Kategorie: 1841
Meine Mutter hatte bei unserer Abreise ein Unwohlsein, Schwindel, plötzliche Übelkeiten, die mich doch sehr besorgt machten, so dass ich nur sehr ungern und halb gezwungen ging. Seitdem war die letzte Nachricht von Haus der plötzliche Tod unrer Anna (meines Bruders Töchterchen), und auf diesen Schrecken nun seit anderthalb Monaten keine Zeile! Sie können sich meine Angst nicht denken. Ich stand morgens im Finstern auf und wartete stundenlang an der Treppe auf den Postboten, damit man mir keinen Brief mit übeln Nachrichten unterschlagen könne, und ich glaube, wenn es länger gewährt hätte, wäre ich krank oder verrückt geworden. Gottlob! Der Brief ist da und alles gut. …
Übrigens geht es Sch[ücking] sehr gut. Er ißt, was ihm schmeckt ohne Magendruck, läuft stundenweit, bergab, bergan, ohne dass seine Brust es spürt, und hat alle Aussicht, mit einem Gesichte so rund und rot wie ein Apfel heimzukehren. …
Du weißt, dass der Landtag alle Hände so voll gehabt hat, dass die Schulangelegenheiten gar nicht haben zur Sprache kommen können. Manche sagen, nicht mit Unrecht, sie hätten dafür einige Privatsachen, z.B. Jagdsachen et cet., hinter Weges lassen sollen. Es ist traurig dass so sehr viel Verstand und Geistesunabhängigkeit dazu gehört das Allgemeine aufzufassen, und die ehrlichsten Leute, die sich nicht mit Millionen bestechen ließen, doch ihr zerbrochenes Töpfchen immer für den Hauptschaden halten. – Gutsbesitzer – Kaufmann – Städter – Jeder stimmt für sein Interesse, so mache sie sich einander kaputt, und das Resultat ist, dass alle mit gleicher langer Nase anziehn…
Perdu!: mein Lustspiel, worin höchstens einer Persönlichkeit (der Bornstedt) zu nahe getreten sein könnte, ist auch von meinem Kreise förmlich gesteinigt und für ein vollständiges Pasquill auf sie alle erklärt worden, und doch weiß Gott, wie wenig ich an die guten Leute gedacht habe. Schücking und die Rüdiger waren die einzigen die nichts Anstößiges darin fanden, obwohl beiden auch ihre Rollen zugeteilt wurden, und zwar letzterer eine höchst fatale.
Meinen Gedichten geht es schon gut in der weiten wüsten Fremde. Es sind kürzlich wieder zwei Rezensionen heraus gekommen (Dresden und München), so gut wie die, [die] du bei mir gelesen. Einer der Rezensenten (der Dresdener) ist so artig gewesen, mir das Blatt unter Umschlag an meinen Verleger zuzuschicken, hat sich aber nicht genannt.
Ein gewisser Engel, der in Hamburg am “Telegraphen” schreibt, ist noch galanter, und sagt in seinen (”Reiseskizzen” glaube ich), als er auf Münster kömmt, “wie man eine Stadt so wenig beachten könne, wo man vielleicht Levin Schücking und Annette Elisabeth von D. H. unter den Bogenhallen begegnen könne”, wobei er sich des breiteren über mein Büchelchen ausläßt. Die Bornstedt ist furios darüber gewesen und hat behauptet, der Mensch sei von Levin dazu gekriegt, sonst hätte er statt meiner wohl sie genannt, denn sie habe viel geschrieben und einen Namen in der Literatur, meine paar Brocken aber kenne kein Mensch.
Alles das könnte mich ganz stolz machen, wenn ich nicht die niederschlagende Gewißheit hätte, dass meine erste Auflage noch nicht vergriffen ist. Man sagt mir, das käme daher, dass mein Verleger keine auswärtigen Konnexionen habe und nirgends hin größere Sendungen mache, so dass weit entfernte Buchhändler, die es eigens müßten kommen lassen, keinen Vorteil dabei sähen, umso mehr, da Hüffer es schon sehr teuer abläßt (fast einen Taler).Ob dieses der alleinige Grund sein kann, weiß ich nicht und denke vielmehr, es wird immer ein zu kleines Publikum haben, um eine gute Buchhändlerspekulation zu sein.
Übrigens glaube ich, dass die Auflage jetzt bald vergriffen ist (sie war aber auch klein, 600 Exemplare) und, was irgend verkauft wird, geht ins Ausland, hier liest es keine Seele, meine eignen Verwandten und ältesten Freunde haben noch nicht hineingesehn.
Rüschhaus, 20. Juli 1841
Vorerst die neueste Neuigkeit (wenn sie Ihnen nicht vielleicht schon alt ist): Schücking ist hier und wird einige Zeit bleiben, um meines Schwagers Bibliothek zu ordnen. Sie denken wohl, der Gedanke sei von mir ausgegangen, aber keineswegs, obschon ich wollte, ich hätte ihn gehabt. Denn es ist ein guter Gedanke, der Schücking in ein Klima bringt, dessen seine Brust sehr benötigt war, ihm für einige Zeit Unterkommen gibt, ihn wieder an regelmäßige Beschäftigung gewöhnt und endlich ihn mit vielen nützlichen Büchern und noch nützlicheren Personen in Berührung bringt.
Jetzt muss ich Sie bitten, wenn Sie Junkmann sehn sollten, ihm einzuknüpfen, dass er der Mama ja nicht sagt, dass dieser Plan bereits im Reifen war, als wir Rüschhaus verließen. Die Sache verhält sich so: Laßberg ist ein arger Geheimniskrämer, der selbst seiner Frau erst spät sagt, was er vorhat, die dann verschwiegen sein muss wie das Grab, bis er den Moment zur Veröffentlichung angibt. Dieses ist aber ein bittrer Verdruß für meine Mutter, wenn sie sich zuweilen wochenlang abgesorgt und mit der Jenny überlegt hat und erfährt nun hintennach, dass am ersten Tage, mit Jennys Vorwissen, schon alles geordnet war. Sie verschmerzt dieses immer sehr schwer, und Jenny braucht deshalb viel Vorsicht, dergleichen Verstöße zu vermeiden.
So wußte sie (Jenny) längst, dass Laßberg dem Sch[ücking], von dem früher ich und später sie ihm manches Gute geschrieben, diese Beschäftigung anzutragen wünschte, aber sie sagte mir erst ganz kurz vor unserer Abreise davon, als grade Junkmann da war, dem ich es ohne Arg erzählte. Kaum war er fort, als sie mir strengste Verschwiegenheit einschärfte und mich dadurch nicht weniger in Verlegenheit setzte. Nachher habe ich es denn auch keinem weiter gesagt, glaubte aber doch Sch[ücking] einen Wink geben zu müssen, damit er seine Effekten, namentlich seine Papiere, so ordne, dass fremde Augen und Hände darüber kommen könnten, falls die Sache zustande käme und er von Darmstadt direkt nach Meersburg müßte. Sch[ücking] fürchtete nun, dass er dass er um den ganzen Darmstädter Aufenthalt kommen möge, worauf er sich solange gefreut, reiste deshalb schleunigst ab, um vieles früher als er vorgehabt, und war doch kaum dort warm geworden, als er den förmlichen Antrag mit der Bitte nicht zu zögern erhielt, so dass er vierzehn Tage nach uns hier anlangte.
Dieses ist die wahre und eigentliche Geschichte seiner Flucht, wie Sie es nennen, die wirklich etwas Hals über Kopf war. Da Jenny nun in ihrem Briefe nach Hülshoff nicht die Unwahrheit gesagt, aber wohl die Wahrheit umgangen und geschrieben hat, Laßberg haben den Sch[ücking] auf Veranlassung des Guten, was sie von ihm gesagt, von Darmstadt kommen lassen (so dass es aussieht, als habe sie in Rüschhaus selbst noch nicht davon gewußt), mich auch bewogen hat, in meinem Briefe an Mama meine Ausdrücke auf ähnliche Weise zu stellen, z. B. zu sagen, ich habe nichts von der Sache erfahren, bis sie zur Ausführung bereit gewesen (was allerdings wahr ist), so wäre es höchst fatal, wenn Mama hintennach erführe, dass selbst Junkmann darum gewußt und sie nicht. Ich bitte Sie also, dieses zu verhüten. …
Übrigens bekömmt Sch[ücking] die Luft hier überaus gut, er sieht vortrefflich aus und fühlt weder Schwäche noch Beklemmung mehr; nützliche und angenehme Bekanntschaften hat er auch schon gemacht.
Meersburg, 29. Oktober 1841
Und nun zu Uhland, des Äußeres keineswegs vorteilhaft ist, und der doch gefällt, wiederum durch große Bescheidenheit, Einfachheit und einen überwiegenden Zug von Güte, sonst ist er häßlich, seine Gestalt stämmig, fast gemein, feuerrotes Gesicht, und dazu stammelt er, was ihn so verlegen macht, dass er zuweilen aus Angst von einem Fuße auf den andern springt, aber plötzlich fährt ein geistiges Blitzen über sein Gesicht, oder ein unbeschreiblicher Zug von Milde und Teilnahme, dass man ihm gern die Hand drücken möchte, wenn man nicht dächte es bringe ihn in größte Verlegenheit. Er und Laßberg haben sich sehr lieb, und beide sprangen (da Laßberg, seit seinem Falle vor fünf Jahren, hinkt) auf die komischste Weise vor Freude im Zimmer umher, als sie ich begrüßten, dann ging es bald an gelehrte Gespräche, in die Bibliothek et cet, und wir Frauenzimmer kamen gar nicht in Betracht, hatten aber doch mitunter das Zuhören…
29. Oktober 1841
… in meinem Koffer (der noch immer nicht da ist) liegt, was von dem “Westfalen” (”Bei uns zu Lande auf dem Lande” heißt’s eigentlich) fertig ist, nebst dem Material, den geistlichen Liedern, um sie hier durchzuarbeiten und ins Reine zu schreiben. Auch das Lustspiel habe ich zur Feilung mitgenommen. Wenn ich hinzufüge, dass Therese so gut wie gar keine Zeit hat und ich meine Strümpfe selber stopfe, ferner ein Paar Pantoffeln für Laßberg zu Weihnachten sticke und noch der Therese Heisdorf versprochen habe, ihr etwas auszuschneiden, so siehst Du, dass ich einen guten Berg Arbeit vor mir habe. Das Buch und die Pantoffeln müssen aber vorgehn; vom übrigen was möglich ist. Da Schücking so wenig Zeit hat, werde ich Jenny abends vorlesen, was fertig ist. Sie sagt, das störe Laßberg gar nicht in seinem Puffen, und ohne jemandes Teilnahme arbeitet man nicht mit Luft.
Meersburg, 26. Oktober 1841





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