Kategorie: 1845
Mein liebstes Gundelchen,
obwohl ich jetzt sehr wenig Zeit habe, muss ich Dir doch sagen, wie mich Deine lieben Briefchen gefreut haben. Du bist mein gutes, altes Gundelweible, was seine Tannette nicht vergißt, wenn sie auch eine Zeitlang von Meersburg fort ist. Aber Hildel vergißt mich auch nicht, das weiß ich wohl. Ich wollte, Ihr wärt jetzt beide bei mir in Abbenburg, da könntet Ihr recht Eure Freude haben an den vielen, vielen jungen Entchen, die hier auf dem Teiche herumschwimmen und so zahm sind, dass sie uns aus der Hand fressen, und an den ungeheuer vielen kleinen Schweinchen, die jetzt noch ganz niedlich sind und gar nicht schmutzig. Einige davon sind schneeweiß mit schwarzen Flecken, was ganz allerliebst aussieht; aber anrühren darf man sie nicht, das leiden die alten Schweine nicht. Aber es sieht sehr niedlich aus, wenn sie so springen und zusammen spielen, ebenso lustig wie junge Kätzchen.
Auch junge Hühner gibt es hier wohl hundert, und diese sind recht zahm, dass man sie in die Hand nehmen kann, sooft man will. Eine Sorte darunter heißt Stumpfhühner, weil sie niemals einen Schwanz bekommen und deshalb hinten ganz stumpf sind, was nicht besonders schön aussieht. Aus diesen mache ich mir auch am wenigsten, aber solange sie klein sind, gefallen sie mir doch nicht so ganz schlecht und würden auch Dir nicht so ganz schlecht gefallen; man braucht sich aber nicht damit abzugeben, weil man genug andre schöne Tierchen hier hat.
Dennoch wäre ich viel lieber bei Euch in Meersburg als hier, weil ich weder die Mutter hier habe, noch den Vater, noch meine lieben Gundelchen und Hildelchen. … aber ich komme auch wieder hin, und zwar ganz sicher, sobald im Frühlinge der Schnee fortgegangen ist und in Eurem Gärtchen auf dem Hofe die Schneeglöckchen blühn. Kommt Ihr uns dann auch entgegen bis Deißendorf?
Abbenburg, Juli/August 1845
Im Frühling gehn wir wieder nach Meersburg; ich freue mich recht darauf, dort bin ich immer viel gesünder und kann auch viel mehr und leichter arbeiten; Ruhe, poetische Umgebung und besseres Befinden wirken dann zusammen. Auch in Ihrer Nähe bin ich dann, höre oft von Ihnen und kann es vielleicht möglich machen, Sie zu besuchen und mein lieb Patenjüngelchen zu sehn – lauter Dinge, wonach ich mich herzlich sehne, aber in diesem Augenblicke lange nicht Kraft und Mut genug habe, es recht lebendig zu hoffen. Sie glauben nicht, wie konfus mich diese Lebensweise macht; ich bin so schwindlig wie eine Eule – nicht metaphorisch, sondern wirklich, körperlich; es klingelt mir seit lange fortwährend in den Ohren, und ich sehe alles doppelt. Wie würde es mich interessieren, die mir von Ihnen bezeichneten Aufsätze zu lesen; aber, lieb Kind, hierhin kommen keine Journale und auch keine Zeitungen außer der Kölner und dem Merkur; ich muss schon noch vier Wochen warten und dann in Münster jemanden aufzutreiben suchen, der mir ab und an etwas zukommen läßt.
Aber, lieber Levin, soll ich fortan alle Briefe an Sie nach Köln schicken? Sie schreiben mir: “Bis zum 20sten ist meine Adresse Ostende et cet, Ihre späteren Briefe bitte ich nach Köln, Adresse et cet zu schicken.” Dazu Ihre lange Abwesenheit von Augsburg – der Plan, den Winter in Paris zuzubringen: Sind Sie vielleicht aus der Verbindung mit Cotta getreten? Bitte, antworten Sie mir doch hierauf; Sie können denken, wie es mich interessiert.
Nun habe ich noch einen Auftrag von meinem Onkel August, d. h. einen Auftrag für mich, für Sie nur eine Anfrage. Er hat mir die Hauptpunkte notiert, und ich lege den Zeddel bei, da er mir hinlänglich ausführlich scheint, um Ihnen, mit einigen Erläuterungen von mir, klar zu machen, was er zu wissen wünscht. Er hat nämlich erstens ein bereits sehr vorgeschrittenes Werk über russische Zustände unter der Feder, das Ergebnis seiner auf Kosten der Regierung gemachten Reisen in Rußland; er will es auf eigene Kosten herausgeben, in deutscher und französischer Sprache, und wünscht nun den Betrag dieser Kosten und dann ferner zu wissen, ob vielleicht Cotta oder sonst eine Ihnen bekannte bedeutende Buchhandlung geneigt sein dürfte, beide Auflagen in Kommission zu nehmen, und wie die Verhältnisse des Herausgebers zu dem Kommissionär (Prozente und sonstige Verbindlichkeiten) zu sein pflegen, oder noch besser – wenn Sie sich entschließen könnten, direkt anzufragen – grade in diesem Falle sein würden. Das Buch beschäftigt sich mit den verschiedensten Interessen, bald politisch, bald wissenschaftlich, mitunter hochpoetisch, wenn es auf die Sitten, Gebräuche, Volksglauben, Volkspoesie kömmt. Ich habe hier und dort darin gelesen; es ist gut geschrieben, nicht sehr fließend, aber lebendig und mit vielem Geist. Die Illustrationen sind unbedeutend, meistens Häuser, Geräte et cet. der verschiedenen Stämme, vielleicht ein paar Trachten, alles in sehr kleinem Format, um so an der Seite oder zwischen den Zeilen angebracht zu werden.
Dann hat August zweitens einen einzelnen Aufsatz ähnlichen Inhalts: “Über die freien Kosaken-Gemeinden” – möglicherweise nur als Probe aus dem größeren Werke entlehnt, was ich nicht weiß und ihn jetzt nicht fragen kann –, den er irgendwo einzurücken und zu diesem Behufe die Honorare der verschiedenen bei Cotta erscheinenden Zeitschriften zu erfahren wünscht. Diesen Aufsatz habe ich ganz gelesen und daraus alles anwendbar gefunden, was ich über das größere Werk – so weit ich es kenne – gesagt.
Mit dem Beiblatt zur Allgemeinen ist’s nichts; der Aufsatz läßt sich nicht in kleine Absätze teilen, er muss in einem Stück durchgelesen werden. Desto passender scheint er mir aber für irgend eine politisch-wissenschaftlich-belletristische Vierteljahrsschrift oder Jahrbuch, nur nicht für das Rheinische, dessen Tendenz zu ausschließlich belletristisch ist. Bitte, helfen Sie ihm doch mit einiger Auskunft aus, damit er weiß, wo er sich am Passendsten hinwenden kann; Sie können mir die Antworten schreiben, oder wenn lieber ihm selbst, so ist seine Adresse in den nächsten Monaten “Bökendorf bei Brakel” (liegt sieben Stunden von Paderborn).
Nun Adieu, liebster Levin, ärgern Sie sich nicht über meinen Papiergeiz; ich habe so gar kleine Kuverts und kann selbst keine andern machen. Tausend Liebes an Luisen; zuerst von mir, und dann von Mama. Sie wollen mich rezensieren? Ach, Sie sind gar gut, aber ich bin auch
Ihr treues Mütterchen
Abbenburg, 25. August 1845
Machen Sie damit, was Sie wollen, d. h. drucken Sie es oder nicht; ich mache gar keine Prätensionen mit diesen Gedichten, die in einem Wirrwarr gemacht sind, wie ich desgleichen nie erlebt und nie wieder zu erleben hoffe. Seit zwei Monaten, wo der Onkel so weit hergestellt ist, dass er täglich einige Stunden Besuch ertragen kann, ist’s hier zum Schwindligwerden. Alle Tage 3–4 Besuche und jeder 3–4 Mann stark: neun verwandte Familien, vier benachbarte, nebst diversen Pastoren, die sich alle einbilden, jede Woche wenigstens einmal nachsehn zu müssen, wie die Besserung fortschreitet. Der Onkel hat’s bequem: sobald ihm der Lärm zu arg wird, zieht er sich als Rekonvaleszent in seine Privatzimmer zurück, wohin niemand folgen darf; aber Mama und ich führen ein wahres Schenkwirtsleben – wir liegen oft noch im Bette, wenn schon ein Wagen anrollen kömmt, und alle bleiben bis zum späten Abend. Denken Sie, Mama’n bekömmt dies Leben à merveille; sie ist so kregel wie ein Bienchen geworden, und wenn ich an Rüschhaus denke, wo ihr eigentlich jeder Besuch zu viel war, so steht mir der Verstand still.
Ich hingegen kann’s gar nicht aushalten; ich bin den ganzen Sommer leidend gewesen und muss mich täglich über Nacht aufrappeln. Wenn ich mich darin zugäbe, könnte ich jeden Abend bitterlich weinen. Gegen den 20sten nächsten Monats denkt Mama indessen abzureisen, NB. wenn sie es durchsetzt; der Onkel weiß noch nichts davon, und ich sehe bedeutenden Widerspruch voraus. Schreiben Sie mir also später nicht mehr hierhin, sondern wieder nach unserm guten Rüschhaus, was mir jetzt wie ein Paradies vorkömmt; ein Brief nach unserer Abreise ankommend wäre so gut wie sicher verloren, denn der Onkel ist über die Maßen vergeßlich, und es gibt Eckchen oben auf seinem Schreibtisch, wo er alles hinsteckt, und woraus keine Erlösung zu hoffen ist.
Ich habe die Gedichte abends im Bette machen müssen, wenn ich todmüde war; es ist deshalb auch nicht viel Warmes daran, und ich schicke sie eigentlich nur, um zu zeigen, dass ich für Sie, liebster Levin, gern tue, was ich irgend kann. Zum Durchfeilen ist mir nun vollends weder Zeit noch Geistesklarheit geblieben, doch sind mir, wie Sie sehen, unter dem Schreiben allerlei Varianten eingefallen, unter denen Sie – falls Sie die Gedichte aufnehmen, was ich aber, aufrichtig gesagt, nicht erwarte – wählen mögen.
Am liebsten wäre es mir, wenn in diesem Falle meine liebe Luise die Auswahl träfe. Sie, lieber Levin, sind gar zu sehr mit Arbeiten überhäuft, um lange kreuz und quer zu überlegen, wie sämtliche Abänderungen sich zu einander verhalten müssen, damit sich nicht dasselbe Bild wiederholt oder dasselbe Wort zu schnell wiederkehrt. Und meine Arbeit ist doch schwach genug auch ohne solche Verstöße.
In die späteren Jahrgänge will ich, wenn Sie es wünschen, größere Aufsätze liefern, prosaische, weil Ihnen das am liebsten ist – ich denke, westfälische Sittenschilderungen, entweder in Erzählungen oder Genrebildern. Wenn ich diesen Winter nicht zu krank werde, werde ich tüchtig in Rüschhaus arbeiten können; denn ich habe jetzt niemanden mehr, der mich besucht, da Rüdigers, die nach Minden versetzt sind, schon vor meiner Ankunft fort sein werden, und Schlüter gar nicht mehr über Land geht. Ich hoffe, letzterer hat Ihnen Beiträge geschickt; ich habe es ihm früh genug geschrieben und weiß auch schon, dass er sehr erfreut und bereitwillig gewesen ist.
Abbenburg, 25. August 1845
Von Schücking habe ich vor etwa acht Wochen einen Brief, wie immer sehr freundlich, aber ungeheuer flüchtig - keine Nachfrage nach irgend jemanden, keine meiner Fragen (die meistens meine schriftstellerischen Interessen betrafen) beantwortet, überhaupt gar keine Teilnahme an meiner Laufbahn mehr, nur einmal flüchtig hingeworfen: “Ihre Pyrenäengedichte sind schön - was machen Sie? sind fleißig?”, um dann gleich weitläufig auf seine eignen Ruhmes- und Erwerbplane zu kommen.
Dreierlei soll in diesem Jahre heraus, ein Roman und zwei Sammlungen seiner zerstreuten Gedichte und Novellen; auch dreierlei Plaisiers hatten sie vor: erstlich eine Rheinreise (muss schon vorüber sein, der Brief war vom 16ten Juni), dann einen Monat Badekur in Ostende (auch wohl schon vorüber) und endlich den nächsten Winter in Paris. (Wie verträgt sich das mit dem Geldbeutel, und vollends mit seinem Amte?) Das Kind ist ein Wunder der Natur; von Paulinen weiß er nichts, und scheint sehr unbekümmert darum. Nach einer Person erkundigt er sich dann doch, nach Adelen, deren Roman “Anna” seine Luise gelesen und sehr schön gefunden. Voila tout!
Abbenburg, 2. August 1845
Von Adelen hoffe ich jetzt Nachricht zu bekommen, eine Dame aus Weimar will mir ihre Adresse in Rom verschaffen, wohin sie schon vorm Jahre der Mertens nachgezogen ist. Wie es mit ihrem Mangel an Vermögen beschaffen ist, weiß ich jetzt auch. Ihr eigentliches Vermögen ist allerdings fast hin, größtenteils schon von der Mutter aufgezehrt und nachher durch die kostspieligen Reisen nach Karlsbad (zweimal in jedem Jahr) noch vollends herunter gebracht. Der Weimarsche Hof gab jedoch der Mutter eine Pension von 400 [Talern] und hat ihr dieselbe gelassen, jedoch beiden mit der Bedingung, sie im Lande zu verzehren; somit muss Adele, solange sie in Italien (wohin die Ärzte sie gewiss geschickt haben) bleibt, darauf verzichten und hängt dort zumeist von der Gnade der Mertens ab. Nun kömmt aber der schlimmste Punkt: Die Mertens soll in Gefahr stehn, fast ihr ganzes Vermögen zu verlieren. Jenseits des Rheins gelten noch die französischen Gesetze. Die Mertens hatte Gütergemeinschaft mit ihrem Manne, meinte aber dennoch, da fast alles von ihr herrührt (Mertens hat nur sechstausend Taler ins Geschäft gebracht), leicht die lebenslängliche Nutznießung des Ganzen zu erhalten, wenn sie im Falle des Widerspruchs den Kindern mit Enterbung drohte. Hierauf sind aber weder die Schwiegersöhne noch die Vormundschaft der Minorennen eingegangen, sie haben prozessiert, die Sache liegt zum Spruche, und es wird als bestimmt angenommen, dass die Mutter nur ein Kindsteil, also nur den siebenten Teil von dem, worauf sie gerechnet, erhalten wird. Das ist für sie nicht viel besser als der Bettelstab! Und wenn ich bedenke, dass sie in Rom “Aufsehn durch ihre Ankäufe” gemacht hat und dieses ihr natürlich nun alles abgerechnet wird, so wird’s mir schwarz vor den Augen. An Vergleiche und halbe Gnaden von ihren Kindern, nachdem sie mit ihnen im Prozesse gelegen, ist nicht zu denken, das leidet ihr Stolz nicht.
Und was soll dann aus Adele werden? Wenn, wie meine Weimaranerin meint, man dort vorhat, ihre Pension gänzlich einzuziehn, unter dem Vorwande ihres Außerlandgehens, im Grunde aber, weil diese Verleihung vom Anfange her große Unzufriedenheit erregt, da der Hof nur eine gewisse Anzahl Pensionen gibt und andre, für die Verdienste um das Land und entscheidende Dürftigkeit sprechen, sich dadurch beeinträchtigt glaubten, so wolle man diese Gelegenheit ergreifen, um den Fehler wieder gutzumachen. Lieber Gott, was soll dann aus Adelen werden! Unterricht geben? Schriftstellern? Und dabei so kränklich! Man hört doch nichts wie Trauriges!
Über Ihre Rezension machen Sie sich übrigens keine Skrupel - die “Kölner Zeitung” kömmt gewiss nicht nach Rom, die Mertens hielt sie sogar in Bonn nicht, weil sie von Köln zu viele fatale Erinnerungen hat, namentlich in den Karnevalsblättern zu oft mitgenommen ist, und extra schreiben wird’s der Adele ja niemand, während man ihr gewiss die guten Rezensionen schickt, und sie sich also nur in der Strahlenkrone kennt - das geht ja immer so!
Auch von der Freiligrath sprach meine Weimaranerin, wie bildschön und anmutig sie in ihrer Blüte gewesen, und wie aufgebracht ihre Freunde, dass Freiligrath jetzt jeden soliden Erwerbszweig von sich weise, und Ida’n, samt ihrem nächstens ankommenden Kinde, den Bettelstab vorbereite.
Dann hat sie mich erschreckt durch eine Geschichte von Adelens Freundin, der Frau von Goethe (die ich Sie aber niemand mitzuteilen bitte), ein schreckliches Beispiel, wie weit Eitelkeit und eine liebesieche Natur eine Frau herunterbringen können. Ihre früheren Verhältnisse kennen Sie, wie sie, unglücklich in der Ehe, persönlich anziehend und, als Goethens Schwiegertochter mit einem strahlenden Nimbus umgeben, beständig einen Kreis von Bewunderern um sich erhielt, unter denen sie leider immer irgend einen Liebling hatte, dem sie ein - mehr oder weniger - sentimentales Verhältnis vergönnte, und schon damals sehr an ihrem Rufe litt. Wie sie nach Goethens Tode sich gar nicht darin finden konnte, dies alles zerfließen zu sehn und mit einem Male alt und von der Männerwelt unbeachtet zu sein - wie sie vergeblich hakte und angelte - vor übler Laune verging - wie sich endlich ein (nach Adelens Beschreibung) hübscher, aber höchst roher Engländer-Student ihrer auf eine schreckliche Weise erbarmte und, nachdem er sie in Schande gebracht, sie mit allen Zeichen der Verachtung verließ und geschwind eine Frau nahm - wie es ihr nicht gelang, ihren Fehltritt zu verbergen (obwohl das Kind starb) - wie die Geschichte sogar in einer Zeitung stand, ihr hierauf in Weimar der Hof verboten wurde und sich jedermann von ihr zurückzog, bis auf einige sehr treue Freunde (hierunter Adele), die sich alle Mühe gaben, sie jetzt wenigstens auf einen würdigen Weg zu bringen, aber alle Geduld verloren, wenn sie sahen, dass sie über jeden Mann, der ihre Minauderien nicht beachtete, mehr weinte als über zehn Beweise öffentlicher Mißachtung.
Nun hören Sie die Fortsetzung: In Adelens letzten Brief (ehe wir nach Meersburg gingen) stand: Ottilie sei nach (ich meine Paris) gereist, ohne ihre Tochter (Alma) mitzunehmen. Keine weitere Bemerkung, aber auch sonst kein Wort über Ottilien. Jetzt weiß ich aber, dass sie dahin einem Juden gefolgt ist mit Namen Selig, einem höchst widrigen, innerlich gemeinen Kerl, Spieler, Verschwender, der in einem Abend Tausende durchbringt, sie so in einem Jahre bis aufs Hemd ausgezogen und dann beredet hat, Alma kommen zu lassen. Alma hat nicht hin wollen, hat gesagt, es sei ihr, als wenn sie in den Tod ging; acht Tage in Paris angekommen, war sie wirklich tot, die Mutter Erbin ihrer sechzigtausend Taler, und in Weimar zweifelt niemand, dass sie zu diesem Zwecke vergiftet worden ist. Das Publikum hält die Goethe dieser Tat fähig und würde sie (wie jene Dame sagt) mit Kot und Steinen werfen, wenn sie’s wagen sollte, zurückzukommen. Die Dame selbst hat hingegen nur den Juden in Verdacht, aber im allerstärksten.
Die Söhne sollen noch immer (die Sache ist schon vorm Jahre passiert) außer sich sein, Wolf fast wahnsinnig geworden; Ottiliens neues Vermögen schon zum Teil hin. Wenn alles auf sei, werde der Jude sich aus dem Staube machen oder sie mit einem Fußtritt vor die Tür werfen, und wenn sie dann zerlumpt nach Weimar komme, ihre Kinder nicht wissen, wohin sie ihre mütterliche Schande verbergen sollten. Welche Horreurs!
Aber, um Adelens willen, sprechen Sie doch nicht davon. In Weimar mag es leider jedes Kind auf der Gasse wissen, aber hier weiß es doch niemand.
Seltsamerweise fand ich selben Tags, wo ich dies erfuhr, ein altes Journal von Anno 27, wo die Engelhaftigkeit jedes einzelnen Mitgliedes des Goetheschen Hauses (sogar seiner Frau) und ihr herrliches Verhältnis untereinander beschrieben wurde. Der Verfasser hatte sich “ganz erfrischt und neugeboren” dadurch gefühlt. O Fata Morgana des Poetennimbus !
Abbenburg, 30. Juli 1845





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