, aber es wird nicht anders, wenn ich mich auch bei beiden Ohren nehme. Zudem sehe ich keinen Nutzen bei all der Plage; meine Elevin ist ein gutartiges, fleißiges, auch nicht talentloses Kind und plagt sich ab wie ein Hündchen im Schiebkarren, ganz ohne Lust und Liebe zum Dinge, nur aus Gehorsam, weil die Eltern gesagt haben: “Du musst was lernen.” Aber es war ihnen nicht bedacht, nur eine gebräuchliche Redeformel. Ich weiß, dass diese Eltern nicht gerne sehen würden, wenn sie dergleichen Beschäftigungen späterhin fortsetzte; sie haben wenig Sinn dafür und eine große Haushaltung, die den Töchtern alle Hände voll gibt. Ich habe nichts gegen diese Ansicht unter diesen Umständen, nur gereut mich meine zeit und die fruchtlose Plage des armen Kindes. …
Zur Reise in die Schweiz kann ich mich nicht so recht oder vielmehr gar nicht freuen; man hört und liest viel Herrliches davon, aber ich mag fremde Länder nur durchreisend sehn. Ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dache. Wär Jenny nicht dort und ging Mama nicht mit, dieses gelobte Land möchte meinetwegen bei seinem Namensbruder in Asien wohnen.
Ich muss so vieles zurücklassen, so viel Verwandte, so manche Befreundete, alle meine Gewohnheiten und Beschäftigungen, die leider zu abweichend von der Regel sind, als dass ich sie auswärts zu produzieren wagte. Ach, ich habe mich in den letzten vier Jahren, seit ich krank war, sehr verwöhnt, wenigstens in allerlei Wunderlichkeiten zugelassen, z. B. nur eins zu erwähnen, frühstücke ich erst um halb elf, kalte Milch mit kaltem Wasser vermischt, oder mit etwas kaltem Kaffee, esse zu Mittag nichts wie Kartoffeln in der Schale mit etwas allemal kaltem Fleisch, welche Torheit! Und doch hat sich meine Natur so dran gewöhnt, dass warme Speisen mich schon nach einigen Tagen krank machen, deshalb bin ich immer unwohl in Münster; dies ist eine Grille und deren habe ich viele. Sie kennen mich noch nicht.
Doch das sind Kindereien. Habe ich mich an Narrheiten gewöhnen können, kann ich es auch an eine gesunde Lebensweise; aber mein gutes altes Hülshoff mit dem guten Volke drin, und Münster mit der Looz, Schlüters, Felitz Böselager, den drei Hämmchen! Wenn ich das alles mit aufpacken könnte, dann wär’s gut; in so vielen Wagen, als dazu gehörten, fänden dann auch die kompendiösesten meiner Sammlungen, z. B. meine Münzen, geschnittene Steine, Muscheln, noch wohl Raum, nicht wahr? Ich bin bald reif zu einer südlichen Expedition ins Schlaraffenland, ebenso erfolgreich, wie die berühmte nördliche.
Es ist gut, dass das Papier zu Ende geht, die letzte Seite enthält nichts als Humbug, wie der Engländer sagt. Meine Feder macht’s wie ich, sie tut, was ihr eben einfällt, und geht, wohin es ihr beliebt.
Rüschhaus, 2. Januar 1835





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