Kategorie: 1838
Die vielfachen, ich möchte fast sagen ungestümen Bitten Malchen Hassenpflugs haben mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes, wie ich ihn noch in frühester Jugend gekannt, und die Sitten und Eigentümlichkeiten seiner Bewohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu wählen. Ich gestehe, dass ich mich aus freien Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für erst ist es immer schwer, Leuten vom Fach zu genügen, und in dieser Sache ist jeder Münsterländer Mann vom Fach. Ich erinnere mich, dass einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und einen Diplomaten in sich schloß; jeder war entzückt über alles, mit Ausnahme der Stellen, die jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer in den Schlachtszenen, der Forstmann in den Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophischen Tiraden und der Hofmann in dem Auftreten und Benehmen der gekrönten Häupter; wie soll es mir nun gehn, der jeder Gassenbube im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann?
Mein Trost ist, dass ich selbst hier aufgewachsen bin und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin wie keines andern. Schlimmer ist es, dass die Leute hierzulande es noch gar nicht gewohnt sind, sich abkonterfeien zu lassen und den gelindesten Schatten als persönliche Beleidigung aufnehmen werden. In Paris und London ist es ein anderes, da haben sich die Leute einen breiten Buckel zugelegt, und die Schriftsteller sind so frech, dass eine Tracht Prügel ihnen mitunter wahrhaft heilsam wäre. …
Ich weiß am besten, dass ich meinen Landsleuten weit weniger Unrecht tun, als viel eher durch zu große Vorliebe und Idealisieren mancher an sich unbedeutenden Eigenschaft mich lächerlich machen werde, und dennoch fürchte ich gänzlich in Verruf zu kommen, denn alles kann ich ihnen und meiner eigenen Liebe nicht aufopfern, nicht Wahrheit, Natur und die zu Vollendung eines Gemäldes so nötigen kleinen Schatten.
Wenn Sie, teurer Freund, die Ausführung meines Vorhabens für gänzlich untunlich halten, so sagen Sie es mir jetzt, wo es noch Zeit ist, ich bitte Sie darum. Über die Form bin ich noch unschlüssig und möchte Ihre Meinung hören. Was meinen Sie? Soll ich jene des Bracebridgehall von Washington Irving wählen? Eine Reihenfolge von kleinen Begebenheiten und eignen Meditationen, die durch einen losen, leichten Faden, etwa einen Sommeraufenthalt auf dem Lande verbunden sind? Diese Form ist sehr ansprechend und gibt dem Schreibenden große Freiheit, bald erzählend, bald rein beobachtend und denkend aufzutreten … Oder soll ich eine Reihe kleiner in sich geschlossener Erzählungen schreiben, die keinen andern Zusammenhang haben, als dass sie alle in Westfalen spielen und darauf berechnet sind, Sitten, Charakter, Volksglauben und jetzt verlorengegangene Zustände desselben zu schildern? Dies ist schwieriger, bedarf weit reicherer Erfindung und schließt alle Medidationen und Selbstbeobachtungen fast gänzlich aus. Dagegen ist es weniger verbraucht, läßt höchst poetische und seltsame Stoffe zu, die jener andern Form des täglichen Lebens unzugänglich sind und hat den großen Vorteil, in keinem Falle zu beleidigen, da lauter bestimmte Individuen auftreten, noch obendrein zumeist aus dem Bauernstande, als dem mir am genauesten bekannten und auch noch eigentümlichsten; was sagen Sie dazu?
Geben Sie Ihr Votum ab! Ich will nicht sagen, dass es den totalen Ausschlag gibt, aber es wird gewiss berücksichtigt werden. …
Leider mit ich mit Malchen in allem, was Kunst und Poesie betrifft, [nicht einer] Meinung, da sie einer gewissen romantischen Schule auf sehr geistvolle, aber etwas einseitige Weise zugetan ist; … sie wird mich aber nie in ihre Manier hineinziehn, die ich nicht nur wenig liebe, sondern auch gänzlich ohne Talent dafür bin, was sie verstockterweise nicht einsehn will. Sie wissen selbst, lieber Freund, dass ich nur im Naturgetreuen, durch die Poesie veredelt, etwas leisten kann. Malchen hingegen ist ganz Traum und Romantik, und ihr spuken unaufhörlich die Götter der Alten, die Helden Calderons und die krausen Märchenbilder Arnims und Brentanos im Kopfe. So haben wohl nur die vielen Vor- und Gespenstergeschichten, der mannigfache Volksaberglaube et cet. unsers Vaterlandes sie dahin gebracht, bei meiner Halsstarrigkeit, faute de mieux, diesen Stoff in Vorschlag zu bringen, und ist dies Buch fertig, d. h. wenn Sie mir dazu raten, so wird es ihr schwerlich genügen.
In meinen Gedichten glaubt sie gutes Talent auf höchst traurigem Wege zu sehn, namentlich die “Schlacht am Loener Bruch” ist ihr durchaus fatal, sie nennt es “eine ganz verfehlte Arbeit auf höchst widerhaarigem Terrain”. Sie werden leicht hieraus folgern, dass ihr des “Arztes Vermächtnis” am meisten zusagt. Da sie mich aufrichtig liebt und Großes mit mir im Sinne hat, so quält sie mich unermüdet und mit Bitten, die einen Stein erweichen sollten, von meinen Irrwegen abzulassen. Das ist eine harte Nuß!
Hülshoff, 13. Dezember 1838
Johannes Stapel war auch hier … übrigens verbauert er immer mehr, und nahm sich, aufrichtig gesagt, mitunter etwas kläglich aus, einmahl war in Abbenburg ein Disput über Goethe, zwischen Onkel Fritz, unserm Werner, Galen, und Hassenpflug, Johannes hatte immer schweigend zugehört, auf einmal sagt er ganz laut “Mit Erlaubnis! ist der Goethe nicht ein Schweinickel?” Alle sperrten Nase und Mund auf, und ich sagte “er hat freilich Manches geschrieben, was für ganz junge Leute nicht passt”. Er stand auf, sagte “nun weiß ich genug, wenn er ein Schweinickel ist!”, und ging triumphierend den Laubgang hinauf. Keiner machte Bemerkung hierüber, aber es wurde Allen schwer das Lachen zu lassen.
Bökendorf, 1. August 1838
Ich habe schon gesagt, dass mir Schlüter zuweilen schreibt. Er schickt mir dann die Druckbogen, wie sie nach und nach herauskommen, aber leider doch zu spät, um die Druckfehler zu verbessern, deren einige recht schlimme eingeschlichen sind. Einer der schlimmsten ist im ersten Gesange des St. Bernhard, wo es heißt: “Der Bruder nun in seiner Not - beginnt aufs neu das Kreuz zu reiben - als solle nicht ein Stäubchen bleiben.” Es muss nämlich heißen “das Kleid zu reiben”. Nun lautet es stattdessen, als ob der Bruder sich den Buckel jucke.
So etwas ist sehr fatal; man muss es aber jetzt mit Geduld tragen bis zur etwaigen zweiten Auflage. Jedermann sagt, es sei so schwer, Druckfehler aufzufinden, daher komme es, dass in allen Büchern welche stehenblieben, die vom Korrektor übersehen würden. Ich begreife es nicht und habe diejenigen, so noch in den Bogen waren, beim ersten Blick gesehen, denke deshalb die zweite Auflage (wenn’s dazu kommt) jedenfalls selbst unter Aufsicht zu nehmen, obgleich, wie ich höre, Schlüter und Junkmann allen möglichen Fleiß sollen angewendet haben und ich eine saubere Abschrift gemacht hatte, die Junkmann lesen konnte wie Gedrucktes.
Bis jetzt sind fertig der “St. Bernhard”, des “Arztes Vermächtnis” und von der “schlacht im Loener Bruch” der erste Gesang ganz und vom zweiten ein Stück, somit bei weitem das meiste, und in 14 Tagen oder 3 Wochen wird das Buch wohl im Laden zu haben sein. Hüffer hat ganz neue Typen dazu kommen lassen und legt großen Wert darauf. Ich habe wenig Sinn für dergleichen und kann nicht sehen, dass die Buchstaben sonderlich schöner wären als andere. Er hat zu Werner gesagt, dass schon so viele nach dem Buche gefragt hätten. Das freut mich für ihn und für mich auch, denn es wäre mir unausstehlich, wenn er Schaden daran hätte.
Mein Versuch, vor’s Publikum zu treten, läßt sich überhaupt für den Anfang recht gut an; ein gewisser Pfeilschifter, ich glaube in Berlin oder sonst wo, der ein Taschenbuch “Coelestine” herausgibt, mit sehr schönen Kupfern, wie ich höre, ziemlich schwierig mit dem Aufnehmen sein soll, denen, deren Gedichte er aufnimmt, aber zum Lohn denjenigen Jahrgang, worin ihre Gedichte stehn, übersendet, und dem Schlüter ohne mein Vorwissen des “Pfarrers Woche” geschickt hat, hat ungemein verbindlich geantwortet und außer dem Jahrgang 1839, worin es erscheinen wird und den ich noch bekomme, den vorigen Jahrgang 1838 mir geschickt, wie Schlüter schreibt, als besonderes Ehrengeschenk und stumme Bitte, ihm ferner Beiträge zukommen zu lassen.
Auch ein anderer vom Rhein, dessen Name mir nicht sogleich beifällt, der ein “Rheinisches Odeon” herausgibt, durch Münster reiste und durch Schlüters Vermittlung die Druckbogen gelesen hat, bemüht sich mit fast lächerlicher Höflichkeit um Beiträge. Junkmann schreibt etwas spöttisch, ich solle doch dem Manne nichts abschlagen, der mich die Aloe Westfalens genannt habe. Ich könnte das auch auf die schönen, reifen Jahre beziehen, in denen ich anfange poetisch aufzublühen! (NB. Das letztere sage ich, nicht Junkmann.) Obgleich ich wohl weiß, wieviel ich von solchen Reden zu glauben habe, so denke ich doch, solche Leute wissen ungefähr, was im Publikum fortkommt, und nehme es immer als ein gutes Ohmen.
Bitte, behalte dies letztere aber alles für dich, es würde mir wohl als Prahlerei ausgelegt werden und freut mich doch hauptsächlich Deinetwegen; ich möchte so gerne, dass Du doch etwas Freude an meinen Schreibereien hättest, meine liebe, liebste Mama.
Bökendorf, 1. August 1838
Mit der äußeren Ausstattung des St. Bernhard bin ich sehr zufrieden, sie ist in der Tat sehr anständig, einen einzigen Druckfehler habe ich gefunden, der aber den Sinn nicht entstellt und mir somit keinen Kummer macht. Er kömmt vor bei der Szene im Grabgewölbe: “So liegen Sie, und keine Träne Rann auf die bleiche Wange noch”, statt dessen steht “Kam auf die bleiche Wange noch”. Dies macht einigermaßen den Eindruck, als erwarte man, dass die Leichen weinen sollten, dahingegen das rann das Hinabträufeln fremder Tränen deutlicher bezeichnet; doch das macht wenig und ist ohne Zweifel meine undeutliche Schrift schuld daran.
Was mich mehr betrübt, ist, dass ich jetzt überzeugt bin, zuviel gestrichen zu haben, geschrieben sieht alles so lang und breit aus, und die Schwierigkeit und Langsamkeit des Entzifferns dehnt es noch mehr; gedruckt steigen sich die Gedanken und Bilder wie einander auf die Schultern, und ich fühle, dass ich manchen Situationen nicht die zeit gegönnt habe, in lebhafte Anschauung überzugehn, brevis esse volo, obscura fio; doch es muss schon so bleiben bis zu einer etwaigen zweiten Auflage. …
Wegen der geistlichen Lieder ist mir ein kleiner Skrupel gekommen, d.h. wegen einer Stelle. Wenn ich mich nicht irre, ist das Lied vom Feste des süßen Namen Jesu mit unter den zum Druck bezeichneten, und jetzt fällt mir hintennach ein, dass in der letzten Strophe ein Ausdruck immer größten Skandal gegeben hat, und zwar unter meinen nächsten Angehörigen, die ich am wenigstens kränken möchte. Es heißt dort, “und ich soll, o lieber Jesu mein, die Gesunkne, treulos aller Pflicht, dennoch deines Namens Erbin sein” et cet. Den Ausdruck Gesunkne wollten nun alle unpassend und doppelsinnig finden, und nach dem Sinne, den ich beim Schreiben allerdings nicht geahndet habe, sie aber als sehr naheliegend erklärten, kann es ihnen freilich keineswegs angenehm sein, ihn der beliebigen Auslegung eines ganzen Publikums anheimzustellen; ist der Druck also noch nicht soweit vorgerückt, so verändern Sie, ich bitte dringend, die Zeile dahin: “ich, die Arme, treulos aller Pflicht” oder, wenn Ihnen das nicht gefällt, auf andere beliebige Weise. Ich hasse nichts mehr als Verdruß im Hause. Ist es aber schon gedruckt, nun! in Gottes Namen!
Daß “Die Sterne” nicht aufgenommen sind, danke Ihnen der Henker; ich habe ja noch in der letzten Stunde unseres Beisammenseins erklärt, dass ich das Lumpending nicht gedruckt haben wollte, aber Sie machen mit mir, was Ihnen beliebt, Sie kecker, übermütiger Patron! Hätte ich Sie nicht so lieb, so wollte ich Ihnen jetzt tüchtig die Haare scheren, die meinigen standen mir zu Berge bei dem Gedanken, wie wenig daran fehlte, dass mich dieses verhaßte Geisteskind, dessen ich mich gänzlich glaubte abgetan zu haben, auf eine so schmähliche Weise wieder an sein Dasein erinnert hatte.
Daß “Die Gräfin” ebenfalls ausgemerzt ist, steht mir ganz wohl an. Sie werden sich erinnern, dass ich immer behauptet habe, sie stehe dem durchgängig ernsten und einfachen Sinne der ganze Sammlung zu fern, und wahrlich ist dieses der Grund, der auch Sie jetzt bestimmt hat.
Abbenburg, 19. Juli 1838
Du fragst wegen dem Erzbischof? Da Ihr den Merkur haltet, weißt du das Hauptsächlichste; es ist eine traurige Lage für uns. Die Erbitterung ist schrecklich. Ich war am Tage des Aufstandes in Münster, und die Preußen haben sich schändlich betragen, vorzüglich der General Wrangel, ein Gegenstück zum Obristen Natzmer.
Ich war diesen Abend zum Tee bei einer Oberregierungsrätin Rüdiger, Tochter der Elise Hohenhausen, die sich mir durch Nettchen Kettler hatte vorstellen lassen, worauf man es schicklich fand, dass ich ihr einen Besuch abstatte. Ich beredete die Bornstedt, mit der ich zuweilen bei Schlüters zusammentreffe, mit mir hinzugehen, und wir drei Frauenzimmer waren allein hinter dem Teetisch; es war schon spät, und die Rüdiger sagte mehrere Male: “Hören Sie doch, was auf den Straßen rennt!” Ich sagte immer: “Das ist nichts, irgendwo ein Peter oder dergleichen.”
Mit einem Male hörten wir von weitem (sie wohnt am Ende der Rothenburg nach Aegidistraße zu) ein furchtbares Hurrageschrei, es kam vom Domhof und Markte, wir sprangen ans Fenster und sahen die ganze Rothenburg und Aegidistraße voll Militär mit gezogenem Säbel. Ich lief auf der Stelle unten ins Haus, um zu sehen, ob ich jemand fände der mich fortbrächte. Der Sohn vom Hause war bereit, und ich zog in größter Eil ab, trotz allen Bitten der Rüdiger, die zitterte wie ein Espenlaub.
Durch zahllose Umwege kam ich endlich bei Ahlers an und brauchte fast eine halbe Stunde dazu. Ich stellte mein Licht zurück, lehnte das Fenster nur an und blieb nun auf wie jedermann in dieser Nacht.
Der Anfang des ganzen Tumults war so: Die Gemüter waren schon durch die Arrestation des Erzb[ischofs] aufs äußerste erbittert, nun kam dazu, dass, nachdem kürzlich eine Menagerie aus Münster abgezogen war, die Militärbehörden die Bude gekauft hatten, um darin bei schlechtem Wetter exerzieren zu lassen. Das Volk dachte aber, es sei geschehen, um die Rekruten besser heimlich knuffeln zu können. Darüber waren schon allerlei Kleinigkeiten vorgefallen, einige Plakate an den Bäumen und der Bude selbst mit dem geistreichen Inhalt “weg mit der Bude” oder “weg mit den Preußen” et cet. Da dies sie nicht wegblasen wollte, hatte man mehrmals Versuche gemacht, die Bude anzuzünden, überhaupt, die Wahrheit zu sagen, wurde den Preußen grad nicht viel guter Wille gezeigt.
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