Kategorie: 1837
Ich bitte, nimm Dich doch in acht und laß dich auf keine Gespräche ein, die Dich aufregen und ärgern, denn ich meine immer, die Geschichte mit dem Erzbischof ist Dir so in den Magen gefahren. Glaub nur, wir ärgern uns auch genug darüber, aber jetzt, wo das Recht auf unsrer Seite immer offner hervortritt und selbst protestantische Zeitungen dies anerkennen, können wir schon ruhiger erwarten, was der liebe Gott verhängt. Die bösen Mäuler sind wenigstens überall gestopft. Ich wünschte sehnlich, jetzt bei Dir zu sein, aber schreiben geht nicht, die Spionerie hat einen Grad erreicht, worüber ich als Märchen lachen würde, wenn nicht bereits die auffallendsten Beispiele vorgekommen wären. Wenn die Regierung wüßte, wie sehr der münsterische Adel die Ruhe zu erhalten wünscht! Aber man glaubt das Gegenteil und geht so weit, zu behaupten, er habe während des Tumults Geld verteilen lassen. …
Wo Laßberg sein Lager aufschlagen wird, war nach den letzten Briefen noch ganz ungewiss; er hat auf Meersburg geboten, aber noch keine Antwort; ich glaube, Jenny [wäre] es lieber, wenn sie das Gut bei Schaffhausen bekämen, was doch ordentlich auf dem Lande liegt [und] nicht so wüst groß ist als das Meersburger Schloß mit seinen vier Türmen, wo sie sich mit ihren vier Domestiken ganz in verlieren und obendrein mitten in einem Landstädtchen wohnen, so sämtliche Bevölkerung ihnen von unten auf die Fenster sieht, da es etwas höher liegt.
Mich würde das ganz unglücklich machen, alle Gene einer Stadt ohne ihre Vorteile, außer dass sie die Kirche so nah haben; Jenny rechnet auch noch die Schule für etwas (es ist nämlich eine Pension da), aber der Laßberg müßte ja steinalt werden, wenn er noch erleben wollte, dass die kleinen Stümpchen in Pension kämen. Ich gönne ihm das Leben von Herzen, aber Du weißt, wie er herunter ist. Sage doch nicht, dass Jenny diesen Kauf nicht wünscht, sie läßt es gewiss Laßberg nicht dünken, und Onkel Werner würde es ihn gleich schreiben.
Hülshoff, 30. Dezember 1837
An Vergnügungen ist diesen Winter schwerlich zu denken, wenigstens für den Adel, von dem ein Teil bereits sich gegen alles dergleichen erklärt hat. Freilich gibt es noch junges Volk, was sich die Haare darüber aus dem Kopfe reißen möchte; indessen die Papas werden wohl dieses mal die Oberhand behalten. Deshalb bleib nur zu Hause, meine liebste Sophie, Du kömmst doch nicht zum Tanzen, zudem da hier jedermann mit dem Erz[bischof] verwandt oder sehr bekannt ist, unsre Herrenwelt selten zusammen, sondern bald der eine, bald der andere dort, und die noch nicht da waren, haben es größtenteils noch vor …
Es ist eine wahre Adelswanderung und wird wohl ganz die Runde gehn. Du glaubst nicht, welchen Eindruck die neuesten Begebenheiten auf die mittlere und geringere Bürgerklasse gemacht haben. Es ist wirklich arg, dass man sich kein Paar Schuh kann anmessen lassen, ohne eine ganze Tracht Politik mit in den Kauf zu nehmen. Diese Stimmung übertrifft weit alles, was ich früher in der Art erlebt habe.
Die Geistlichen, welche sich durchgängig wohl Mühe geben, die Gemüter zu beruhigen, klagen, wie schwer es ihnen werde und wie es sogar das Volk so mißtrauisch mache, dass sie allen Einfluß darauf verlören. … Der Erz[bischof] soll allen, die ihn besuchen, es zur ausdrücklichen Bedingung machen, weder von politischen noch kirchlichen Gegenständen mit ihm zu reden; das ist schön und verständig von ihm, kann aber der allgemeinen Stimmung nicht steuern. Fast jeden Morgen muss die Polizei zur Hand sein, um die Plakate abzureißen. Die Geistlichen unterstützen sie darin, und Kellermann hat selbst schon mehrere Plakate von der Kirchentür abgerissen.
Es ist oft die Rede von öffentlichen Fürbitten in den Kirchen; das Volk dringt heftig darauf, sowohl mündlich und einzeln, so wie sie nur jemanden können zu fassen kriegen, von dem sie denken, er könne etwas dazu tun, als auch durch Plakate. Die Geistlichkeit nimmt aber noch keine Notiz davon, obgleich ich nicht einsehe, was für ein Skandal darin liegen sollte, um glückliche und friedliche Beendigung einer so bösen Sache zu bitten.
Die Polizei benimmt sich sehr klug und weiß alle kleinen, unangenehmen Vorfälle so zu unterdrücken, dass sie nur durch zufällige Zuschauer bekanntwerden. So haben gestern Studenten oder wahrscheinlicher Gymnasiasten (denn Studenten gibt es hier ja kaum) die kindische Frechheit gehabt, beim Herausdrängen aus der Schule einen Offizier zu insultieren, und als einige auf der Stelle deshalb arretiert worden, haben ihre Kameraden sie sogleich befreit. Niemand redet davon, denn fast keiner weiß es, doch habe ich es von einem Augenzeugen.
Der Oberpräsident und die Preußen überhaupt sind sehr verdrießlich über die schlechten Aussichten für die Winterlustbarkeiten. Bei der Hochzeit der Tochter des Oberpräs[identen] vor etwa 14 Tagen ist keiner vom Adel erschienen. … Was Du von den Hermes[ianern] meinst, ist unrichtig; der Erz[bischof] hat keine Feinde mehr unter den Katholiken. Ich rede von jenen, die sich in dieser Sache namhaft gemacht haben; was einzelne verdrehte Landkapläne und Seminaristen denken mögen, weiß ich nicht.
Ich glaube, dass die Entrüstung jener Leute aufrichtig gemeint ist, obgleich die Regierung sie durch die Verbindung mit ihrer Sache mit andern Dingen so an den Pranger gestellt hat, dass ihre Ehre ihnen keine andere Wahl ließ. Soviel ist gewiss: dieser Schlag auf den Erzbischof in dieser Form hat sie mehr gekränkt als alles, was ihnen vorher geschehn.
Doch man wird hier vieles nicht gewahr, fast alle fremden Zeitungen bleiben aus, namentlich die “Gazette de France”, das “Journal des débats”, die “Temps” und die “Würzburger Zeitung”, doch sollen Auszüge aus letzterer in der “Hannöverschen Zeitung” zu finden sein. Die “Augsburger Zeitung” erscheint; es soll ihr von ihrer Regierung untersagt sein, Artikel über diesen traurigen Gegenstand aufzunehmen.
Münster, 7. Dezember 1837
Schlüters waren hier, und Junkmann auch. Es geht ihnen wohl. Sie wollen durchaus, ich solle den Barry in Münster bei Hüffer herausgeben. Ich habe wenig Lust dazu. Hast Du jemals gewußt, dass Hüffer, derselbe demagogische Hüffer, seines Zeichens ein Buchhändler [ist]. Ich habe gedacht, er wäre Regierungsrat oder so etwas, aber er hat die Aschendorffsche Buchhandlung. …
Es ist jetzt ein Sohn der Katharine Busch in Münster, Du weißt wohl, derselbe Levin, der früher bei Specht war. Er ist in einer übelen Lage. Sein Vater, der immer ein mauvais sujet war und, wie die Jungblut uns wohl sagte, bloß seiner Frau zuliebe noch nicht abgesetzt war, ist es jetzt wirklich und auf dem Punkte, nach Amerika zu gehn. Levin will ihn nicht begleiten, weil er für das, was er gelernt hat, dort kein Brot finden würde. So sitzt er in Münster, wartet auf Gottes Barmherzigkeit und gibt seine letzten Groschen aus, aber was soll er machen? Er läuft genug um eine Stelle als Hofmeister, ist aber schon zweimal abgefahren, erste bei Erbdrosten (von denen wieder einer fortgeht, mit demselben Streit und Aufsehn wie die vorigen) und dann bei Westphalens. Er ist betrübt, er soll sehr brav sein und ausgezeichnete Kenntnisse besitzen, aber er sieht aus und hat Manieren wie ein Stutzer oder vielmehr wie Theodor Murdfield in seinem Alter, dem er jetzt ungeheuer gleicht. Es freut mich, dass seine Mutter das nicht mehr erlebt.
Rüschhaus, 24. Oktober 1837
… von der guten armen Male H[assenpflug] habe ich jetzt auch einen Brief, sie ist sehr herunter, körperlich und geistig, - sie schreibt mir gradezu, dass ich jetzt nicht zu ihr kommen könne, da sie, wenn es dem Ludwig noch vor dem Winter gelingen solle, eine Anstellung zu bekommen (hoffentlich im Preußischen) sie ihm dorthin folgen würden… - der Brief ist so kurz, fast verschlossen, ich weiß nicht, ob das Unglück sie kalt macht, oder scheu, ich glaube das Letzte, - wie gern holte ich sie hieher! und das dürfte ich auch wagen, denn ich könnte ja Kostgeld für sie bezahlen, aber sie wird nicht von der Mutter und der Schwester wollen, und alle drei! ach Gott, das geht über meine Kräfte!
Rüschhaus, 19. Oktober 1837
Ich sitze hier seit vierzehn Tagen ganz, ganz still, dass man es ja in Münster nicht merkt; denn nur unter dieser Bedingung hat Mama mir erlaubt, hierzubleiben. Sie fürchtete sonst Unkosten und Klatscherei; ich weiß nicht, was am meisten. So meint jedermann, ich sei wenigstens für gewöhnlich in Hülshoff, wo ich es aber, die Wahrheit zu sagen, nur wenige Tage aushalten konnte. Der Lärm, nein, ich sage zu wenig: das Geheul, das Gebrüll der Kinder könnte den stärksten Menschen verrückt machen, wieviel mehr mich mit meinem armseligen Ohrweh: denn du musst wissen, dass ich erst seit zwei Tagen frei davon bin. Du kannst denken, wie meine Nerven herunter sind.
… Denn - denk dir meinen Kummer - Werner fängt Ökonomie an und läßt sich dazu lauter neue Leute aus dem Lippischen kommen - Werner, der dazu taugt wie der Esel zum Lautenschlagen! Und, ich sehe es schon voraus, das wird alles ins Große gehn: Schafzucht, Brennerei, wenigstens späterhin. Denn ich kenne Werner: je mehr Schaden, je weiter wird er spekulieren, um ihn zu ersetzen, ich kenne ja seine alten Redensarten: “Man darf es auf einige tausend Taler nicht ansehn!” “Kleine Unternehmungen rentieren sich niemals!” und was mir sonst alles schon vor Jahren ellenlang zum Halse heraushing … Dieses ist mir ein harter Schlag. So wie Werner bis jetzt lebte, konnte es ihm wohl knapp werden, aber im ganzen war er doch gesichert; jetzt aber wird mir angst und bange, nicht sowohl Mamas und meinetwegen, die wir doch auch jeden Heller von ihm bekommen müssen, sondern hauptsächlich der vielen Kinder wegen, die alle nicht aussehen, als ob sie es weit in der Welt bringen würden … Du wirst wieder sagen: wer will so weit hinaus sorgen! Aber es ist nicht weit; das nächste Jahr kann schon trübselig genug sein. Denk dir nur die ersten Ausgaben. Da ist weder Gerät noch Vieh im Stalle, das muss er alles mit geliehenem Gelde anfangen, denn die Holzungen sind bei den letzten Ankäufen so angegriffen, dass aus denen vorerst kein Trost zu holen ist.
Doch freilich, sorgen allein, wenn man sonst nichts daran tun kann, ist auch ein überflüssiges Ding. So will ich hiervon abbrechen. Könnte ich das nur ebenso leicht in meinem Kopfe wie auf dem Papiere! - N B. Es kommt mir fast vor, als sollte dieses Projekt noch ein Geheimnis sein, obgleich die Ausführung vor der Türe ist, da Michaelis das neue Dienstpersonal mit dem Verwalter eintritt. Sprich also bitte nicht davon.
Rüschhaus, 5. September 1837





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