Kategorie: 1845



aus: 1845, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

… ich habe doch einen Brief vom 2ten Oktober zu beantworten, wo mir Schücking die “neue Wendung seines Schicksals” ankündigt, und sich so hin und her dreht, dass ich denken soll, er habe erst jetzt, auf Dumonts Antrag, Cottas Dienst verlassen, während dies doch ganz gewiss schon im Frühling der Fall, und sein ganzer Aufenthalt in Bonn bloß auf die Bewerbung um Püttmanns Stelle berechnet war. Ob gegenseitige Unzufriedenheit im Spiele war, weiß ich nicht, Schücking ist seiner Stellung aber offenbar völlig überdrüssig gewesen - er ist wieder so eilig und läßt Luisen seinen Brief beenden, und sie schreibt mit einiger Bitterkeit: “Der Abschied von Augsburg und unsern dortigen Freunden tut uns beiden schwer leid! einen so angenehmen Zirkel, eine so herzliche Aufnahme finden wir nicht wieder; Levin sieht das jetzt erst recht ein, ich habe es immer gefühlt, und mit dankbarem Herzen anerkannt.” Dann schreibt sie von ihrer schönen großen Wohnung in Köln, die aber allerdings auch, wie alles dort, sehr teuer sey. Junkmannen findet sie höchst liebenswürdig und originell, auch sehr heiter, nach Levins Versicherung viel heiterer als in Münster; und die Lombard, mit der sie verschiedene Landpartien gemacht, höchst gebildet und artig.

Wegen Paulinens solle ich mich nicht ängstigen (schreibt wieder Schücking). Sie sei reichlich mit Gelde versehn, obwohl sie alle Welt in Briefen anbettele, er habe auch noch vierzehn Taler für sie in Köln bezahlt, obgleich er wisse, dass sie mindestens 60 Reichstaler in der Sparkasse stehn habe et cet. Ich fürchte, er steckt selbst in Schulden; denn er spart nirgends. Zuerst die Reisen! dann sein glänzendes Auftreten in Bonn, wo, wie ich höre, ihn jedermann für steinreich hält! und nun wieder der neue Anlauf zum großen Leben in dem großen teuren Quartier, wie soll das von 1000 Reichstalern kommen? d.h., wenn nicht der Frau Vermögen allmählig drein geht.

Die 1000 Reichstaler selbst sind mir noch ein bischen problematisch. Mir schreibt er auch “1000″, seiner Tante Padberg aber nur “600″ - hat er bei mir, aus Prahlerei oder um meinen Vorwürfen zu entgehn, übertrieben? oder bei der Padberg sich zu klein gemacht, um nicht seine münsterschen Schulden bezahlen und für Paulinen sorgen zu dürfen? oder hat er bei mir alles zusammen gerechnet, Feuilleton, Rheinisches Jahrbuch und vielleicht noch den mutmaßlichen Ertrag seiner Aufsätze? Möglich sind die 1000 Reichstaler übrigens allerdings, da, wie mir Annchen Junkmann sagt, ein Freund ihres Bruders, Brüggemann, der jetzt die Redaktion der Kölner Zeitung übernimmt, dafür “2000″ von Dumont erhalten wird.

Könnte Schücking nun nur seine Veränderlichkeit bezwingen und sich etwas nach der Decke strecken, so wäre er geborgen, aber ich fürchte, Köln wird ihm noch eher alt wie Augsburg, und mit dem Hin-und Herlaufen und Leben en grand seigneur geht es endlich doch auf seines Papas Schicksal los. Mama fürchtet dies auch …

Rüschhaus, 14. November 1845

aus: 1845, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Lieb Lies, ich plage mich wie ein armer Hund mit meinen schlechten Stahlfedern und habe schon ein ganzes Kästchen durchprobiert, aber alle wollen entweder die Dinte nicht lassen, oder haben immer von Neuem Haare im Schnabel, als wenn ihnen ein Bart nachwüchse. Glückselig, wer mit Gänsekielen schreiben kann! ich kann’s nicht, denn ich verstehe sie nicht zu schneiden, und Mama ebensowenig.

Rüschhaus, 14. November 1845

aus: 1845, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

In meinem Weinberge hat es heuer wenige und essigsaure Trauben gegeben. Alles verregnet! Doch elf Ohm Wein gemacht, gleich von der Kelter den Ohm zu 17 Gulden verkauft und somit, nach Abzug aller Kosten des Jahres, doch noch gegen sechzig Taler reinen Überschuß. Immerhin noch ein schöner Zins von 400 RT.! Und zwar in einem völligen Mißjahr. Ein gutes oder nur leidliches habe ich noch nicht gehabt. Das vorige war bekanntlich auch sehr schlecht, aber doch besser und hat mir 95 RT. reinen Ertrag gebracht. Wenn das am dürren Holze geschieht, so sind mir wirklich einige sanguinische Hoffnungen auf das grüne wohl zu verzeihen.

Zwar habe ich eigentlich nichts davon, da ich, etwas voreilig generös, mich sogleich aller Vorteile begeben, zum Besten der Zwillingsmädchen, denen das kleine Besitztum dereinst zufallen soll. So sind Verwaltung und Ertrag gänzlich in Jennys Händen, die letzteren zur Verbesserung und Vergrößerung des Grundstücks verwendet, eine zwar nur mündliche, aber doch selbstgemachte Anordnung, von der es mir, außer im höchsten Notfalle, doch etwas sehr schimpferlich wäre, abzugehn.

Den einzigen Vorteil für mich könnte mir vielleicht dereinst das Häuschen bringen, wenn eine traurige, aber doch endlich unausbleibliche Veränderung meiner Lage mich nötigen sollte, Rüschhaus zu verlassen, wo ich dann jedenfalls zu alt und krücklich sein würde, um mich zwichen dem jungen Schwärm in Hülshoff heimisch zu fühlen.

Rüschhaus, 13. November 1845

aus: 1845, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Annette von Droste-Hülshoff, Daguerreotypie Daß ich etwas krank und furchtbar apprehensiv gewesen bin, werden Sie schon durch Nanny und Luischen wissen; doch das ist jetzt vorüber, und ich will das gute Papier nicht mit all den Übeln, die ich hätte haben können und gottlob nicht gehabt habe, verderben, sondern Ihnen lieber danken, so gut ich kann, aber lange nicht so gut ich möchte, für die Treue, mit der mein altes liebes Lies mir seine Brieftäubchen zuflattern läßt. Altes Ding! Wie sie so brav ist, und wie lieb ich sie habe! Ich will mir auch gar keine neuen Freundinnen wieder anschaffen, außer Nanny und Luischen, mit denen ich von Ihnen phantasieren kann. Das tun wir denn auch dermaßen, dass ich zuweilen meine, die Pferde gingen mit uns durch.

An Elise in der Ferne
Mit meinem Daguerrotyp

Zum ersten Mal im fremden Land
Sucht dich mein Geist an diesem Tag
Muß ängstlich spähen, scheu und zag
Eh er die liebe Schwelle fand.

Das stille Zimmer kenn ich nicht
In dem zu dir mein Schatten tritt
Mit leisem luftgem Geisterschritt
Und dämmernd wie ein Elfenlicht,

Du schaust ihn an, er schaut seitab
Als such in ungeborner Zeit
Für seiner Treue Seligkeit
Er sich den frommen Zauberstab

Der aus dem Keim die Blüte ringt
Erweckt den Nachtigallenschlag
Und auch den lieben warmen Tag
Der ihm sein Liebstes widerbringt.

Luischen war zweimal hier, und das letzte Mal Nanny mit ihr; es ging prächtig. Mama war rayonnante vor Vergnügen und hat mir diese beiden Damen dringend zum Umgang empfohlen, ist das nicht himmlisch? Nanny gestand mir, dass sie Manschetten vor mir gehabt, aber sie jetzt völlig abgelegt habe. Wir waren seelenvergnügt, ein Kleeblättchen wie an einem Stiele gewachsen. Notenblätter, die Elisentrios zum Besten gaben, dass Ihnen in Minden die Ohren müssen davon geklungen haben. Vor uns mein brauner Tisch, blank von Daguerreotyps; drei von Ihnen, eins von Nanny und zwei von mir (eins en profil, das andre en face). Beide Freundinnen stimmten für das erste, und so schicke ich es Ihnen denn, damit ich an unserem Namensfeste doch auch bei Ihnen bin wie Sie bei mir.

Ach Lies, wie wunderlich kömmt es mich doch an, dass ich mein kleines Geschenk nach Minden adressieren muss! wo ich nichts kenne, weder Zimmer, noch Aussicht, noch irgendeine von den Menschenseelen, die Ihnen heute mit mir Glück wünschen! Nanny und Luise brachen beinahe in Tränen aus, als sie Ihre Bilder durch die Lupe ansahen: “Ach Gott, nun ist sie es erst recht! Das sind gerade ihre Augen! und der Mund!”´- Das ist ganz ihr Gesichtchen!” Die lieben Kinder waren nachher eine Weile so rot und still, und mir selbst wurde so sehnsüchtig, dass wir fast ein Trio geweint hätten, aber es war noch ein bißchen falscher Scham zwischen uns, und keine wollte dem Anstand so ins Auge schlagen.

Rüschhaus, 11. November 1845

aus: 1845, Briefe an Pauline von Droste, Rüschhaus

Ich werde diesen Winter sehr einsam verleben. In meinem Alter nimmt die Lust, neue Bekanntschaften zu machen (und Du weißt, diese war bei mir nie groß), gewaltig ab, und mein früherer Zirkel ist gänzlich aufgelöst, auseinander gestäubt wie ein Haufen Flaumfedern. Die gute Rüdiger war mir noch zuletzt geblieben, ist aber seit vierzehn Tagen auch fort, nach Minden, wohin ihr Mann mit gleichem Range, aber einer Gehaltsverbesserung versetzt ist. Die Einsamkeit wird mich nun zwar eben nicht genieren (Du weißt, sie ist eigentlich meine Liebhaberei), aber doch vermisse ich einige der alten Bekannten sehr ungern, namentlich eben die Rüdiger, eine Frau, auf die ich mich in jeder Beziehung verlassen, und immer ihrer wärmsten Teilnahme gewiss sein konnte. Doch Du kennst sie ja, und sie hat Dir, wenn mir recht ist, auch wohl gefallen.

Von Adelen weiß ich nur, dass sie noch fortwährend in Rom bei der Mertens und ihre Gesundheit jetzt leidlich sein soll. Mit ihrem Privatvermögen mag es schlimm genug aussehn, doch muss sie durch ihre Pension vom Weimarischen Hofe (300 Reichstaler) immer vor eigentlicher Not gesichert bleiben, freilich ein schmales Einkommen! aber ein einzelnes Frauenzimmer, der schon ihr Alter Zurückgezogenheit als das Passendste vorschreibt, kann sich doch damit einrichten, dass kein eigentlicher Mangel fühlbar wird.

Rüschhaus, 27. Oktober 1845