Kategorie: 1844



aus: 1844, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

… bekam gleich darauf einen triumphierenden, strahlenden Brief von Schücking, datiert vom 20. Am vorigen Abend um 7 Uhr hatte er einen jungen Sohn bekommen und ist außer sich vor Freude und Hoffart. Er findet das Kind jetzt schon wunderschön, schreibt, es gleiche Luisen, habe schwarze Löckchen mitgebracht, und sie hätte ihm gleich nach dem Bade einen Scheitel gemacht. Es sei groß, dick und fett, habe lange Hände, Füße und Ohren, werde somit in die baumlangen Galls schlagen, und er sei der einzige von allen seinen schriftstellernden Freunden, der einen Jungen habe, und noch dazu so einen Staatskerl! Was ihm gewiss schrecklich viel Neid zuziehn werde. Er verlangt auch, ich solle sogleich ein Gedicht an das Kind machen. Kurz, er steht beinah auf dem Kopfe vor Freude.

Rüschhaus, 26. Dezember 1844

aus: 1844, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Meine Alte ist sehr schwach, denkt aber täglich mit großer Liebe an Euch. Sie sagt:

Ik kann minen Brill nich abwisken, sunder an de Kinner to denken, watt hebt de mi dat alltit so demödig dohn.

Gottlob leidet sie nicht, nimmt aber sehr ab.

Rüschhaus, 26. Dezember 1844

aus: 1844, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Ich hoffe, Cotta hat keinen Schaden an mir; wenigstens sind einige Stimmen von Gewicht für mich aufgetreten, in der “Allgemeinen” Zedlitz (Du kennst von ihm die “Nächtliche Parade”), und jetzt schreibt mir Schücking, dass nächstens eine von Kühne (wohnt in Weimar) eingerückt werden würde. Dieser ist jetzt der berühmteste unter den Rezensenten und sehr streng, deshalb würde ich nichts besonders Gutes erwarten, aber Schücking kündigt es mir doch so vergnügt an! Man muss sehn, was es gibt!

In unserm “Merkur” bin ich nun gar über alle Berge herausgestrichen worden und dachte sicher, es hätte ein Freund getan; jetzt weiß ich aber, wer es ist, ein schlesischer Literat, Kynast, der sich seit einigen Wochen in Münster aufhält. So habe ich wenigstens, was mir zuteil wird, von keiner Seite persönlicher Vorliebe zu danken. In Berlin scheinen die Gedichte sehr gut fortzukommen; Onkel Fritz sagt, August habe geschrieben, sie machten dort Furore. Du weißt aber, wie August die Taschen immer voll Mandeln und Rosinen hat, und ihm wird auch jeder das Beste darüber sagen; doch scheint’s jedenfalls gut zu stehn, wenn man auch zwei Drittel subtrahiert.

Wie es hier steht, weiß ich nicht recht. Die Preußen sind allerdings auf meiner Seite, aber das sind arme Teufel, die sich ein Exemplar durch die ganze Stadt umleihen, und somit wenig profitabel für Cotta, und der Adel nimmt, wie ich glaube, noch immer blutwenig Notiz von mir und liest überhaupt niemals Gedichte.

Doch sind die in allen Buchhandlungen hier noch vorhanden gewesenen Exemplare bereits vergriffen, aber die Herren haben wahrscheinlich auch miserabel wenig kommen lassen, z.B. Deiters, wie ich weiß, nur acht Exemplare. Indessen wird wenigstens Coppenrath wohl einen größeren Vorrat gehabt haben, da dieser das Buch als bei ihm in Niederlage angekündigt hatte. Man muss abwarten, wie früh oder spät eine zweite Auflage nötig wird; dies ist der einzige Probierstein, der nicht täuschen kann.

Rüschhaus, 20. Dezember 1844

aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Mit der Rezension bin ich sehr zufrieden; mehr wie zufrieden; überrascht und geblendet, da ich sie, nach den vorläufigen Andeutungen meiner Mutter, für beinahe schlimm halten musste. Was kann ich mehr erwarten! Das Lob schwimmt ja durchaus oben, und der wenige saure Bodensatz ist ja so milde eingeschmuggelt, dass ich immer denken, Zedlitzens Bekanntschaft mit Schückings hat auch eben nicht geschadet.

Die Proben sind zwar allerdings weder glücklich gewählt noch glücklich ans Licht gebracht. In der ersten (”An die Schriftstellerinnen”) fehlt einmal (4te Strophe) eine ganze Zeile, und zuletzt wird die “Gattin” einer sehr wunderliche “Göttin”. Aber das ist ein Malheur und keine Schuld.

Über Freiligrath geht’s arg her, zwar nicht ärger als er verdient, aber dennoch dauert er mich. Ehrgeizig und dabei ohne Takt und innere Bildung, wie er einmal ist, haben sie ihn erst durch jede Art von Hohn und Herabsetzung halb toll gemacht, und nun er ihren Willen tut, schlagen sie erst recht auf ihn los. Wenn ich denke, wie ihm zumute sein mag - arm, mit einer kranken Frau, von den alten Freunden verlassen, von den neuen fast zurückgestoßen - es würde mich nicht wundern, wenn er aus Desperation sein altes Schlaraffenleben wieder anfing und endlich als Bettelbriefschreiber endigte. … Vom bloßen Dichten kann auf die Dauer niemand leben - zur Prosa gehören Vielseitigkeit, natürlicher Stil und Kenntnisse, drei Dinge die Fr[eiligrath] alle gleich sehr fehlen, und zu irgendeinem literarischen Amte, z.B. Redaktion et cet., soll er ja gänzlich unfähig sein.

Es steht eben kein Glücksstern über den Detmolder Poeten, und ich muss mit Betrübnis und einem Art Schaudern an Freiligraths Mahnruf an Grabbe denken, den er so recht im Glanze seines Glücks und seiner Protektormacht schrieb. Lieber Gott! wenn ihm damals jemand gesagt hätte: “Nach 4-5 Jahren prophezeit man dir ein ähnliches Ende, und du füchtest es vielleicht selbst insgeheim!”

Schückings Verteidigungsrede ist ungemein schwach, doppelt schwach durch den Mangel an Überzeugung und die Gene seiner Stellung als Redakteur eines durchaus andere Grundsätze zeichenden Blattes. Dennoch freut es mich, dass er sie geschrieben hat. Es war eine Art Opfer, das man ihm einerseits tadeln und andrerseits gewiss nicht danken wird, und seine Frau wenigstens ist viel zu klug, um dies nicht voraus gesehn zu haben. So kömmt mal wieder reine Gutmütigkeit und Hangen an einer alten Erinnerung zum Vorschein. Aber ist es Ihnen nicht aufgefallen, dass Sch[ücking] als “ein Jugendfreund” Freiligraths bezeichnet wird? Sie waren doch wahrlich keine Kinder mehr, als sie sich kennenlernten, und doch wird jene Zeit, die mir nahe wie gestern scheint, als eine “alte”, eine vergangene “Jugendepoche” bezeichnet. Lieber Gott! wie die Zeit rennt!

Rüschhaus, 12. Dezember 1844

aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Aber, lieb Herz, was schreiben Sie mir von der Möglichkeit einer Trennung! Glaubte ich es, so würde mir todangst; indessen haben Sie dies so oft, gottlob umsonst, gefürchtet, dass der Gedanke gar nicht bei mir haften will. Warum sollte R[üdiger] vom neuen Oberpräsidenten (den wir noch nicht mal erraten können) zurückgesetzt werden? Von einer Spannung zwischen R[üdiger] und Devigneau haben Sie mir freilich schon früher gesagt, aber übrigens ist die allgemeine Stimme so für R[üdiger]. Ich habe seiner, sowohl was Charakter als Kenntnisse und Fleiß anbelangt, nie anders als mit ausgezeichneter Achtung erwähnen hören (und ich bin oft in diese Gelegenheit gekommen), so dass ich meine, Devigneau kann es nicht wagen, einen so allgemein geschätzten und langverdienten Mann zu kränken.

Geschähe es indessen, so wären wir beide allerdings übel dran. Ich noch mehr wie Sie, denn in Ihrem Alter schließt man sich noch leichter an, und Sie kämen jedenfalls in Verhältnisse, die Ihnen neue Bekanntschaften aufnötigten, wo sich dann wohl auch Gutes fände. Aber ich wäre in der Tat recht sehr verlassen. Schlüters kommen so gar nicht mehr und haben soviel Neues angeknüpft, schreiben auch nicht mehr. Ich kann leider nur noch wenig von ihnen erwarten. So sind Sie, mein Lies, unter allen Selbstgewählten mir als das Liebste und Letzte geblieben, und ich müßte ohne Sie gleichsam von meinem eigenen Blute zehren!

Nein, Lies, so schlimm schickt es mir der liebe Gott nicht. Ich will und muss das Beste hoffen. Kommen Sie denn wirklich nicht mehr in diesem Jahre? Aber doch gewiss zu Anfang des nächsten? Ich habe Sie jetzt schon solange entbehrt und hätte oft viel um eine Stunde Beisammensein gegeben,

Ich habe Sie ungeheuer lieb, Lies, aber, kurios, je lieber Sie mir werden, je mehr schäme ich mich, es Ihnen zu sagen, wenigstens schriftlich. Gute Nacht, mein süßes Herz, gute Nacht!

Rüschhaus, 12. Dezember 1844