Kategorie: 1840
Ich werde in Zukunft in die Briefe an Dich immer ein loses Blatt einlegen, um darauf zu schreiben, was nicht jedermann lesen soll. Denn ich weiß wohl, dass Mama sie der ganzen Welt vorlesen wird, nicht allein die an sie, sondern auch die an Dich, und dass es sie verdrießen würde, wenn Du sie ihr verweigertest. Ich sehe ja, wie es mit Deinen Briefen geht, und Du hast ganz recht, dass Du so vorsichtig schreibst; aber an mich hättest Du immer gleich ein Blatt einlegen können; und jetzt kannst Du mir schreiben was Du willst; ich zeige Deine Briefe niemandem und erzähle nur etwas daraus. …
NB. verbrenne diesen Brief doch oder lege ihn gut fort; es steht so vieles darin, was nicht für Mama paßt. Sprich lieber, wenn sie da ist, gar nicht oder nur ganz oberflächlich davon, sonst will sie ihn sehn, und das geht doch nicht. Am besten ist’s Du verbrennst ihn.
Rüschhaus, 23. September 1840
Daß Du Dir so viele, obgleich leider vergebliche, Mühe für Schücking gegeben, dafür danke ich Dir herzlich. Der arme Schelm dauert mich sehr und fängt jetzt an auch körperlich sichtlich unter seiner Lage zu erliegen. Mit den Stunden hat es keine Art, da niemand Englisch lernen will und für das Französische mehrere geborene Franzosen da sind, die man natürlich vorzieht. So muss er, gesund oder krank, auf Leben und Tod schriftstellern. Er kommt jede Woche hier, so in Schweiß gebadet und abgehetzt, als ob er zehn Stunden gemacht hätte. Es ist traurig, ein gutes Talent und gute Gesundheit so unter seinen Augen verkümmern zu sehn. Denk doch an ihn, wenn Dir etwas Passendes in den Weg läuft, ich bitte Dich darum.
Rüschhaus, 29. August 1840
Nun zu dem, was Du über Schücking schreibst. Ich habe ihm die mögliche Aussicht auf jene Beschäftigung, die der liebe Laßberg so freundlich für ihn ausgesonnen, mitgeteilt, und er hat mir geantwortet, “er verstehe das Provenzalische allerdings und habe diesen Zweig der mittelalterlichen Literatur mit Liebe studiert, soviel er davon in Händen bekommen können, doch hätten ihm nie vorzüglich seltne Sachen und Manuskripte zu Gebote gestanden, und so könne er sich wohl für einen ausgeben, der zum Übersetzen et. cet. zu gebrauchen wäre, ob er aber zum eigentlichen Forschen Gelehrsamkeit und vor allem die zum Vergleichen und Schließen hinlängliche Belesenheit des in diesem Zweig vorhandenen besitze, daran zweifle er. Doch habe er sich allerdings in die Sprache sowohl wie den Geist jener Zeit, und namentlich jenes Landes, mit großer Vorliebe hereinstudiert, und es käme darauf an, wieviel man von ihm erwarte. Er sei jung und habe sich selbst mühsam alle kleinen Quellen aufsuchen und eröffnen müssen” et cet.
Kurz, er sprach sehr bescheiden, wie jemand, der sich scheut, neben vielen ältern und erfahrenern Männern laut zu werden, aber doch sich bewußt ist, dass er wohl hierin etwas leisten könnte, wenn man ihn auf den rechten Fleck stellte und ihm die nötigen Quellen zu Gebote ständen. Wenn also dergleichen Arbeiten wirklich vorgenommen werden, so glaube ich wenigstens versichern zu können, dass er sich an nichts geben wird, was er nicht auch glaubt mit Ehren vollführen zu können.
Überhaupt, wenn Ihr Lieben etwas für ihn tun könnt, dann ist das ein wahrhaft christliches Werk, denn er vergeht täglich mehr, wie ein stehendes Wasser, und Caravacchi sagte noch vor einigen Tagen, wer ihn vor zwei Jahren gekannt, müßte über die Veränderung erschrecken. Eine Stelle an einer Bibliothek , wenn auch nur eine untergeordnete, wäre das Wahre für ihn, da könnte er sich nach Herzenslust satt studieren und würde gewiss was Tüchtiges leisten. Auch zum Privatsekretär irgendeiner bedeutend gestellten Person wäre er seiner vielseitigen (auch juristischen) Kenntnisse, seiner Fertigkeit in der französischen und englischen Sprache und seines zuverlässigen Charakters wegen gewiss sehr zu empfehlen. Dies ist nicht mein Urteil, sondern das von gescheuten und kenntnisreichen ältern Männern, z. B. vom Oberregierungsrat Rüdiger, der für einen ausgezeichneten Mann und Staatsbeamten gilt und ihn sehr schätzt.
Rüschhaus, 22. August 1840
… so ist mir der Sommer und Herbst, wenn auch einerseits durch das Wiedersehn meiner Nächsten erfreulich, doch in Beziehung auf meiner Freunde sehr gestört, und das ist mir ein arger Kummer, da die Verwandten uns nahe bleiben, und wohnen sie hundert Meilen weit, weil wir sie jederzeit aufsuchen können, - das findet Jeder natürlich und animiert uns dazu, dagegen bedarf es bei Freunden gleichen Geschlechts dringender Gründe und bei Denen eines andern gibt es gar keine, - so kann eine Trennung von zehn Meilen leicht eine lebenslängliche werden, und wird in der Regel eine jahrelange …
Juni 1840
Warum ist man wohl so ungeneigt zu poetischen Arbeiten in so höchst poetischen Momenten? Ich denke wohl, weil der Genuß den regelrechten Gedanken nicht aufkommen läßt. Ich tue gar nichts; seit Beendigung des geistlichen Jahres, also seit drei Monaten, sind zwei Balladen das einzige, was ich geschrieben; doch liegt dies wohl zum Teil daran, dass ich, des seit zwanzig Jahren bis zum Ekel widerholten Redens über Mißkennung des eignen Talents müde, mich zu etwas entschlossen habe, was mir im Grunde widersteht, nämlich einen Versuch im Komischen zu unternehmen. So dränge ich dann jeden Trieb zu anderm gewaltsam zurück und scheue mich doch vor jener gleichsam bestellten Arbeit wie das Kind vor der Rute.
Nicht dass ich meine, sie werde völlig mißlingen. Es fehlt mir allerdings nicht an humoristischer Ader, aber sie ist meiner gewöhnlichen und natürlichsten Stimmung nicht angemessen, sondern wird nur hervorgerufen durch den lustigen Halbrausch, der uns in zahlreicher und lebhafter Gesellschaft überfällt, wenn die ganze Atmosphäre von Witzfunken sprüht und alles sich in Erzählung ähnlicher Stückchen überbietet. Bin ich allein, so fühle ich, wie dieses meiner eigentlichen Natur fremd ist und nur als reines Produkt der Beobachtung unter besonders aufregenden Umständen in mir aufsteigen kann. Zwar, wenn ich einmal im Zuge wäre, würde meine Gesellschaft auf dem Papiere mir vielleicht die Gegenwart wirklicher und die bereits niedergeschriebenen Scherze die Anregung fremder ersetzen; aber eben zum Anfange kann ich nicht kommen und fühle die größte Lust zum Gähnen, wenn ich nur daran denke.
Zudem will mir noch der Stoff nicht recht kommen, einzelne Szenen, Situationen, lächerliche Charaktere in Überfluß, aber zur Erfindung der Intrige des Stücks, die diesen bunten Kobolden festen Boden geben muss, fehlt mir bishin, ich weiß nicht, ob die Lust oder das Geschick. Wenn ich darüber nachdenken will, so überschwemmt mich eine Flut von tollen Szenen, die an sich gut genug wären, auch nützlich sein könnten, aber sich untereinander reimen wie: “Ich heiße Hildebrand und setze meinen Stock wohl an die Müüre”. Muß ich nun daraus schließen, dass es mir an “Schanie” fehlt? So schlecht will ich doch noch nicht gleich mit mir umgehn, man sagt ja, dass Erkenntnis immer Anfang der Besserung ist; nun, da kann die Besserung bei mir nicht weit sein, Ich fühle mich doch heute weit aufgelegter als seit lange, und es kann treffen, dass ich mich nach Beendigung dieses Briefes flinkweg an die Arbeit mache. …
Vorerst kann ich, wie jeder Schriftsteller (wenigstens sollte), nur schreiben, was ich, wenn auch unter andern Verhältnissen und in andern Formen, gesehn. So werden meine Personen immer Westfalen bleiben und sich, trotz aller Vorsicht, hier und dort individuelle Züge einschleichen, d. h. nicht gerade Geschehenes, aber manches, wobei einem dieses oder jenes Individuum unwillkürlich einfällt. Daß ich dieses aufs äußerste zu vermeiden suchen würde, brauche ich Sie, liebster Freund, nicht zu versichern; aber ich glaube, dass darin niemand für sich stehn kann, da das wirklich Gehörte und Gesehene seinen Einfluß notwendig geltend macht, gegen unsern Willen, und in der Tat auch das einzige ist, was zu solchen rein objektiven Arbeiten befähigt.
Dann sind die Schwächen der gebildeten Stände selten ganz harmlos, sondern haben zumeist einen Zusatz von Verkehrtheit, der mich leicht Bitteres könnte sagen lassen, was doch ganz gegen meine Absicht ist, da ich nur dem Humor und keineswegs der Satire zu opfern gedenke, obwohl das letztere, wenn es aus den echten Gründen und mit dem echten Ernste geschieht, wohl das edlere ist, weil das nützlichere; doch schließen mich sowohl mein Charakter als meine persönliche Lage von dieser Art zu wirken aus.
Soll ich mich nun den niederen Klassen zuwenden? Das Landvolk zum Stoffe wählen mit seinen duseligen Begriffen, seltsamen Ansichten, lächerlichen Schlußfolgen und anderseits praktischem Verstande in manchen Dingen, Schlauheit und nationellem Humor? Obwohl sich hierbei außer dem Vergnügen des Lesers nicht wohl ein andrer Zweck absehn ließ, so wäre dieser Stoff nicht nur der bei weitem reichere und frischere, sondern auch der sowohl meinem Talente als Erfahrungen angemessenere, da ich zwischen Bauern aufgewachsen bin und selbst eine starke Bauernader in mir spüre. Auch ganz harmlos wäre dies, da sich niemand den Kopf zerbrechen wird, ob ich Klas oder Peter gemeint; nur meine ich, mit dem Dialekte schwinde das Salz aus der Speise; denn der Bauer paßt nicht seine Gedanken der Sprache an, sindern er hat gemodelt und modelt fortwährend die Sprache nach dem augenblicklichen Bedürfnisse, und grade das gibt ihr das unnachahmlich Naive, was in der Übertragung einem wie Schnee unter den Händen zerrinnt, was man mit Verdruß innewird, sooft man versucht, einem Ausländer eine echt vaterländische Anekdote verständlich zu machen, wo einem der Kabliau allemal zum Stockfisch wird.
Dennoch muss ich die Idee meiner Onkel Haxthausen, ein Lustspiel im väterländischen Dialekte zu schreiben, gänzlich verwerfen; wer wird es verstehn? Nicht mal der Eingeborne, da ihm die Buchstabenfügung zu fremd und manche Laute mit den vorhandenen Mitteln gar nicht wiederzugeben sind; viel weniger der Ausländer, der sich doch keinen Sprachstudien ergeben wird, um das Lustspiel einer obskuren Skribentin zu lesen.
Doch paßt alles Gesagte nur auf den Dialog, folglich zunächst die dramatische Behandlung. Zur bloßen Beobachtung und Darstellung durch einen Dritten, z. B. wie in Bracebridgehall, geben jene Volksklassen gewiss den frischesten und auf keine Weise hindernden Stoff, doch vom Dramatischen ist ja eben die Rede.
Ich gestehe Ihnen, lieber Freund, dass meine Neigung mich auch in diesem Fach weit mehr zu einer, wenn nicht tragischen, so doch ernsten und tiefern psychologischen Zweck im Auge haltenden Behandlung triebe, aber ich habe es mir mal anders vorgenommen; mißlingt der Versuch, so haben meine Plagegeister ja den Beweis in Händen, dass der Irrtum auf ihrer Seite war.
Rüschhaus, 26. April 1840





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