Kategorie: 1841



aus: 1841, Briefe an Therese von Droste, Meersburg

Soeben sagt mir Jenny, dass ich dir schreiben solle, dass Schücking hier ist. … Laßberg hat ihm nach Darmstadt, wo er sich grade bei Freiligrath aufhielt, geschrieben, um einen Katalog von seiner Bibliothek zu lassen; Laßberg st ganz von selbst auf den Einfall gekommen., da er sich schon längst, nach seiner geheimnisvollen Weise ganz im stillen, nach einem Menschen umgesehn, der nach den nötigen Kenntnissen keine große Forderungen mache und ihn nicht im Hause geniere; so habe ich nichts von dem Plane gewußt, bis er zur Ausführung kommen sollte, habe mich aber recht gefreut Schücking zu sehn, der vor etwa zehn Tagen angekommen und den ganzen Tag so fleißig an der Arbeit ist, dass Laßberg ihn lobt. Wir sehn ihn selten, außer bei Tische, da er in den freien Stunden (abends bei Licht) an seinen eigenen Schriftstellereien arbeitet oder auch ins Museum geht, die Zeitungen zu lesen.

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aus: 1841, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Nun hat mein bekannter Äquinoktalhusten, an dem ich leider einige Wochen sehr gelitten, und den meine Schwester noch nicht miterlebt hatte, diese so arg geängstigt, und sie hat der guten Mama einen so argen Floh darüber ins Ohr gesetzt, dass eine Luftveränderung als durchaus nötig für mich erklärt worden ist. Kurz, es ist mal so! Ich reise mit. Und bemühe mich, der Sache die angenehmste Seite abzugewinnen, da mir doch mal die Qual der Wahl nicht geworden ist.

Auch soll der Aufenthalt in Meersburg um vieles angenehmer sein als der in Eppishausen, schon des einträchtigen, friedlichen Wohnens unter Glaubensgenossen und im Schutze geordneter Gesetze wegen, was man dort so drückend vermißte, und dann ist diesseits des Sees “das Land, was meine Sprache spricht”, was man drüben wahrlich nicht sagen kann, so selbst Menschen aus den gebildeteren Ständen, z. B. die Frauen der dortigen Ärzte und Pfarrer sich einbildeten, wir sprächen englisch, und man also noch vereinzelter steht, wie hierzulande eine französische Familie, die wenigstens überall ihren Glauben und Gottesdienst blühen sieht. Gott bewahre mich vor dem Heimweh; ich habe es das vorige Mal auf eine arge Weise gehabt, indessen werde ich doch keine Viertelstunde allein sein können, ohne dass meine Gedanken in Rüschhaus, Hülshoff, Münster wären; umso mehr, weil ich abreisen muss, ohne irgendwo Abschied nehmen zu können, da die Reise mich schon vor sechs Jahren sehr angriff und, da ich seitdem um vieles immobiler geworden bin, dieses jetzt wohl noch mehr tun wird, weshalb Mama und Jenny darauf bestehn, dass ich mich nicht vorher durch vieles Umherlaufen und Fahren abmatten soll; sie behaupten, es überall für mich gemacht zu haben; damit ist mir aber nicht geholfen, und der nicht genommene Abschied tut mir weit weher als ein wirklicher. …

Zu arbeiten denke ich auch drüben fleißig, mein angefangenes Buch über Westfalen zu vollenden und die geistlichen Lieder zu feilen und abzuschreiben. Das Nötige dazu steckt schon tief unten im Koffer, und an Zeit und Ruhe wird es mir nicht fehlen, da Jenny mir auf meine Bitte ein ganz abgelegenes Zimmer in ihrem alten, weiten Schlosse, wo sich doch die wenigen Besucher darin verlieren wie einzelne Fliegen, einräumen will, einen Raum so abgelegen, dass, wie Jenny einmal hat Fremde darin logieren und abends die Gäste hingeleiten wollte, sie alles in der wüstesten Unordnung und die Mägde weinend in der Küche getroffen hat, die vor Grauen daraus desertiert waren. Ist das nicht ein poetischer Aufenthalt? Wenn ich dort keine Gespenster- und Vorgeschichten schreiben kann, so gelingt es mir nie.

Ich glaube übrigens, auf dieses Werk werden Sie, mein Freund, sehr influieren, d. h. das Andenken an Sie, denn ich freue mich schon jetzt darauf, es Ihnen vorzulesen, und dieses wird mir unter dem Schreiben beständig in Gedanken liegen. Sagen Sie nicht (wie Sie zu tun pflegen), dass ich mich Ihren Ansichten immer heterogen stelle. Das Disputieren und Aufbrodeln ist so eine schlechte, stöckische Manier an mir, und ich habe nachher ganz im stillen oft manches nach Ihrer Angabe verändert. Auch bin ich oft nur so verkehrt, wenn ich, grade mit Hinsicht auf Ihr Urteil, es meine so recht nach Ihrem Geschmacke getroffen zu haben, und es läuft mir dann so elendig kahl ab, dass Sie meinen hoffnungsvollen Sprößling ohne weiteres für einen Schlabünter erklären. Von meinem Westfalen (”Bei uns zu Lande auf dem Lande” ist sein eigentlicher Titel) hoffe ich aber ein erfreulicheres; ist’s doch unser liebes Ländchen, und unser beiderseitiges Hängen an ihm schon ein gar starker Einigungspunkt.

Die Gabe des allerentschlossensten Streichens

An dem bisher Fertigen glaube ich schon manches zu sehn, was guten Fortgang verheißt und nur einen hervorstechenden Fehler, zu große Breite an manchen Stellen; aber dagegen weiß ich Rat, habe ich doch den dritten Gesang meines St. Bernhard gestrichen und von dem ersten fast die Hälfte! Das Streichen und Feilen muss aber erst nach Vollendung des Ganzen geschehen, während der Arbeit macht es mutlos und unterbricht auch die poetische Stimmung zu sehr. Ich werde überhaupt immer zu breit, da mich die momentane Aufgabe jedesmal ganz hinnimmt und mir somit die Gabe fehlt, Nebendinge sogleich als solche zu erkennen und zu behandeln. Als Gegengewicht ist mir jedoch die Gabe des allerentschlossensten Streichens geworden, und ohne dieses würden meinem Pegasus längst Eselsohren gewachsen sein.

Ich wollte, ich säße nur erst am Seeufer und schrieb. Die letzten Tage vor dem Abschiede sind nur eine Körper- und Gemütsqual, und von einer Reise habe ich nie Freude, da ich leider das Fahren nicht vertrage und schon eine Stunde nach Abfahrt die Sehnsucht nach dem Abendquartier mein fixer Tagesgedanke wird.

Rüschhaus, 19. September 1841

aus: 1841, Briefe an August von Haxthausen, Rüschhaus

Ich habe mein Buch über Westfalen (was den Titel “Bei Uns zu Lande auf dem Lande” führen soll) bereits angefangen, und ein ziemliches Stück hinein geschrieben - es schien mir gut, und doch verlor ich auf einmal den Mut, da ich meine lieben Eltern so deutlich darin erkannte, dass man mit den Fingern darauf zeigen konnte, - das war eigentlich nicht meine Absicht, ich wollte nur einzelne Züge entlehnen, und übrigens mich an die allgemeinen Charakterzüge des Landes halten, - nun fürchte ich, wird es jedermann gradezu für ein Porträt nehmen.

Rüschhaus, 20. Juli 1841

aus: 1841, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Sie sind mir sehr lieb, Elise, viel lieber, als Sie es wissen, und auch lieber, als ich Ihnen. Ich sage das nicht, um einen zärtlichen Widerspruch aus Ihnen herauszulocken, sondern damit Sie einen Maßstab haben, nach dem sie meine Neigung beurteilen können. Ich bin mir gewiss, dass Ihre Gedanken nicht so oft bei mir sind, als die meinigen bei Ihnen, und dass Sie mein Wohlsein nicht in dem Grade am Herzen tragen. Das soll kein Vorwurf sein, sondern ein unumwundenes Aussprechen meiner Gefühle für Sie. Fragen Sie L[evin], der weiß wohl, wie wert Sie mir sind und wie lebhaft ich wünsche, fortwährend um sie sein zu können. Die Umstände gestatten dies nicht, um so erfreulicher sind mir Ihre Besuche, vor allem wenn ich denken kann, dass sie so recht um meinetwillen kommen.

Diese Woche bin ich nun nicht hier und einen Teil der nächsten nicht, doch werde ich suchen, Montag oder spätestens Dienstag wieder einzutreffen, geradezu gesagt, um den Mittwochen nicht zu versäumen. Sie sehen hieraus, dass Sie mir in Beziehung auf L[evin] unrecht tun, ich weiß den Wert einer solchen Freundschaft sehr wohl zu schätzen und möchte sie um vieles nicht hingeben, und darum lege ich auch Wert auf jeden der vielleicht noch sehr wenigen Tage, wo ich ihrer in diesem herzlichen und ruhigen laisser aller genießen kann. …

… so ist mir der Sommer und Herbst, wenn auch einerseits durch das Wiedersehn meiner Nächsten erfreulich, doch in Beziehung auf meiner Freunde sehr gestört, und das ist mir ein arger Kummer, da die Verwandten uns nahe bleiben, und wohnen sie hundert Meilen weit, weil wir sie jederzeit aufsuchen können. Das findet jeder natürlich und animiert uns dazu, dagegen bedarf es bei Freunden gleichen Geschlechts dringender Gründe und bei denen eines andern gibt es gar keine. So kann eine Trennung von zehn Meilen leicht eine lebenslängliche werden, und wird in der Regel eine jahrelange. Sie fühlen wohl, meine sehr liebe Freundin, dass ich für dieses Mal hauptsächlich in Beziehung auf L[evin] rede, und drücke mich so klar und unumwunden aus, weil mir zuweilen scheint, als dächten Sie, ich betrachte diese in der Tat schöne und rührende Anhänglichkeit wie einen Blumenkranz, an dessen Duft und Farben man sich eine Weile erfreut und ihn dann gleichmütig beiseite legt, wenn uns scheint, dass er anfängt zu welken, oder auch nur, wenn wir uns satt daran gesehn haben. Ich denke, Sie glaubend as jetzt nicht mehr. L[evin] kann auf mich rechnen als eine Freundin fürs Leben und für jede Lage des Lebens, besonders seit mir die sehr seltne Überzeugung geworden ist, dass sein Gefühl (für Freunde) nicht an der ärgsten aller Freundschaftsklippen scheitert, sondern in völliger Reinheit und Kraft daneben hersegelt.

Wenn ich dieses nicht sehr hoch anschlüge, so müßte es mir an Erfahrung oder Gefühl fehlen. Erstere habe ich leider zur Genüge, und letzteres, denke ich, trauen Sie mir doch zu. Auf Sie kann ich auch rechnen, nicht wahr, meine alte Elise? Antworten Sie mir nicht hierauf, ich weiß es doch, wir müssen nur erst so recht gründlich bekannt und unbefangen miteinander werden, worin es immer noch etwas hapert - Ihrerseits meine ich.

Es dünkt mir oft, als liege doch immer noch eine Art von Zwang und Befangenheit auf Ihnen, wenn wir zusammen sind. Ich schreibe das nicht, damit Sie mir darauf antworten sollen, sondern nur, damit Sie wissen, dass ich es fühle und so herzlich gern beseitigen möchte. Antworten würde Sie erst recht beengen und, da Sie vielleicht den Grund selbst nicht wissen, unsicher machen, und da hätte ich meinen Zweck, mich Ihnen so viel als möglich nahezubringen und zum Lohn für meine Neigung die Ihrige einzutauschen, erst recht verfehlt.

Ich reiche Ihnen meine Hand bis nach Münster herüber, mein gutes Herz, und will, wenn ich mal werde meine ganze Person herübergetragen haben, oder Sie die Ihrige hierher, Ihre Verteidigung der B[ornstedt] mit den besten Vorsätzen des Eingehens in Ihre Ansicht anhören, mehr kann ich nicht versprechen, und das ist auch schon, wie mich dünkt, mehr als halb gewonnenes Spiel für Sie. Ich gestehe Ihnen, dass ich neulich auch innerlich arg gereizt war durch die Aussicht auf einen fatalen Klatsch, bei dem für mich mehr auf dem Spiel stand, als Sie wohl in dem Augenblicke übersahen, nämlich nicht nur das Aufgeben eines mir sehr werten Verhältnisses, sondern auch meine ganze so langsam und mühsam erkämpfte Freiheit (insofern ich die passive Nachsicht der Meinigen mit meiner Weise zu sein und mich zu den Menschen zu stellen so nennen darf), die ich vielleicht in oder wenigstens erst nach einer hübschen Reihe von Jahren wieder erlangen würde.

So sagte ich zwar damals nichts, was ich nicht noch heute als meine wirkliche Ansicht wiederholen würde, aber dennoch stellte ich allese auf die Spitze, und mir war weder das Gute gegenwärtig, was sich dagegen in die Wagschale legen läßt, noch die mannigfachen Bedrängtheiten jenes armen Geschöpfs, die nicht nur das Mitleid in Anspruch nehmen, sondern auch die Gerechtigkeit, da eine solche Lage wohl dem Besten einen bittern gehässigen Ton geben könnte und es demjenigen, dessen ganze Existenz von dem Wohlwollen anderer (sowohl des Publikums als einzelner) anhängt, notwendig unendlich schwer werden muss, sich ganz frei von Doppelsinn und einem gewissen mißtrauischen Neide gegen andre zu erhalten. Gott weiß, wie ich selbst in ihrer Lage wäre” Sie hat eine lange Reihe von Sorgen, Kränkungen, getäuschten Erwartungen durchgemacht und hat doch manchen weichen gutmütigen Augenblick daraus gerettet; ich fürchte, mich hätte so etwas gänzlich abgestumpft und verhärtet. Da haben Sie mein demütiges Bekenntnis. Erinnern Sie mich daran, Elise, wenn mal wieder der Zensor in mir die Überhand gewinnt!

Rüschhaus, Juli 1841

aus: 1841, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Für die Überschickung der Rezension danke ich herzlich. Schücking sagt, wenn sie ganz ohne Unterschrift sei, so sei sie am wahrscheinlichsten von dem Herausgeber des Blattes, Theodor Hell; seine Mitarbeiter pflegten sich zwar auch selten zu nennen, aber doch mit einem Anfangsbuchstaben zu bezeichnen. Es geht mir sonderbar mit meinen Gedichten. Ich bekomme eine vortreffliche Rezension nach der andern, dies ist schon die sechste, und einige der andern sprechen sich noch vorteilhafter aus wie diese, und doch verkauft sich das Buch so schlecht, dass die kleine Auflage von 500 Exemplaren noch nicht vergriffen ist. Wie ich das reimen soll, weiß ich nicht; wüßte ich nicht mit Gewißheit, dass diese Rezensionen bis auf eine von fremden Literaten sind, ich dächte meine Freunde schrieben sie, um mir Spaß zu machen.

Adele erschöpft sich in den schmeichelhaftesten Klagen, dass ich Weimar und Jena meine Gedichte so gesucht würden und nirgends zu bekommen wären. Beträfe es nicht mein eignes Buch, so würde ich antworten: “Wenn Eurer denn so viele sind, weshalb veranlaßt Ihr nicht einen Buchhändler, es zu bestellen?” Überhaupt wundert mich schon, dass an den Orten, wo die Rezensionen erscheinen, diese keinem dortigen Buchhändler Lust machen, es doch auch mal mit dem Werkchen zu versuchen. Freilich sind diese Orte sehr entfernt, das Porto würde bedeutend sein und allen Vorteil hinnehmen, da niemand mit meinem Verleger (Hüffer) anderweitige Konnexionen hat und größere Sendungen erhält, denen diese beigefügt werden könnte. …

Ich habe jetzt eine Erzählung fertig von dem Burschen im Paderbörnischen, der den Juden erschlug, von der Junkmann aber sagt, die Paderbörner würden mich auch totschlagen, wenn ich sie herausgäbe. Und jetzt vollende ich den Zyklus der geistlichen Lieder, die aber auch nicht derart sind, dass sie herauskommen können. Sonst wäre beides schon gut geraten.

Rüschhaus, Juli 1841