Kategorie: 1842



aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Mein Konterfei ist und bleibt Dein eigen, mein lieb Herz, nur hängt die gute Elise so sehr daran, dass sie es nicht unkopiert abgeben will, und kann doch in diesem Augenblicke keinen Maler herbeihexen. Die Wenning verändert sehr unter dem Kopieren und ist teuer dazu; es kann aber nicht fehlen, dass bald irgend ein vazierendes Genie einrückt, und dann, lieber Levin, wissen Sie selbst wohl, dass mich darnach verlangt, mich, wenigstens gemalt, mal wieder recht freundlich von Ihnen ansehn zu lassen; es ist mir ganz betrübt, wenn ich denke, Sie könnten vergessen, wie Ihr Mütterchen aussieht.

Neulich traf ich bei der Rüdiger den neuen französischen Lion, M. Cherouit; das Bild wurde umher gezeigt, und Monsieur meinte, “die Züge seien da, die Seele aber fehle”. Der Mann hat sich in einem Male dadurch bei mir ruiniert; wollte Gott, ich sähe so edel aus wie das Bild!

Aber der geistreichste Franzose meint, Damen gegenüber zuweilen fade werden zu müssen. Dieser gute Mann, Hofmeister des Prinzen Hatzfeld, macht jetzt in manchen Kreisen Regen und Sonnenschein. Daß er sehr geliebt wird, glaube ich kaum; denn er ist scharf, sentenziös, sehr mokant, dabei ziemlich alt und garstig; aber sein Urteil, dem der feinste Geschmack zugeschrieben wird, stellt die geistige wie moralische Renommée der Damen fest, und es ist deshalb eine Ehrensache, ihm zu gefallen. Er schließt sehr vom Äußern – Stimme, Haltung, Kleidung – aufs Innere: ob zu gesucht oder zu nachlässig, zu modern oder zu altfränkisch; und ich glaube, dass keine Dame aus jenen Kreisen, bei Du-Vigneaus, Scheiblers et cet., sich mit gleicher Ängstlichkeit für einen keimenden Liebhaber putzt wie für das funkelnde Inquisitorauge des Herrn Cherouit. Nur Elise macht eine rühmliche Ausnahme, gibt sich unbefangen, wie sie ist, und wird ihm deshalb ohne Zweifel am besten gefallen …

Hülshoff, 29. Dezember 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Von der armen Adele habe ich einen recht trüben Brief; sie ist noch in Bonn; Wolff, der ihr Übel immer am günstigsten beurteilte und in einer Kur zu heben hoffte, hat jetzt leider diese Ansicht aufgegeben und schiebt sie von sich ab, wie die übrigen, dem Karlsbade zu. Ich fürchte mit ihr, dass an Heilung nicht zu denken ist, nur an Hinhalten, vielleicht Lindern, auf längere oder kürzere Zeit; es geht mir sehr nahe.

Vielleicht kömmt sie auf einige Zeit nach Rüschhaus; Mama hat sie wenigstens dringend einladen lassen, und der Umweg ist unbedeutend; ich wünsche es natürlich sehr.

Sie hat mir von eigner Hand ein wunderschön gemaltes Blatt geschickt, Randgemälde: ein Blumenkranz mit den zierlichsten Insekten durchsprenkelt, alles in Gold und brennenden Farben; es ist das Schönste, was ich je in dieser Art gesehn, und so mühsam ausführlich, dass ich mich ebenso viel darüber betrübt wie gefreut habe. Aber so lange sie ihre armen kranken Hände noch rühren kann, wird sie es für andre tun. Weiß Gott, sie hat bei einigen zwar auffallenden, aber harmlosen Schwächen doch ein großes Teil vom Engel in sich!

Auch den zweiten und leider letzten Band des selig entschlafenen Frauenspiegels schickt sie. Er ist etwas besser wie der erste, hauptsächlich durch eine ganz hübsche Erzählung von Adelen selbst, – etwas im Tieckschen Stil, wie man sie vor zwanzig Jahren würde himmlisch gefunden haben, jetzt ein wenig veraltet, doch mit guter Charakterzeichnung. Ich glaube, in Prosa könnte Adele etwas ganz Artiges leisten: beliebte Damenlektüre, von Männern freilich wenig beachtet; etwa so viel wie Karoline Pichler, doch in anderm Genre, weniger verständig, aber geistreicher. Kraft hat sie nicht, aber Geschmack, und jene minutiöse Zierlichkeit, die Frauen ebenso anziehend wie der männlichen Kritik fatal ist.

Hülshoff, 29. Dezember 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Denken Sie sich das Malheur: die Bornstedt kömmt wieder!! und ich möchte schreien wie Frau Kratzefoot im Reineke de Voß: “O waih, o waih, se is allerdinge do!” Da ist sie zwar noch nicht, aber wir können sie jede Stunde erwarten, und ich glaube jetzt beinahe, dass sie schon lange im Klaren ist und nur gehofft hat, die desperaten Umstände durch eine vom Könige ersungene Pension noch heiratbar zu machen; Sie wissen, dass sie bei der Anwesenheit desselben sich in Neufchatel eingestellt, mit scharfen Rekommandationen dem General Pfuhl ein Gedicht übergeben, und dieser ihr dafür hundert Thaler vom Könige verschafft hat.

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aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Jetzt habe ich Ihnen soviel vorgeklatscht, lieber Levin, dass mir kaum Raum zu viel Lieberem und Nötigerem bleibt. Vorerst: Wollen Sie nicht mal einen kleinen offnen Zettel an Elise einlegen? Einen Brief erwartet sie nicht, und wünscht ihn wohl kaum, da die Korrespondenz, wie Sie selbst fühlen, vorläufig noch etwas Peinliches haben würde, und sie durch meine Briefe viel ungenierter au courant ihrer Lage bleibt, aber dieses wäre doch eine Freundlichkeit. Zwingen sollen Sie sich indessen nicht, beengt es Sie, so lassen Sie es.

Dann eine Bitte, mein Kind, Du hast Deinen Brief zerissen, um mir das Herz nicht schwer zu machen, meinst Du, dass mir etwas schwerer auf dem Herzen liegen könnte wie die Angst ohne bestimmten Gegenstand, wenn Du mir nicht offen mehr schreibst? Ein Glück magst Du allenfalls für Dich behalten, aber Deine Prüfungen will ich teilen und mittragen, wie es einer ehrlichen Mutter zukömmt …

Von der Gall habe ich nichts gelesen; schreibt sie gut? Auch hübsche Briefe? Und ist’s dieselbe Dame, von der Ihnen Freiligrath mal schrieb? Schreiben Sie doch etwas Genaueres über sie; wie sind Sie mit ihr bekannt geworden?

Hülshoff, 27. Dezember 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Ich wollte ein paar stille, gemütliche Stunden mit Elisen und Tante Ittchen zubringen, war im ordinärsten Kostüm, dabei noch verregnet und verpluddert - an der Treppe kömmt mir E. hastig entgegen, führt mich durch die Küche ins Kabinettchen, wo mir schon der französische Caquet vom Saale entgegen schallt, und bittet mich vom Himmel zur Erde nicht umzukehren, - Gott behüte! linksum kehrt Euch! - Tante Ittchen und Nanny Scheibler werden zur Hilfe gerufen, und ich fahre endlich in den Saal, grimmig wie eine wilde Katze, unter der Bedingung, mir Niemanden vorstellen zu lassen, und kein Wort französisch zu sprechen. So pflanze ich mich, möglichst weit ab, zwischen Tante Ittchen und Nanny Sch[eibler], drehe den ganzen Abend dem Franzosen den Rücken zu, und mache zur Rechten deutsche Konversation, während er zur Linken französische - das war zuviel für einen Lion!

Mit einmal läßt er seine Damen sitzen und plumpst wie ‘ne Bombe in unser Gespräch, mit dem halsbrechendsten Deutsch. Ich geriet in eine wahre Bärenlaune, antwortete ihm nur grade das Nötigste und war aus Malice desto freundlicher gegen alle übrigen. Als die Gesellschaft aus einander gegangen war, taten E. und Tante Ittchen doch ein bisschen kleinlaut. An dem Cherouit war ihnen nichts gelegen, aber sie fürchteten seine Zunge für mich - und was geschah? hören Sie mein Urteil! - ich sei “une veritable Dame de Qualite”, habe “l’air noble d’une reine”, habe (hört! hört!) in meiner Kleidung “une simplicite du meilleur gout” und sei überall “la femme la plus aimable et interessante qu’il eut jamais vu”. Nichts natürlicher als das! Der Franzose war durch alle die Augendienerei bis ins Mark blasiert, ergo!

Hülshoff, 27. Dezember 1842