Kategorie: 1843
Den 19ten. Guten Morgen, altes Lies, es ist Sonntag, und ganz heimlich unser beider Namenstag dazu. Ich glaube nicht, dass im Schlosse jemand daran denkt, aber ich habe schon im Bette daran gedacht, d. h. an Sie, mein Lies, und Ihnen, bien ou mal, ein Stück Novembermorgen-Poesie zum Frühstück gebraten. Da haben Sie die Schüssel, wie sie ist! Noch mit unabgewischtem Rande, aber gut gemeint, und jedes Wort wahr darin. Ach, ich habe mich wieder so arg nach Ihnen gesehnt, dass es ganz unausstehlich war und ich mir fast einbildete, ich sei krank und könne nicht in die Kirche gehn, förmlich bei den Ohren habe ich mich dazu nehmen müssen, und merke doch nun, dass mir eigentlich nichts fehlt als Sie.
- An Elise. Am 19. November 1843
Du weißt es lange wohl, wie wert du mir,
Was sollt’ ich es nicht froh und offen tragen,
Ein Lieben, das so frischer Ranken Zier
Um meinen kranken Lebensbaum geschlagen?
Und manchen Abend hab’ ich nachgedacht,
In leiser Stunde träumerischem Sinnen,
Wie deinen Morgen, meine nah’nde Nacht
Das Schicksal ließ aus Einer Urne rinnen.Zu alt zur Zwillingsschwester möchte ich
Mein Töchterchen dich nennen, meinen Sprossen,
Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich,
Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen.
Wo flammt im Herzen mir ein Opferherd,
Daß nicht der deine loderte daneben,
Von gleichen Landes lieber Luft genährt,
Von gleicher Freunde frommem Kreis umgeben?Und heut, am Sankt Elisabethentag,
Vereinend uns mit gleichen Namens Banden,
Schlug ich bedächtig im Kalender nach,
Welch’ Heilige am Taufborn uns gestanden;
Da fand ich eine königliche Frau,
Die ihre milde Segenshand gebreitet,
Und eine Patriarchin, ernst und grau,
Nur wert um den, des Wege sie bereitet.Fast war es mir, als ob dies Doppelbild
Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen,
Als woll’ es dir die Fürstin zart und mild,
Mir nur die ernste Hüterin vergönnen;
Doch - lächle nicht - ich hab’ mich abgekehrt,
Bin fast verschämt zur Seite dir getreten;
Nun wähle, Lieb, und die du dir beschert,
Zu der will ich, als meiner Heil’gen beten.
20ten. So weit war ich gestern, als vor meiner Tür ein wunderliches Getöse ausbrach, ein heilloses Katzenkonzert von falschen Stimmen, verdorbenen Maultrommeln, und ich glaube auch ein paar Topfdeckeln. Vivat Elisabeth! Wir haben tüchtig gelacht, und ich bin sehr hübsch beschenkt worden, Mineralien, griechische Silbermünzen, ein Dampfboot als Schreibzeug, zwei Mundtassen, ein geschliffenes Glas. Aber mit dem Schreiben war’s vorbei, ich musste meine besten Lümpchen anlegen und mich droben fast krank essen in Kuchen und duselig trinken in Gesundheiten. Wenn sie den Leuten so gut bekommen wie sie mir schlecht geschmeckt haben, so wird’s heuer einige Methusaleme geben.
Ich wollte eben auch die Ihrige ausbringen, als Laßberg rief: “Silentium! Unsre liebe Freundin, die sehr werte Frau Elisabeth Rüdiger, geborne von Hohenhausen, vivat hoch!” Sie glauben nicht, welch enormen Klotz von Steine Sie hier im Brette haben. Solange man Sie auf der Reise vermuten musste, ist den ganzen Tag nach dem Wetter geguckt worden, und ihre Epistel hatte ich noch nicht halb durchlesen, als die Kinder schon an der Tür klinkten: Vater, Mutter und Großmutter ließen mich bitten, ich möchte doch kommen, mit dem Briefe von der Urgroßtante. Unter dem Vorlesen sagte Laßberg bei jeder interessanten Bekanntschaft oder guten Aufnahme “Recht so! recht so! so muss es sein!”, und Jenny lächelte so vergnügt, als wäre es ihr selbst geschehn. Aber Sie, Lumpus, haben meine Mama gar nicht grüßen lassen. Ich glaube nicht, dass es in dem Durcheinander von Vorlesungen bemerkt worden ist, denn jeder gab sein Anteil zum besten, aber das nächste Mal denken Sie doch daran. …
Sie kehren reich an den freundlichsten und ehrenvollsten Erinnerungen zurück, die Ihnen geringstenfalls manchen Moment erheitern und vielleicht als Anknüpfungspunkte dereinst noch dauernd angenehm und nützlich werden können. Ich kann nicht sagen, wie es mich freut, Ihnen zu der Reise zugeredet zu haben!
Laßberg und Jenny lassen Sie aufs Herzlichste zur Wiederholung derselben einladen, und je länger Sie bleiben können, je lieber wird es ihnen sein. Was meinen Sie zum nächsten Sommer, wo wir im Juni oder anfangs Juli zurückreisen? Es wäre sehr lieb und schön, und hier schien es Ihnen auch plausibel, aber Zeit und Ort ändern die Ansichten leider zuweilen. … Hier gibt’s auch manches neue Gesicht und mitunter grundgelehrte, aber nicht eins darunter wo ich die Feder um ansetzen möchte, und selbst die Namen dieser lateinischen und Nibelungen-Steckenreiter würden Ihnen fremd sein.
Pearsals wollen seit vier Wochen täglich kommen, und ich soll dann einen wunderherrlichen Kontra-Alt hören (die Tochter, Philippa); hierauf bin ich anfangs sehr neugierig gewesen, aber es währt mir zu lange, ich habe mich müde gewartet.
Meersburg, 20. November 1843
Sie sind jetzt wohl ganz gewiss wieder in Münster, lieb Herzchen, und so gehe ich denn an meine liebste Beschäftigung, die, Ihnen zu schreiben. Ich bin indessen noch keinen Tag von Ihnen getrennt gewesen, alle Nachmittage um drei (außer vorgestern, wo es hart regnete) habe ich an unserem Strande gesessen, der mir durch Sie so lieb geworden ist, dass keine andere Erinnerung neben Ihrem lieben Gesichtchen dort ein Haarbreit Raum findet.
Es hat mich ein paarmal selbst überrascht, wenn beim zufälligen Zurückblicken mir einer meiner alten Lieblingsplätze ins Auge fiel, wie ich so alle Tage dran hertrotte, als wären’s Laternenpfähle oder Rebstöcke. O vanitas vanitatum! Ich habe auf unserm Kiesgrund noch schöne schöne Dinge gesehn, und das Herz hat mir ordentlich geblutet, dass Sie nicht da waren - zweimal ein Alpenglühen, wogegen das frühere gar nicht in Betracht kam, die ganze Alpenkette wie rotes Eisen, und sonst noch prächtige mir ganz fremde Beleuchtungen, z. B. einmal die Kuppen der Berge ganz dunkelviolett, der Fuß ebenfalls, und um die Mitte ein breiter Wolkengürtel, in dem das Abendrot den brennendsten Purpur widerstrahlte, und der wie ein Lavastrom in allen Tinten wallte, es war unbeschreiblich schön und fremdartig!
Auch der See hat noch ein paarmal sein Bestes getan an Grüne und Schmelz, und einen Sturm habe ich erlebt, oh, einen Großpapa aller Stürme, und habe Gott gedankt, dass ich ihn allein überstehn musste. Es war in der zweiten Woche nach Ihrer Abreise, ich hatte einen langen Spaziergang weit über Haltenau hinaus gemacht und mich eben zum Rückwege gewendet, als ein wahres Teufelswetter losbrach, ohne Regen, nur Sturm, aber um Berge zu versetzen. Bei jedem Ruck faßte er mein dickes wattiertes Kleid und wollte mich über die Mauer reißen, so dass ich gleich bergan in die Reben flüchten musste, wo ich mich kümmerlich an den Pfählen fortlavierte bis Haltenau und dort wie ein verunglückter Luftballon ins Haus mehr plumpste als flatterte, nämlich mit halbem Überstürzen, was sich wahrscheinlich eher mitleidswert als graziös mag ausgenommen haben. Die dicke Rebfrau konnte auch mit ihrem “B’hütis Gott! b’hütis Gott!” gar nicht aufhören und meinte, sie würde jetzt um fünf Gulden nicht über die Mauer nach Meersburg gehn. Was half das alles! Ich musste doch nach Hause, obwohl das Wüten draußen mit jeder Minute ärger wurde.
So ging ich wieder los und versuchte als letzten Ausweg, mich gleich den Berg hinauf zu arbeiten, wo ich schlimmstenfalls doch nur bis in die nächsten Rebpfähle geschleudert werden konnte - freilich, wenn’s mit Vehemenz geschah, immer gefährlich genug, und zudem hätte ich, wie sie wissen, Klippenwände passieren müssen. Vielleicht war’s gut, dass der Versuch mißlang,, es war keine Möglichkeit, bei jedem Schritt höher konnte mich der Wind derber packen, ich musste mehr kriechen als gehn und bei jedem Ruck niederhocken, um nicht weggerissen zu werden, also wieder bergab! Doch blieb ich zwischen den Reben, etwa dreißig Fuß über dem Mauerwege. Es war eine greuliche Arbeit; ich habe über eine Stunde gebraucht; die meiste Zeit saß ich in einem Klümpchen dicht zusammen und wartete die Pausen der Stöße ab, um dann zehn oder zwölf Schritte voran zu arbeiten.
Was wir zusammen erlebt haben, kann Ihnen nicht mal einen schwachen Begriff davon geben, aber der See war unbeschreiblich schön, so durchsichtig und in allen Farben wechselnd, wie ich davon vorher keinen Begriff gehabt. Die Sonne warf durch Wolkenlücken ein prächtiges falsches Licht darauf, und ich wurde fast geblendet durch das Blitzen der Springwellen, die unter mir wie eine endlose Reihe Fontänen aufstiegen, und zwar nicht, wie wir es kennen, nur diesseits der Mauer, sondern wenigstens vierzig Fuß höher, weit über mir und meinen Rebstöcken, niederplatschten, so dass ich nach ein paar Minuten keinen trocknen Faden mehr am Leibe und mein Rock sich in einen gefüllten Schwamm verwandelt hatte, der mich niederzog wie Blei.
Ich kann Ihnen sagen, Elise, dass ich froh war, als ich das Tor über mir und meine bedenkliche Fahrt sich in eine klatrige durch die Unterstadt verwandelt hatte. Noch einmal hatte ich einen schweren Stand, die Stiegen hinauf, wo der Wind wieder alle Macht hatte, und besonders auf der langen schmalen Brücke über den Mühlrädern, wo ich einmal keinen andern Rat wußte, als mich platt hinzuwerfen, und doch wohl herabgeweht wäre, wenn nicht der Müller, der auch grad genötigt war die Brücke zu passieren, mich am Boden festgehalten und dann auch die letzte Stiege hinauf geleitet hätte. Als ich ins Schloß kam, schnatternd und einen nassen Streifen hinter mir lassend wie ein geschwemmter Hund, ward ich auch empfangen wie ein armer Hund. Es mißlang mir in mein Zimmer zu schlüpfen, Laßberg stand zufällig im oberen Flur und erhob ein solches Geschrei: “Um Gotteswillen! Wo kommen Sie her! Was haben Sie gemacht! Was denken Sie auch!”, dass ich gleich auf eine sehr unerwünschte Weise en famille geriet. Mama war anfangs wirklich böse, glaubte mir aber doch sogleich, dass ich bei ganz leidlichem spazierfähigem Wetter ausgegangen sei. Laßbergen konnte ich mich nicht begreiflich machen, er war tauber wie gewöhnlich, und ich habe ihn mitten in seinen Exklamationen über meine Unvernunft müssen stehn lassen, denn mich fror erbärmlich. Jenny sagte nichts, aber sie bestellte sogleich einen heißen Krug und Tee, nahm mich dann beim Arm und brachte mich in meinem Zimmer zu Bette. Meinen dicken Rock habe ich acht Tage lang nicht anziehn können, so lange hat er auf dem Boden trocknen müssen.
Da mir das Abenteuer nicht geschadet hat, ist’s mir doch lieb, den See einmal in seiner tollsten Laune gesehn zu haben, um so mehr da es nur für einmal im Leben ist, denn ein anderes Mal werde ich mich hüten! Ich mag die Lachsforellen und Gangfische viel lieber essen, als von ihnen gegessen werden, und es würde mir sogar nur wenig Trost bringen, wenn statt ihrer meine Lieblinge, die Möwen, mich aufpickten. Am nächsten Tage hörten wir von vielem Unglücke am See, einem untergegangenem Schiffe und einigen einzeln Verunglückten. Und mit dieser Trübsal muss ich für heute schließen, denn es schlägt eben acht. Gute Nacht, lieb Herz, bis morgen, ich wollte Sie träumten von mir!
Meersburg, 18. November 1843
Schilt nicht zu arg, liebstes Päulchen, über meine scheinbare Fahrlässigkeit, Du kannst nicht denken, was alles dazwischen gekommen ist, um mich zuerst gänzlich am Schreiben und dann am gehörig schnellen Einziehn der nötigen Nachrichten zu verhindern. Wir haben unsre ganze Reise unter Regengüssen abmachen müssen, was für mich eine tüchtige Erkältung und fast vierzehn Tage Bettliegen zur Folge gehabt hat. Sobald ich aber wieder auf den Strümpfen war, bin ich auf Kundschaft ausgegangen, konnte aber bei der ersten der drei für Dich passenden Wohnungen wegen Abwesenheit, bei der zweiten wegen Unentschlossenheit des Eigentümers anfangs zu keinem Resultate kommen, und bei der dritten (dem neuen Schlosse) sollte gar erst die Erlaubnis der Regierung von Karlsruhe eingeholt werden, wo, wie man mir sagte, dann nachher kein Rückschritt möglich sei, wenn die Bedingungen auch unerwünscht ausfielen.
Da sich das Schloß nun außerdem bei genauerer Überlegung wegen seiner allzu großen Räume als unbequem für eine kleine Haushaltung auswies, namentlich die Zimmer kaum zu heizen und der Weg bis zur Küche eine halbe Reise war, so habe ich diesen Plan ohne weiteres fallen lassen, habe aber nun zwei andre Quartiere im Auge, worüber ich Dir das Nähere mitteilen will.
Das eine heißt der Schussenriether Hof, ist ein großes schönes Gebäude, der Eigentümer ein gemeiner Winzer und bewohnt mit Frau und ein paar 8 - 9jähriger Kinder den untern Stock. Der Obere ist zu vermieten, enthält neun sehr hübsche Zimmer von angenehmer Größe, eine Küche und einen eignen Abtritt; der Gang, an dem die Zimmer liegen, ist breit und hell, die hinaufführende Treppe ebenfalls breit und schön, die Aussicht von einigen Zimmern auf den See und von den übrigen recht hübsch in die Weinberge und sonstige Umgebung, da das Haus in der Stadtmauer liegt, was auch noch den Vorteil hat, dass man von der Entree durch einen zweiten, freilich nicht schönen, aber doch brauchbaren Ausgang (durchs Kelterhaus) gleich ins Freie treten kann, ohne die Stadt zu berühren.
Der frühere Bewohner (Oberlehrer Flink) sagt mir, dass sich alle Gemächer sehr gut heizten, überall das Quartier sehr angenehm sei und er es nicht würde verlassen haben, wenn sich ihm nicht eine Wohnung im Seminar selbst geboten hätte; auch lobt er die Hausbewohner als Leute voll guten Willens. Soweit wäre alles gut, aber nun kömmt auch einiges Unbequeme: vorerst ist die Küche sehr dunkel, fast wie eine Art großen Alkovens, der kein Fenster ins Freie, sondern nur eins nach dem Gange hat. Diesem Übelstande will der Besitzer jedoch dadurch abhelfen, dass er dieses Fenster bedeutend vergrößern und an der andern Seite des Herdes eine zweite Tür mit Glasfenster machen lassen will, die in ein kleines Zimmer führt, dessen Fenster dem Glasfenster grade gegenüber ist; so, meint er und auch andre, würde die Küche zwar nicht sehr hell werden, aber doch hinlängliches Licht zum bequemen Gebrauch erhalten.
Ferner ist der Eingang durch den mit einem Tore geschlossenen Vorhof und den unteren Stock unangenehm, d. h. an sich sehr hübsch, aber unsauber und unordentlich gehalten: im Hofe liegen Holzstämme und ein mächtiger Misthaufen, und in der Vorhalle und Entree liegt und steht das Wirtschaftsgeräte der Hausbewohner, Kübel, Spaten et cet., umher. Herr Flink meint zwar, diese Leute, die gutmütig und sehr beflissen seien ihr großes Quartier zu vermieten, würden, sobald man es verlange, bereitwillig aufräumen, und nach ihrer besten Ansicht Ordnung und Reinlichkeit herstellen, von der ich aber freilich nicht weiß, ob sie Deiner Ansicht genügen würde, denn was solchen Leuten Sauberkeit scheint, kömmt uns oft ganz anders vor. Namentlich zweifle ich, dass der Düngerhaufen würde zu entfernen sein, da diese Leute doch notwendig durch das ganze Jahr Dünger für ihren Weinberg machen müssen, und ich selbst nicht einsehe, wohin anders sie ihn verlegen könnten.
Der Mietpreis für ein halbes Jahr würde (nachdem die Küche erhellt worden) 60 Gulden machen, nach unserm Gelde 34 Taler 30 Kreuzer. Herr Flink hat es viel billiger gehabt, weil er es für dauernde Zeit gemietet hatte. Könntest Du Dich entschließen, länger zu bleiben, etwa ein ganzes oder anderthalb Jahre, so würdest Du es auch billiger haben, doch scheint mir auch so der Preis nicht hoch.
Meine Hausgenossen sind gestern ausgeblieben, ob sie noch in Hülshoff stecken oder in Münster - vielleicht bei Ihnen - weiß Gott. Sie hatten beide Touren vor, wollten aber gestern abend damit fertig sein. Die Hanne macht hier bonne mine au mauvais jeu. Ich glaube, sie findet Rüschhaus schauderhaft einsam, und hat sich wohl unter einem Landleben so nahe bei Münster ganz was anderes gedacht, eine Art Gartenhausparade, wo man die ganze Stadt vorüber- und die halbe hineinziehen sieht. Zudem hat sie sich mich wie mit einem Lichterkranz gelehrter Freunde umsteckt gedacht, wo sie ihre Lampe nicht übel leuchten zu lassen hoffte, und so oft ich in Abbenburg eines Bekannten erwähnte, war gleich die Antwort da: “Mich soll wundern, wie ich mich zu dem passen werde!” Ich dachte: “Du lieber Gott!”, war aber zu faul ihr zu sagen, dass wir wie auf einer verwünschten Trauminsel wohnten, wo nur Sie zuweilen als Meteor über den See strichen. Nun sieht die arme Seele den ganzen Tag aus, als wäre sie zu fest geschnürt, und macht bei jedem Hundegebell rechtsum auf dem Stuhle in Erwartung der Abenteuer, die nicht kommen. Ich hoffe, jetzt in Münster kömmt ihr noch eins oder anderes Interessante zu Gesicht, sonst wird sie ihr Postgeld bitter bereuen.
Wie machen es doch manche, trotz aller Jahre und Täuschungen (die Hanne ist nicht arm an beiden) so frisch zu bleiben? So voll Streben, Unruhe, Freude an kleinen Erfolgen? Im Grunde sind sie doch zu beneiden, und wir tun Unrecht, an Älteren unangenehm zu finden, was uns doch an der Jugend rührt und freut. Geistesfrische sollten wir in jeder Gestalt ehren, und wollen sie doch durchaus nach den Jahren modifiziert haben. Die Jugend soll ihr Feuer nach außen sprühn, das Alter es nach innen wärmen und leuchten lassen; die Jugend streben, das Alter das Erstrebte grün und lebendig erhalten. Ob diese Forderungen gerecht sind? Manche haben im Alter noch so blutwenig gefunden (oder behalten können), dass die Gabe, mit immer neuer Freude und Sehnsucht zu suchen, nur eine Billigkeit des Schicksals ist, die wir ihnen gern gönnen, und sie eher darum bewundern sollten.
Ich höre Stimmen - die der Mama - jetzt die der Hanne, und fühle mich so rot werden, als hätte sie mir über die Schulter in den Brief gesehn. Ich muss hinüber, sonst kömmt sie hier, und ertappt mich gleichsam in flagranti.
5 Uhr: Die Hanne ist strahlend von guter Laune, entzückt von Ihnen, von Münster, von Hülshoff, und jedem einzelnen Kinde darin. Meine gute Mama glückselig darüber und läßt sich zum zehnten Male alles Liebe und Schöne wiederholen, was sie an ihren Enkelchen entdeckt hat, so kann ich einige Minuten stehlen, um dieses Blatt auszufüllen.
Ich war im Garten, mein Liebchen, um Ihnen eine andre weiße Rose zu schicken, und - denken Sie! - es ist keine mehr da, der Sturm in der vorigen Nacht hat die letzten entblättert! Es war mir so unangenehm, fast ängstlich, dass ich Ihnen beinahe die kahlen Stengel mit einigen grünen Blättern gepflückt hätte, aber das kam mir doch gar zu trübselig vor. Ich denke, in Meersburg finden wir immerblühende Rosen, und ich gebe Ihnen dann die frischesten vom Strauche, dem Sommer und Winter gleich ist, wie unsrer Liebe ja auch, nicht wahr, mein Herz?
Ich habe mir vorgenommen, diese Reise mit Ihnen recht aus dem Grunde zu genießen, nämlich als Reise mit Ihnen. Sonst ist mir der Weg fast überbekannt, sonderlich bis Koblenz, wo ich sonst bei meinen öfteren Besuchen am Rhein meiner armen Thielemann so oft entgegengefahren bin. Das ist auch eine düstre Stelle in meinem Leben. Ich muss Ihnen nochmal recht von der Thielemann erzählen. Ich habe sie sehr lieb gehabt, ihr hinsichtlich meiner Geistesbildung sehr viel zu verdanken, und doch denkt jedermann nur an ihre späteren, freilich jahrelangen gestörten Stimmungen und vergißt, was sie war, so lange sie ihrer mächtig blieb. In mir soll ihr wenigstens eine treue Erinnerung bewahrt bleiben.
Rüschhaus, 5. September 1843
Gleichgültig bin ich Ihnen vorgekommen? Lieb Lies! Das Herz hätte mir springen mögen, dass ich Sie wieder hatte in meinem eigenen Rüschhaus (in dem für uns so viele Geister umgehn,) und dass ich dabei denken musste, vielleicht noch einmal so; und nachher, was Gott will und ein rundes Jahr so gnädig ist uns übrig zu lassen; aber ich werde leicht schroff, wenn sich die Bewegung in mir zum Unerträglichen steigert. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mir ist! Ich genieße jedes Abendrot, jede Blume im Garten wie eine Sterbende. Die letzte Schweize Rreise hat mich zuviel gekostet! Wären Sie nur die drei Wochen noch hier! Wir wollten keine Minute verkommen, keinen Schmetterling unbemerkt fliegen lassen, und für ein ganzes Jahr vorausleben.
Es ist heute recht herbstlich, die Sonne bereits untergegangen, und hat nur ein paar schlechte gelbliche Streifen in den grauen Regenwolken hinterlassen. In meinem Zimmerchen dämmert’s, dass ich kaum die Feder mehr sehn kann, und die Eichen draußen rauschen so feucht und schaurig, dass einem grauen sollte, und doch dünkt mich, ich wüßte mir nichts Lieberes als hier - hier - nur hier! wenn’s auch nie anders war!
Ich muss aufhören, lieb Herz, es ist wirklich ganz finster, Mama und Hanne Hassenpflug können jeden Augenblick zurückkommen, und die Bückersche hat mir eben durchs Fensterchen hinauf gerufen, dass sie erst übermorgen geht, also besser, ich zünde kein Licht an, um Sie, mein armes Herz, noch weiter in meine wunderliche Stimmung zu verwickeln, sondern strecke mich auf mein Kanapee, und träume noch ein wenig im Dunkeln, bis es lebendig im Hause wird; es wird mir doch nicht lange mehr so wohl!
Rüschhaus, 4. September 1843





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